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Auf den Barrikaden: Die Pariser Kommune 1871

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Pariser Kommune »Pflicht zu sterben oder zu siegen«

Nachdem Frankreich 1871 den Krieg gegen Preußen verloren hatte, herrschte in Paris eine Räterepublik. Das frühe sozialistische Experiment währte nur 72 Tage – dann nahm das bürgerliche Frankreich gnadenlos Rache.

Im Frühjahr 1871 waren die Bewohner von Paris entsetzt und verwirrt. Gerade hatte Frankreich den Krieg gegen die Deutschen verloren, die am 18. Januar im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles ihr Kaiserreich ausgerufen  hatten – um den Gegner zu demütigen. Das Kaiserreich von Napoleon III., operettenhaftes Regime eines Populisten, war zusammengebrochen, nachdem der Kaiser, ein Neffe von Napoleon Bonaparte , im September 1870 in deutsche Gefangenschaft geraten war.

In Paris wurde daraufhin die Dritte Republik ausgerufen und schloss am 28. Januar 1871 einen Waffenstillstand mit den Deutschen. Doch der Rückhalt im einfachen Volk fehlte, am Stadtrand von Paris standen deutsche Truppen, in der Nationalgarde gärte es. In neuen Bataillonen aus Arbeitern sammelte sich sozialer Sprengstoff. Radikaldemokratische und sozialistische Gruppen hatten seit Jahren starken Zulauf in der Pariser Arbeiterschaft wie auch bei Kleinbürgern und Intellektuellen.

So entstand die Basis für eine Revolution: Die Pariser Kommune währte nur 72 Tage, dann wurde das sozialistische Experiment vom bürgerlichen Frankreich brutal zerschlagen. Die Ideen der Kommune aber lebten Jahrzehnte später neu auf – in der russischen Revolution.

Generäle wurden gelyncht

Anfang März 1871 kam es zu Unruhen, Plünderungen und Angriffen auf Polizeiposten. Viele Mitglieder der Nationalgarde aus bürgerlichen Familien verließen die französische Hauptstadt. Die Regierung der Republik unter dem liberal-konservativen Politiker Adolphe Thiers, im Februar zum »Chef der Exekutive« gewählt, zog in das von deutschen Truppen geräumte Versailles.

Thiers' Versuch, wieder Herr der Lage zu werden, misslang am Morgen des 18. März. Da versuchten Armeeinheiten im Regierungsauftrag, der Nationalgarde 400 entwendete Kanonen zu entreißen – vergebens. In den Wirren lynchten Aufständische zwei Generäle der Regierungstruppen. Die Nationalgarde hatte die Beute-Artillerie in Arbeitervierteln stationiert.

Von diesem Moment an standen sich zwei Frankreichs bewaffnet gegenüber: die bürgerliche Republik der Thiers-Regierung und das revolutionäre Paris, das sich um die Nationalgarde scharte. Zunächst zog ein Zentralkomitee der Nationalgarde ins Stadthaus ein und verkündete per Proklamation »An das Volk«, eine neue »Republik« werde »die Ära der Eroberungs- und Bürgerkriege für immer beenden«.

Das Zentralkomitee setzte eine Wahl an, die am 26. März die Spaltung der Gesellschaft zeigte. Rund 45 Prozent der 492.000 Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. In den Gemeinderat von Paris zogen 15 Abgeordnete der bürgerlichen »Ordnungspartei« ein, nahmen aber ihre Mandate nicht an, ebenso wie sechs weitere Gewählte.

Von den Abgeordneten gehörten 13 zum relativ gemäßigten Zentralkomitee der Nationalgarde, 17 waren Sozialisten und Kommunisten, weitere 31 Deputierte ultralinke »Blanquisten«. Der 66-jährige Berufsrevolutionär Louis-Auguste Blanqui hatte jahrzehntelang immer wieder sozialistische Geheimbünde organisiert. Weil er gerade erneut in Haft saß, wurde Blanqui in Abwesenheit gewählt.

»Ein Menschenmeer unter Waffen«

So formierte sich am 28. März 1871 der Rat der Pariser Kommune als revolutionäres Machtorgan: Die Mehrheit bildeten die Blanquisten gemeinsam mit den Jakobinern, die in der Tradition der französischen Revolution von 1789 standen , und den sogenannten Radikalen. Neben Arbeitern und Handwerkern waren auch Journalisten, Anwälte und Ärzte vertreten. Das Gremium war linkspluralistisch, kein Einparteiensystem.

Die französische Anarchistin und Feministin Louise Michel, deren begeisterte Erinnerungen »Die Pariser Commune« jetzt auf Deutsch erschienen sind, schilderte die Amtseinführung des Kommune-Rates so: »Ein Menschenmeer unter Waffen, die Bajonette dicht an dicht wie Ähren auf dem Feld, die Blechmusik zerreißt die Luft, die Trommeln grollen dumpf.«

Der Rat beschloss radikale Schritte zur Umgestaltung des Lebens: Mietern wurden die Mieten von Oktober 1870 bis April 1871 erlassen. Die Kommune löste das stehende Heer auf und ersetzte es durch »allgemeine Volksbewaffnung«. Sie verbot die Nachtarbeit vor fünf Uhr morgens in den Bäckereien, fror den Brotpreis ein, beschloss unentgeltliche Schulbildung sowie die Bezahlung von Beamten in Höhe eines Arbeiterlohnes.

Viele Staatsdiener verließen daraufhin Paris, nur ein Viertel arbeitete weiter. Für Konflikte sorgte auch die nun propagierte Trennung von Kirche und Staat. Die Rätemacht entzog der Kirche die Schulen; bestehen blieb nur die Krankenpflege durch Ordensschwestern. Zerschlagen wurde zudem der Polizeiapparat. Als die Leiter der Polizei und Gendarmerie verhaftet wurden oder flohen, tat sich die Kommune schwer damit, für Sicherheit zu sorgen. Dem fragilen neuen Gemeinwesen fehlte es an Fachleuten.

Die Schwindsucht der »schönen Revolution«

Die Kommune verbot auch Hütchen-, Würfel- und Kartenspiele auf der Straße und unterband den »für die öffentliche Gesundheit schädlichen« Handel mit Tabak. Derweil blühte die Denunziation. »Das Volk fühlt das Bedürfnis, die Politik des Verdachts einzuführen«, schrieb »Cri du Peuple« (Schrei des Volkes) als größte Kommune-Zeitung mit einer Auflage von bis zu 100.000 Exemplaren.

In Paris erschien eine Vielzahl von Zeitungen linker politischer Richtungen. Verboten wurde ein Dutzend meist bürgerlicher Zeitungen, darunter der »Figaro«. Reißenden Absatz in Arbeitervierteln wie Montmartre fanden radikale Kampfblätter in einer vulgären, vermeintlich »volksnahen« Sprache.

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Auch wortgewaltige Aufrufe Pariser Bohemiens konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kommune in Frankreich isoliert blieb. Ähnliche Versuche in Lyon und Marseille scheiterten rasch an der Gewalt der Gegenrevolution.

Der Zustand der »schönen Revolution«, wie ihre Anhänger die Kommune nannten, ähnelte mehr und mehr der Euphorie einer Schwindsüchtigen. Das Komitee einer Künstlerföderation versprach »gemeinschaftlichen Luxus, zum Glanz der Zukunft und der Weltrepublik«. Das Pathos war laut, die Realität rau: Dem chaotischen Gemeinwesen mangelte es an revolutionärer Disziplin. Betrunkene Nationalgardisten, die durch die Straßen schwankten, waren Vorboten des Untergangs.

»Schwaches Geschlecht«? Von wegen

Ab April 1871 drangen Regierungstruppen in Pariser Vororte ein und beschossen die Befestigungen der Kommune. Am 21. Mai begann die Armee die Stadt zu stürmen. Es war der Anfang vom Ende der Kommune. »Gesetzestreue weicht der Pflicht zu siegen oder zu sterben«, schrieb die Zeitzeugin Louise Michel.

An der Verteidigung beteiligten sich auch zahlreiche Frauen, geführt von der 20-jährigen Russin und Sozialistin Elisabeth Dmitrieff, die mit Karl Marx  im Austausch stand. Die Frauen versorgten Verwundete und schleppten Pflastersteine auf Barrikaden, als gelte es zu beweisen, dass niemand das Recht hatte, vom schwachen Geschlecht zu reden. Im Mai 1871 schrieb Louise Michel: »Jetzt trägt Paris ein tragisches Gesicht, die Leichenwagen mit den vier roten Fahnen fahren häufiger, hinter ihnen gehen Mitglieder der Commune und Abgesandte von Bataillonen zum Klang der Marseillaise.«

Die Kämpfer der Kommune errichteten 900 Barrikaden, zumeist in den Vierteln der Arbeiter und der Armen, wo ihr Rückhalt am stärksten war. Ihren letzten Sitz bezog die Kommune im Viertel Belleville und griff im Untergang zum Terror gegen gefangene politische Gegner. Am 24. Mai 1871 erschossen Kommunarden nach einem gescheiterten Gefangenenaustausch 50 Geiseln, darunter der Pariser Erzbischof Georges Darboy.

Am 28. Mai besiegten die Regierungstruppen die letzten Kommune-Kämpfer und erschossen 147 Gefangene an der Südmauer des Friedhofs Père Lachaise. Die Zahl der Getöteten wird auf 7000 bis 17.000 geschätzt; 40.000 Kämpfer und Sympathisanten der Kommune gerieten in Gefangenschaft. Nach der Haft wurden viele von ihnen noch in eine Strafkolonie auf der Südseeinsel Neukaledonien verbannt, auch Louise Michel. Nach einer Amnestie 1880 kehrte die Anarchistin nach Paris zurück.

Lenin nahm Maß für die Russische Revolution

Gut 36.000 überlieferte Dossiers zu den vor Kriegsgerichten angeklagten Kommunarden geben ein Bild von der Anhängerschaft. Demnach waren die meisten unter 40 Jahre alt, knapp zwei Drittel Arbeiter, vielfach Metallarbeiter. 80 Prozent waren zuvor nie straffällig geworden, obwohl sich auch Kleinkriminelle und »Vagabunden« angeschlossen hatten.

Ein halbes Jahrhundert später zündeten Kommune-Ideen beim Flächenbrand im größten Flächenland der Welt. Wladimir Uljanow, Führer der Partei der Bolschewiki und als Lenin viel bekannter , lebte ab 1908 vier Jahre im Pariser Exil und beschäftigte sich detailliert mit der Geschichte der Kommune. Seine Folgerungen für die Revolution 1917: Dass die Revolutionäre die »Staatsmaschine zerbrechen« müssten, sei die »wichtigste praktische Lehre«, schrieb Lenin kurz nach dem Sturz von Zar Nikolaus II. im März 1917.

Für Russland propagierte Lenin im April 1917 einen »Staat vom Typus der Pariser Kommune«, der Armee und Polizei »durch die direkte und unmittelbare Bewaffnung des Volkes« ersetzen müsse. Die Kommune sei »nicht entschlossen genug vorgegangen« – eine Ursache ihrer Niederlage, so Lenin einige Monate später in seiner Strategieschrift »Staat und Revolution«. Denn in der Revolution sei es »notwendig, die Bourgeoisie und ihren Widerstand niederzuhalten«.

Die sowjetische Wirklichkeit mit Einparteienregime und Bezahlung von Funktionären weit über Arbeiterlohn entfernte sich bald sehr von den Prinzipien der Kommune. Doch wie wichtig Lenins Anhängern der Bezug zu den französischen Revolutionären war, zeigte sich noch 40 Jahre nach seinem Tod: 1964 nahmen sowjetische Kosmonauten die Schleife einer Fahne der Pariser Kommune mit auf ihren Weltraumflug.