Pop-Skandal Milli Vanilli Wie meine Stimme ohne mich Karriere machte

Sie kassierten Millionen und wurden zu Stars - gesungen haben andere: Das Playback von Milli Vanilli gilt bis heute als größter Skandal der deutschen Musikgeschichte. Charles Shaw lieh dem Pop-Duo damals seine Stimme - und hätte dabei fast alles verloren.

DPA

Als Milli Vanilli am 21. Februar 1990 in Los Angeles ihren Grammy bekamen, saß ich zuhause in Mannheim vor dem Fernseher. Aber ich wusste: Das würde nicht lange gut gehen, bald würde die Bombe platzen. An jenem Abend hatten die beiden Tänzer Robert Pilatus und Fabrice Morvan einen großen Auftritt. Meine Stimme auch: "Girl You Know It's True - Ooh, ooh, ooh - I love you". Milli Vanilli bekamen den Grammy als "Best New Artist" - dabei hatten sie nie einen Ton selbst gesungen. Ich saß zu Hause und konnte weder lachen noch weinen. Ich guckte nur zu und wartete ab. Der Skandal lag damals schon knüppeldick in der Luft.

Das Milli-Vanilli-Projekt begann für mich nach meiner Zeit bei der US-Army. Dort war ich eher durch Zufall gelandet. Mit 18 Jahren kam ich von Houston, Texas als GI nach Mannheim, wo ich meinen Kumpel Sydney Youngblood kennen lernte. Wir gründeten eine R'n'B-Band und gingen auf Tournee. Später arbeitete ich als Studiosänger für verschiedene Musikproduktionen. So muss Frank Farian auf mich aufmerksam geworden sein. Es war im Frühjahr 1988, als er mich anrief und fragte, ob ich nicht für ihn arbeiten könne.

Für "Girl You Know It's True" stand ich nur einen Tag lang im Studio. Davor brauchte ich etwa zwei Tage, um die Texte einzustudieren. Zur selben Zeit war eine LP von mir auf dem Markt, sie hieß "Hey You", nach einem Remake des Beatles-Songs "Hey Jude". Nach den Aufnahmen gab es Stress zwischen Frank Farian und meiner damaligen Plattenfirma - Ich war der Buhmann in der Mitte. Die Arbeit mit Frank Farian war damit beendet, der Song wurde fertig geschnitten. Einen Monat später kam das Ding auf den Markt.

Niemand wollte die Wahrheit hören

Es hätte eine Studionummer werden sollen - ein Song ohne Interpreten, nur für die Disco, nur für DJs. Irgendwann sagte mir jemand, dass der Song nun doch von zwei Künstlern interpretiert werden sollte, von zwei Breakdancern namens Robert und Fabrice. Das erfuhr ich, lange nachdem das Stück eingespielt war. Auf der Rückseite der Single stand dann geschrieben: Vocals - Rob und Fab. Eine glatte Lüge.

Im Mai 1988 sprach mich ein Reporter von Tele5 darauf an. Tele5 war damals ein brandneuer Musikfernsehsender aus München. Dem habe ich das erste Interview gegeben; Rob und Fab waren gerade mit der neuen Single auf Promotour. Ich habe dem Fernsehtypen die ganze Wahrheit erzählt, nämlich dass ich den Hit gesungen habe, nicht die beiden Breakdancer.

Ich bin mir sicher, dass jeder, der mit dem Song in irgendeiner Weise zu tun hatte, von dem Interview erfuhr. Aber es gab überhaupt keine Reaktionen. Niemand pflichtete mir bei - keiner wollte etwas gegen Frank Farian sagen. Er war der Mann mit dem Geld, alle haben ihm aus der Hand gefressen. Und die, die es nicht besser wussten, glaubten einfach dem großen Produzenten. Mich nahm Farian sowieso nicht ernst: "Schau dir den an, wie der angezogen ist. Der will doch nur mehr Geld haben." - so etwas in Art wird er wohl gesagt haben, sollte ihn doch mal jemand darauf angesprochen haben.

Millionen für "Girl You Know It's True"

Ich wollte aber Gerechtigkeit. Das erste Mal, als ich meinen Song im Radio hörte, war ich stolz. Ich wusste: Das ist meine Stimme. Warum hätte ich auch nicht stolz sein sollen. Keiner konnte schließlich ahnen, dass der Song mehrere Millionen Mark einspielen würde. Es war nicht nur für mich überraschend, sondern auch für die beiden Tänzer, für die Plattenfirma und für den Produzenten selbst.

Im September 1988 erschien das Album zur Single. Alle zwölf Tracks waren im Vorfeld von professionellen Sängern eingespielt worden: Von Brad Howell, John Davis und von mir. Die Hitsingle, die ich gesungen hatte, stieg sofort oben in die Charts ein. Bald waren Milli Vanilli auf jedem Kanal zu hören, in jeder Diskothek spielten sie den Hit. Du konntest nirgendwo hingehen, ohne "Girl You Know It's True" zu hören.

Wahrscheinlich war es einfach gute Promotion. Außerdem machten sich die zwei Jungs gut auf Fotos und konnten tanzen. Und natürlich passte die Stimme. Viele, die mich kannten, wurden stutzig, als sie den Song hörten. Sie sahen mich an und sagten: "Das bist doch du!" Später haben mich viele Leute gefragt, wie sich das anfühlt, wenn dein eigener Song die Welt erobert und du gar nichts davon hast. Alle haben erwartet, dass ich darauf eine simple Antwort geben kann. Es gibt keine simple Antwort.

Jeder normale Mensch hätte sich aufgehängt

Ich habe einfach versucht, das Bewusstsein abzuschalten, damit ich keine Depression kriegte, oder ausflippte. Da hampelten zwei junge, gutaussehende Männer mit langen Rastazöpfen auf der Bühne rum, trugen enge Leggins, schwere Stiefel und knallbunte Jacketts mit riesigen Schulterpolstern. Sie hielten sich die Mikrofone vor den Mund und das Publikum flippte aus - obwohl es meine Stimme war, die aus den Lautsprechern kam. Jeder normale Mensch hätte sich wohl aufgehängt. Ich sagte mir selbst: Lass dich nicht unterkriegen. Denk positiv. Aber natürlich blieb eines trotzdem in meinem Hinterkopf: Die verdienen sich eine goldene Nase mit deiner Stimme.

Noch heute stehe ich deshalb in einem Rechtsstreit mit Frank Farian - 20 Jahre später! Und noch heute glaubt mir kaum jemand, wenn ich erzähle, dass ich "Girl You Know It's True" gesungen habe. Die Leute sind dann oft irritiert und halten sich mit ihrer Begeisterung zurück: "Ehrlich? Du?". Aber so ist das Leben - da muss man durch. Manche halten mich für einen Hochstapler, für die Musikindustrie war ich ein Nestbeschmutzer. Sie waren alle sauer, weil ich die Wahrheit gesagt hatte. Das war für mich die schlimmste Erfahrung an der ganzen Geschichte - als Verräter zu gelten.

Im Januar 1989 starteten Rob und Fab in Amerika durch. Mit meiner Stimme landeten sie auf Platz zwei der Charts und wurden mit Platin ausgezeichnet - die nachfolgenden Singles "Baby Don't Forget My Number", "Girl I'm Gonna Miss You" und "Blame It on the Rain" erreichten alle Platz Eins der US-Hitparade. Milli Vanilli verkauften insgesamt ungefähr 30 Millionen Singles.

Bei einem Konzert in Bristol, im US-Staat Connecticut passierte es dann: Die Playbackmaschine blieb hängen - mitten im Refrain, der sich in einer Endlosschlaufe wiederholte. Rob Pilatus sagte später, das sei der Anfang vom Ende gewesen. Er rannte panisch von der Bühne. Lustigerweise war das Publikum von dem Vorfall völlig unbeeindruckt, der Skandal blieb aus. Ich selbst habe natürlich alles mitgekriegt. Aber es schien, als wollte niemand die Wahrheit sehen. Selbst als sich Rob Pilatus mit einem schweren, deutschen Akzent für den Grammy bedankte, fiel niemandem auf, dass er unmöglich alle Songs akzentfrei hätte singen können.

Ein Teil von Milli Vanilli ging am Skandal zugrunde

Der Skandal um Milli Vanilli kam erst in die Öffentlichkeit, als Fab und Rob endlich selber singen wollten. Am 14. November 1990 trennte sich Farian von den zwei Tänzern. Er fand ihre Stimmen grottenschlecht und hatte kein Interesse daran, sie singen zu lassen. Sie taten mir leid. Farian hatte uns ausgenutzt. Für ihn war das nicht weiter schlimm, er hatte sein Geld verdient und war fein raus. Seinen Ruf hatte er in der Musikwelt eh schon in den Siebzigern ruiniert - mit dem Großerfolg von Boney M., für die er selbst die männlichen Stimmen eingesungen hatte.

Einen Tag später gestand auch Rob Pilatus, dass weder er noch Fabrice Morvan je einen ihrer Hits selbst gesungen hatten. Sie mussten - als erste Band überhaupt - ihren Grammy wieder abgeben. Sie sagten zwar, dass sie ihn den richtigen Sängern weitergeben wollten, aber darauf hatten sie gar keinen Einfluss. Keiner von uns hat je einen Grammy gekriegt. Die beiden wurden von den Medien in der Luft zerrissen. Robert Pilatus ging daran zugrunde. Er wurde drogensüchtig und starb 1998 - vermutlich an einer tödlichen Mischung von Alkohol und verschreibungspflichtigen Medikamenten. Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt.

Auch ich bin durch die Hölle gegangen und musste viel Lehrgeld bezahlen. Aber ich habe trotzdem einen Weg gefunden, weiter Musik zu machen. Gerade arbeite ich an einem R'n'B-Projekt mit Andrea Josten, einer Teilnehmerin der ersten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar". Und ich habe meine Memoiren geschrieben. Mein Ziel ist, dass mich die Menschen als Charles Shaw akzeptieren, als den Künstler, der ich bin.

Ich möchte keinen Grammy gewinnen. Man muss ehrlich zu sich selbst sein. Man muss die Realität begreifen und versuchen, weiterzukommen. Ohne Fassade, ohne Playback. Ich bin nicht die Stimme von Milli Vanilli. Das habe ich hinter mir.

Text aufgezeichnet von Alice Kohli.



insgesamt 2 Beiträge
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Radan R. Danier, 07.10.2008
1.
RTL lässt Oliver Geissen auf Milli Vanilli reinfallen Millionen Zuschauer haben es in der Sendung vom 19.09.08 live erlebt und gehört: RTL hat seinen beliebtesten Moderator Oliver Geissen tatsächlich bei der RTL-eigenen Chart-Show von Milli Vanilli vorführen lassen. Anstatt den korrekten Namen Charles Shaw zu nennen, der damals tatsächlich im Studio den 21-Millionen-Welthit "Girl you know it´s true" eingesungen hat, wurde einzig John Davis als angeblich einziger Original-Sänger von Milli Vanilli präsentiert. Dieser hat zwar damals und in der Sendung das ähnlichlautende "Girl I´m gonna miss you" gesungen, den in der gesamten Show thematisierten Grammy-Hit allerdings nicht. Dieser Hit wurde damals von Charles Shaw gesungen. Dennoch lässt man Oliver Geissen nach dem MTV-Hänger-Video sagen: "Wer singt denn das? Wir lüften das Geheimnis. Er heißt John Davis. Wir haben ihn heute Live hier. Die Stimme von Milli Vanilli!" Unglaublich - aber wahr, Millionen RTL-Fans erleben den ganzen Skandal tatsächlich noch ein zweites Mal. China und die Olympiaeröffnung haben der Welt kürzlich erst gezeigt, wie empfindlich die Öffentlichkeit auf Fälschungen reagiert. Warum wohl niemand bei RTL auf die Idee gekommen ist, den Milli Vanilli Produzenten Frank Farian - der am Tag der Sendung noch mit Charles Shaw telefoniert hatte und somit erreichbar war - einfach nach dem richtigen Namen zu Fragen, das bleibt wohl ein journalistisches Rätsel des ausführenden Redaktionsteams der Sendung, Günther Jauchs TV-Firma I & U TV Produktion aus Köln. Ob Oliver Geissen sich nun fragt, ob er das Fair findet, das dürfte die Branche und alle seine Fans ganz sicherlich interessieren. Das Video von Charles Shaw auf youtube: http://www.youtube.com/watch?v=BCVfFR_XKlk Zeugenaussage hier eingetragen von Radan R. Danier
Harald Herrmann, 16.11.2016
2. Wo war da das Geheimnis?
Ich hatte als Auslieferfahrer immer das Radio laufen. Dabei wurden die beiden zum Anfang ihrer Karriere im bayrischen Radio interviewt und erzählten frei von der Leber, wie sie aufs Cover der ersten Platte kamen! Sie waren als Tänzer in München unterwegs, als sie von Frank Fahrian gefragt wurden, ob sie einer fertig eingespielten Platte "das Gesicht" geben wollten und einen Videoclip einspielen könnten. Das haben sie dann gemacht. Als dies alles wie eine Bombe einschlug, da lief alles so weiter! Mein Eindruck: Ohne die beiden "Hampelmänner" wäre das Ding nie so hoch geschossen, hätte Frank Farian nie weitere Titel mit Clips von ihnen gestaltet. Die Show der beiden war das Erfolgsrezept - und in meinen Augen sind sie auch verarscht worden …
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