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26. Januar 2016, 12:08 Uhr

Peter Schilling, Star der Neuen Deutschen Welle

"Du bist besser als Nena"

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Mit der Astronautenhymne "Major Tom (völlig losgelöst)" gelang Peter Schilling 1983 ein Welthit, der ihn völlig aus der Bahn warf. Was wurde aus ihm und den anderen NDW-Musikern?

Peter Schilling lässt den Hörer fallen und weint los. Die Plattenfirma hat angerufen: Plötzlich ist "Major Tom (völlig losgelöst)" Nummer eins in Deutschland. 85.000 Mal verkauft sich die Astronautenhymne - täglich. Fans belagern seine Einzimmerwohnung in Stuttgart, brechen den Briefkasten auf. "Ich liebe dich", schmieren sie an seine Hauswände. "Du bist besser als Nena!"

Völlig überfordert flüchtet der Sänger zu seiner Freundin, die Fanpost beantwortet seine Oma, die 83 ist und naiv genug, Schillings Anhänger zum Kaffee in ihr Wohnzimmer einzuladen.

Im Januar 1983 wird Peter Schilling über Nacht zum Teeniestar. Mit 27 Jahren, also vergleichsweise greis, schafft er es aufs "Bravo"-Cover - und ist doch nicht gefestigt für das, was auf ihn zurollt: Bald gratulieren ihm Weltstars wie Freddy Mercury. Und sogar David Bowie, dessen "Space Oddity" Schilling zum Hit über Major Tom inspiriert hat.

Lieber Musiker als Fußballprofi

Doch der Erfolg kostet ihn fast das Leben. "Völlig losgelöst", so erzählt Schilling 33 Jahre später in einem Münchner Café, wird zu seiner persönlichen, sich selbst erfüllenden Prophezeiung: als hätte sein Song auch ihn losgerissen und nach beschwingten Jahren zurück auf die Erde geschmettert.

"Bitte verstehen Sie das nicht falsch", sagt Schilling nachdenklich. "Ich bin mir des riesigen Glücks, das ich hatte, völlig bewusst und klage nicht. Aber mitten in diesem Sturm war es wahnsinnig schwer für mich." Es ging ihm schlecht, als alle Welt glaubte, es müsse ihm glänzend gehen. Er schmiss alles hin, als sein Plattenboss einen Auftritt im Madison Square Garden für möglich hielt. Und jetzt, wo ihn weniger kennen als früher, fühlt er sich so gut wie nie. "Eigentlich ist mein ganzes Leben antizyklisch verlaufen."

Die nächsten Stunden wird er seine getönte Brille nicht absetzen. Schilling trägt eine enge, graue Jeans, das beige Käppi fest über die dunklen, leicht gelockten Haare gezogen, die ihn einst zum Mädchenschwarm machten. Noch immer tritt er auf, in seinen 60. Geburtstag am 28. Januar 2016 feierte er mit einem auf muxx.tv live gestreamten Privatkonzert rein. Natürlich ließ er dabei Major Tom einsam im All kreisen.

Und doch ist der schmächtige Mann keiner dieser Ex-Popstars, die nicht loslassen können. Pointiert, ehrlich und klug erzählt er seine Lebensgeschichte. Bis heute verstört ihn etwa das Geräusch von klimpernden Schlüsseln. Als Kind wusste er dann: Meine Mutter kommt zurück, gefühlskalt, womöglich alkoholisiert und gewalttätig. Schilling ist zwölf, als sie versucht, sich mit Schlaftabletten umzubringen. Von seinem Vater liest er nur einen dürren Satz: Er könne die Vaterschaft nicht anerkennen, habe die Übersicht verloren, mit wem er alles geschlafen habe. Dann verschwindet der Vater in seine Heimat Iran.

"Das System von innen unterwandern"

Also wächst Schilling ab 1970 bei seiner Oma auf. Die Einzige, die ihn nicht auslacht, wenn er sagt: "Ich werde einmal einen Nummer-eins-Hit schreiben!" Sie antwortet dann nur: "Ja, aber erst machst du eine Lehre."

Daran hält er sich und lernt Reisebürokaufmann. Sein Herz aber schlägt so sehr für die Musik, dass er ganz sicher ist, den Durchbruch zu schaffen, und mit 15 als Fußballtalent sogar einen Profivorvertrag des VfB Stuttgart absagt. Schilling entscheidet sich für eine kleine Plattenfirma, die ihm zeitgleich ebenfalls ein Angebot gemacht hat. Statt als Fußballprofi durchzustarten, spielt er lieber in Rockbands mit kuriosen Namen wie GAGA HHAG. "Die Konzerte waren alle schlimm", erinnert er sich. "Wir spielten epische Stücke, oft 30 Minuten lang, vor einer Handvoll Zuschauern."


Peter Schilling im Video: "Ich schreibe Texte zum Hinhören"


Trotzdem bewirbt er sich beim "Talentschuppen", Deutschlands erster Castingshow. "Katja Ebstein saß in der Jury in ihrem weißen Fellmantel und ließ mich abblitzen." Weil Schilling altersweise getextet hat: "Rock'n'Roll, ich gab dir meine besten Jahre." - Darauf die Sängerin: "Die besten Jahre hergeben, mit gerade 18?" Schilling lacht schallend. Heute versteht er Ebstein. Damals schlich er traurig nach Hause. Klinkenputzen, Demotapes einreichen, viele Absagen. "Mein Leben bestand damals nur aus Ablehnung", erzählt er, ohne bitter zu klingen.

So ehrgeizig wie emsig hält er an seinem Traum fest. Und hilft sich mit einem Trick. "Ich habe mir gedacht: In den Musikverlagen werden doch extra Leute dafür bezahlt, Menschen wie mich abzulehnen. Ich muss also in dieses System rein, es von innen unterwandern."

Er bewirbt sich bei der WEA, einer Tochter der Plattenfirma Warner Music. Und begleitet fortan Jürgen Drews auf Tourneen oder kümmert sich ums Merchandising bei Fleetwood Mac. Ab und an präsentiert er den richtigen Leuten seine Musik. "Plötzlich fanden sie meine Lieder gar nicht mehr so schlecht. Da war der Schilling eben richtig clever", sagt Schilling über Schilling und lächelt charmant.

"Alle Fehler gemacht, die man nur machen kann"

Mit neuem Mut nimmt er 1981 eine Platte auf. Nur um sie vollzubekommen, schreibt er die letzten beiden, später so erfolgreichen Nummern: "Major Tom" und "Die Wüste lebt". 1982 nimmt die WEA ihn unter Vertrag. "Da prangte auf einmal dasselbe Label wie bei Fleetwood Mac und den Eagles auf meinen Platten. Das war so geil, ich war stolz wie Bolle", erzählt Schilling, immer noch ein wenig stolz wie Bolle.

Jetzt geht es rasend schnell. "Major Tom" steigt Ende '82 auf Platz 73 in die Charts ein und hebt dann ab wie sein Astronaut, befeuert von der Wucht der Neuen Deutschen Welle in ihrer erfolgreichsten Phase. Der internationale Durchbruch gelingt nur wenigen NDW-Musikern. Schilling schafft Platz eins in Österreich und der Schweiz, für die englische Version Platz eins in Kanada und Platz 14 in den USA. Insgesamt verkauft sich die Platte sechs Millionen Mal.

Schilling, der zuvor von monatlich 800 Mark in Stuttgart-Ost lebte, zieht nach New York: "Ich habe anfangs alle Fehler gemacht, die man nur machen kann." Er vertraut den Falschen und misstraut den Wenigen, die es ehrlich mit ihm meinen. Er bezahlt viel zu viel für eine schlechte Immobilie und bestellt einen dicken Mercedes; manches ist ihm heute furchtbar peinlich. Wenn er seine alten Kumpels sieht, "ist irgendwas anders". Nur auf seine Oma ist Verlass: Ihr will er sogar seine ersten 800.000 Mark schenken.

Plötzlich umgarnen ihn unzählige vermeintliche Freunde. Bejubelt wird er selbst im fernen Japan und bleibt sieben Jahre auf der Überholspur, wie Schilling es nennt. Er schreibt weitere erfolgreiche Lieder wie "Terra Titanic", Nummer eins in Spanien und Italien, arbeitet mit Top-Produzent Michael Cretu und erreicht 1989 mit "The Different Story" ein zweites Mal die US-Charts.

"Jeder andere hätte jetzt eine dicke Party gemacht", sagt Schilling, "ich aber bat meinen Plattenboss um die Auflösung aller Verträge." Burnout. Er kann nicht mehr, wiegt nur noch 52 Kilo. Am Wörthersee ringt er um Luft und bricht zusammen. "Status asthmaticus" nennen Mediziner so einen Erstickungsanfall. "Mein Leben lief rückwärts vor mir ab, es war wunderschön. Ich wollte gar nicht mehr zurück." Dann hört er die Stimmen der Ärzte, sie können ihn gerade noch retten.

Halbplayback in Kaufhäusern

Nach dem Nahtoderlebnis beginnt er sein Leben als Ganzes zu betrachten - den zu schnellen Erfolg, die schmerzhafte Kindheit. Er braucht zwölf Jahre, um die Vergangenheit aufzuarbeiten: persönlich seine wichtigste Zeit, musikalisch ein verlorenes Jahrzehnt. Schilling tritt vor Horden Betrunkener auf Ü-30-Partys auf und singt Halbplayback in Kaufhäusern - "ein Martyrium". Gerade für einen Perfektionisten wie ihn, der alles selbst macht: texten, singen, arrangieren, produzieren.

Die Wende gelingt. Seit 2002 tritt er wieder mit einer Band auf und füllt bald wieder Hallen mit 3000 Zuhörern. Er komponiert neue Alben und schreibt drei Lebensratgeber, garniert mit den eigenen Erfahrungen.

Seine Songs klingen zwar immer noch ein wenig wie früher, aber sie sind persönlicher, handeln mehr vom Menschen als von Technik, All und Wüsten. Der Musiker ist nun gelassener. Immer noch will er sein verlorenes Jahrzehnt aufholen - aber nicht um jeden Preis. "Mein größter Erfolg ist", sagt Peter Schilling, "dass ich den Weg zurück in die Normalität gefunden habe."

Die Neue Deutsche Welle katapultierte etliche Bands in die Charts. In der Bildergalerie erinnert einestages an Stars und Sternchen - und verrät, was NDW-Musiker heute machen.

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