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Patricia Highsmith und ihre Schneckenliebe

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Miramax / Everett Collection / ddp images

Krimiautorin Patricia Highsmith Schnecken, irrer Sex und Killerinstinkt

Berühmt wurde die Schriftstellerin Patricia Highsmith, geboren vor 100 Jahren, für Psychopathen wie Tom Ripley. Mehr als den Menschen galt ihre Zuneigung Schnecken – schleimig, mörderisch, mit bizarren Paarungsritualen.
Von Susanne Wedlich

»Es geht mir miserabel, wenn ich nicht schreiben kann«, sagte Patricia Highsmith über sich selbst. An Inspiration fehlte es ihr nicht, Ideen habe sie »so oft wie Ratten Orgasmen«. Ihr Problem war eher, dass sie wie am Fließband psychologische Kriminalromane und Kurzgeschichten schrieb – und sich trotz des Erfolgs miserabel fühlte. Im Wesen dieser großen Schriftstellerin gab es etwas Dunkles, das anziehend sein konnte, aber auch sehr verletzend.

Schon als Kind fühlte sich Patricia Highsmith, geboren am 19. Januar 1921 in Texas, verlassen. Die Eltern ließen sich kurz vor ihrer Geburt scheiden; ein Leben lang litt sie an der komplizierten Beziehung zur Mutter, an schweren Depressionen, Leiden aller Art und Alkoholismus. Wenn es überhaupt eine große, ungetrübte Liebe für Highsmith gab, dann galt sie wohl den Schnecken. Die ersten beiden fand sie als junge Frau in New York, wo sie im Literaturstudium auch Zoologiekurse besuchte, in »bizarrer Umarmung« und war so fasziniert, dass sie das Liebespaar mit nach Hause nahm.

Später hielt Highsmith mehrere Hundert der Tiere, wollte sie nicht mehr aufgeben und musste dafür zur Not im richtigen Leben kriminelle Energie entfalten: Frankreich, wo sie von 1967 bis 1981 lebte, verbot die Einfuhr, wohl zum Schutz der heimischen Gastronomie. Also schmuggelte die Autorin bei mehreren Trips je eine Handvoll Schnecken – versteckt unterm Busen – über die Grenze. Und verstaute die kleinen Schleimer mit Salatkopf in ihrer Riesenhandtasche, wenn sie zu Cocktailpartys ging.

Freundlich, fröhlich, fürsorglich – das alles war Patricia Highsmith sicher nicht. Mit ihren Mitmenschen ging Highsmith vorwiegend übellaunig um. Als rabiate Rassistin und Antisemitin ließ sie kaum ein Vorurteil aus, hasste auch Schwule und hatte sogar Frauen auf dem Kieker, gab viele weibliche Figuren in ihren Erzählungen jedenfalls der Verachtung preis.

Killer ohne Moral und Reue

Ihre eigene Neigung zu Frauen wollte sie sich sogar wegtherapieren lassen. Es folgten Affären und zumeist kurze Beziehungen mit vielen Frauen und wenigen Männern. Mit Vorliebe dann, wenn dadurch andere Paare auseinandergebracht wurden.

Das Verhältnis zu einer verheirateten Frau ließ sie einfließen in »Salz und sein Preis« (2015 mit Cate Blanchett unter dem Titel »Carol« verfilmt), veröffentlichte aber den Roman zunächst unter Pseudonym. Als lesbische Autorin von Literatur über Frauen mit einem Happy End oder, nun ja, einem nicht ganz vernichtenden Ende wollte sie nicht in die Geschichte eingehen. Schließlich war ihr Ruf von Psychopathen wie Tom Ripley geprägt.

Ihre größten Erfolge hatte sie mit ihren ungemein spannenden, schwarzhumorigen Psycho-Werken in Europa. »Der talentierte Mr. Ripley« (1955) war ihre populärste Figur, später auch in vier weiteren Romanen. Diese Art Killer nimmt sich ohne Moral oder Reue, was ihm seiner Ansicht nach zusteht, und sei es das Leben eines anderen. Es sind keine klassischen Kriminalgeschichten, in denen ein wackerer Kommissar sich müht, um den Mörder zu entlarven. Highsmith führt uns meisterhaft über eine Grenze: Das Böse siegt über das Gute – und wir drücken ihm auch noch die Daumen.

Armee mit animalischem Appetit

Highsmith unterzeichnete manche Briefe mit »alias Ripley«. Ganz unverfälscht findet sie sich in ihren Werken aber wohl eher da, wo es um Schnecken geht. Ihre eigene Faszination am Sex der Tiere schrieb sie gleich zwei Protagonisten auf den Leib und bahnte die Romanze einmal ähnlich zu ihrer eigenen Geschichte an.

In der Kurzgeschichte »Der Schneckenforscher« rettet Peter Koppert zwei sich paarende Schnecken vor dem Kochtopf und behält die Tierchen, die sich munter vermehren. Als er dann noch erfährt, dass die Sinnlichkeit der Schnecken in der Tierwelt ihresgleichen sucht, ist er so gebannt, dass Frau Koppert nicht mehr gegen das Hobby ankommt. Vielleicht gehört ihr Mann auch zu den American males, über die Highsmith an anderer Stelle schreibt. Bösartig als »amerikanische Männchen« übersetzt, wissen diese Kreaturen nach Überzeugung der Autorin rein gar nichts mit einem girl anzufangen.

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Patricia Highsmith und ihre Schneckenliebe

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Stattdessen gehen sie in Highsmiths Universum lieber ihrem Schneckenvoyeurismus nach. Wobei das Zugucken eine Grenze hat: Einmal sich selbst überlassen, schwellen Kopperts Schnecken zu einer Armee von ungeheurem Appetit an. Wie Gefühle, die sich unter einer stillen Oberfläche anstauen, muss sich auch diese schleimige Welle einmal Bahn brechen und den hilflosen Helden hinwegfegen. Emotionslos, gleichmütig, unaufhaltsam: So geht ein Mord nach Highsmiths Geschmack.

Zwischen Humor und Horror

Noch zerrütteter ist eine Ehe in »Stille Wasser sind tief«: Scheinbar passiv lässt Vic Van Allen die demütigende Parade der Liebhaber seiner Frau Melinda über sich ergehen. Zum Ausgleich kann er das einzig glückliche Paar im Buch beobachten, Schnecken natürlich: »Edgar beugte sich von einem kleinen Stein herunter, um Hortense auf den Mund zu küssen, und Hortense hatte sich auf das Ende ihres Fußes gestellt und schwankte leicht unter seiner Liebkosung, wie ein von der Musik verzauberter, langsamer Tänzer.«

Wie sich die beiden Schnecken vergöttern und perfekt zueinanderpassen, diese Erkenntnis überfällt Vic zu einem erstaunlichen Moment. Schließlich haben die Tiere gerade eigenartige Auswüchse an ihren Köpfen ausgefahren, um einander Kalknadeln in den Leib zu rammen. Das gehört zum Paarungsritual mancher Landschnecken, kann aber tiefe Wunden verursachen. Wenn das die Voraussetzung für eine glückliche Ehe ist, hätte Vic vielleicht doch noch eine Chance.

Wofür aber stehen die Schnecken bei Highsmith? Fiona Peters ist Professorin für Kriminalliteratur an der britischen Bath Spa University und sieht die Tiere in der Tradition klassischer Schauerliteratur, weil sie sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Die Leser sollen zwischen Humor und Horror schwanken, unsicher, ob sie nun lachen, sich ekeln oder fürchten müssen.

Mit ihren weichen, formbaren Körpern gelten Schnecken zudem als Gestaltwandler, passen also perfekt ins Repertoire. Auch Tom Ripley schlüpft in eine neue Identität, während Vic Van Allen den Mörder mimt, als ein Liebhaber Melindas zu Tode kommt. In seinem sozialen Umfeld wird ihm als gekränktem Ehemann die vermutete Gewalttat sogar verziehen. Als er dann tatsächlich tötet, ist von rasender Eifersucht jedoch nichts zu spüren. Diesen Mord beschreibt Highsmith meisterlich als fast beiläufig und spielerisch.

Gefühle? Schnecken, ihr seid dran

Geht es dagegen um Gefühlsausbrüche und dramatische Gesten, müssen doch die Schnecken ran. In der Kurzgeschichte »Die Suche nach Soundso Claveringi« bemüht Highsmith das in der Schauer- und Horrorliteratur beliebte Motiv des allzu ehrgeizigen Wissenschaftlers: Der Zoologe Avery Clavering stellt karnivoren Riesenschnecken auf einer ansonsten unbewohnten Insel nach, auf dass sie fortan seinen Namen tragen. Er findet die Tiere tatsächlich, tötet aber das Männchen.

Clavering sammelt wertvolle Erkenntnisse. Nur kann er sie der Fachwelt nicht mehr überbringen: Die Tiere fressen tatsächlich Fleisch – und sie können unheimlich schnell sein, erst recht zornige Weibchen. »Ein wunderbar makabres Ende, das sehr hübsch die Neigung der Menschen, Schnecken zu essen, auf den Kopf stellt«, schreibt Krimi-Professorin Fiona Peters. »Der Spieß dreht sich um, als Clavering ins Meer läuft und schließlich sein Schicksal erkennt«: Er wird ertrinken und zugleich von den vaterlosen Babyschnecken zu Tode geraspelt werden.

Das ist nur fair, schließlich werden Schnecken vom Menschen erst ausgehungert, dann gekocht, gekaut und geschluckt. Claverings grausamer Tod war also vielleicht Highsmiths Warnung an uns, endlich die Finger von den escargots zu lassen. Gegen Ende ihres Lebens musste sie ihre geliebten Schnecken aber selbst aufgeben. Zuletzt lebte sie zurückgezogen im Bezirk Locarno im Schweizer Kanton Tessin und starb am 4. Februar 1995 allein im Alter von 74 Jahren an Krebs.

»Sterben oder Kranksein ist kein Spaß«, sagt eine Freundin später dazu. »Aber wenn man alles in Betracht zieht, würde ich sagen, dass es eines der weniger schwerwiegenden Traumata ihres Lebens war.«