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Piratenalarm: Käptn Blackbeards marodes Flaggschiff

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Kapitän Blackbeards Piratenschiff Der Schrecken der Karibik war ein schwimmendes Wrack

Die "Queen Anne's Revenge" war das Flaggschiff des berüchtigten Piraten Blackbeard, ihr Rumpf voller Bleiflicken. Sie verraten, wie schlimm es um den Dreimaster stand - und warum er auf Grund lief.

Edward Teach, besser bekannt als Blackbeard, war einer der gefürchtetsten Piraten seiner Zeit. Sobald die Masten seines Flaggschiffs am Horizont auftauchten, zitterten die Kapitäne der Sklaven- und Handelsschiffe vor Furcht. Umso unrühmlicher war das Ende, das der berüchtigte Pirat seiner "Queen Anne's Revenge" vor der Küste von North Carolina bereitete: Am 10. Juni 1718 setzte er das Schiff nach erfolgreicher Blockade des Hafens von Charles Town in den Untiefen des Beaufort Channels auf Grund und ließ es zurück, mitsamt einem Teil der Mannschaft. Blackbeard floh mit dem Großteil der wertvollen Beute.

Doch die Havarie war vermutlich kein Unfall - sie könnte mit voller Absicht geschehen sein, wie der Archäologe Jeremy Borrelli jetzt bei Untersuchungen von Funden aus dem Wrack feststellte. Denn die stolze "Queen Anne's Revenge", einst der Schrecken der Karibik und der amerikanischen Ostküste, war zu dieser Zeit schon ein schwimmendes Wrack. Und Blackbeard wohl heilfroh, sie los zu sein.

Borrelli forscht an der East Carolina University in Greenville. Auf die Spur des Piraten brachten ihn zahlreiche Bleiflicken, die über Jahre bei Tauchgängen zum Wrack gefunden worden waren. Solche Flicken, berichtet der Wissenschaftler im "International Journal of Nautical Archaeology", dienten als Notpflaster zum Abdichten von Lecks - sie waren üblich an stark beanspruchten Schiffen wie der "Queen Anne's Revenge". Die ältesten bekannten Bleiflicken stammen vom Porticello-Wrack, das schon um 400 vor Christus in der Straße von Messina versunken war. Und Lecks bekam früher oder später unweigerlich jedes seetaugliche Gefährt.

Denn auch wenn ein Schiff ins Wasser gehört, beginnt schon mit dem ersten Wellenkontakt seine Zerstörung. Binnen weniger Minuten im Wasser bildet sich auf der Oberfläche des Rumpfes ein schleimiger Film aus Bakterien und anderen Mikroorganismen. Sie beginnen sofort mit der Zersetzung und bereiten den Weg für weiteres Leben: Nach drei Wochen ist das Holz so angegriffen, dass Rankenfußkrebse und Muscheln sich festsetzen und zusätzliche Schäden verursachen können. Übt dann noch der Seegang starken Druck auf die Planken aus, dringt durch Risse bald Seewasser ein.

Blei war ideal, um Lecks zu flicken

Als Erste-Hilfe-Maßnahme flickten bei Holzschiffen speziell ausgebildete Handwerker, sogenannte Kalfaterer, die Lecks. In die Ritzen schmierten sie zunächst eine Mischung, die Teer, Harz, Tierhaare oder gemahlenes Glas enthalten konnte. Zudem hämmerten sie Flicken aus Blei über die Wunde im Holz. Blei war das ideale Material dafür: Es ließ sich leicht in die richtige Form bringen und war flexibel genug, um jede Bewegung der Planken auszugleichen. Je nach Größe des Lecks schnitten die Kalfaterer größere Platten, Flicken oder Streifen zurecht - manchmal drückten sie auch nur Drähte direkt in die Ritzen.

Alle diese Formen von Bleiflickwerk gab es an der "Queen Anne's Revenge". Und sie haben die gut 300 Jahre im Wasser des Beaufort Inlet gut überstanden. Als Taucher die Stücke aus der Tiefe mitbrachten, waren zum Teil die Nagellöcher noch gut erkennbar, an einigen klebten sogar Reste der Dichtmasse.

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Warum beschäftigt sich ein Archäologe bei einem Piratenschiff mit unscheinbaren Bleiflicken statt mit Golddublonen? "Das Schiff selbst ist eines der wichtigsten Artefakte des gesamten Fundkomplexes", erklärt Jeremy Borrelli. "Indem wir seine Struktur untersuchen, lernen wir über Konstruktionstechniken, Umbauten oder welche Maßnahmen getroffen wurden, um die Lebensdauer zu erhöhen."

Denn als der Piratenkapitän den Dreimaster übernahm, war er bei Weitem kein jungfräuliches Segelschiff mehr. Blackbeard kaperte die "Queen Anne's Revenge" am 28. November 1717 nahe der westindischen Insel Saint Vincent von einem französischen Sklavenhändler. Im Jahr 1710 als Handelsschiff gebaut, hatte sie die meiste Zeit ihres Dienstes Sklaven im Transatlantischen Dreieck transportiert. Um die Pflege der "La Concorde", wie sie damals noch hieß, machten die Besitzer sich so wenige Gedanken wie um die menschliche Fracht unter Deck.

Seeleute um die Beute geprellt

Das Schiff trug so manche Blessur davon. 1712 feuerte ein englisches Kriegsschiff vor Haiti auf ihren Bug und verursachte schwere Schäden. Fünf Jahre später geriet die "La Concorde" in einen Sturm, der sie zwei Anker und die Galionsfigur kostete. Als Blackbeard das Schiff in seinen Besitz brachte, verkaufte er die Sklaven im Hafen von Martinique und setzte dort die alte Mannschaft aus - bis auf einige Spezialisten.

Bei sich behielt er unter anderem den Kapitän, zwei Zimmerleute und den Kalfaterer: genau jene Seefahrer, die jede Planke, jeden Bolzen, jede Schwachstelle des Schiffes kannten. Aus der französischen "La Concorde" wurde nun die britische "Queen Anne's Revenge", benannt nach der letzten Königin aus dem Hause Stuart.

"Die historischen Aufzeichnungen, in denen von schweren Lecks die Rede ist, weisen eindeutig darauf hin, dass die 'Queen Anne's Revenge' nicht gerade im besten Zustand war", fasst Borrelli zusammen. "Ob nun der lecke Rumpf die Navigation verhinderte und zum Auflaufen führte oder ob Blackbeard der verheerende Zustand bewusst war und er sich des nutzlos gewordenen Gefährts entledigen wollte - das wissen wir nicht. Vielleicht werden wir es auch nie wissen. Aber diese Aspekte des Wracks zu untersuchen, gewährt uns Einblicke in die mögliche Denkweise eines der gefürchtetsten Piraten der Geschichte."

Historische Berichte erwähnen einen weiteren Grund, aus dem Blackbeard sein Schiff aufgegeben haben könnte: Gier. Die Havarie gab ihm einen Vorwand, um 25 seiner Seeleute auf einer kleinen Sandinsel vor der Küste auszusetzen, bevor er auf das viel kleinere Schiff "Adventure" seiner Flotte umstieg. Ihren Anteil der Beute behielt er dabei für sich.

Rostige Klumpen vom Meeresgrund verraten viel

Am Grund des Beaufort Inlets liegen vermutlich noch viele Antworten zu den Fragen nach Blackbeards Leben - denn bislang sind erst rund 60 Prozent des Schiffes untersucht. Und seit Taucher einer privaten Forschungsfirma 1996 die "Queen Anne's Revenge" entdeckten, sorgt das Wrack für immer neue Überraschungen.

Funde verrieten schon intime Details aus den Krankenakten der Piraten. So bargen Taucher zwei Klistierspritzen, wie Ärzte sie zur Behandlung von Durchfall, Infekten, Syphilis und Verdauungsstörungen verwendeten, sowie eine Harnröhrenspritze, mit der Quecksilber in die Harnröhre injiziert werden konnte - eine damals übliche Kur bei Syphilis. Die Instrumente tragen Stempel französischer Manufakturen aus dem späten 17. und frühen 18. Jahrhundert; sie gehörten zur Ausrüstung der französischen Chirurgen an Bord der "La Concorde", die Blackbeard zusammen mit den Zimmerleuten und dem Kalfaterer behalten hatte.

Die meisten Artefakte kommen zunächst als Brocken an die Oberfläche: bis zur Unkenntlichkeit verrostete Eisenklumpen, vermischt mit Sediment und anderen Materialien. Aus manchen lässt sich gar nichts mehr retten. "Aber kürzlich konnte das Labor sogar ein Stück Papier mit gedruckten Wörtern darauf konservieren", berichtet Borrelli, "damit war ein Kanonenrohr abgedichtet." Es handelte sich, wie sich zeigte, um eine Seite aus Edward Cookes "Eine Reise zur Südsee und um die Welt". Der berüchtigte Pirat besaß also tatsächlich eine Bordbibliothek.

"Meist wissen wir nicht, was wir bei der Untersuchung und Konservierung dieser Klumpen finden", sagt der Archäologe, "aber ich bin schon gespannt, was wir als Nächstes über das Leben von Blackbeard erfahren werden."

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