Theaterstück zum Auschwitz-Prozess "Wer den Stock berührte, kam ins Gas"

DPA

4. Teil: Auszug 3 - "Von 100 lebten nach einer Woche noch ein paar Dutzend


Richter: Frau Zeugin

wieviel Schreiberinnen waren in der Abteilung

Zeugin 5: Wir waren 16 Mädchen

Richter: Was hatten Sie zu tun

Zeugin 5: Wir hatten die Totenlisten zu führen

Das wurde Absetzen genannt

Wir mußten die Personalien

den Todestag und die Todesursache eintragen

Die Eintragungen mußten mit absoluter

Genauigkeit vorgenommen werden

Wenn etwas vertippt war

dann wurde Herr Broad furchtbar wütend

Richter: Wie waren die Karteien angeordnet

Zeugin 5: Da standen 2 Tische

Auf dem einen Tisch waren die Kästen

mit den Nummern der Toten

Dort konnten wir sehen

wieviele von einem Transport noch lebten

Von 100 lebten nach einer Woche

noch ein paar Dutzend

Richter: Wurden hier alle Todesfälle

die innerhalb der Lager eintraten

verzeichnet

Zeugin 5: Nur Häftlinge

die eine Nummer erhalten hatten

wurden in den Büchern geführt

Diejenigen die direkt von der Rampe

ins Gas geschickt wurden

kamen in keinen Listen vor

Richter: Was für Todesursachen hatten Sie zu verzeichnen

Zeugin 5: Die meisten Todesursachen die wir aufschrieben

waren fiktiv

Zum Beispiel durften wir nicht schreiben

Auf der Flucht erschossen

sondern Herzschlag

Und statt Unterernährung schrieben wir

Dysenterie

Wir mußten dafür sorgen

daß nicht 2 Häftlinge zur selben Minute starben

und daß die Todesursachen ihrem Alter entsprachen

Demnach durfte ein Zwanzigjähriger nicht

an Herzmuskelschwäche sterben

In der ersten Zeit wurden noch Briefe

an die Angehörigen geschrieben

Ankläger: Frau Zeugin

erinnern Sie sich an den Wortlaut der Briefe

Zeugin 5: Trotz aller medikamentöser Pflege

ist es leider nicht gelungen

das Leben des Inhaftierten zu retten

Wir sprechen Ihnen zu diesem großen Verlust

unser aufrichtiges Beileid aus

Auf Wunsch kann Ihnen die Urne

gegen Nachnahme von 15 Mark

zugestellt werden

Ankläger: Befand sich in dieser Urne

die Asche des Verstorbenen

Zeugin 5: In einer solchen Urne war Asche

von vielen Toten

Durch das Fenster konnten wir

die Leichenhaufen vor dem alten Krematorium sehen

Sie wurden aus Lastwagen gekippt

Ankläger: Können Sie uns Zahlen nennen

in diesem Zusammenhang mit den von Ihnen

verzeichneten Todesfällen

Zeugin 5: Wir arbeiteten 12 bis 15 Stunden am Tag

über den amtlichen Sterbebüchern

Es fielen bis zu 300 Tote pro Tag an



insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Steffen Rau, 20.12.2013
1.
Erschütternd... Ich finde, dieses Theaterstück sollte zum Pflichtprogramm an allen deutschen Schulen werden. AlsWarnung und ständiges lebendiges Mahnmal.
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