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Polster fürs Prestige

Vom Handkuss bis zum Trauerzug - im habsburgischen Hofzeremoniell war jedes Detail herrscherlichen Daseins geregelt. Die gewaltige Inszenierung stabilisierte das Machtgefüge, auch international.
aus SPIEGEL Geschichte 6/2009

Von EVA-MARIA SCHNURR

Salutschüsse dröhnen, in den Fenstern brennen zwei Windlichter, die Wege sind mit Laternen und Fackeln geschmückt, während sich eine Prozession von Kutschen und Wagen durch die Straßen Wiens schiebt: Die neue Kaiserin zieht in ihre Residenzstadt ein.

Und der Monarch begrüßt seine Gattin mit unerhörtem Prunk: Im Hof der kaiserlichen Burg feiert ein phantastisches Rossballett das Haus Habsburg als mächtigste Dynastie der Welt. Eine eigens komponierte Oper, an der der Kaiser selbst mitgeschrieben hat, wird zu Ehren der neuen Herrin aufgeführt. Ein Feuerwerk mit 73 000 Raketen malt als Höhepunkt die Buchstaben VA und VH in den Himmel über Wien: Vivat Austria, vivat Hispania!

»Ist nicht zu beschreiben, dergleichen weder zu Pariß noch anderwärtig jemahls gesehen worden«, schreibt eine zeitgenössische Wochenzeitung über die Hochzeit des Kaiserpaars. Kaiser Leopold hat sein Ziel erreicht: Seine Hochzeit mit der spanischen Königstochter Margarita Teresa soll ein Signal sein, ein Paukenschlag, zu hören in ganz Europa. Denn nun sind die beiden habsburgischen Linien, die spanische und die österreichische, wieder vereint. Leopold kann sich Hoffnungen machen, nach dem Tod von Margarita Teresas Vater, Philipp IV., spanischer König zu werden. Damit wäre seine Macht größer und strahlender als die des französischen Sonnenkönigs, Ludwigs XIV., der mit Magarita Teresas älterer Schwester verheiratet ist, aber eigentlich auf das spanische Erbe verzichtet hat.

All das soll in der Inszenierung der Vermählungsfeierlichkeiten im Dezember 1666 zum Ausdruck kommen. Kaiser Leopold persönlich hat sich in die Planungen eingeschaltet; nichts darf dem Zufall überlassen werden. Die Farbe der Sitzkissen, die Höhe der Rückenlehnen, die Reihenfolge, in der die Kutschen einrollen, all das muss ebenso wie Kleider und Schmuck der Hofleute genauestens festgelegt werden. Denn an den kleinsten zeremoniellen Details lesen die Menschen des 17. Jahrhunderts ab, wie groß die Macht eines Herrschers ist - und auf welcher Rangstufe darunter sie selbst sich einreihen dürfen.

Alle Fürsten und Könige nutzen in der frühen Neuzeit Symbole, Zeichen und Rituale, um ihre Stellung zu demonstrieren und Herrschaft zu legitimieren. Es ist ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem, in dem jede Farbe, jedes Kleidungsstück und jede Geste eine Bedeutung hat. Bis in die Schlafkammern folgt das Leben an den Höfen solchen Regeln.

Das Zeremoniell ist wie eine Fremdsprache, die Verständigung zwischen Eingeweihten erlaubt; wer bei Hofe reüssieren will, muss sie beherrschen. Es gibt sogar eine eigene Zeremonialwissenschaft, die sich ausschließlich mit Fragen von Rang und Ritual beschäftigt. Und die habsburgischen Regeln, in Wien zum guten Teil bis ans Ende der Monarchie 1918 gültig, dienen als Vorbild für ganz Europa.

Auch der Alltag von Margarita Teresa, der neuen Kaiserin, die 1666 mit gerade einmal 15 Jahren aus Spanien nach Wien kommt, um ihren Onkel und Cousin Leopold zu ehelichen, ist durch und durch vom Zeremoniell bestimmt.

Anders als Ludwig XIV., der sich schon morgens vor Hofstaat und Ministern ankleiden lässt, leben die habsburgischen Herrscher äußerst zurückgezogen. Dem Kaiser nahezukommen oder der Kaiserin, das ist für Untertanen die größte Gnade. Nur wenige Bedienstete haben Zutritt zu den Gemächern im ersten Stock der Hofburg, denen des Kaisers auf der einen und denen der Kaiserin auf der anderen Seite. Unerbittlich wachen die höchsten Beamten am Hof, Obersthofmeister und Oberstkämmerer, darüber, dass ja niemand die Regeln der vom Kaiser selbst diktierten »Kammerordnung« bricht.

Diese Ordnung bestimmt, wer welchen der fünf Räume betreten darf, die vor den Privatgemächern des Monarchen liegen. Die Ratsstube, den letzten Saal in der Zimmerflucht vor den privaten Kammern, dürfen nur noch Botschafter und Gesandte gekrönter Häupter, Erzbischöfe und Bischöfe betreten.

Türsteher versagen Unbefugten den Zutritt, während der Kaiser auf seinem Thron unter einem Baldachin Audienzen gewährt. Auch Adlige, die der Kaiser erwählt hat, als seine Kammerherren tätig zu sein, haben das Privileg, in die Ratsstube des Kaisers einzutreten; sie dürfen den Kaiser überdies jederzeit sprechen.

Kein Wunder, dass es für junge Aristokraten das Höchste ist, am Kaiserhof Dienst zu tun. Was an sich schon eine enorme Ehre darstellt, liefert in den meisten Fällen die Grundlage für eine weitere Karriere in Diensten des Kaisers, sei es als Diplomat oder Statthalter. Etwa 900 Adlige gehören unter Kaiser Leopold I. zum Hofstaat, hinzu kommt der Hofstaat der Kaiserin.

Die Hierarchie ist streng, sie durchwaltet das Leben bis in Kleinigkeiten: So steht der Oberstkämmerin der kaiserlichen Kinder ein Bett mit rot-samtenem Himmel und goldenen Fransen zu, während die Hofdamen nur Himmel aus schwarzem Samt über ihren Betten haben dürfen. Bei Tisch darf die Fräuleinhofmeisterin auf einem Stuhl mit Polsterung sitzen, die Fräulein selbst müssen ohne solche Annehmlichkeit auskommen.

Rechte und Pflichten der Hofbediensteten, die Frage, wer von welchem Geschirr essen darf oder mit welchen Teppichen und Gobelins ein Raum geschmückt wird - all das entspricht haarklein der Rangfolge bei Hofe, an deren Spitze nur einer steht: der Herrscher.

Für Margarita Teresa, die junge Kaiserin, ist das nichts Neues. Auch in ihrem Elternhaus, dem spanischen Königshof in Madrid, unterwirft man sich dem strengen Zeremoniell. Schon ihre Taufe folgte exakten Vorgaben, den gleichen wie jede Taufe eines königlichen Kindes.

Dem spanischen Herrscherpaar darf man sich nur mit Kniefall nähern; selbst wenn die hohen Personen gar nicht anwesend sind, muss jeder Besucher sich vor Thronbaldachinen und Thronsesseln verneigen. Bei den Mahlzeiten des Königs ist jeder Handgriff der Bediensteten Regeln unterworfen: Wer welche der silbernen Platten hineinträgt, wer die Deckel lüftet, wer dem König die Serviette reicht und wer sie ihm wieder abnimmt, wer welchen Gegenstand berühren darf und wie - uhrwerkshaft präzise folgt ein genormter Handgriff dem anderen. Jede Mahlzeit findet in absolutem Schweigen statt, selbst Befehle werden durch Augenzwinkern und Gesten erteilt.

Natürlich regiert auch beim Amtsantritt eines neuen Königs ein rigoroses Protokoll: Nach dem Tod des alten Souveräns zieht sich der Nachfolger für mehrere Tage in ein Kloster außerhalb Madrids zurück. Dort empfängt er die Mitglieder seines Rats und gewährt ihnen den Handkuss - als Zeichen der Loyalität, die den Herrscher und seine Beamten in Zukunft verbinden soll.

Am Tag des Einzugs in die Residenz wird das Pferd des Königs feierlich ins Kloster geleitet, um den Monarchen abzuholen. Der Oberstallmeister schiebt ihm den Steigbügel über den linken Fuß, der Erste Stallmeister hält den rechten Steigbügel. Sodann zieht der gesamte Hofstaat in die Stadt ein. Dem König voran marschieren Trompeter und Leibwachen, hinter ihm schreiten die Gesandten der anderen europäischen Höfe, Ratsmitglieder und der Hofadel.

Auf dem Zug in die Stadt huldigen die Einwohner der neuen Majestät, für die Triumphbögen aufgebaut sind und festlicher Schmuck die Häuser ziert. In der Kirche Santa Maria wartet schon der Bischof von Toledo. Während der König vor dem Kreuz niederkniet, zelebriert der Bischof vorgeschriebene Gebete, dann geleiten die Geistlichen den Monarchen unter Gesängen bis zur Kirchentür. Hat der Herrscher zu Pferd den Palast erreicht, steigt er die Haupttreppe empor und betritt erstmals seine Gemächer. Dabei begleiten ihn die Herren seines Gefolges - jeder natürlich nur bis in den Raum, zu dem er seinem Rang entsprechend Zutritt hat.

Heute wirkt derlei fast lachhaft; wer aber wie Margarita Teresa mit den Ritualen aufwuchs, für den sind sie Lebensluft. Als sie 1651 geboren wird, ist das Hofzeremoniell in Spanien schon über ein Jahrhundert alt: Ihr Ururgroßvater, Kaiser Karl V., hatte es 1548 am spanischen Hof eingeführt. Karl war Erbe des Herzogtums Burgund; er übernahm viele der zeremoniellen Gepflogenheiten, die am stilbewussten burgundischen Hof galten und mit denen er seit seiner Kindheit vertraut war.

Burgund, wo 1430 auch der Ritterorden vom Goldenen Vlies gegründet wurde, galt am Ausgang des Mittelalters als prachtvollster Hof in Europa: Nirgends waren die Hochzeiten prunkvoller, die Bankette ausladender, die Turniere gewaltiger. Vom Thron des Herzogs ging das Gerücht, er sei inwendig nicht von Holz, wie überall sonst, sondern aus purem Gold.

Der Herrscher selbst stilisierte sich zu einer entrückten Figur, den zu sehen eine Gnade, dem zu dienen heilige Pflicht des Adels war. Wer ihn sah, hatte niederzuknien, seine Mahlzeiten wurden zu liturgischen Handlungen, ähnlich denen eines Gottesdienstes: Nicht einmal Reste seiner Mahlzeiten durften von anderen verzehrt werden.

So umgab den burgundischen Herrscher die Aura einer anderen, höheren Welt. Genau das war beabsichtigt: Zwar dienten Zugangsbeschränkungen, strenge Disziplin und klare Regelungen, wer etwa mit Lebensmitteln in Berührung kommen durfte, seit alters auch dazu, Leib und Leben des Herrschers zu schützen. Doch vor allem sollten sie eines demonstrieren: Macht und Herrlichkeit.

Im Ritual verschwinden alle menschlichen Aspekte des Potentaten; es feiert ihn als Stellvertreter Gottes auf Erden, als Majestät von himmlischen Gnaden - überträgt es doch Maß und Ordnung aus dem göttlichen Kosmos auf das irdische Regiment.

Karl V., der von Jugend an die enorme Wirkung solch scheinbarer Äußerlichkeiten sieht und zu nutzen weiß, entwickelt daraus eine regelrechte Ideologie, um die spanische Königswürde unangreifbar zu machen.

Doch Spanien ist nicht Burgund; die Regeln Kaiser Karls nehmen eine extrem katholische Färbung an, fromm und nach innen gekehrt. So werden beispielsweise Taufen und Beerdigungen nur am Hof und nicht üppig öffentlich gefeiert, denn im Verständnis des Habsburgers zählt äußere Pracht wenig. Den Machtanspruch des Königs symbolisieren weit eher Disziplin, Pflichtbewusstsein, Tugenden und Frömmigkeit. Während am burgundischen Hof noch Lebenslust regierte, wirken die durchaus prunkvollen öffentlichen Handlungen des Regenten in Madrid fast immer düster, schwer und weltabgewandt.

Bildlich greifbar wird die quasi göttliche Position des Königs am Gründonnerstag vor Ostern: In seinem Empfangssaal wäscht der Monarch zwölf Bedürftigen die Füße, serviert den Armen anschließend Speisen und Wein und schenkt ihnen Almosen und neue Kleider, genau so, wie es von Christus in der Bibel berichtet wird.

Auch in Wien pflegen die Kaiser am Gründonnerstag das Ritual der Fußwaschung. Die junge Kaiserin Margarita Teresa muss, zum ersten Mal kurz nach ihrer Hochzeit mit Kaiser Leopold, sogar selbst Hand anlegen, denn in Wien waschen auch die Kaiserinnen und die verwitwete Kaiserin zwölf alten Frauen die Füße. Und nicht nur die Fußwaschung, auch die meisten anderen zeremoniellen Elemente hat man in Wien aus Madrid übernommen. Ältere heimische Traditionen kamen hinzu, so dass das Zeremoniell nicht ganz so herb wirkt wie in Madrid.

Während dort selbst der kleinste Blick auf weibliche Reize unstatthaft ist, dürfen die adligen Hofdamen in Wien schon mal Dekolleté zeigen. Überhaupt trägt die Wiener Hofgesellschaft, zumindest wenn sich Kaiser und Hofstaat auf den Sommerresidenzen außerhalb der Stadt aufhalten, bunte Kleider nach französischer Schäfermode, sogenannte Campagne-Kleider.

In der Hofburg selbst dominiert die Farbe Schwarz: Die Damen tragen schwarze Kleider, verziert nur mit bunten Bändern und weißen Kragen; den Herren ist das ebenfalls schwarze »spanische Mantelkleid« vorgeschrieben, das auch der Kaiser selbst trägt: ein halblanger Umhang aus Seide, dazu Pumphosen bis zu den Knien und Federhut.

Nur zu besonderen Anlässen, den Galatagen, befiehlt der Kaiser eigenen Staat: entweder die »schwarze Gala«, bei der zum alltäglichen Mantelkleid bunte Ärmel und Strümpfe kommen, oder die »goldene Gala«, bei denen die Angehörigen des Hofes in goldbestickter Kleidung und Goldbrokat-Mänteln erscheinen.

Kaiser Leopold nimmt es mit der Kleiderordnung besonders ernst: Er betont das alte Herkommen seiner Familie, Traditionen und ein zeremoniöses Erscheinungsbild, um seinen Anspruch als höchster weltlicher Potentat auf Erden zu untermauern - denn der wird von anderen absolutistischen Herrschern in Europa zunehmend in Frage gestellt.

So ähnelt seine Hochzeit mit Margarita Teresa der seines Urahnen, Karls des Kühnen, Herzog von Burgund: für kundige Aristokraten ein unverkennbares Signal, dass hier die Vormacht des habsburgischen Hauses gegenüber den Rivalen in Versailles herausgestellt werden soll. Und es ist Leopold, der die spanische Tracht am Hof zur Pflicht macht, exakt jener Einheitsdress, der auch in Madrid getragen wird und der angeblich auch schon am burgundischen Hof Sitte gewesen sein soll.

Die Höflinge unterwerfen sich den Vorschriften gern, denn ihre charakteristische Uniform macht für jeden sichtbar, dass sie ein ganz besonders Privileg genießen: Sie leben dort, wo die wichtigsten Entscheidungen fallen, ja sie dürfen stolz behaupten, dass sie als Adlige immer wieder daran mitwirken, und führen vor, wie weit nach oben sie es bereits geschafft haben.

Das ausgeklügelte Formenarsenal soll also nicht die einfachen Leute beeindrucken. Es dient dazu, dem Hof als Machtzentrum besonderes Gewicht zu verleihen: Die Höflinge gewinnen im Kreis der Nobilität an Prestige. Und je mehr hohe Adelige der Kaiser am Hof versammelt, je genauer die Regeln eingehalten werden, um so mehr wird sein Ansehen in der Welt geachtet.

Eine entscheidende Rolle spielt das Zeremoniell deshalb im diplomatischen Verkehr. Wird ein Staatsgast mit zu großen Ehren empfangen, schadet das dem Kaiser - und führt dazu, dass andere Gäste in Zukunft größere Ansprüche stellen. So wird der Besuch einer russischen Gesandtschaft, die 1679 zu politischen Verhandlungen an den Hof Kaiser Leopolds reist, zu einer diplomatischen Herausforderung.

Der Hausherr beauftragt eigens eine Kommission Deputierter Geheimer Räte, um festzustellen, welcher Rang der fremden Abordnung zukommt. Soll man die Delegation des Zaren, die mit 230 Personen, 60 Wagen und 300 Pferden anreist, wie die eines Königs oder Sultans behandeln? Oder doch nur wie die eines weniger hohen Herrn?

In zähen Verhandlungen werden die wichtigsten Fragen mit den Russen geklärt: Wie weit kommen die kaiserlichen Gesandten den Gästen entgegen, die vor der Stadt auf ihr Geleit warten? Je länger die Strecke, die der Gastgeber auf die Besucher zufährt, umso ehrenvoller ist der Empfang. Und wer steigt zuerst aus der Kutsche? Späteres Aussteigen gilt schließlich als Vorrecht.

Am Ende gelingt es den kaiserlichen Kommissaren immerhin, die Moskauer nachhaltig zu beeindrucken: Eine Abordnung von 125 Wiener Bürgern, alle in Schwarz gekleidet, stehen in der Hofburg bereit, um die Geschenke der Russen für den Kaiser ins Schloss zu tragen.

Doch damit ist die heikle Aufgabe noch lange nicht bewältigt: Auch die Audienz beim Kaiser wirft zahllose Probleme auf. Begrüßt der Obersthofmarschall die Gäste unten an der Stiege zu den kaiserlichen Gemächern - größere Ehre - oder doch etwas weiter oben? Was soll geschehen, wenn die Gäste ihre Hüte aufbehalten, wo doch selbst die obersten Hofämter keine Hüte tragen dürfen? Werden sie sich, wie gefordert, dreimal vor dem Herrscher verbeugen? Und wird der Kaiser tatsächlich, wie von den Russen erbeten, 70 Delegierten während der Audienz die Gnade eines Handkusses gewähren?

Der Kaiser höchstselbst schaltet sich in die Vorbereitungen ein, hat er doch in allen zeremoniellen Fragen das letzte Wort. »Haben ihr kayserliche mayestät solches gnädigst placidiret und gnädigst anbefohlen«, ist in den Protokollbüchern vermerkt, wo alle Einzelheiten des Empfangs genauestens festgehalten werden.

Allein ob jemand zur Rechten oder zur Linken des höchsten kaiserlichen Beamten steht oder sitzt, kann schwerste Verwicklungen nach sich ziehen: Rechts ist die ehrenvollere Seite, links dagegen bedeutet Unterordnung.

Natürlich gibt es doch immer wieder Pannen: Da küsst ein Gesandter die Hand der Kaiserin so feucht, dass sie diese anschließend abtrocknen muss, da füttert die Königin den Hofnarren bei Tisch so rasch, dass er sich verschluckt, da fällt ein Graf beim Reiterspiel vom Pferd, und Hofdamen tauschen über den Kopf der speisenden Kaiserin bei Tisch die neuesten Gerüchte aus.

Obwohl die kaiserliche Familie dem Zeremoniell mehr als jede andere unterworfen ist, zeigt man in Wien ab und zu sogar Gefühle: So soll Kaiser Ferdinand II. seinem aus dem Krieg heimkehrenden Sohn tatsächlich ohne Hut und Mantel bis an die Treppe entgegengeeilt sein.

Doch das sind Ausnahmen. Denn gerade familiäre Ereignisse wie Geburten, Hochzeiten und selbst Todesfälle sind aller persönlichen Regungen entkleidet. Kaiser und Kaiserin funktionieren als Amtspersonen, rund um die Uhr, lebenslang.

Es ist im Frühjahr 1673, als Kaiserin Margarita Teresa so schwer erkrankt, dass sie ihr Bett nicht mehr verlassen kann. Sie hat ihrem Onkel, Vetter und Ehemann, Kaiser Leopold, der sie »Gretl« nennt, in den sechs Jahren ihrer Ehe vier Kinder geboren, sie hatte zwei Fehlgeburten. Nun ist sie zum siebten Mal schwanger, und ihr ausgezehrter Körper kann dem Infekt, der sie befallen hat, nichts entgegensetzen. Nachdem sie ihr Testament gemacht hat, stirbt sie am 12. März um zwei Uhr nachts mit nur 21 Jahren.

Man entnimmt ihr die Eingeweide (sie werden im Stephansdom bestattet) und bringt ihren Leichnam in ein Zimmer, dessen Wände mit schwarzem Tuch verhängt sind. Ein schwarz-goldenes Podest mit Baldachin steht bereit. Dort wird sie aufgebahrt, während Geistliche an vier Altären im Raum den ganzen Vormittag über Messen lesen, während zwischen 12 und 13 Uhr alle Glocken der Stadt läuten.

Drei Tage später schreitet der Hof zur Bestattung: Der hölzerne Sarg, mit rotem Samt bezogen und mit goldenen Nägeln beschlagen, wird von 24 Kämmerern in Trauerkleidung zur kaiserlichen Gruft in der Kapuzinerkirche getragen. Den Trauerzug führen Mönche an, ihnen folgen der Wiener Stadtrat, Musikanten, Prälaten und Hofkapläne.

Hinter dem Sarg schreiten der kaiserliche Obersthofmeister und der Obersthofmeister der verstorbenen Kaiserin, der päpstliche Nuntius, die Botschafter Spaniens und Venedigs, die Tochter der Kaiserin, die spanische Botschafterin der Kaiserin und die Hofdamen der Kaiserin. Neben dem Sarg tragen zwölf Edelknaben weiße Windlichter. Der Witwer weilt indessen auf Schloss Schönbrunn - es ist Tradition, dass der kaiserliche Gemahl beim Begräbnis nicht anwesend ist.

Erst an den Beerdigungsmessen einige Tage später nimmt auch er teil. Die Augustinerkirche hat man dafür mit schwarzem Tuch ausgehängt und mit kaiserlichen Wappen geschmückt; auf einem prunkvoll mit Stuck und Bändern geschmückten Trauergerüst steht ein Porträt der verstorbenen Kaiserin, hell erleuchtet von vielen hundert Kerzen.

Ob der Kaiser trauert über den Tod seiner jungen Frau, ob er persönliche Regungen zeigt, darüber ist in den Protokollbüchern nichts verzeichnet. Am Hof des höchsten weltlichen Herrschers ist alles Politik. Stirbt die Kaiserin, wird Haupt-, Haus- und Hofklage ausgerufen: Der Kaiser befiehlt Trauerkleidung, statt prächtiger Tapisserien haben schlichte schwarze Behänge die Wände der kaiserlichen Räume zu bedecken.

Genau 14 Monate wird die Trauerzeit dauern, wie immer, wenn Kaiser oder Kaiserin sterben. Doch noch vor Ablauf eines Jahres, im Oktober 1673, heiratet Kaiser Leopold wieder, streng nach Protokoll. Das Land muss regiert werden, von Margaritas Kindern hat nur ein Mädchen überlebt, ein männlicher Thronfolger muss her. Auch der wird dann nach Protokoll getauft werden, nach Protokoll begraben, wie seine Ahnen und wie seine Erben. Das Zeremoniell behält den Hof im Griff, auch über den Tod hinaus.

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