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Polaroid-Erfinder Edwin Land: Ein Mann, ein Bild

Foto: Polaroid Corporation Administration Records/ Baker Library/ Harvard Business School

Polaroid-Erfinder Edwin Land "Der Mann ist ein Nationalheiligtum"

Steve Jobs verehrte ihn, Andy Warhol war vernarrt in seine Technik: Vor 70 Jahren präsentierte Edwin Land das Sofortbild. Polaroid revolutionierte die Fotografie - einestages zeigt längst vergessene erste Testaufnahmen.

In 60 Sekunden kann viel passieren. 60 Sekunden können die Welt verändern.

Etwa 60 Sekunden brauchte Astronaut Neil Armstrong 1969, um über die Leiter die Mondlandefähre zu verlassen, seinen berühmten Satz vom "großen Sprung für die Menschheit" zu sagen und dann die Mondoberfläche als "fein und pudrig" zu beschreiben.

Exakt 58,788 Sekunden nach dem Start fing 1986 die Raumfähre Challenger Feuer und löste die schlimmste Katastrophe der bemannten Raumfahrt aus. Nur 50 Sekunden benötigte Stürmer Hugo Almeida, um 2007 den schnellsten Doppelpack der Bundesligageschichte zu schnüren. Noch drei Sekunden weniger dauert der schnellste Linienflug der Welt zwischen zwei schottischen Inseln - zumindest bei gutem Wind.

Die 60 Sekunden, die am 21. Februar 1947 die Welt verändern sollten, waren gänzlich anderer Natur. In diesen 60 Sekunden passierte - nichts. Zumindest nichts Sichtbares. Diese 60 Sekunden bestanden nur aus Warten.

Staunen im größten Hotel der Welt

Doch dann geschah ein Wunder. So empfanden es jedenfalls die geladenen Wissenschaftler der "Optical Society of America", die der 37-jährige Physiker und Harvard-Absolvent Edwin Land in den Vortragssaal des säulenverzierten New Yorker Hotel Pennsylvania geladen hatte. Denn Land hatte eine Technik entwickelt, die heute als verblüffend langsam, damals aber als wahnwitzig schnell empfunden wurde: eine Kamera, die in 60 Sekunden ein fertig entwickeltes Foto produzierte. Bald kannte die Welt es als Polaroid.

Die Presse sprach nach der Präsentation von einer Revolution. Viele Reporter übersahen dabei das wirklich Bahnbrechende: Es war nicht die Kamera, sondern der dazugehörige "Trennbildfilm", bei dem das belichtete Negativ unmittelbar nach dem Fotografieren auf ein Positiv übertragen wurde. Zog man das Polaroid aus der Kamera (erst später übernahm das ein kleiner Motor), lief der "Trennbildfilm" zwischen zwei Walzen hindurch. Sie verteilten eine Entwicklerpaste zwischen Positiv und Negativ: Fertig war das Bild mit dem weißen Rahmen, der die Polaroids so unverwechselbar machte.

Nur anderthalb Jahre später lief die Land Camera Model 95 für 89,50 US-Dollar in Serie vom Band - und verkaufte sich bald millionenfach. Besser noch: Die Polaroid-Kamera schaffte es, bald zum Synonym für Sofortbildkameras zu werden, so wie es in Deutschland Tempo für Taschentücher und Tesa für Klebestreifen gelungen war.

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Polaroid-Erfinder Edwin Land: Ein Mann, ein Bild

Foto: Polaroid Corporation Administration Records/ Baker Library/ Harvard Business School

Lands Vortrag vor 70 Jahren markierte den Beginn des rasanten Aufstiegs seiner 1937 gegründeten und anfangs kaum bekannten Nischenfirma. Ihren Namen verdankte Polaroid der Herstellung von Polarisationsfiltern, die unter anderem für Sonnenbrillen eingesetzt wurden. Aber erst mit seinen Sofortbildkameras wurde das Unternehmen zu einer milliardenschweren Weltmarke mit bis zu 20.000 Mitarbeitern.

Die neue Technik ließ Edwin Land zum Multimillionär werden, auch dank perfekt inszenierter Werbekampagnen und Produktvorstellungen, die später Apple-Gründer Steve Jobs inspirieren sollten. "Der Mann ist ein Nationalheiligtum", sagte Jobs einmal über Land, mit dem er sich mehrmals ausgiebig ausgetauscht hatte.

"Nur eine Minute?"

In der Tat war Polaroid das Apple des jungen 20. Jahrhunderts, von seinen Käufern religionsgleich verehrt. Land präsentierte Polaroid-Neuerungen gern überdramatisch: er allein auf großer Bühne, begleitet von einem Orchester mit Pauken und Trompeten. Land ließ keine Gelegenheit aus, seine Erfindung wortgewandt und medientauglich vorzustellen. Seine Firma erstellte Trainingsvideos für Händler , um noch mehr Kameras zu verkaufen.

Auch etliche bekannte Showgrößen ließen sich vom Polaroid-Hype mitreißen und einspannen, etwa Steve Allen, erster Moderator der BC-Talksendung "The Tonight Show", und US-Sängerin Margaret Whiting.

Allen schwärmte in einer Sendung von "dieser erstaunlichen Kamera", die so "sagenhafte Fotos" mache, dass man glatt glauben müsse, das Dinge koste "85.000 Dollar oder so". Dazwischen gab sich Whiting immer wieder bass erstaunt angesichts der Entwicklungszeit: "Nur eine Minute!?" Und Allen lobte: "Dies ist die aufregendste Art der Fotografie!" Am Ende präsentierten beide ein frisches, "messerscharfes" Polaroid der blonden Sängerin, der dazu nichts Besseres einfiel als zu sagen: "Ich sehe da aus wie eine blonde Sängerin!"

Das Drehbuch für die Sendung hätte von Land stammen können. Im Marketing war er ebenso innovativ wie in seinem Labor, in dem er sich oft nächtelang eingrub. So erklärte er seinen märchenhaften Erfolg gern mit einer rührenden Geschichte. Ob wahr oder eine schöne Legende, die Story ging (in Variationen) so: 1943 war Land mit seiner Familie im Urlaub in Santa Fe. "Es war ein wunderschöner Tag", so Land, die Sonne schien, die Berge waren schneebedeckt. Er machte Fotos. Dann fragte seine dreijährige Tochter: "Papa, warum kann ich die Fotos nicht sofort sehen?"

Kein Problem für Papa

Einfache Frage, aber unlösbar. Nur nicht für Papa. "Ich ging eine Weile spazieren. Als ich zurückkam, hatte ich schon das Wesentliche des neuen Systems erdacht." Ein Jahr später begann Land mit der Umsetzung und schon bald hatten seine Mitarbeiter im Labor offenbar riesigen Spaß. Frühe Testaufnahmen zeigen, dass sie alles fotografierten, was ihnen vor den Sucher kam: ein paar alte Kartoffeln, einen Teekessel im Gras, einen Opa mit einem "lustigen Hut" - und natürlich die eigenen Kollegen in schrägen Posen.

Polaroid-Testaufnahme

Polaroid-Testaufnahme

Foto: Polaroid Corporation Administration Records/ Baker Library/ Harvard Business School

Mit großer Fotokunst hatte das nichts zu tun, auch wenn Land betonte, die "Verbindung von Wirtschaft und Kunst" sei "Industrie vom Feinsten". Dieser Vision folgte er. Er engagierte den Fotokünstler Ansel Adams, berühmt für grandiose Landschaftaufnahmen. Adams sollte die Grenzen der Polaroid-Kamera testen, mit der neuen Technik spielen - und natürlich für sie werben.

Geschickt erhob Land damit seine technische Neuerung zur Kunst. Und daraus wurde spätestens ab 1973 ein weltumspannender Kult. Denn die Polaroid SX-70 schubste die Fotos dank eines kleinen Elektromotors mit einem quietschenden Surren aus der Kamera - und entwickelte zudem die Fotos schneller.

Den Durchbruch verdankte Polaroid wieder seiner Filmtechnik. Der neue Integralfilm machte die Entwicklung der Sofortbilder noch zauberhafter: Musste zuvor der "Trennbildfilm" aufgerissen werden wie eine versiegelte TAN-Liste, um Positiv und Negativ zu trennen, konnte man nun zusehen, wie sich die von dem Motor ausgespuckten Fotos von selbst an der Luft entwickelten: Erste Konturen und Farben zeichneten sich ab, das Foto füllte sich langsam mit Leben, als sei es gerade geboren worden.

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Andy Warhols Polaroids: Der Pop-Paparazzo

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Andy Warhol Foundation for the Visual Arts

Zum unverwechselbaren Aussehen der Polaroids kam nun der unverwechselbare, surrende Sound. Laut Marktstudien kannten in manchen Ländern 100 Prozent der Befragten Polaroid. Was auch daran lag, dass in den Siebzigern Künstler wie der Pop-Art-König Andy Warhol zu regelrechten Polaroid-Jüngern wurden.

Warhol und andere legten umfassende Sammlungen an Polaroid-Bildern an. Sie liebten das Authentische, technisch Imperfekte: Jedes Foto ein unberechenbares Unikat. Jedes Foto eine Überraschung, die sich nach Sekunden auflöste und zum nächsten Schnappschuss animierte. Aufnahmen, die später zu sündhaft teuren Kunstobjekten wurden - zumindest, wenn sie Ikonen wie Helmut Newton angefertigt hatten.

Und dann verschlief Polaroid die Digitalisierung

Land stieg 1980 mit einem geschätzten Privatvermögen von 150 Millionen US-Dollar als Firmenchef aus und starb elf Jahre danach. Den Niedergang seiner Firma erlebte er nicht mehr. Polaroid litt nicht nur unter der Digitalisierung, sondern verschlief sie auch noch. Eine Flut an Fotos konnte nun binnen Sekunden geknipst, versendet und geteilt werden. Polaroid war plötzlich furchtbar langsam.

Und doch gibt es noch eine rührende Geschichte, die Edwin Land womöglich noch besser gefallen hätte als die von seiner Tochter. Polaroid ging 2001 pleite, kam zurück, berappelte sich, war 2008 wieder insolvent - und schaffte 2015 erneut die Wende, als ein Großinvestor für 70 Millionen einstieg.

Heute sprechen viele Analysten von einer Renaissance der Sofortbildkamera. Fuji etwa hat 2016 mehr als 5 Millionen solcher Kameras verkauft. Die Menschen sehnen sich in der Bilderflut wieder nach unbearbeiteten Fotos. Nach Unikaten.

60 Sekunden auf ein Bild zu warten, das klingt heute nicht zwangsläufig nach Langeweile. Sondern nach Erholung.

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