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Hirtenberger Munition: Geschosse für die Kriegsmaschinerie

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Munitionsfabrik Hirtenberg »Willst du Frieden, rüste dich für den Krieg«

Nahe Wien fertigten Frauen täglich eine Million Geschosse. Die Fabrik mit KZ nebenan war größter Munitionslieferant der Nazis. Den Weg bereitete ein Patronenkönig, verheiratet mit dem späteren Hollywoodstar Hedy Lamarr, der »schönsten Frau der Welt«.
Von Didi Drobna

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Am 21. April 1945 wartete ein Zug, beladen mit Menschen und Maschinen, im Bahnhof von Attnang-Puchheim auf das Signal zur Weiterfahrt. Dann fielen 2000 Bomben vom Himmel. Der oberösterreichische Ort mit 10.000 Einwohnern war im gesamten Zweiten Weltkrieg kein einziges Mal angegriffen worden; nun brach die letzte große Luftattacke auf Österreich los. Bomber legten die Kleinstadt in Staub und Asche.

Warum schickten die Alliierten Hunderte Kampfflugzeuge, um Attnang-Puchheim zu vernichten? Der massive Angriff und das Ziel legen nahe, dass österreichische Widerstandskämpfer Informationen an die Westmächte weitergegeben hatten. Es ging um diesen Zug und seine kriegswichtige Bedeutung. Niemand der 300 Passagiere überlebte.

Entscheidend war die wertvolle Fracht: zahlreiche Waggons mit Pressen, Produktionsmaschinen und anderen Gerätschaften aus der Munitionsfabrik Hirtenberg, der größten im »Dritten Reich«. Nur wenige Kilometer südlich von Wien kamen dort in den stärksten Produktionszeiten täglich eine Million Patronen von den Fließbändern.

Die Rüstungsindustrie war stark weiblich geprägt. In Hirtenberg schraubten Hunderte Frauen Klein-, Mittel- und Großkalibermunition zusammen. Zu den meistproduzierten Patronen zählte die 9mm Parabellum, eine österreichische Erfindung und beliebtes Exportprodukt, benannt nach dem lateinischen Spruch »Si vis pacem, para bellum«: Willst du Frieden, rüste dich für den Krieg.

Jederzeit lieferbereit, ob Patronen oder Granaten

Kriegsvorbereitung – das war nach dem »Anschluss« Österreichs auch dort Parteiprogramm. Um die Rüstungsmaschinerie auf Hochtouren zu bringen, »arisierte« die NSDAP 1938 die Hirtenberger Fabrik und ließ sie in der Wilhelm-Gustloff-Stiftung aufgehen. Diese Parteistiftung, benannt nach einem 1936 erschossenen Nazi-Funktionär, betrieb Industrieunternehmen und wurde selbst zum großen Rüstungskonzern, ein zentraler Bestandteil der NS-Kriegsstrategie.

In Hirtenberg wurde alles auf schwere Kriegsproduktion eingestellt. Eine moderne, halb unterirdische zweite Fabrik entstand auf dem bewaldeten Hügel. Das stillgelegte Werk in Lichtenwörth wurde reaktiviert, auch Kottingbrunn gehörte zum Verbund.

Insgesamt 2800 Menschen waren zu dieser Zeit in allen vier Werken beschäftigt. Hirtenberg wuchs zum zentralen Munitionsproduzenten der großdeutschen Reichsführung. Gefertigt wurden Klein-, Mittel- und Großkaliber bis hin zu Granaten und Sprengsätzen.

Arbeitssklavinnen aus dem benachbarten KZ

Selbst das reichte noch nicht. Direkt am Ortseingang neben den Weinbergen wurde 1944 das »Waffen-SS Arbeitslager Hirtenberg« errichtet, eine Außenstelle des KZ Mauthausen. Mehr als 400 Frauen aus dem Osten Europas wurden überstellt, um sie bei der besonders gefährlichen Produktionsarbeit einzusetzen.

Eine Einheit von 24 SS-Aufseherinnen wachte über die Häftlinge. Das KZ Hirtenberg war eines der wenigen Arbeitslager nur für Frauen. Die meisten Insassinnen waren Jüdinnen oder Frauen, die Nazis als Reichsfeindinnen oder Asoziale denunziert hatten.

Als die Front im April 1945 der Fabrik nahe rückte, wurden die wichtigsten Maschinen auf einen bereitstehenden Zug gepackt. Das Ziel: Hitlers »Alpenfestung« – in Wahrheit nur Propaganda, eine Schimäre, die allein dazu diente, den Glauben an den »Endsieg« der Nazis zu stärken.

Gewaltmarsch nach Mauthausen

In dieser vermeintlichen Stellung sollte die Fabrik ihren Betrieb wiederaufnehmen und Munition liefern. Langsam schlängelte sich der Zug durchs Hinterland bis Attnang-Puchheim. Doch dann kam der vernichtende Flugangriff.

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Hirtenberger Munition: Geschosse für die Kriegsmaschinerie

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Zur gleichen Zeit wurde das Hirtenberger Konzentrationslager evakuiert. In einem gewaltigen Fußmarsch trieb die SS die inhaftierten Frauen zwei Wochen lang ins 170 Kilometer entfernte KZ Mauthausen. Am 18. und 19. April kamen von den etwa 400 Hirtenberger KZ-Insassinnen nur 342 aus in Mauthausen an. Sieben Frauen waren auf der Flucht erschossen worden, 48 hatten fliehen können. Was aus ihnen wurde, ist bis heute unbekannt. Die Häftlinge im KZ Mauthausen wurden am 5. Mai 1945 befreit.

Die Geschichte der Munitionsfabrik hatte als rasanter Aufstieg begonnen: In der kargen, dünn besiedelten Region südlich von Wien entstand 1860 ein Unternehmen, das rasch als Hirtenberger Patronenfabrik bekannt wurde, 1882 bereits 400 Mitarbeiter beschäftigte und zum »k. und k. Hoflieferanten« wurde. Sieben Jahre später erfolgte der Börsengang.

Der Patronenkönig und die junge Schauspielerin

Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Fritz Mandl die Fabrik als Generaldirektor. Er schluckte die Konkurrenz, steigerte die Exporte massiv und gehörte schon bald zu den reichsten Österreichern.

Der berühmt-berüchtigte »Patronenkönig« verkehrte mit der Schickeria bei Abenden in der Wiener Staatsoper, wo er in den Pausen Handshake-Deals mit Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft machte. Er heiratete 1933 und führte der Gesellschaft seine 19-jährige Ehefrau vor, eher unfreiwillig und wie ein Paradiesvogel: die Schauspielerin Hedwig Kiesler, die aus einer jüdischen Familie stammte.

Schon mit 17 bekam sie ihre erste Hauptrolle in »Man braucht kein Geld«, einem Film mit Heinz Rühmann und Hans Moser. Später sollte sie in Hollywood reüssieren und durch ungewöhnliche Talente brillieren.

In den ersten Jahren glich die Ehe einer Aschenputtelgeschichte: Fritz Mandl, der Industrielle aus einer Familie mit jüdischen Wurzeln, überschüttete sie mit Reichtum und Luxus, darunter ein eigener Fuhrpark oder der Landsitz Burg Schwarzenau. Von Österreichs Bundeskanzler Engelbert Dollfuß  über Schriftsteller Franz Werfel bis zu Italiens Diktator Benito Mussolini , sie alle machten dort dem mächtigen Mandl und seiner jungen Frau die Aufwartung.

Gefangen im goldenen Käfig

Zunehmend suspekt wurden ihr jedoch Mandls politische Verstrickungen mit den Nazis, mit Faschisten in Italien und Ungarn, ebenso die Waffenproduktion. Als der eifersüchtige Gatte ihr auch noch die Schauspielerei verbot, weil er es nicht ertrug, dass Hedwig 1933 im Film »Ekstase« die wohl erste Nackt- und Orgasmus-Szene der Filmgeschichte gedreht hatte, fühlte sich die 14 Jahre jüngere Frau wie eine Gefangene im eigenen Haus.

Nach vier Jahren Ehe ging sie über Paris und London nach Los Angeles und wurde unter ihrem neuen Namen Hedy Lamarr berühmt. Ein Vamp, eine Diva, ein Weltstar. Der Filmgigant Metro-Goldwyn-Mayer vermarktete sie als »schönste Frau der Welt«.

Der Hollywood-Star hatte auch eine ganz andere Seite: Mit dem Komponisten George Antheil entwickelte Lamarr das Frequenz-Hopping-Verfahren für die Funkfernsteuerung für Torpedos, das 1942 ein US-Patent erhielt, aber erst zwei Jahrzehnte später zum Einsatz kam. Dabei hatte die Erfindung ein mächtiges Potenzial – sie spielt heute eine bedeutende Rolle in der mobilen Kommunikation.

In die Zeit Fritz Mandls fällt auch der Hirtenberger Waffenskandal 1933: Ein illegaler Waffenschmuggel sollte der geheimen Aufrüstung von Österreich und Ungarn dienen. Als dieses Manöver öffentlich wurde, entfremdete der Skandal Österreich weiter von den demokratischen Westmächten und führte zu innenpolitischen Zerwürfnissen, was letztlich zum Ende des Parlamentarismus und der Ersten Republik beitrug.

Der Stern von Fritz Mandl, der ein internationales Patronenimperium aufgebaut hatte, sank allmählich. Die Nationalsozialisten stuften ihn in ihrer Rassenideologie als Juden ein und zwangen ihn, das Hirtenberger Werk an die Gustloff-Stiftung zu verkaufen. Mandl ging in die Schweiz und dann nach Argentinien. 1957 übernahm er wieder die Hirtenberger Fabrik und leitete sie noch lange. 1977 starb er.

Fabrikreste im kühlen Dickicht

Heute erinnert vor Ort nichts mehr an die düsteren Seiten der Geschichte Hirtenbergs. Keine Gedenktafel, kein Hinweis auf die Vergangenheit. Die unauffällige Gemeinde mit dem so friedlichen Namen und vielen Pendler-Einfamilienhäusern liegt in einem grünen Tal in Niederösterreich.

Fündig wird man im Hirtenberger Wald. Dort liegen die Überreste der zweiten, eigens für den Zweiten Weltkrieg gebauten Patronenfabrik, abseits der Pfade, im kühlen Dickicht zwischen hohen Bäumen. Es sind beeindruckende und auch unheimliche Bilder der Vergangenheit.

Verborgen im Wald: Einige Fabrikräume blieben erhalten

Verborgen im Wald: Einige Fabrikräume blieben erhalten

Foto: Didi Drobna

Geblieben sind gut erhaltene, unterirdische Arbeitsräume, in denen Hunderte Menschen Patronen aller Art produzierten. Die meisten Gebäude sind verschüttet, wie die Vergangenheit und das Leid der dort beschäftigten und nebenan im Konzentrationslager eingesperrten Menschen.

Neben Landwirtschaftsmaschinen fertigt die Hirtenberger Holding heute Sicherheitsprodukte für die Autoindustrie, etwa Gurtstraffer oder Airbag-Teile. 2019 ist sie aus der Rüstungsindustrie ausgestiegen, nach 160 Jahren. Zu wenig Profit einerseits. Andererseits erklärte Konzernchef Markus Haidenbauer, nun sollten neue Wege einschlagen werden: »Es ist Zeit, dass unsere Geschichte Geschichte wird.« Das Ende einer Ära.

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