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Die Sekretärin und die Großen Drei

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Potsdamer Konferenz 1945 Wie Churchills Sekretärin die Neuordnung der Welt erlebte

Hier Leichengeruch, dort Partys: Vor 75 Jahren reiste die Stenotypistin Joy Milward, 19, mit dem britischen Premier nach Potsdam. Ihr Tagebuch zeigt, was die Konferenzteilnehmer abseits des Politpokers erwartete.

Josef Stalin kommt einen Tag zu spät - Joy Milward reist überpünktlich an. Während der sowjetische Diktator, ganz der große Triumphator, majestätisch im Salonzug des Zaren Nikolaus II. gen Westen bummelt, setzen die Räder der britischen "Dakota"-Transportmaschine am 13. Juli 1945 um Punkt 17 Uhr auf der Landebahn in Berlin-Gatow auf.

Joy Milward, mit 19 Jahren schon eine Spitzensekretärin, hat zum ersten Mal Großbritannien verlassen, ist zum ersten Mal geflogen, inklusive Besichtigung des Cockpits. Und landet, wie sie schreibt, "in einer neuen Welt". Niemand hat sie vorbereitet auf das, was sie jetzt zu sehen bekommt:

"Wir waren alle sehr betroffen beim Anblick der Deutschen. Die Straßen waren gesäumt von alten Männern und Frauen, Kindern und jungen Frauen, die ihre Habseligkeiten auf dem Rücken trugen oder in Karren vor sich herschoben. Keiner wusste, woher sie kamen, wohin sie gingen. ... Ihre Gesichter sahen nicht wirklich traurig aus, eher betäubt und ausdruckslos. Man musste sich zusammenreißen und anerkennen, dass uns Briten ohne Gottes Gnade Gleiches widerfahren hätte können."

Bestürzt hielt die junge Frau ihre Eindrücke in einem leeren Wehrmachts-Fotoalbum fest. Beige, mit schwarz-weiß-roter Kordel und silbernem Kreuz auf dem Deckel. Gefunden hatte sie das Album in einer Wohnung in der feudalen Kaiserstraße 6 in Babelsberg - ihrem Quartier für die Zeit der Potsdamer Konferenz.

"Wir sollten im deutschen Hollywood wohnen, in den Häusern der ehemaligen Filmschauspieler und Schauspielerinnen", schrieb Milward aufgeregt. "Die Sowjets hatten den Bewohnern nur 30 Minuten Zeit gegeben, um ihre Bleibe zu verlassen." Überall lagen noch Kinderspielsachen und Bücher herum, "Relikte eines fröhlichen Familienlebens".

Drei Große, fünf D, Dutzende ungelöste Fragen

Unweit der britischen Sekretärin residierten die Staatschefs der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion, Harry S. Truman, Winston Churchill und Josef Stalin. Zum dritten Mal seit 1943 trafen sich die Großen Drei zur Gipfelkonferenz, nach Teheran und Jalta die letzte ihrer Art. Nur zwei Monate nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen wollten die Alliierten in Potsdam eine neue Weltordnung auf den Weg bringen. Oder, wie es US-Historiker Charles L. Mee formulierte, "die Beute teilen".

Die Deutschen hatten große Teile Europas in Schutt und Asche gelegt. Nun brauchte der Kontinent eine Nachkriegsordnung. Krieg sollte ein für alle Mal gebannt, das Zeitalter des dauernden Friedens eingeläutet werden - ein ambitioniertes bis unmögliches Vorhaben, schon weil der Krieg im Pazifik  noch nicht vorbei war.

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Die Sekretärin und die Großen Drei

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Dutzende ungelöste Fragen standen im Raum: In welchen Grenzen sollte Deutschland künftig existieren? Wie sollte die deutsche Bevölkerung versorgt und Deutschland wiederaufgebaut, Militarismus und Nazismus ausgerottet werden? Wie sollten die Alliierten mit den NS-Verbrechern und einstigen Bündnispartnern der Deutschen im Krieg umgehen? Unklar waren zudem die Reparationsfrage, der Verlauf der polnischen Westgrenze, das Schicksal der Millionen Vertriebenen und Displaced Persons.

Auf die berühmten fünf D - Denazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung, Dezentralisierung, Demontage - einigte sich die einstige Anti-Hitler-Koalition ohne größere Probleme. Danach wurde es kompliziert.

"Wir haben bis 3.45 Uhr am Morgen gearbeitet"

Das zunehmend erbitterte Ringen der drei so unterschiedlichen Männer, das gegenseitige Misstrauen, die Interessengegensätze, Ängste und Forderungen - darüber schrieb Joy Milward kein Wort ins Tagebuch. Sie wusste genau: Über die Inhalte ihrer Arbeit hatte sie striktes Stillschweigen zu bewahren.

Ab Januar 1944 hatte die begabte Pfarrerstochter in den Cabinet War Rooms gearbeitet, der geheimen Kommandozentrale des britischen Kriegskabinetts 15 Meter unter dem Zentrum Londons, mit einer drei Meter dicken Betondecke gegen Bombenangriffe.

Eineinhalb Jahre hatte Milward in diesem schlecht belüfteten Bunker ausgeharrt, durch den Churchills Zigarrenqualm zog. Und sich dabei so gut angestellt, dass sie im Juli 1945 mit der britischen Delegation ins zerstörte Deutschland reisen durfte. Eine große Auszeichnung für die junge Frau.

Sie dankte es ihrem Chef mit enormem Einsatz. So schrieb Milward am 23. Juli: "Wir haben bis 3.45 Uhr am Morgen gearbeitet!" Oft war die Sekretärin bis weit nach Mitternacht im Dienst und hatte dafür an anderen Abenden frei, mitunter den ganzen Nachmittag.

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Potsdamer Konferenz 1945: Die Neuordnung der Welt

Verlag: Sandstein Kommunikation
Seitenzahl: 264
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10.12.2022 02.14 Uhr

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Dinnerpartys und Ruinentourismus

Von diesen Momenten der Muße abseits des zähen Politpokers, von Dinnerpartys, Konzerten und Tanzabenden, aber auch vom Ruinentourismus ins zerbombte Berlin erzählt Milwards Tagebuch, ein Glanzstück der aktuellen Sonderschau zur Potsdamer Konferenz . Die gelungene Ausstellung ist zu sehen im Schloss Cecilienhof, just in jenen Räumen des prächtigen Hohenzollern-Anwesens, in denen die Konferenz vor 75 Jahren tagte.

Auf 29 Seiten schrieb Milward mit ihrer runden Mädchenschrift ungefiltert alles auf, was sie damals bewegte. Dazu klebte sie Fotos und Zeitungsausschnitte, luxuriöse Speisekarten, Pässe, Stadtpläne, Flugtickets. Sogar eigene Zeichnungen enthält das Tagebuch. Eine Skizze der uniformierten Russinnen etwa, die mit gelben und roten Flaggen den Verkehr in der sowjetischen Besatzungszone regelten.

Ein Digitalisat des Tagebuchs ist in der aktuellen Sonderausstellung zur Potsdamer Konferenz im Schloss Cecilienhof zu sehen

Ein Digitalisat des Tagebuchs ist in der aktuellen Sonderausstellung zur Potsdamer Konferenz im Schloss Cecilienhof zu sehen

Foto: Sören Stache/ picture alliance/ dpa

Kurator Matthias Simmich war durch britische Medienberichte auf die einstige Sekretärin aufmerksam geworden. Er besuchte die inzwischen 94-Jährige im südenglischen Guildford, interviewte sie und brachte ihr bislang unveröffentlichtes Tagebuch mit nach Potsdam.

"Joy ist eine enorm wache, humorvolle Dame, die sich noch genau an jede Einzelheit erinnern kann", sagt Historiker Simmich. Ursprünglich habe die betagte Britin sogar geplant, zur Ausstellungseröffnung nach Deutschland zu reisen - doch dann kam die Corona-Pandemie.

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Wie Milward notierte, reagierten die rund um den Konferenzort stationierten britischen Signals-Soldaten euphorisch auf die Anwesenheit junger Mitbürgerinnen. Regelmäßig wurde Milward zum Tanzen abgeholt, in Schuppen kutschiert, die Wilderness und Elstree hießen. "Es war großartig, so umschwärmt zu werden", schrieb Milward.

Ein Stück von Hitlers Schreibtisch stibitzt

Im Jeep jagte die Britin mit hundert Sachen über die Berliner Autobahn. Sie lauschte in Schloss Sanssouci den Klängen von Elgar und Beethoven, schlürfte "White Ladies" bei der Cocktailparty von General Ismay. Kurz: Milward genoss das kulturell-gesellschaftliche Rahmenprogramm von Potsdam in vollen Zügen.

Zudem fuhr sie mehrfach ins Berliner Zentrum, auf den Spuren der untergegangenen Nazidiktatur. In der zerstörten Reichskanzlei staunte Milward über den megalomanen Pomp. Und stibitzte ein Stück von Hitlers zerbröseltem Marmorschreibtisch. Beim Gang durch die Geisterstadt registrierte sie verstört die Folgen des Krieges:

"In dem Gebiet nah der Spree war dieser grässliche Geruch verwesender Körper, an den wir uns mit der Zeit gewöhnt hatten. Ähnlich war es in Potsdam am Kanal, aber in Berlin roch es allgemein stärker danach."

Besonders setzten ihr die Not leidenden Deutschen zu:

"Sie waren bereit, alles zu geben für ein paar Zigaretten oder noch besser, einen Riegel Schokolade oder eine Unze Fett. Es schien alles schier unglaublich. ... Am schlimmsten war jedoch der Anblick der Kinder, kleine, wunderschöne Kinder... Sie gingen die Straße entlang, ohne Schuhe, mit Armen und Beinen so dünn wie Stangen, eingefallenen Augen und einem viel zu erwachsenen Gesichtsausdruck."

Auftakt zum Kalten Krieg

Auch die Großen Drei registrierten das Elend im Nachkriegsdeutschland - vor allem US-Präsident Truman war bestrebt, Stalin von allzu harten Reparationsforderungen abzuhalten. Dafür ließ er sich, sehr zum Missfallen Churchills, auf Stalins Vorstellungen zur neuen deutschen Ostgrenze ein. Was die abermalige Vertreibung Millionen Deutscher zur Folge hatte.

Während der Konferenz war Truman über den erfolgreichen Atombombentest in New Mexico unterrichtet worden. Seither hatte der joviale Farmersohn aus Missouri Oberwasser. Truman wusste: Auf Stalin war er zur Beendigung des Krieges im Pazifik nicht mehr angewiesen. Noch in Potsdam gab er den Befehl zum Abwurf der grauenvollen Waffe - sie sollte Hiroshima am 6. und Nagasaki am 9. August vernichten. So brachte Potsdam keinen Frieden, sondern bildete den Auftakt zum Kalten Krieg und zur Teilung der Welt.

Als die Alliierten am 2. August kurz nach Mitternacht schließlich das Potsdamer Abkommen unterzeichneten, waren der vom britischen Volk abgewählte Churchill und Sekretärin Joy Milward längst abgereist. Das Schriftstück besiegelte die deutsche und europäische Nachkriegsordnung, regelte Reparations- und Verwaltungsfragen, Grenzverläufe, sogar das Schicksal der Stadt Königsberg.

Zu einem Punkt jedoch schwieg es lautstark: zu den Opfern des Naziterrors. "Nichts im Communiqué deutet darauf hin, dass die Alliierten sich der deutschen Juden annehmen wollen", schrieb der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer am 4. August desillusioniert in sein Tagebuch.

Die Ausstellung "Potsdamer Konferenz 1945. Die Neuordnung der Welt" ist noch bis zum 31. Dezember 2020 im Schloss Cecilienhof in Potsdam zu sehen. Anmeldung und Informationen .

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