Pippi Langstrumpf wird 70 Krummeluspillen für alle!

Die Geschichten um das frechste und stärkste Mädchen der Welt - 1945 erschien "Pippi Langstrumpf" erstmals als Buch. Eine Liebeserklärung an die sommersprossige Anarchistin.

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Pippi hat Geburtstag - und lässt es richtig krachen. Gemeinsam mit Thomas und Annika, den braven Nachbarskindern, verschlingt sie gigantische Krapfen. Eine geleerte Tasse setzt sie sich auf den Kopf, so dass der Rest Kakao an ihren Schläfen herunterrinnt. Als die drei satt sind, nimmt Pippi das Tischtuch mitsamt Geschirr und stopft alles in eine Kiste. Die Kinder spielen "Nicht den Boden berühren", das Pferd "Kleiner Onkel" steht stoisch im Wohnzimmer. Viel zu schnell verstreicht der Nachmittag, bis Thomas und Annika von ihrem Papa abgeholt werden.

Hey Pippi, warum hast du mich nicht eingeladen zu deinem Geburtstag? Ich hätte bestimmt länger bleiben dürfen als Thomas und Annika. Und das Büchlein mit der Episode "Pippi hat Geburtstag" kenne ich in- und auswendig. Schließlich bist du die Heldin meiner Kindheit, meine ganz persönliche Superwoman.

Was für ein Glücksfall, dass Astrid Lindgren die Geschichten rund um dich nicht nur ihrer damals lungenkranken Tochter Karin erzählt, sondern auch aufgeschrieben hat! Die Widmung im Exemplar, das Karin damals von Astrid Lindgren bekommen hat, ist auf den 26. November 1945 datiert. Womit die Welt entschieden hat, ausgerechnet heute deinen Geburtstag zu feiern. Obwohl du, Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, doch eigentlich jeden Tag gefeiert gehörst.

"Pippi darf das doch auch!"

Tag für Tag verzaubern deine Abenteuer Millionen von Kindern in aller Welt: Sie klettern mit dir in den Limonadenbaum vor der Villa Kunterbunt. Kaufen 18 Kilo Bonbons im Tante-Emma-Laden. Finden mit dir den ominösen Spunk. Befreien deinen Vater Efraim Langstrumpf, der heute nicht mehr "Negerkönig" heißen darf, im fernen Taka-Tuka-Land aus den Klauen der Seeräuber.


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  • Millionen von Kindern gäben alles darum, dich als beste Freundin zu haben. Als ich klein war, bin ich noch weiter gegangen: Ich wollte genau so sein wie du. Kaum ein Faschingsfest, an dem ich nicht als Pippi gegangen wäre. Meine drei Brüder haben sich hellbraune Cowboy-Westen oder orangefarbene Indianer-Kostüme übergestreift - ich bin in Ringelsocken geschlüpft. Eine rot-weiß, die andere grün-gelb. Jahr für Jahr.

    Meine Mutter musste mir Draht in die Zöpfe wickeln, der nie, nie, nie hielt. Mit Kajal habe ich mir dicke Sommersprossen ins Gesicht gemalt. Doch außer dieser unleugbaren Rechenschwäche hatte ich wenig gemein mit dir. Mein Zwillingsbruder kloppte sich mit Größeren, blieb sitzen, begehrte auf; er übernahm den Anarcho-Pippi-Part.

    Und jetzt ist es meine Tochter.

    Gerade mal ein Zehntel so alt wie du jetzt - aber genauso naseweis und empathisch, so wild und unangepasst. Selten ordentlich gekämmt, fast nie mit sauberen Klamotten. "Pippi darf das doch auch!", sagt ihr erstaunter Blick, wenn es wieder Ärger gibt, weil sie mit den Fingern die Sahnetorte isst. Wenn sie vom Tisch aufs Sofa springt. An der frischgestrichenen Küchenwand die wunderschöne Zahl 14 verewigt. Oder nach der Pause zu spät im Unterricht erscheint.

    "Fantasie eines Irren"? Irre mutig!

    Habe ich ihr in meiner Begeisterung zu viele Geschichten von dir vorgelesen? Ihr zu oft die DVD mit deinen grandiosen Heldentaten vorgeführt? Zu viel Pippi, das weiß ich spätestens seit der Einschulung, kann schwierig sein. Unbequem und nervig, zumindest für Eltern, Erzieher, Lehrer, für Autoritäten aller Art.

    Als regelrecht krankhaft schalt dich John Landquist in der Zeitung "Aftonbladet" damals vor 70 Jahren: "Kein normales Kind", schrieb der schwedische Professor für Pädagogik und Psychologie, "isst eine ganze Sahnetorte auf oder geht barfuß auf Zucker. Beides erinnert an die Fantasie eines Irren."

    Irre? Eher irre mutig war Astrid Lindgren, als sie dich erfand - Jahrzehnte bevor Pädagogen die antiautoritäre Erziehung zum Nonplusultra verklärten.

    Denn du bist ja nicht nur das frechste, verrückteste und stärkste Mädchen der Welt. Du bist zu allem Überfluss auch noch unfassbar großzügig und gerecht, eine Art weiblicher Robin Hood. Dem Einbrecher Donner-Karlsson hast du Goldstücke geschenkt, den fiesen Jungen, der einen Schwächeren geärgert hat, kurzerhand auf den Baum gewuchtet.

    Und schließlich hast du ein Wundermittel erfunden, das uns allen gut täte: die Krummelus-Pille! "Lieber kleiner Krummelus, niemals will ich werden gruß", hast du gemeinsam mit Thomas und Annika gemurmelt und eine erbsenartige Medizin verschluckt. Es ist dir geglückt, lieber Pippi-Punk: du bist unsterblich geworden. Niemals groß und vernünftig, immer klein. Frech. Unbequem. Nervig. Und wundervoll.

    Herzlichen Glückwunsch!

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