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Pinball-König Roger Sharpe - der Mann, dem die Kugeln vertrauen

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Wie Roger Sharpe das Flippern rettete Ab durch die Mitte - der perfekte Schuss

Über Jahrzehnte war Pinball in vielen US-Regionen verboten. 1976 musste Roger Sharpe, ein Magier des Flipperns, beweisen, dass es um Geschick statt Glück geht. Er spielte das Spiel seines Lebens.

Auf Roger Sharpe wartet jetzt dieser eine Schuss. Den stickigen Saal der New Yorker Stadtverwaltung füllen Schaulustige, Reporter und Kamerateams, er spürt die Blicke der skeptischen Stadträte und auch, unsichtbar, alle Augen der Flipperspieler des Landes. Die rechte Hand hat er am Abzug und fühlt den Flipperkolben, mit der eisernen Feder wird er den Ball ins Spiel schießen. Vor ihm blinkende Lichter, Reflektoren, Dioden - ein ganzer Jahrmarkt unter einer Glasscheibe. Sharpe spannt den Kolben, wartet, lässt los.

"Ich war nicht nervös", sagt er Jahrzehnte später und lacht. "Ich war ganz ruhig. Ich war, bei aller Bescheidenheit, ein sensationeller Spieler."

Als Sharpe 1976 am Flipper steht, ist Pinball offiziell verboten. In den Nachwehen der Prohibition, des Alkoholverbotes von 1920 bis 1933, wandten sich die Gesetzesmacher anderen vermeintlichen Lastern der Bevölkerung zu. Darunter: Glücksspiel. Einarmige Banditen und andere Münzwurfspiele wurden verboten, der Bann erstreckte sich auch auf die harmlos anmutenden Flipperautomaten. Die Pinball-Industrie, wütete New Yorks Bürgermeister Fiorello LaGuardia, verdiene Millionen, "indem sie den Schulkindern die Nickel aus den Taschen stiehlt, die fürs Essen gedacht waren".

Von Kirchen und Schulen hörte man Ähnliches: Kinder würden animiert, zu stehlen und die Schule zu schwänzen, um Zeit und Geld am Flipper zu vergeuden. 1942 verbot LaGuardia die Maschinen. Flipper wurden konfisziert oder gleich pressewirksam mit Vorschlaghämmern zertrümmert, zahlreiche Städte und Staaten der USA folgten dem New Yorker Beispiel. Offiziell erlaubt blieb das Spiel nur in Casinos mit Glücksspiellizenz. Aber wer geht dort schon hin, um zu flippern?

"Symbiose zwischen mir und der Maschine"

So braucht es etwas Glück und Zufall, damit aus Sharpe der Größte seines Sports wird. Zum Studium zieht es ihn aus Chicago ins ländliche Wisconsin, wo Flipperautomaten legal sind. Eines Tages sieht er in einem Diner einen Mitstudenten flippern. "Es war eine Offenbarung", so Sharpe. "Er aß einen Burger, Pommes, trank eine Coke, rauchte nebenher. Alles während er die Kugel im Flipper hielt." Sharpe dämmert, dass der wild blinkende, klingelnde Automat mehr ist als ein Glücksspiel. "Mir wurde bewusst: Es geht um Geometrie. Um Winkel und Linien, um Timing." Als der Mitstudent zurück in die Uni muss, überlässt er Sharpe die übrigen Bälle - "sie waren weg, noch bevor er das Gebäude verlassen hatte".

Trotz des missglückten Starts: Von nun an zieht es Sharpe wieder und wieder zum Flipper. Und er lernt schnell. Jetzt ergeben die Schusslinien der Bälle Sinn, er steuert den kleinen Eisenball nach Belieben durch das blinkende Labyrinth, in dem er mehr erkennt als nur eine Ansammlung neonfarbener Hindernisse. Es ist, als hätte man Michael Jordan einen Basketball zugeworfen. Von "einer Verbindung" spricht Sharpe, "einer Symbiose zwischen mir und der Maschine". Zu dieser Zeit gibt es keinerlei Profistrukturen, keine Ligen, niemand weiß, wer wo wie flippert. Doch wer Sharpe spielen sieht, ahnt: Einen besseren Pinballspieler zu finden, dürfte schwierig werden.

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Nach dem Studium zieht Sharpe nach New York. Dort ist Anfang der Siebzigerjahre Pinballspielen noch immer verboten, wo es überhaupt Automaten gibt, stehen sie illegal in Sex-Shops oder den dunkelsten Ecken von Spelunken - "ich kam vom Überfluss in die Hungersnot. Ich sehnte mich nach Pinball". Beim "GQ"-Magazin, wo Sharpe als Redakteur anfängt, schreibt er mehrere Artikel und spricht für ein Buchprojekt mit Herstellern und anderen Spielern über die Kunst des Flipperns. Auf Glücksspielmessen kann er wieder am Flipper stehen, im Alltag nicht, ein Automat für zu Hause ist zu teuer.

Eines Tages hört er einen altbekannten metallischen Singsang: "Es gab einen Buchladen für Erwachsene auf meinem Arbeitsweg. Ich hörte ein vertrautes Geräusch, drehte mich schlagartig um und ging in den Laden. Dort standen drei oder vier Flipper an der Wand, ich begann sofort zu spielen. Dies war der Ort, an dem ich wieder täglich flippern konnte. Bis ich in den Laden kam und die Automaten von der Polizei in ihre Einzelteile zerlegt vorfand."

Es sieht einfach zu einfach aus

Der Künstler und sein Instrument, es soll wohl nicht sein. Was Sharpe nicht weiß: Das Verbot steht auf der Kippe. Die Amusement & Music Operators Association (AMOA), eine Vereinigung von Spielautomatenherstellern, hat lobbyiert, ein Stadtrat bringt einen Gesetzentwurf zur Legalisierung ein. Nur: Jemand muss die übrigen Stadträte davon überzeugen, dass Flippern ein Geschicklichkeitsspiel ist, kein Glücksspiel. Also kontaktiert die AMOA Sharpe - Messen machten ihn bekannt als den Mann mit der legendären Hand-Auge-Koordination, als Magier, dem die Bälle stets gehorchen.

Sharpe zaudert nicht lange. Und so steht er am 2. April 1976 im Anhörungssaal, in der rechten Hand das Schicksal eines ganzen Sports. Sharpe, 28, hat einen Vortrag über das A und O des Flipperns gehalten, Timing, Geometrie, Winkel und Linien. Dann hat er ein paar Bälle gespielt, das Ziel angesagt und den Ball exakt dorthin geschossen. Aber die Stadträte bleiben skeptisch. Sharpe ist so gut, dass es zu einfach aussieht, ganz selbstverständlich statt nach Können. "Ich glaube, durch das Repetitive der Schüsse haben sie es nicht verstanden", erzählt Sharpe. Die Legalisierung, sie steht auf der Kippe - "es brauchte diesen einen großen Moment, der sie wirklich beeindrucken würde".

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Also fordert er das Schicksal heraus. Und hält inne. "Pinball ist ein wunderbares Spiel", sagt er den Stadträten. "Nicht nur für die beiden Flipperhebel braucht man Geschicklichkeit, sogar für den Anstoß der Bälle, von denen man nur fünf hat. Ich werde jetzt den Kolben so ziehen, dass der Ball exakt in der mittleren der fünf möglichen Bahnen nach unten kommt."

Es ist ein Schuss, der unmöglich scheint. Schießt man den Ball in den Flipper, prallt er auf ein gummiertes Hindernis und kommt dann scheinbar unberechenbar zwischen den Hindernissen in einer der fünf Bahnen ins Spiel. Sharpe will die Sprungfeder des Kolbens beherrschen, ebenso das Hindernis am Ende der Einschussbahn. Er will beweisen, dass Flippern kein Zufall ist, obwohl das gesamte Spiel für Laien danach aussieht.

Eine Gasse für die Geschicklichkeit

Im Saal ist es still und Sharpe ganz ruhig. "Ich zog den Kolben, ließ ihn los, der Ball schnellte hoch, gegen das Gummi und kam in einem wunderbaren Bogen durch die mittlere Gasse runter, wie vorhergesagt." Die Stadträte staunen, der zuvor skeptischste ergreift das Wort. "Er sagte: 'Alles klar, das ist genug. Wir haben genug gesehen'." Sie beenden die Anhörung - und kippen das Verbot.

Sharpe ist der Held der Szene und prägt sie fortan entscheidend mit. Flipperautomaten stehen bald allerorten, immer mehr Menschen spielen, in den gesamten USA entstehen Ligen. Mit Gleichgesinnten gründet Sharpe einen Flipper-Verband und richtet Turniere aus; die Weltrangliste führt er auf dem Zenit seines Könnens einsam an. Auch den Job bei "GQ" hängt er an den Nagel, arbeitet im Bereich der Spielautomaten und designt mehrere Flipper, darunter den "Sharpshooter", den eine Sharpe-Karikatur ziert.

Das Pinballspielen wird zum Zentrum seines Lebens, zeitweise hat er 25 Flipperautomaten zu Hause. Wenn seine Söhne Josh und Zach als Kleinkinder schreien, nimmt er sie auf den Arm und flippert, bis sie auf seinem Arm einschlafen, gebannt von den Lichtern und Tönen, von diesem Jahrmarkt unter Glas. So wird aus dem besten Flipperspieler die erste Flipperfamilie des Landes. Auch Josh und Zach haben die Weltrangliste angeführt, aktuell sind sie Nummer 32 und 44 .

Der Mann, der den Flipperautomaten rettete, spielt heute viel seltener. Die Augen sind nicht mehr so gut, ebenso die Reflexe. Aber natürlich, manchmal geht Roger Sharpe in den Keller, um der alten Zeiten willen. "Sie werden spärlicher, aber es gibt sie noch", sagt er. "Die seltenen Momente, wenn die Pinballmaschine und ich plötzlich den gleichen Biorhythmus haben." Er lächelt. "Es ist magisch."

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