150 Jahre Postkarte WhatsApp der Kaiserzeit

Meer sauber, Hotel dreckig, Bier fad: Seit dem 1. Oktober 1869 werden Postkarten verschickt - auch wenn sie einst als sittenverderbend galten. einestages gratuliert mit den schönsten und scheußlichsten Exemplaren.

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War Fräulein Anna glücklich - oder einfach nur genervt? Auf jeden Fall gab es jemanden da draußen in Karlsruhe, der sie aufrichtig vergötterte: Nicht weniger als vier Postkarten bekam Anna an jenem 22. Juni 1904 von einem namentlich nicht bekannten Verehrer zugeschickt.

Auf den Karten zu sehen: Ansichten eines eleganten Pärchens zu verschiedenen Tageszeiten. Dazu passend vier Liebesgrüße in Gedichtform, beginnend mit "Guten Morgen!", "Guten Tag!", "Guten Abend!" und "Gute Nacht!". Am deutlichsten wurde der Verehrer beim Nachtgruß: "Gute Nacht und süße Träume, Schweb um dich im dunklen Raum. Und ich bitte unterthänig: Träume auch von mir ein wenig."

Wäre Anna Berlinerin gewesen, hätte ihr Verehrer womöglich sogar bis zu elf Mal täglich einen Liebesgruß geschickt: So häufig wurde um die Jahrhundertwende in der damaligen Reichshauptstadt die Post zugestellt. Die Menschen verabredeten sich per Postkarte morgens zum 15-Uhr-Tee oder mittags zum Diner, schworen sich ewige Treue oder bittere Rache, sprachen einander Beileid oder Glückwunsch aus.

Wenige Worte, rasch auf Papier gekritzelt - und ab in den Briefkasten damit: Die Postkarte erfüllte zu ihrer Blütezeit die Funktion, die heute WhatsApp, SMS und Co. übernommen haben. Eine schnelle, formlose, preiswerte Form der Kommunikation. Zu ihrem 150. Geburtstag gratuliert das Museum für Kommunikation in Berlin der Postkarte mit der Ausstellung "Mehr als Worte". Die 500 versammelten Exponate erzählen von der Vielfalt eines höchst sinnlichen Mediums - das zu Beginn auf erbitterten Widerstand stieß.

Österreichischer Sparfuchs gibt den Anstoß

Als der spätere Generalpostmeister Heinrich von Stephan auf der 5. Deutschen Postkonferenz 1865/66 die Einführung eines offenen "Postblattes" als preiswerte Alternative zum Brief vorschlug, reagierten die Kollegen allergisch: Eine solche, für jedermann lesbare Karte verteufelten sie als "unanständige Form der Mitteilung", die nicht nur das Briefgeheimnis verletze und die Sitten verderbe, sondern - durch ihren geringeren Preis - auch noch zu sinkenden Einnahmen führe.

Weniger ängstlich als die Preußen gebärdeten sich die Nachbarn in Österreich-Ungarn: Dort warb Nationalökonom Emanuel Herrmann für die Postkarte, um teures Briefpapier, Kuverts, Tinte und Siegellack zu sparen. Zudem sah er das neue Medium als Symbol für Fortschrittlichkeit und hoffte, dass "Österreich einmal den bevorzugten Nationen des Westens voranschreiten" würde, wie Herrmann Anfang 1869 in einem Zeitungsartikel schrieb.

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150 Jahre Postkarte: "Unanständige Form der Mitteilung"

Die österreichische Postverwaltung erhörte Herrmann, führte die "Correspondenz-Karte" zum 1. Oktober 1869 ein - und löste einen ungeahnten Hype aus: Allein in den letzten drei Monaten des Jahres wurden im Habsburgerreich rund drei Millionen Postkarten verkauft, rasch zogen andere Länder nach. Als von Stephan 1870 Generalpostdirektor des Norddeutschen Bundes wurde, führte er die Karte auch in seinem Hoheitsbereich ein - allein am ersten Verkaufstag, dem 25. Juni 1870, wurden in Berlin mehr als 45.000 Exemplare verkauft.

Gruß aus dem Himmel

Das kleine Rechteck aus Papier war zutiefst demokratisch und traf den Nerv der Zeit: Vorbei die Ära, in denen sich nur die Gebildeten schrieben. Das Medium Postkarte nutzten Menschen aus allen sozialen Schichten - auch weil das Porto seit 1872 nur halb so teuer war wie für einen Brief. In einer Welt der zunehmenden Industrialisierung und Mobilität, in der die Menschen massenhaft in die Städte abwanderten, hielten sie per Postkarte Kontakt.

Zudem profitierte das Medium von der Entwicklung der Fotografie: Die Postkarte stillte den Bilderhunger des Fin de Siècle, auch dank des aufkommenden Massentourismus verbreitete sie sich rasant. "Was ist das erste, wenn Herr u. Frau Müller in den Himmel kommen? Sie bitten um Ansichtspostkarten", frotzelte der Dichter Christian Morgenstern 1907.

Der britische "Standard" wiederum ulkte 1899 über das deutsche Postkartenfieber: "Der reisende Teutone scheint es als seine feierliche Pflicht zu betrachten, von jeder Station seiner Reise eine Postkarte zu schicken, als befände er sich auf einer Schnitzeljagd. Seine erste Sorge (...) ist es, ein Gasthaus zu finden, wo er abwechselnd sein Bier trinkt und Postkarten adressiert. "

Ausstellungshinweis

Von den im deutschen Kaiserreich im Jahr 1900 verschickten 2,7 Milliarden Briefsendungen waren rund eine Milliarde Postkarten, davon 50 Prozent Ansichtskarten. Neu gegründete Fachzeitschriften wie "Der Postkartensammler" oder die "Internationale Ansichtskarten-Revue" informierten über die neuesten Trends. Und Liebhaber organisierten sich in Vereinen wie dem 1897 gegründeten "Weltverband Kosmopolit", dem 1912 immerhin 11.000 Mitglieder aus aller Welt angehörten.

"Gemeingefährlichkeit der Ansichtskartenmanie"

Die Postkartenhersteller jubilierten - die Nörgler gingen auf die Barrikaden. "Zuckersteuer auf Ansichtskarten!" forderte der österreichische Literat Karl Kraus 1899 in einem Artikel. Er schimpfte über die "Gemeingefährlichkeit der Ansichtskartenmanie", hegte Mitleid mit dem "gehetzten Briefträger, der wegen eines 'Grußes aus Ischgl' in Wien vier Stockwerke erklimmen" musste. Und schrieb: "Ich sah abgestürzte Touristen zugleich mit dem Testament eine Ansichtskarte aufsetzen."

Zu Kriegszeiten gelangte die Postkarte als Gratis-Lebenszeichen zu neuer Popularität: Schon im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 millionenfach versandt, wurden im Ersten Weltkrieg allein von deutschen Soldaten laut Schätzungen zehn Milliarden portofreie Feldpostkarten in die Heimat geschickt.

Nach Kriegsende ebbte die Postkartenleidenschaft in dem Maß ab, in dem die Zahl der Telefonanschlüsse zunahm. Von den 1931 in Deutschland verschickten 5,7 Milliarden Briefsendungen betrug der Anteil der Postkarten nur noch 20 Prozent.

46 Kilometer in 83 Jahren

Trotzdem lebte das Medium weiter, ob als Urlaubs- oder Weihnachtsgruß, zur erotischen Erbauung oder als NS-Propagandamittel. Als "Spiegel der Kulturgeschichte", schrieb Gerhard Kaufmann in seinem Werk zur Postkarte, vermittelte die kleine Pappe Werte und Sehnsüchte, das politische Klima und die Mode. "Sie bot Kunst und was man dafür hielt", so Kaufmann, "warb für Waschmittel und Kekse, Düngemittel und Kriegsanleihe, für den Zirkus und für Adolf Hitler."

Heute verschicken vor allem Grundschüler und Senioren Postkarten. Alle anderen tippen flugs eine Nachricht aufs Handy, legen bei miesem Wetter einen Kunterbunt-Filter übers Strandfoto und drücken auf "Senden". Beförderte die Bundespost 1982 noch 877 Millionen Postkarten jährlich, wurden 2017 gerade einmal 195 Millionen verschickt.

Immerhin: Laut einer aktuellen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom meldet sich mehr als jeder zweite Urlauber (55 Prozent) mit einer Postkarte oder einem Brief aus den Ferien. Das macht Hoffnung, schließlich kann man sich eine WhatsApp nicht an den Kühlschrank pinnen.

Ob kitschiger Sonnenuntergang, glotzende Robbe oder barbusige Strandnixe auf der Rückseite: So ein bedruckter Fetzen Papier lässt das Herz einfach höher schlagen als ein Digitalgruß - selbst wenn er von einem Toten stammt. Im Februar 2009 fischte Rosa Morre eine Postkarte ihres Vaters aus dem Briefkasten, die 83 Jahre lang unterwegs gewesen war.

Der belgische Soldat Victor Morre hatte sie 1926 an seine 46 Kilometer entfernt lebende Familie gesendet. "Wenn ihr noch kein Hemd geschickt habt, dann tut das schnell", schrieb der damals 20-Jährige; auf der Rückseite prangte ein Foto zerbombter Häuser aus dem Ersten Weltkrieg. Die Karte war im Postamt hinter einen Schrank gerutscht, wo sie jahrzehntelang unbemerkt schlummerte.

"Noch nie bin ich über eine Karte so froh gewesen", sagte Morre, als sie das vergilbte Erinnerungsstück in Händen hielt.

insgesamt 4 Beiträge
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Karla Hofer, 01.10.2019
1. Was der Artikel nicht aussagt
Damals bekam man mehrmals Post am Tag, in London bis zu 16 Mal.
Ralf Schäfer, 01.10.2019
2. Gigantisches Fahrrad?
In der Unterschrift zu Bild 3 steht "Zu sehen: ein Postjunge auf einem gigantischen Postfahrrad". Komisch, ich sehe nur einen Mann vor einem Briefkasten und im Vordergrund ein Fahrrad.
Roland Pohl, 01.10.2019
3. Kleiner Junge, riesiges Fahrrad ?
Sieht eher aus wie ein Postbote beim entleeren eines Briefkastens (Hintergrund) und seinem Dienstfahrrad (Vordergrund). Das nennt man wohl "Perspektive" :-)) ...
Chris Doe, 01.10.2019
4. @karla
"Wäre Anna Berlinerin gewesen, hätte ihr Verehrer womöglich sogar bis zu elf Mal täglich einen Liebesgruß geschickt: So häufig wurde um die Jahrhundertwende in der damaligen Reichshauptstadt die Post zugestellt."
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