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18. Dezember 2013, 21:08 Uhr

Theaterstück zum Auschwitz-Prozess

"Wer den Stock berührte, kam ins Gas"

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Aus dem Gerichtssaal auf die Bühne: 1963 begann der Auschwitz-Prozess. Aus den 183 Verhandlungstagen destillierte der Dramatiker Peter Weiss ein erschütterndes Theaterstück. einestages erzählt die Entstehungsgeschichte und präsentiert bedrückende Passagen aus "Die Ermittlung".

Am 20. Dezember 1963 begann im Frankfurter Römer der erste Auschwitz-Prozess. 183 Verhandlungstage lang würde er dauern. Drei Richter und sechs Geschworene sollten in dieser Zeit vier Staatsanwälte, drei Nebenklagevertreter, 19 Verteidiger, 22 Angeklagte und 357 Zeugen anhören.

An einigen Tagen wohnte der Verhandlung auch ein stiller Beobachter auf der Zuschauertribüne bei. Ein unscheinbarer Mann von 47 Jahren, kurze braune Haare, auf der Nase eine große Brille, dahinter ein geduldiger Blick. Es war der Schriftsteller Peter Weiss.

Weiss selbst war als Jugendlicher nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit seiner Familie von Berlin - über Exilstationen in England, Prag und der Schweiz - nach Schweden ausgewandert. Sein Vater war ein zum Christentum übergetretener jüdischer Textilfabrikant, seine Mutter Schauspielerin.

Bis in Frankfurt der Auschwitz-Prozess begann, hatte es Peter Weiss mit ein paar autobiografischen Werken zu einigem Erfolg gebracht. Außerhalb von Literaturkreisen war sein Name in Deutschland allerdings nur wenigen bekannt. Das sollte sich bald ändern.

Es war das Jahr 1963, und eigentlich wollte sich Weiss - in Anlehnung an Dante - mit einer Art zweiten "Göttlichen Komödie" als Sprachkünstler verewigen, so steht es in einer der Biografien über den Schriftsteller. Doch dann wandelte sich das Projekt unter dem Eindruck des Prozesses.

An einem Tag im Jahr 1964, Weiss war gerade von Stockholm zur Verhandlung nach Frankfurt gereist, da notierte der Autor, er sah "Gepeinigte vor ihren Peinigern stehen, letzte Überlebende von denen, die sie zur Tötung bestimmt hatten".

Auschwitz in elf Gesängen

Es muss irgendwann in dieser Zeit gewesen sein, als Weiss eine Entscheidung traf: Er würde kein Sprachkunstwerk in der Nachfolge der "Göttlichen Komödie" verfassen, sondern den Auschwitz-Prozess zum Theaterstück machen. "Die Ermittlung" sollte eine Dokumentation des Schreckens werden.

Die Personen, die in dem Stück auftreten, heißen "Zeugin 4", "Angeklagter 17" oder "Richter". Ihre Dialoge sind nackte Fakten - genau so, wie sie bei der Gerichtsverhandlung zur Sprache kamen. Dennoch ist "Die Ermittlung" keine bloße Wiedergabe, das Stück bricht mit der Reihenfolge des Prozesses, verdichtet die zahllosen Zeugenaussagen zu elf "Gesängen" - "von der Rampe", "von der schwarzen Wand", "vom Zyklon B". Es ist ein Destillat des Konzentrationslager-Prozesses.

Zu dem Theatertext kam Weiss, indem er vor allem zuhörte. Stundenlang harrte der Schriftsteller im März und April 1964 auf dem Zuhörerrang in Frankfurt aus und notierte Aussagen des Prozesses.

Später, im Dezember 1964, nutzte Weiss außerdem einen Ortstermin des Frankfurter Gerichts, um das Vernichtungslager mit eigenen Augen zu sehen. Als Ergänzung zu seinen eigenen Aufzeichnungen sollen Weiss außerdem Gerichtsmitschriften und Artikel des Journalisten Bernd Naumann geholfen haben, der für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" viele Abschnitte der Verhandlung detailliert wiedergab.

Dass es eine Gratwanderung werden würde, aus den Tatsachenberichten der Auschwitz-Überlebenden ein literarisches Kunstwerk zu machen, war auch Weiss klar. Noch immer kursierte in Intellektuellenkreisen der Satz des Philosophen Theodor Adorno: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" - und Weiss war gerade dabei, ein Theaterstück über das Vernichtungslager zu verfassen. Er versuchte sich deshalb als Dokumentar und Dramatiker zugleich, die Aussagen sollten so weit wie möglich in ihrer Rohform belassen werden.

Dem Text ist daher eine längere Regieanweisung von Weiss vorangestellt. Dort steht, dass es vermieden werden sollte, "den Gerichtshof, vor dem die Verhandlungen über das Lager geführt wurden, zu rekonstruieren". Denn das sei "ebenso unmöglich wie (...) die Darstellung des Lagers auf der Bühne".

Am 19. Oktober 1965 schließlich wurde das Stück parallel auf 15 Bühnen in der Bundesrepublik und der DDR uraufgeführt. Der SPIEGEL schrieb damals: "In dieser Woche wird das zweigeteilte Deutschland zu einer einzigen moralischen Anstalt."

Ästhetisierung des Holocausts

Weiss' Stück war dabei keineswegs unumstritten: Einige Feuilletonisten warnten vor der "Ästhetisierung" des Holocausts. Die "Frankfurter Rundschau" gab zu bedenken: "Was ausgelöst wird, ist eine Mischung von Schock und Ermüdung, also alles andere als eine nützliche Voraussetzung für richtiges Denken und Handeln."

Auch wenn Peter Weiss darauf bestand, das Stück ungekürzt aufzuführen, wurde in Ost-Berlin das Plädoyer eines Angeklagten für die Prügelstrafe gestrichen, in West-Berlin der Bericht, wie ein Häftling gezwungen wurde, sein eigenes Erbrochenes zu essen. Und die Bühne in Essen verzichtete bei der Aufzählung deutscher Industriefirmen, die Auschwitz-Häftlinge als billige Arbeitskräfte beschäftigt haben, auf den Namen Krupp.

Fertiggestellt wurde das Stück noch vor dem Frankfurter Richterspruch - und endet daher ohne Urteilsverkündung, sondern mit einem verstörenden Schlusswort von Robert Mulka, ehemaliger SS-Hauptstürmführer, Adjutant des Lagerkommandanten Rudolf Höß und "Angeklagter 1" in Weiss' Stück:

"Wir alle / das möchte ich nochmals betonen / haben nichts als unsere Schuldigkeit getan / selbst wenn es uns oft schwer fiel / und wenn wir daran verzweifeln wollten / Heute / da unsere Nation sich wieder / zu einer führenden Stellung / emporgearbeitet hat / sollten wir uns mit anderen Dingen befassen / als mit Vorwürfen / die längst als verjährt / angesehen werden müßten".

Doch das Stück braucht kein Urteil am Ende. In seiner Kargheit ist "Die Ermittlung" selbst Anklage und Richterspruch in einem. Lesen Sie auf den folgenden Seiten Auszüge aus dem Theatertext von Peter Weiss.

Auszug 1 - "In der Mitte lagen die Stärksten"

Zeuge 3: Mit Nadelstempeln wurden uns die Ziffern

in die Haut gestochen

Dann wurde Tusche hineingerieben

Die Haare wurden uns abgeschoren

wir kamen unter kalte Duschen

Zum Schluß wurden wir eingekleidet

Richter: Woraus bestand die Kleidung

Zeuge 3: Aus einer löchrigen Unterhose

einem Unterhemd

einer zerrissenen Jacke

einer geflickten Hose

einer Mütze

und einem Paar Holzschuhe

Dann begaben wir uns im Laufschritt

zu unserm Block

Richter: Wie sah der Block aus

Zeuge 3: Eine Holzbaracke ohne Fenster

Vorn und hinten eine Tür

Oberlichtklappen unter dem schrägen Dach

Rechts und links dreistöckige Pritschen

Die untere Schlafstätte zu ebener Erde

Die Pritschen von gemauerten

Zwischenwänden getragen

Länge der Baracke etwa 40 Meter

Richter: Wieviele Häftlinge

waren dort untergebracht

Zeuge 3: Der Belegraum war für 500 Menschen berechnet

Wir waren dort 1000 Mann

Richter: Wieviele solcher Baracken gab es

Zeuge 3: Über 200

Richter: Wie breit waren die Pritschen

Zeuge 3: Etwa 1,80 Meter breit

Auf jeder Pritsche lagen 6 Mann

Sie mußten abwechselnd auf der rechten

und auf der linken Seite liegen

Richter: Gab es Stroh oder Decken

Zeuge 3: Manche Pritschen hatten Stroh

Das Stroh war verfault

Von den oberen Pritschen rieselte das Stroh

auf die unteren Pritschen herab

Für jede Pritsche gab es eine Decke

Daran zog abwechselnd der eine der außen lag

und dann der andere

In der Mitte lagen die Stärksten

Richter: Wie waren die Baracken geheizt

Zeuge 3: Es gab 2 eiserne Öfen

von den Öfen aus liefen Rohre

zum Schornstein in der Mitte

Die Rohre waren ummauert

Diese Ummauerungen dienten als Tische

Die Öfen waren nur selten geheizt

Richter: Wie waren die sanitären Einrichtungen

Zeuge 3: In der Waschbaracke befanden sich Holztröge

mit einem durchlöcherten Eisenrohr darüber

Aus dem Rohr tröpfelte das Wasser

In der Latrine standen lange Betonbecken

darauf lagen Bretter mit runden Öffnungen

200 Personen konnten auf einmal Platz nehmen

Das Latrinenkommando paßte auf

daß niemand zu lange saß

Die Leute des Kommandos schlugen

mit Stöcken zwischen die Häftlinge

um sie wegzujagen

Bei manchen ging es aber nicht so schnell

und vor Anstrengung trat ihnen der Mastdarm

ein Stück hervor

Auszug 2 - "Der heilige Dr. Kaduk"

Zeuge 3: Dies ist Herr Kaduk

Der Angeklagte 7 grinst den Zeugen an

Kaduk wurde von den Häftlingen

Professor genannt

oder

Der heilige Dr. Kaduk

weil er selbstständig Aussonderungen vornahm

Mit dem Griff seines Stocks

fischte er sich die Opfer

am Hals oder am Bein heraus

Angeklagter 7: Herr Direktor

Diese Behauptung ist unwahr

Zeuge 3: Ich war dabei

als Kaduk Hunderte von Häftlingen

aus der Krankenstation holen ließ

Sie mußten sich in der Wäscherei ausziehen

und in einer Reihe

an Kaduk vorbeilaufen

Er hielt den Spazierstock in der Höhe

von etwa einem Meter vor sie hin

Sie mußten darüber springen

Wer den Stock berührte

kam ins Gas

Wem der Sprung über den Stock gelang

wurde geschlagen bis er zusammenbrach

Jetzt spring noch einmal

rief Kaduk

und zum zweiten Mal

gelang es nicht mehr

Angeklagter 7: Ich habe keine Häftlinge ausgesondert

Ich habe nichts entschieden

Da war ich gar nicht zuständig

Richter: Wozu waren Sie denn zuständig

Angeklagter 7: Ich hatte nur zur Bewachung

bei Aussonderungen zugegen zu sein

Da habe ich aufgepaßt wie ein Luchs

daß von den Ausgesonderten

niemand mehr herüberwechselte

zur arbeitsfähigen Gruppe

Richter: Hatten Sie Dienst auf der Rampe

Angeklagter 7: Ja

Da hatte ich den Gruppenverkehr

zu regeln

Richter: Wie machten Sie das

Angeklagter 7: Alle raustreten

Gepäck auf die Rampe

Antreten zu fünft

Vorwärts marsch

Zeuge 3: Kaduk schoß wahllos

in die Leute hinein

Angeklagter 7: Wahllos zu schießen

wäre mir nicht eingefallen

Hätte ich schießen wollen

dann hätte ich auch getroffen

den ich aufs Korn nahm

Scharf war ich

das kann ich schon sagen

Aber ich habe nur getan

was ich tun mußte

Auszug 3 - "Von 100 lebten nach einer Woche noch ein paar Dutzend

Richter: Frau Zeugin

wieviel Schreiberinnen waren in der Abteilung

Zeugin 5: Wir waren 16 Mädchen

Richter: Was hatten Sie zu tun

Zeugin 5: Wir hatten die Totenlisten zu führen

Das wurde Absetzen genannt

Wir mußten die Personalien

den Todestag und die Todesursache eintragen

Die Eintragungen mußten mit absoluter

Genauigkeit vorgenommen werden

Wenn etwas vertippt war

dann wurde Herr Broad furchtbar wütend

Richter: Wie waren die Karteien angeordnet

Zeugin 5: Da standen 2 Tische

Auf dem einen Tisch waren die Kästen

mit den Nummern der Toten

Dort konnten wir sehen

wieviele von einem Transport noch lebten

Von 100 lebten nach einer Woche

noch ein paar Dutzend

Richter: Wurden hier alle Todesfälle

die innerhalb der Lager eintraten

verzeichnet

Zeugin 5: Nur Häftlinge

die eine Nummer erhalten hatten

wurden in den Büchern geführt

Diejenigen die direkt von der Rampe

ins Gas geschickt wurden

kamen in keinen Listen vor

Richter: Was für Todesursachen hatten Sie zu verzeichnen

Zeugin 5: Die meisten Todesursachen die wir aufschrieben

waren fiktiv

Zum Beispiel durften wir nicht schreiben

Auf der Flucht erschossen

sondern Herzschlag

Und statt Unterernährung schrieben wir

Dysenterie

Wir mußten dafür sorgen

daß nicht 2 Häftlinge zur selben Minute starben

und daß die Todesursachen ihrem Alter entsprachen

Demnach durfte ein Zwanzigjähriger nicht

an Herzmuskelschwäche sterben

In der ersten Zeit wurden noch Briefe

an die Angehörigen geschrieben

Ankläger: Frau Zeugin

erinnern Sie sich an den Wortlaut der Briefe

Zeugin 5: Trotz aller medikamentöser Pflege

ist es leider nicht gelungen

das Leben des Inhaftierten zu retten

Wir sprechen Ihnen zu diesem großen Verlust

unser aufrichtiges Beileid aus

Auf Wunsch kann Ihnen die Urne

gegen Nachnahme von 15 Mark

zugestellt werden

Ankläger: Befand sich in dieser Urne

die Asche des Verstorbenen

Zeugin 5: In einer solchen Urne war Asche

von vielen Toten

Durch das Fenster konnten wir

die Leichenhaufen vor dem alten Krematorium sehen

Sie wurden aus Lastwagen gekippt

Ankläger: Können Sie uns Zahlen nennen

in diesem Zusammenhang mit den von Ihnen

verzeichneten Todesfällen

Zeugin 5: Wir arbeiteten 12 bis 15 Stunden am Tag

über den amtlichen Sterbebüchern

Es fielen bis zu 300 Tote pro Tag an

Auszug 4 - "Frau Zeugin, leiden Sie unter Gedächtnisstörungen?"

Richter: Frau Zeugin

Sie verbrachten einige Monate

im Frauenblock Nummer Zehn

in dem medizinische Experimente

vorgenommen wurden

Was können Sie uns darüber berichten

Zeugin 4: schweigt

Richter: Frau Zeugin

es ist uns verständlich

daß Ihnen die Aussage schwerfällt

und daß Sie lieber schweigen möchten

Doch bitten wir Sie

Ihr Gedächtnis nach allem zu erforschen

was Licht wirft auf die Vorkommnisse

die hier zur Behandlung stehen

Zeugin 4: Wir waren dort etwa 600 Frauen

Professor Clauberg leitete die Untersuchungen

Die übrigen Ärzte des Lagers

erstellten das Menschenmaterial

Richter: Wie gingen die Versuche vor sich

Zeugin 4: schweigt

Verteidiger: Frau Zeugin

leiden Sie an Gedächtnisstörungen

Zeugin 4: Ich bin seit dem Aufenthalt im Lager

krank

Verteidiger: Wie äußert sich Ihre Krankheit

Zeugin 4: Schwindelanfälle und Übelkeit

Kürzlich in der Toilette mußte ich mich erbrechen

da roch es nach Chlor

Chlor wurde über die Leichen geschüttet

Ich kann mich nicht in verschlossenen

Räumen aufhalten

Keine Gedächtnisschwächen

Ich möchte vergessen

aber ich sehe es immer wieder vor mir

Ich möchte die Nummer an meinem Arm

entfernen lassen

Im Sommer

wenn ich ärmellose Kleider trage

starren die Leute darauf

und da ist immer der selbe Ausdruck

in ihrem Blick

Verteidiger: Was für ein Ausdruck

Zeugin 4: Von Hohn

Verteidiger: Frau Zeugin

fühlen Sie sich immer noch verfolgt

Zeugin 4: schweigt

Richter: Frau Zeugin

an was für Versuche erinnern Sie sich

Zeugin 4: Da waren Mädchen

im Alter von 17 bis 18 Jahren

Sie waren zwischen den gesundesten Häftlingen

ausgesucht worden

An ihnen wurden Experimente

mit Röntgenstrahlen durchgeführt

Richter: Was waren das für Experimente

Zeugin 4: Die Mädchen wurden

vor den Röntgenapparat gestellt

Je eine Platte wurde an ihrem Bauch

und an ihrem Gesäß befestigt

Die Strahlen wurden auf den Eierstock gerichtet

der so verbrannt wurde

Dabei entstanden am Bauch und am Gesäß

schwere Brandwunden und Geschwüre

Richter: Was geschah mit den Mädchen

Zeugin 4: Innerhalb von 3 Monaten

wurden mehrere Operationen

an ihnen vorgenommen

Richter: Was waren das für Operationen

Zeugin 4: Die Eierstöcke und die Geschlechtsdrüsen

wurden ihnen entfernt

Richter: Starben die Patientinnen

Zeugin 4: Wenn Sie nicht im Verlauf der Behandlung starben

so starben sie bald danach

Nach ein paar Wochen hatten sich die Mädchen

völlig verändert

Sie erhielten das Aussehen von Greisinnen

Auszug 5 - "Jetzt haben wir das Gas"

Zeuge 3: Am 3. September 1941

wurden im Bunkerblock

die ersten Versuche

von Massentötungen

durch das Gas Zyklon B

vorgenommen

Sanitätsdienstgrade und Wachmannschaften

führten etwa 850 sowjetische Kriegsgefangene

sowie 220 kranke Häftlinge

in den Block Elf

Nachdem man sie in die Zellen

geschlossen hatte

wurden die Fenster mit Erde zugeschüttet

Dann wurde das Gas

durch die Lüftungslöcher eingeworfen

Am nächsten Tag wurde festgestellt

daß einige noch am Leben waren

Infolgedessen schüttete man

eine weitere Portion Zyklon B ein

Am 5. September wurde ich

zusammen mit 20 Häftlingen der Strafkompanie

sowie einer Reihe von Pflegern

in den Block Elf befohlen

Es wurde uns gesagt

daß wir zu einer besonderen Arbeit

anzutreten hätten

und bei Todesstrafe

niemandem von dem was wir dort sahen

berichten dürften

Es wurde uns auch eine vergrößerte Ration

nach der Arbeit versprochen

Wir erhielten Gasmasken

und mußten die Leichen

aus den Zellen holen

Als wir die Türen öffneten

sanken uns die prall aneinandergepackten

Menschen entgegen

Sie standen noch als Tote

Die Gesichter waren bläulich verfärbt

Manche hielten Büschel von Haaren

in ihren Händen

Es dauerte den ganzen Tag

bis wir die Leichen

voneinander gelöst

und draußen im Hof

aufgeschichtet hatten

Am Abend kam der Kommandant

und sein Stab

Ich hörte den Kommandanten sagen

Jetzt bin ich doch beruhigt

Jetzt haben wir das Gas

und alle diese Blutbäder

bleiben uns erspart

Und auch die Opfer können bis zum letzten Moment

geschont werden


Zum Weiterlesen:

Peter Weiss: "Die Ermittlung: Oratorium in 11 Gesängen". Suhrkamp Verlag, Berlin 1991, 240 Seiten.

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