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60 Jahre im All - der Science-Fiction-Marathonmann

Foto: Pabel Moewig Verlag / dpa

60 Jahre »Perry Rhodan« Der galaktische Dauerbrenner

Gut 3100 Romane seit 1961: »Perry Rhodan« ist der Marathonmann in einem Paralleluniversum. Hier erklärt Autorin Uschi Zietsch die längste Science-Fiction-Reihe der Welt – und warum sie ihr erstes Heft zerrissen hat.
Ein Interview von Danny Kringiel

SPIEGEL: 60 Jahre »Perry Rhodan« – so langlebig ist keine andere Science-Fiction-Romanreihe. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Zietsch: Es hat sich einfach verselbstständigt. Als die Serie 1961 anfing, ging man davon aus: »Mehr als 50 Hefte können wir nicht machen.« Damals gab es viele wöchentliche Heftromane, meist kurzlebig. Dann aber hat »Perry Rhodan« die Leute so gefesselt, dass wir heute noch Leser haben, die seit Heft eins dabei sind.

SPIEGEL: Inzwischen sind mehr als 3100 Hefte erschienen. Wie hat sich der deutschstämmige US-Astronaut Perry Rhodan, unser Mann im All, verändert?

Zietsch: Er hat sich natürlich an das Zeitgeschehen angepasst, es schreiben heute ja auch andere Autoren als damals. Sein Grundcharakter aber blieb: Er sehnt sich nach intergalaktischem Frieden und stellt sich allen Konfrontationen, um die Galaxis zu beschützen. Und obwohl er schon über 3000 Jahre alt ist, ist er immer bereit, Neues dazuzulernen. Perry Rhodan erforscht das Unbekannte. Das ist wohl ein Grund, warum es die Serie noch gibt: weil sie eine Utopie vermittelt.

SPIEGEL: Für viele Leser ist Perry Rhodan ein Stück ihrer Kindheit und bleibt der Science-Fiction der Sechzigerjahre verhaftet. Was ist für die Reihe wichtiger: der Blick nach vorn oder zurück?

Zietsch: Es ist eine Mischung aus beidem. Wir gewinnen neue Leser dazu, aber die langjährigen Leser überwiegen und sind begeistert, wenn wir frühere Erzählfäden heute wieder aufnehmen, alte Geheimnisse klären oder Philosophien neu vermitteln. Das macht den »Sense of wonder« der Reihe aus.

SPIEGEL: Damit beschreibt man in der Science-Fiction das Staunen, wenn sich die ungeahnte Bedeutung eines Elements plötzlich entfaltet – etwa wenn Neo in »Matrix« erkennt, sein ganzes Leben nur in einer Computersimulation gelebt zu haben. Aber sind nicht allmählich für Rhodan alle Fragen beantwortet?

Zietsch: Keineswegs. Im Jahr 429 der Neuen Galaktischen Zeitrechnung, also nach unserer Zeitrechnung dem Jahr 4016, hatte er die Möglichkeit, am Berg der Schöpfung die Antwort auf die »Dritte Ultimate Frage« zu erfahren – also Wissen, das vor ihm noch kein Mensch erlangte. Aber Rhodan wollte diese Antwort auf alles nicht – ob sie jetzt 42 ist oder nicht (lacht). Vielleicht weil er Angst hatte, dass dieses Wissen ihn überfordern könnte. Oder alles für ihn beenden.

SPIEGEL: Anfangs schmähten manche Kritiker die Romane als geradezu faschistoid, weil Rhodan ein blonder, blauäugiger Großadministrator des Solaren Imperiums mit der alleinigen Macht über alles sei …

Zietsch: … aber so war die Serie schon damals nicht. Wenn diese Leute sie gelesen hätten, wüssten sie das. Ja, er ist nun mal eine Heldenfigur. Alleinherrscher war er jedoch nie, hat immer auf andere gehört, mit anderen zusammengearbeitet, egal welcher Hautfarbe oder welchen Geschlechts. Rhodan wurde gewählt und wollte immer eine gemeinsame Zukunft auf demokratischer Basis aufbauen. Daran hat sich nichts geändert.

Zum Weltraumhelden
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Perry Rhodan, geboren am 8. Juni 1936 in Manchester (Connecticut) reist seit 1961 in wöchentlichen Heftromanen im Auftrag der Menschheit durch das »Perryversum«, wie Fans das in mehr als 3100 Folgen entstandene fiktive Universum nennen. Rhodan, der »Sofortumschalter«, der »Zellaktivatorträger« und »Großadministrator des Solaren Imperiums«, war Jahre vor der realen Mondlandung auf dem Erdtrabanten. Er spürte der »Ultimaten Frage« nach dem Sinn des Universums nach (und lehnte die Antwort ab), lernte bei seinen unzähligen Abenteuern skurrile Charaktere wie den humanoiden Mausbiber Gucky kennen. In der fiktiven Welt ist Rhodan (da Zellaktivatorträger) inzwischen mehr als 3000 Jahre alt.

SPIEGEL: War Perry Rhodan früher nicht dennoch ein anderer als heute?

Zietsch: Zu Zeiten des Kalten Krieges etwas militaristischer, klar. Da sind die zum Beispiel in Uniformen rumgelaufen, das war einfach der Zeit verhaftet.

SPIEGEL: Wie sind Sie zu »Perry Rhodan« gekommen? Waren Sie zunächst Leserin, oder ging es für Sie erst los, als Sie in den Neunzigern Autorin wurden?

Zietsch: Als die erste Folge erschien, war ich vier Wochen alt. Mein Bruder hat das Heft mit nach Hause gebracht und es gemeinsam mit unserem Vater gelesen. Als ich das Heft in die Finger bekam, habe ich es auf meine Art »gelesen« – nämlich in seine Einzelteile zerlegt (lacht). Aber es muss was mit mir gemacht haben: Als Jugendliche habe ich mir die ersten 400 Hefte besorgt. Dann hat mich die Reihe erst einmal nicht mehr interessiert, ich wollte etwas anderes machen.

SPIEGEL: Das haben Sie dann auch – und schon als Jugendliche den 1000-seitigen Fantasy-Zyklus »Das Träumende Universum« geschrieben. Wie kamen Sie zurück zur Science-Fiction?

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60 Jahre im All - der Science-Fiction-Marathonmann

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Zietsch: Anfang der Achtzigerjahre verschickte ich meinen Erstling an viele Verlage und ging auf Verlagsveranstaltungen. Mein Buch wurde zwar nicht veröffentlicht, aber ich wurde rumgereicht, weil man Potenzial in mir sah. So lernte ich einige »Perry Rhodan«-Autoren kennen. Ernst Vlcek hat lange die Exposés gemacht, nach denen die Heftautoren schreiben, er wurde ein guter Freund. Ich wurde mehrfach gefragt, ob ich nicht mitmachen möchte, aber ich wollte meine ersten Schritte als Schriftstellerin allein gehen. 1991 habe ich dann zugesagt.

SPIEGEL: Lange waren Sie die einzige Frau im Team. War's anstrengend, in so einem Männerbiotop zu arbeiten?

Zietsch: Meine erste Autorenkonferenz war 1992 – und außer Ernst Vlcek wusste keiner vom Team, wer ich bin. Auf einmal stand da also ein junges Mädel vor den ganzen Stammautoren und sagt: »Hi, ich bin die Neue!« Aber Walter Ernsting alias Clark Darlton hat mich sehr herzlich empfangen. Den anderen war es erst mal wurscht. Es war schon männerlastig, muss man sagen. Auch wenn in der Serie die Frau offiziell gleichgestellt war, hat es lange gedauert, bis Frauen nicht mehr als »Mädchen« beschrieben wurden. Oft hatten sie zwar zweifache Doktortitel, haben aber trotzdem den Kaffee gebracht. Seit den Sechzigern hat sich das natürlich verändert.

SPIEGEL: Unterscheidet sich das Arbeiten im Perry-Rhodan-Autorenteam sehr vom Schreiben als Einzelautorin?

Zietsch: Gewaltig sogar. Man kann nicht frei vor sich hin fabulieren, arbeitet im Team nach Vorgaben und spricht sich mit dem Chefredakteur ab, wie man die Geschichte präsentieren will. Jede Woche erscheint ein Heft, da sind die Termine und Konzepte sehr straff. Man muss vieles beachten, hat aber innerhalb des Exposés immer Freiraum, um eine eigene Handlung und Figuren aufzubauen. Wenn man damit leben kann, dass diese Figuren dann nie wieder verwendet werden (lacht). Und es ist sehr viel Recherchearbeit.

SPIEGEL: Das fiktive »Perryversum« mit all seinen Welten, Spezies, Charakteren, Geschichten ist über sechs Jahrzehnte gewachsen. Wie behalten Sie als Autorin den Überblick, statt sich in Widersprüchen zu verheddern? Und wie reagieren die Fans auf Fehler?

Zietsch: Oh, die sehen das! Fehler fallen ihnen auf. Wir sind alle nur Menschen, aber es schauen schon viele drüber, um Pannen zu vermeiden: Zwei Autoren verfassen die Exposés und sprechen sie mit dem Chefredakteur ab, zwei weitere Mitarbeiter prüfen technische Aspekte – dann erst geht das Exposé zu den Autoren raus. Und trotzdem schleicht sich manchmal ein Fehler ein. Dann muss die ganze Redaktion informiert werden, wegen möglicher Auswirkungen auf nachfolgende Romane. Es kam zum Beispiel schon vor, dass eine Figur in einer völlig anderen, einer falschen Galaxis war. Hilfreich ist, dass es inzwischen eine Onlineenzyklopädie gibt, die »Perrypedia« . Aber auch die enthält Fehler.

SPIEGEL: Haben Sie nach all den Heften eine Lieblingsepisode?

Zietsch: Ich habe Hunderte Folgen geschrieben, da schwärmt man kaum für eine besonders. Sobald ich eine abgegeben habe, liegt schon das nächste Exposé an, und ich bin vielleicht in einer ganz anderen Galaxis. Aber eine Episode lag mir am Herzen, weil es im übertragenen Sinne um Demenz ging: Ich habe eine Figur beschrieben, die geistig zerfiel – wenn auch nicht durch Demenz. Aber ich konnte einbringen, wie es für das Umfeld ist und was mit einem selbst passiert, wenn man geistig zerfällt. Das war für mich ein sehr wichtiger Roman.

SPIEGEL: Das »Perryversum« hat eine enorme Themenvielfalt und auch cartoonartige Figuren. Ein Lieblingscharakter vieler Fans ist etwa Gucky, der Mausbiber: ein humanoider Biber mit Mauskopf, der telepathisch und telekinetisch begabt ist und sich selbst teleportieren kann. Wie denkt man sich da noch Neues aus – irgendwann hat man doch alles mal gehabt, oder?

Zietsch: Natürlich wiederholt man sich zu einem gewissen Grad. Trotzdem hat alles seine Daseinsberechtigung: Gucky ist ein Charakter, der in all der Düsternis aufheitert. Wenngleich auch er seine düsteren Tage hat, schließlich ist er der Letzte seiner Art. Gucky kann auch mal schnoddriger daherreden, was Perry Rhodan nie dürfte. Er ist der Held, er darf nicht locker sein. Außerdem ist Gucky klein und plüschig und hat große Ohren – damit berührt er schon sehr die Emotionen.

SPIEGEL: Beim Serienstart 1961 war die Welt im Kalten Krieg, USA und Sowjetunion befanden sich im Wettlauf zum Mond. In der Fiktion hat Perry Rhodan als erster Mensch den Mond betreten, in der Realität waren es amerikanische Astronauten 1969. Seitdem gab es Raummissionen, Sonden, sogar Raumstationen. Wie hat das die Reihe beeinflusst?

Zietsch: Es ist schon lustig, wie sehr die reale Technik »Perry Rhodan« teilweise überholt hat. Ganz zu Beginn arbeiteten die Computer darin zum Beispiel noch mit Lochkarten. Man musste in der Fiktion neue Technologien erfinden, um da weiter voraus zu sein: etwa das Anti-Grav-Verkehrssystem mit Fluggleitern. Auch Handys gab es nicht bei Rhodan – die hatten ihre Multifunktionsarmbänder. Aber ich glaube, inzwischen haben wir einen sicheren Vorsprung: Transmitter zum Beispiel, in die man auf der Erde einsteigt und auf dem Mars rauskommt, wird es real noch lange nicht geben.

SPIEGEL: Was wünschen Sie Perry Rhodan zum 60. Geburtstag?

Zietsch: Dass er sich immer weiterentwickelt, in jedem Lesemedium der Zukunft. Und dass es die Serie noch lange geben wird, sie weiter Anerkennung bekommt und nicht als Groschenheft abgetan wird. Denn sie ist Literatur.

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