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Reiß dich zusammen, Charlie Brown!

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"Peanuts"-Erfinder Charles M. Schulz Vater der Kindsköpfe

Vor 20 Jahren starb der Cartoonist Charles M. Schulz, tags darauf erschien sein letzter Comic. Doch Charlie Brown, Snoopy, Lucy und ihre Freunde leben weiter - obwohl ihr Schöpfer genau das nicht wollte.

"Wie kommen Sie bloß auf so viele witzige Ideen?", wurde Charles M. Schulz oft gefragt. Der Erfinder der weltbekannten Comicserie "Peanuts" konterte mit Selbstironie. "Auch wenn ich nicht so aussehe - ich denke ständig an irgendetwas Lustiges", sagte er in einem Fernsehinterview einige Jahre vor seinem Tod.

Am 12. Februar 2000 starb Schulz im Alter von 77 Jahren an Darmkrebs. Dass einen Tag später seine letzten "Peanuts"-Zeichnungen erschienen, war kein Zufall, sondern von ihm bereits seit Monaten angekündigt. Danach sollten nur noch Wiederholungen veröffentlicht werden, kein anderer Zeichner sollte übernehmen. Der berühmte Comicstrip wurde später allerdings doch fortgesetzt - gegen seinen letzten Willen.

Zu sehr hatten Menschen in aller Welt Schulz' Figuren ins Herz geschlossen, als dass sie sich von ihnen einfach trennen konnten. Die gemeine Lucy, ihr daumenlutschender Bruder Linus mit der Schmusedecke, der eigenbrötlerische Beagle Snoopy, die in der Schule dauermüde Peppermint Patty und andere Charakterfiguren begleiteten Schulz über Jahrzehnte. Und vor allem natürlich der neurotische Charlie Brown.

Charlie müsse derjenige sein, der leide, erklärte Schulz. "Denn er ist eine Karikatur des Durchschnittsmenschen. Die meisten von uns sind eher daran gewöhnt, zu verlieren, als zu gewinnen." Ein einfaches Konzept - aus dem Schulz einen Welterfolg machte.

Geliebter Underdog

Anfang Oktober 1950 erschien die erste Folge der "Peanuts". Schulz hasste den Namen, doch das Unternehmen United Feature Syndicate, das die Serie herausbrachte, setzte sich durch. Bis zu seinem Tod sollte Schulz fast 18.000 Folgen zeichnen. Sie erschienen in mehr als 2600 Zeitungen in 75 Ländern, wurden in 21 Sprachen übersetzt und fanden über 350 Millionen Leser.

Charlie Brown und Snoopy waren von Anfang an dabei. Andere Figuren wie Shermy und Patty - nicht zu verwechseln mit der burschikosen Peppermint Patty - verschwanden bald wieder. Schon damals war Charlie der ewige Underdog, von den anderen verspottet und schikaniert. Der, über den beim Football alle lachen, weil er nie den Ball trifft.

Nach und nach stellte Schulz sein eigenartiges Ensemble zusammen: Seit 1951 spielt Schroeder bei den "Peanuts" pausenlos Klavier und vergöttert Beethoven, ohne die Welt um ihn herum wahrzunehmen. Ein Jahr später erfand der Cartoonist Lucy van Pelt, die Schroeder anhimmelt und den hilflosen Charlie tyrannisiert. Ihr kleiner Bruder Linus, Schulz' Lieblingsfigur, klammert sich an seine Schmusedecke, verwechselt jedes Jahr Halloween mit Weihnachten und wartet darauf, dass der Große Kürbis den Kindern Geschenke bringt.

Narzisstischer Beagle mit Fliegerfantasien

"Wer den Comicstrip täglich liest, lernt mich kennen", sagte Schulz. "Man erfährt all das, was ich auch selbst von mir gebe." Lucy verkörpere dabei seine sarkastische Seite. Der depressive Charlie, der es nicht einmal schafft, einen Drachen steigen zu lassen, sucht immer wieder Hilfe bei der sadistischen Hobbypsychiaterin Lucy. Er wird erniedrigt und muss ihr dafür auch noch fünf Cent Honorar zahlen. "Reiß dich gefälligst zusammen", herrscht Lucy ihn an. In einer anderen Szene, die sich bei den "Peanuts" ständig wiederholt, zieht sie ihm gehässig den Football weg.

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Reiß dich zusammen, Charlie Brown!

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Auf die Frage, ob Charlie Brown in der letzten von ihm gezeichneten Folge den Ball endlich treffen werde, soll Schulz geantwortet haben: "Oh nein, ganz sicher nicht! Damit würde ich ihm nach fast einem halben Jahrhundert einen fürchterlichen Dienst erweisen."

Eine der mehrdeutigsten Serienfiguren ist ausgerechnet ein Hund: Charlies Freund Snoopy, der erst seit den Sechzigerjahren menschlich wirkt und auf den Hinterbeinen aufrecht läuft. Meist sieht man ihn in Seitenansicht auf seiner Hütte liegen, über das Leben philosophieren und aufs Fressen warten. In der Fantasie stellt er sich auch vor, wie er als Flieger-Ass aus dem Ersten Weltkrieg den "Roten Baron" Manfred von Richthofen jagt.

"Mein Vater war im Krieg, aber ich weiß nicht, in welchem"

"Ich weiß nicht, wie Snoopy zu laufen und zu denken anfing", sagte Schulz, "wahrscheinlich war das einer meiner besten Einfälle." Nicht alle Leser konnten sich jedoch mit dem exzentrischen Beagle anfreunden, einige bemerkten zunehmend narzisstische Züge. "Snoopy war immer noch lustig. Auf einmal war er aber nicht mehr auf die anderen angewiesen, sondern brauchte nur seine eigene Vorstellungskraft", schrieb Sarah Boxer 2015 im Magazin "The Atlantic" .

Einen Monat vor Schulz' Tod kritisierte der Journalist Christopher Caldwell, Snoopy habe bereits ab den Siebzigerjahren begonnen, die von Schulz entworfene Welt zu zerstören. "Er spricht nicht und kann deshalb nicht mit anderen kommunizieren. Er ist da, um angeschaut zu werden", schrieb er im Essay "Against Snoopy" für die Wochenzeitung "New York Press". Der Autor Daniel Mendelsohn erklärte in der "New York Times Book Review", Snoopy verkörpere Charaktereigenschaften, die die meisten Menschen verstecken wollten - Selbstgefälligkeit, Gier, Prahlerei und Egoismus.

Dennoch wurde der Beagle im Laufe der Jahre eine der beliebtesten "Peanuts". 1968 wählte ihn die Nasa als Maskottchen aus. Im Jahr darauf wurde nach Snoopy eine Mondlandefähre benannt, die bei der gefährlichen, beinahe gescheiterten "Apollo 10"-Mission zusammen mit der Kommandokapsel "Charlie Brown" ins All vorstieß.

Die Kunst der Wiederholung

Der Comicstrip spiegelte in jenen Jahren auch das Zeitgeschehen wider. 1968 kam zum ersten Mal ein dunkelhäutiger Junge in die Gruppe der Kinder, Franklin. Sein Vater war damals im Vietnamkrieg. Charlie Brown erklärte ihm: "Mein Vater ist Friseur. Er war auch im Krieg, aber ich weiß nicht, in welchem."

Nicht trotz, sondern gerade wegen all der Schrullen der Hauptfiguren machte die Comicserie Schulz zum Multimillionär. Snoopy, Charlie, Linus und Co. waren ein Vermarktungswunder: 1965 entstand der erste Zeichentrickfilm fürs US-Fernsehen. Zwei Jahre darauf fand in New York die Uraufführung des Musicals "You're a Good Man, Charlie Brown" statt. Und ab Ende der Sechzigerjahre waren die "Peanuts"-Abenteuer auch im Kino zu sehen. Der Umsatz aus dem Verkauf von Grußkarten, Plüschtieren und anderen Fanartikeln summierte sich 1971 bereits auf 150 Millionen Dollar.

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Aus den "Peanuts" wurde eine große Marke. Als Schulz 2000 starb, setzte man sich hinweg über seinen Willen, die Serie enden zu lassen. Seit 2012 gibt es von Vicki Scott neu entworfene und von Paige Braddock gezeichnete Comics; der erste Band in deutscher Sprache erschien 2014 unter dem Titel "Peanuts - Auf zu den Sternen, Charlie Brown". In den Jahren 2004 bis 2016 brachte der US-Verlag Fantagraphics Books eine Gesamtausgabe von Schulz' Comics in 25 Bänden heraus, die inzwischen auch auf Deutsch bei Carlsen vorliegt.

Schulz' Nachfolger müssen sich nun mit einem Problem herumschlagen, das den Erfinder der "Peanuts" fast 50 Jahre lang beschäftigte: "Ein Cartoonist ist jemand, der jeden Tag das Gleiche zeichnen muss, ohne sich zu wiederholen."

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