Polnischer Bauer gegen Kaiserreich Wie ein Zirkuswagen die Preußen zur Weißglut trieb

Per Gesetz wollte das Deutsche Kaiserreich 1904 die Ansiedlung von Polen beschränken. Doch ein schlitzohriger Bauer wehrte sich mit seinem Zirkuswagen-Trick - und machte die Regierung zum Gespött.

NAC/ Polnisches Nationalarchiv

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Der hölzerne Zirkuswagen wirkt auf den ersten Blick wie eher zufällig abgestellt. Im Schatten einer Weide ruht er auf vier Rädern mitten auf dem Marktplatz des Ortes Rakoniewice, wenige Kilometer entfernt von Wolsztyn im Westen Polens - als warte er darauf, von seinem Eigentümer demnächst abgeholt zu werden. Doch es kommt keiner. Sein Besitzer Michal Drzymala, an den diese Replik des Originalwagens erinnert, verstarb bereits im Jahr 1937 in hohem Alter. Damals war er ein weit über die Grenzen Polens hinaus bekannter polnischer Bauer.

Bis heute kennt jedes Schulkind in Polen den "Wagen des Drzymala", mit dem sein gewitzter Eigentümer in den Jahren zwischen 1904 und 1909 die preußische Regierung zur Weißglut trieb. Auch in deutschen Schulbüchern findet sich ab und an ein Bild des berühmten Wagens.

Damals hatte Michal Drzymala im nahegelegenen Ort Podgradowice ein Grundstück erworben und wollte darauf ein Haus bauen. Aber das untersagten die Preußen im Zuge ihrer Germanisierungspolitik mit dem kurz zuvor verabschiedeten "Feuerstättengesetz". Es sollte die weitere Ansiedlung ortsfremder Polen in den preußischen Provinzen Posen und Westpreußen verhindern: Sie durften keine neue Feuerstätte errichten, also keine Heizungen oder Kochmöglichkeiten.

Fünf Jahre lang schikaniert

Drzymala ließ sich jedoch nicht unterkriegen. Er besorgte sich den Zirkuswagen, stellte ihn aufs Grundstück - und verschob ihn alle 24 Stunden ein kleines Stückchen. Damit galt er als "nicht sesshaft" und fiel somit nicht unter die Bestimmung des Gesetzes.

Die preußische Regierung sah sich von der dreisten Ausnutzung einer offensichtlichen Gesetzeslücke derart provoziert, dass sie mit dem Bauern über fünf Jahre hinweg einen schikanösen Machtkampf führte, der weit über Polen hinaus die Gemüter amüsierte. In New York, Paris und London erschienen Berichte über Drzymala. Und selbst Berühmtheiten wie die Schriftsteller Henryk Sienkiewicz oder Leo Tolstoi äußerten ihre Sympathien für den Mut und Witz dieses Bauern, der zu jeder preußischen Schikane auf seine Art eine Antwort lieferte.

Der Zirkuswagen wurde so zum Symbol für den Kampf der Polen gegen die preußische Germanisierungspolitik. Zahlreiche Anekdoten machten die Runde, und nicht nur einmal landete der streitbare Bauer infolge der Auseinandersetzungen im Gefängnis. Jedes Mal, wenn er es wieder verließ, soll er lautstark die polnische Hymne singend durch die Straßen gezogen sein.

Nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten musste Drzymala seinen Kampf aufgeben und das Grundstück 1909 wieder verkaufen. Spenden von Freunden ermöglichten ihm den Kauf eines Wohngebäudes in einem Nachbardorf, auf den das Feuerstättengesetz keine Anwendung fand. Als Michal Drzymala starb, weigerten sich die deutschen Zimmerer angeblich, für ihn einen Sarg anzufertigen, wobei polnischer Ersatz schnell gefunden war.

"Polen ist ein Zirkus auf Rädern"

In der polnischen Sprache haben sich sogar sogenannte Drzymalysmen erhalten, etwa: "Aus jeder Situation gibt es einen Ausweg, und wenn nicht, kauf dir einen Zirkuswagen." Oder: "Polen ist ein Zirkus auf Rädern."

Zur Geschichte passt, dass der Ort Podgradowice in den Jahren dieser Auseinandersetzung auch noch den deutschen Namen "Kaisertreu" trug. Vielleicht ein Grund mehr für Drzymala, auf seine Art Widerstand gegen die Preußen zu leisten. Nach seinem Tod wurde das Dorf zu seinen Ehren Drzymalas in "Drzymalowo" umbenannt und bildet seitdem einen Vorort von Rakoniewice, wo die Replik seines Wagens auf dem Markplatz steht.

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Auf einer unbebauten, wilden Wiese in Drzymalowo befindet sich heute ein Gedenkstein für den Namensgeber. Eine Platte mit Drzymalas Antlitz und seinen Lebensdaten ist auf einem frei stehenden Stein angebracht, daneben eine Tafel mit Informationen zu der damaligen Auseinandersetzung.

Dazu gehört auch ein Auszug aus einem Brief Drzymalas, mit dem er sich im Jahr 1928 bei allen Unterstützern und Spendern bedankte, die ihm nach dem verlorenen Kampf eine neue Existenz ermöglichten. Spender hatten ihm zuerst einen neuen Wagen gekauft, später erhielt Drzymala ein Grundstück vom polnischen Staat. Posthum wurde ihm noch das polnische Verdienstkreuz verliehen, und auf seinem Grabstein östlich von Pila brachte man den Zusatz "Nationalheld" unter seinem Namen an.

Man ist in Polen stolz auf dieses Schlitzohr. Bis heute.

insgesamt 9 Beiträge
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Richard Jas, 13.11.2016
1. Im kleinen ähnlich
gibts einen Fall bei uns.Ein Bürger bekam keine Erlaubnis für seine Doppelgarage.Kluger Mann baute sie trotzdem,stellte sie aber auf stabile große Kutschenräder,so kann man sie einfach verschieben und das wars mit der Baugenehmigung.
Sebastian Buhler, 13.11.2016
2. lustige Geschichte und interesant geschrieben
es war angenehm mal was anderes zu lesen als US Innenpolitik. aber als Held wuerde ich diesen Landwirt nicht unbedingt bezeichnen...Hippie, Punk etc. ok....seine Aktionen waren auch ok, aber heldenhaft? naja...
Volker Hetzer, 13.11.2016
3.
Ob Josef Schwejk, Friedrich Wilhelm Voigt oder Michal Drzymala - wann immer Bürokratie durchdeht, gibt es Leute, die damit ihren Spaß haben können. Vielen Dank für das Beispiel aus Polen! :-)
Mira Aleksic, 13.11.2016
4. So ist es
Wenn man nicht lernt, zu respektieren. Wie sehr wünsche ich dass sich die Völker dieser Erde anders begegnen, ohne Wunsch nach Herrschen, Macht, Ausbeutung. Und dass man aus der Geschichte lernt, dass man versteht, dass jeder Mensch auch eigene Geschichte hat. Meine Sprache ist Serbisch, jetzt auch Deutsch. Durch polnische Sprache habe ich begriffen wie sprachliche Übergang aus Slawischen ins Deutsch ist, oder aus Deutsch ins Slawisch. Und noch etwas, ich bin fasziniert wie viele gemeinsame Wörter, wieviel gleichen Sinn durch unsere Sprachen. Und dann frage ich mich wieso unsere Politiker dass nicht wissen, und wieso tun sie nicht alles dass diese Bindungen bleiben die stärker sind als deren feudale Politik. Damit meine ich auch die Russische Sprache, wo kein grosser Unterschied ist zwischen Polnischen, Serbischen, Ukrainischen... Die Politiker sind allen Völker schuldig, eine Politik des Zusammenlebens, und noch die Politik der ewigen Trennung zu vertreten!
Lutz Holzapfel, 13.11.2016
5. Gerade weil ich Deutscher und Europäer bin
finde ich diese Geschichte großartig und habe mich wie Bolle köstlich amüsiert..... ein spitzfindiger Pole zeigt den obrigkeitshörigen Preußen die Grenzen ihres Denkens und Kontrollwut auf. Ist mir sehr sympathisch und gehört auch in unsere Schulbücher :)
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