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Sodanns Bücher Ein ganzes Land in einer Lagerhalle

"Ich lasse mir doch meine Vergangenheit nicht nehmen", sagt der Schauspieler Peter Sodann trotzig. Seit Jahren sammelt der gebürtige Sachse Bücher aus der DDR. Alle. Nun hat er ein Problem.
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"Aha, 'Die Ästhetik des Sports' und hier Anna Seghers' ' Das siebte Kreuz', nicht schlecht, ha, und gucke hier: Erich Honecker, 'Aus meinem Leben', sogar mit Widmung." Peter Sodann kramt in der obersten Kiste eines Bücherturms. Das schwere Holztor der alten Scheune ist weit geöffnet, die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres leuchten die etwa zwanzig Kartons an, die sich im Eingangsbereich stapeln. "Das ist alles von den letzten zwei Tagen", sagt er in gepflegtem Sächsisch, "das geben die Leute hier ab."

Fünfundzwanzig Jahre ist es her, dass die DDR ihren Platz in der Geschichte gefunden hat. Viel ist nicht geblieben von der abgeschotteten Republik. Der Trabi, die Polytechnische Oberschule, die Volkseigenen Betriebe. Alles weg. Sogar ein Großteil der Bücher wurden dem kollektiven Wandel geopfert. Anfang der Neunzigerjahre landeten die Bände tonnenweise im Altpapier oder in den Öfen von Heizkraftwerken. Ganze Bestände aus Bibliotheken, Buchhandlungen, Verlagen wurden vernichtet, zum Teil noch druckfrisch. Die DDR sollte vergessen werden bis auf die Mauer, die Stasi und die Puhdys.

Der Nachlassverwalter

Doch in einem kleinen sächsischen Dorf stemmt man sich gegen die Totalauflösung. Hier in Staucha, einem Ort irgendwo zwischen Dresden und Leipzig, lagert die größte private Sammlung von Ost-Literatur. "Ich lasse mir doch meine Vergangenheit nicht nehmen", sagt der Nachlassverwalter trotzig. Das Motto wurde für den Schauspieler und ehemaligen "Tatort"-Kommissar zur Passion. Dafür hat Peter Sodann sogar sein Elternhaus verkauft. Alles gegen das Vergessen. "Es ist das Wissen eines ganzen Landes, das 45 Jahre da war und dann weggeschmissen worden ist. Aber das mach ich nicht." Das Sammelgebiet umfasst alles, was in der Zeit von 1945 bis 1989 - erst in der Sowjetischen Besatzungszone und dann der DDR - erschienen ist.

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Sodanns Bibliothek: Die DDR in Bananenkisten

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Die Bücher stammen meist aus Haushaltsauflösungen. Jeden Tag kommen neue Kisten an, die zunächst erst einmal geordnet und gesichtet werden müssen. Das macht eine Truppe aus Freiwilligen, Rentnern und Hartz-IV-Empfängern.

Ausschuss aus dem Westen

Rocko Timmich, Ende 30, ein durchtrainierter Muskelmann, der mal Maler und Lackierer war, ist jetzt als Ein-Euro-Jobber damit beschäftigt, die Bücherkisten vorzusortieren. Er hat sichtlich Spaß an der Aufgabe. "Es war ja nicht nur politische Literatur, sondern auch spannende Fachliteratur, und außerdem finde ich toll, dass das jemand sammelt." Während er das sagt, sortiert er immer wieder Bücher aus, legt sie auf einen Extrastapel. Eine Ausgabe von Agatha Christie von S. Fischer landet ebenso darin wie der Band "Bonsai - vom Grundkurs zum Meister". Das ist dann die West-Literatur. Die braucht hier keiner. Und so fliegt jetzt das, was einst mal heiß begehrt war, in die nächste Ausschusskiste. Wie sich die Zeiten ändern.

Überhaupt war die DDR ein Leseland. Wer nicht reisen konnte, träumte sich mit Hilfe von Büchern um die Welt. Und auf der Suche nach freien Gedanken, die den strengen Lektoren der Staatsverlage entgangen sein konnten, stöberte mancher Leser auch zwischen den Zeilen.

Wer gute Beziehungen hatte, also einen Buchhändler gut kannte, und ordentliche Tauschartikel zu bieten hatte, der konnte Romane und Bildbände bekommen, bevor sie je ins Schaufenster gestellt wurden. Genommen wurde dann alles, was die Verlage verlassen hat. Auf Rezensionen wollte man in der DDR nicht erst warten. Manchmal wurden die Bücher auch nach dem Erscheinen noch als subversiv eingestuft. Dann lieber gleich mitnehmen, sollte das Ding doch noch verboten werden. Seltene Bücher wurden herumgereicht, abgetippt oder gelesen, bis die Druckerschwärze verblichen ist.

Lücken im Bestand

"Wie der Stahl gehärtet wurde": Ein Standardwerk in Schulen der DDR

"Wie der Stahl gehärtet wurde": Ein Standardwerk in Schulen der DDR

Dann zeigt Peter Sodann, der Beinahe-Bundespräsident, einst Kandidat für die Linken, sein Lieblingsbuch: "Wie der Stahl gehärtet wurde". Ein Standardwerk der Ost-Lektüre, mit dem in der DDR Generationen von Schülern gequält wurden. Nach Einschätzung des Lexikons der Weltliteratur ein Werk, das bei der sozialistischen Bewusstseinsbildung der fortschrittlichen Jugend in der ganzen Welt eine bedeutende Rolle gespielt habe. "Am besten ist das Buch, in dem man in seinen eigenen Ansichten bestärkt wird, ist ja klar." In diesem Moment wirkt Peter Sodann wie ein Vertreter der Zeit seiner Bücher.

Dabei war der linke Querkopf in der DDR alles andere als linientreu. In den Sechzigerjahren saß er in Untersuchungshaft und wurde zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Sein Vergehen: Das Programm seines Studentenkabaretts wurde als konterrevolutionär eingestuft. Er hatte unter anderem einem Plüschtier das Zentralorgan der SED, "Neues Deutschland", in den Hintern geschoben.

In Sodanns Bibliothek fällt auch auf, dass noch etliche Lücken im Bestand klaffen. Nämlich bei den Verlagen, die auch mal was gewagt haben. Diese Bücher geben die Spender dann wohl doch nicht so leichtfertig weg wie die Marx-Engels-Gesamtausgabe. Und davon gibt es in Staucha mehr als genug. Weil das Gehöft jetzt schon mit mehr als einer halben Million Bänden an der Kapazitätsgrenze angelangt ist, hat Peter Sodann im zehn Kilometer entfernten Oschatz noch eine zweite Halle voller Bücher. Hier sind sie ausgerechnet in Bananenkisten eingelagert. Weil sich Bücher so gut darin transportieren lassen, meint der 79-Jährige. Der Treppenwitz der Geschichte. In den Bananenkisten des Westens schlummert das Wissen des Ostens.

25 Lkw-Ladungen

Doch mit der kostenfreien Unterkunft soll es nun vorbei sein. Die Immobilie wurde ihm bereits zum Ende des vergangenen Monats gekündigt. Aber Peter Sodann weiß nicht, wohin mit den Büchern.

Die Halle hat eine wechselvolle Geschichte. Auch die ist typisch für den Osten. Als noch Gut und Böse klar definiert waren, hatte hier der Iwan, vertreten durch die ruhmreiche Sowjetarmee, eine Militärbasis. Nach der Wende hatten Post und Telekom ein paar Millionen in das Gelände investiert, um dann irgendwann alles leer stehen zu lassen. Noch im vergangenen Jahr sollte die Rettung kommen. Ein niederländischer Investor, mit Adresse auf der Karibikinsel Curaçao, wollte hier alte Autoreifen recyceln. Der versprach dem Büchersammler Sodann angeblich lebenslanges Nutzungsrecht. "Nun wird der Holländer mit internationalem Haftbefehl gesucht, und ich soll weg hier." Wohin? Das steht in keinem Buch.

25 Lkw-Ladungen lagern in der Halle, und für den Fall des Räumungsbefehls droht Peter Sodann schon mal an: "Dann fahren wir alles in den Westen und dann fahren wir alles auf die Rhein-Brücken und dann schmeißen wir die ganzen Bücher in den Rhein." Und da liegt er dann, der Schatz der Ostdeutschen.

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