Fotostrecke

Presse der Wendejahre: West-Zeitung am Ost-Kiosk

Foto: Adriano Coco

Presse der Wendejahre West-Zeitung am Ost-Kiosk

Pressefreiheit selbst gemacht: Am 20. Februar 1990 verkauften 55 Ost-Berliner Händler den "Tagesspiegel" als erste Zeitung aus dem Westen. Adriano Coco stellte damals die Weichen für den Veröffentlichungs-Coup. Da keine DDR-Behörde ihr Okay geben wollte, lieferten Taxifahrer die Zeitungen aus - ohne Genehmigung.

Am liebsten wäre ich vor Freude laut hupend hinter den zwei taubenblauen "Tagesspiegel"-Lastwagen hinterhergefahren. Doch ich wollte die Auslieferung der ersten Ausgaben einer westlichen Tageszeitung in der DDR nicht in allerletzter Sekunde an der Straßenverkehrsordnung scheitern lassen. Schließlich hatte ich es als Verlagsrepräsentant des "Tagesspiegels" für Ost-Berlin und die DDR tatsächlich gerade geschafft, dort ein erstes privates Zeitungsvertriebssystem mitaufzubauen.

Es war der 20. Februar 1990, gegen 7.30 Uhr. Gerade hatten die Grenzsoldaten und Zöllner der DDR die 106 Packen mit je 150 "Tagesspiegel"-Exemplaren ohne Beanstandung den Grenzübergang an der Invalidenstraße passieren lassen. Ich freute mich unbändig. Endlich waren die Zeiten vorbei, in denen die sogenannten DDR-Grenzorgane hinter jedem angeblich ideologisch-subversiven "Micky Maus"-Heft her waren. Jetzt standen die zensurbevollmächtigten Ost-Grenzwächter sogar stramm vor 15.900 West-Zeitungen und legten zackig die Hand an die Dienstmütze zum Einzug der westlichen Pressefreiheit.

Über ein schwarzes Philips-Mobiltelefon, das die Handlichkeit eines Brikettkohlenpaketes hatte, meldete ich Vertriebsleiter Helmut Gerhards in der Potsdamer Straße den Erfolg der ersten Verkaufstour des "Tagesspiegels" über die Sektorengrenze seit 42 Jahren. Denn 1948 hatte die sowjetische Besatzungsmacht nach Auflösung des Gesamtparlaments von Ost- und West-Berlin die Einfuhr der westlichen Tageszeitung gestoppt.

Per Taxi zu den Händlern

Noch bis eine Woche vor dem nun geglückten Verkaufsstart war das "Tagesspiegel"-Vertriebsnetz für Ost-Berlin allerdings nichts weiter als eine verwegene Idee. Ein Plan, der völlig illusorisch wirkte, solange die Ost-Post, die das DDR-Vertriebsmonopol für Zeitungen innehatte, den "Tagesspiegel" nicht in ihre Postzeitungsliste aufnahm, die als Instrument der DDR-Pressezensur fungierte.

Doch ich hatte eine Idee, wie man das staatliche Vertriebsmonopol umgehen konnte. Man müsste nur ein verlagseigenes, privates Händlernetz aufbauen. Ich wusste, dass in Ost-Berlin nicht alles volkseigen war. Es existierte im Schatten der herrschenden Planwirtschaft auch ein kleiner freier Markt. So gab es zum Beispiel private Einzelhändler und Taxifahrer.

Ich wandte mich als erstes an die Industrie- und Handelskammer, die ihren Sitz in den Hackeschen Höfen in Mitte hatte. Zu meinem Erstaunen überreichte man mir sofort eine komplette Liste aller privaten Einzelhändler in Ost-Berlin.

Mehr als hundert dieser Händler kamen zu einem Treffen im "Tagesspiegel"-Konferenzraum im obersten Stock hoch über der Potsdamer Straße. Spontan sagten 55 Mutige ihre Verkaufsbereitschaft zu. Mutig deshalb, weil die Entlohnung in Westmark mit DDR-Recht kollidierte. Als mit Hilfe des Haushaltswarenhändlers und erfolgreichen Radsporttrainers Eddy Setlak auch noch zuverlässige private Taxifahrer gefunden waren, um die DDR-Vertriebspartner der ersten Stunde mit Zeitungen zu beliefern, war das erste westliche, verlagseigene Vertriebsnetz in der DDR nach nicht einmal einem Monat einsatzbereit - allerdings nur auf dem Papier. Es fehlte noch die Vertriebslizenz der DDR-Behörden. Denn in dieser wirren Zeit, in der die deutsche Einheit noch ein ziemlich exotischer Gedanke war, kam für den Verlag nur ein Vertrieb auf rechtlich einwandfreier Grundlage in Frage.

Der Regierungssprecher bringt die Wende

Also sprach ich beim damaligen stellvertretenden Ost-Postminister Hans-Jürgen Niehof in seinem Amtssitz in der Leipziger Straße vor. Er residierte in einem turmartig hohen und kammerschmalen Amtszimmer aus der Kaiserzeit, beklebt mit realsozialistischer Blümchentapete. Niehof war sehr davon beeindruckt, dass der "Tagesspiegel"-Verlag beschlossen hatte, die gesamten Vertriebseinnahmen für den Wiederaufbau der Französischen Kirche in Potsdam zu spenden. Trotzdem sah sich der Mann der Modrow-Regierung auf keinen Fall imstande, den "Tagesspiegel" in den Monopolvertrieb seiner Post aufzunehmen. Als ich ihm erklärte, dass bereits ein eigenes privates Vertriebsnetz existiere, war er sichtlich baff. Und er gab mir den Rat, mich wegen einer Verkaufslizenz an den Magistrat zu wenden.

Im Roten Rathaus am Alexanderplatz hieß es nun, dass ein DDR-Konto unabdingbare Voraussetzung für eine Einfuhrlizenz sei. Das könne dem "Tagesspiegel" als Devisenausländer vor Abschluss entsprechender Verträge zwischen DDR und Bundesrepublik jedoch nicht bewilligt werden. Ratlos war der Mann im Rathaus aber, als er erfuhr, dass ein "Tagesspiegel"-Konto beim Ost-Berliner Stadtkontor existierte - es stammte noch aus den Vertriebszeiten vor 1948. Statt Frachtpapieren erhielt ich trotzdem nur eine diplomatische Abwimmlung: Allein der Presse- und Informationsdienst der Regierung der DDR sei zuständig.

Der Chef dieser Behörde war für mich jedoch nicht zu sprechen. Am 16. Februar 1990 empfing mich aber immerhin der stellvertretende DDR-Regierungssprecher Ralf Bachmann. Ich weiß nicht, ob er Mitleid mit jemandem hatte, der trotz aller scheinbaren Aussichtslosigkeit auf Erfolg hartnäckig an seinem Ziel festhielt, oder ob er an dem frühen Freitagnachmittag einfach nur Langeweile hatte. Jedenfalls war der Vize-Regierungssprecher zum Plaudern aufgelegt. Er lobte blumig journalistische Qualität und Sorgfalt des "Tagesspiegels", wiederholte mehrfach, dass er ihn in seiner Regierungstätigkeit seit langen Jahren jeden Morgen nicht nur zuerst, sondern auch am liebsten lese. Er zeigte sich begeistert über die Spendenabsicht für die Französische Kirche in Potsdam und bemerkte sogar, dass er es gut fände, wenn der "Tagesspiegel" in Ost-Berlin erhältlich wäre. Aber das sei nun nicht mehr allein Sache der DDR-Regierung und ihres Presse- und Informationsdienstes. Für die Zulassung westlicher Medien sei jetzt auch noch die Zustimmung des Medienkontrollrates bei der DDR-Volkskammer erforderlich. Ich bemerkte einen merkwürdig einladenden Unterton in der Stimme meines Gesprächspartners. So traute ich mich zu fragen: "Sagen Sie mal, Herr Bachmann, was passiert eigentlich, wenn morgen ein Lastwagen, voll beladen mit "Tagesspiegel"-Ausgaben, ohne Einfuhrpapiere die Grenze passieren will?" "Nichts," war seine lapidare Antwort. Ich hatte verstanden.

Restlos ausverkauft

Sofort machte ich mich auf den Weg zum Verlagsgebäude und verkündete den staunenden Mitgliedern von Verlags- und Redaktionsleitung die Neuigkeit. Es wurde die Entscheidung gefällt, so schnell wie möglich in Ost-Berlin auszuliefern. Für den sofortigen Vertriebsstart am nächsten Tag, einem Sonnabend, war es schon zu spät. Auch Sonntag und Montag fielen aus, da Wochenendzeitungen im Osten bereits sonnabends im Handel waren und der "Tagesspiegel" montags nicht erschien. Also wurde Dienstag, der 20. Februar 1990, der Tag, an dem die ersten Exemplare in Ost-Berlin verkauft werden sollten.

Und es wurde ein voller Erfolg. Am Ende des Tages waren alle 15.900 Exemplare in Ost-Berlin ausverkauft. Und das ohne jegliche vorangegangene Werbung. Nur Werbeplakate, sogenannte Händlerschürzen, vor den 55 Geschäften der privaten Händler wiesen auf die Kaufmöglichkeit des "Tagesspiegels" hin. Fünf Tage nach diesem Coup, am Sonntag, den 25. Februar, hatte es der "Tagesspiegel" dann sogar auch in die Bahnhofskioske der Ost-Post geschafft - wenn auch erst einmal nur in den damaligen DDR-Bezirken Potsdam, Frankfurt/Oder und Cottbus.

Am 13. März 1990 wollte nun auch die Modrow-Regierung nicht mehr hintanstehen. Unter der Registriernummer V 00 001 genehmigte der Presse- und Informationsdienst der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik dem "Tagesspiegel" als erster parteiunabhängiger westlicher Tageszeitung offiziell die Registrierung zum Vertrieb. Damit war auch der Zugang zum Kiosknetz und zum Abo-Service des Zeitungsmonopolisten Ost-Post in der gesamten DDR erreicht.

Die Werktagsauflage des Tagesspiegels machte dadurch zeitweise einen Sprung um rund 20.000 Exemplare in die Höhe. Doch weitere Westzeitungen ließen nun nicht mehr lange auf sich warten, den Markt der DDR ebenfalls zu erobern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.