Pretenders-Frontfrau Chrissie Hynde "Ich führe kein Promileben, ich nehme den Bus"

Mit The Pretenders wurde Chrissie Hynde zur Rockikone. Hier erklärt die 68-Jährige, wie sie Veganerin wurde und warum es völlig in Ordnung ist, dass Männer für sie die Gitarren tragen.

Fin Costello/ Redferns/ Getty Images

Ein Interview von


Zur Person
    Chrissie Hynde wurde am 7. September 1951 als Christine Ellen Hynde in Akron (Ohio) geboren, zog mit 17 zu Hause aus und landete 1973 in London, wo sie als Redakteurin beim "New Musical Express" und in Vivienne Westwoods Boutique "Sex" jobbte. 1978 gründete sie die Band The Pretenders und landete im Jahr darauf mit "Brass in Pocket" den ersten Hit. Die Umweltaktivistin und Veganerin hat zwei Töchter aus Ehen mit Ray Davies (The Kinks) und Jim Kerr (Simple Minds). Auf ihrem neuen Solowerk "Valve Bone Woe" interpretiert sie Songs von Frank Sinatra, Charles Mingus, John Coltrane oder Ray Davies.

einestages: Warum überraschen Sie, die gestandene Rockröhre, Ihre Fans auf dem neuen Album mit Jazz-Standards?

Chrissie Hynde: Ich bin nicht sicher, ob ich die Platte als reines Jazzalbum klassifizieren würde. Der Sound ist so was wie Jazz mit starken Psychedelic-Dub-Einflüssen. Von Haus aus singe ich Rock, kam aber durch meinen Bruder Terry, der Saxofon spielt, früh mit Jazz in Berührung. Und ich habe ein Faible für Coversongs. Mit der Arbeit haben wir bereits vor sieben Jahren begonnen.

einestages: Wieso dauerte es so lange?

Hynde: Weil immer was dazwischenkam, so viele Projekte. Ich habe in der Zeit drei andere Alben gemacht, Hunderte Konzerte gegeben, 300 Bilder gemalt und ein Buch geschrieben, meine Autobiografie "Reckless". So zog sich die Arbeit an "Valve Bone Woe" hin.

einestages: Der Albumtitel klingt außergewöhnlich. Was hat es damit auf sich?

Hynde: Als 2011 der Jazzmusiker Bob Brookmeyer starb, schrieb ich meinem Bruder: "RIP, Bob Brookmeyer". Er antwortete: "Valve Bone Woe". Das hat mit der Valve Trombone zu tun, Bobs Posaune, Woe ist der Kummer. Ich fand, das ist ein toller Titel für mein Album, auf dem auch eine Posaune zu hören ist.

einestages: Sie covern auch Frank Sinatra, mit dem Sie vor 25 Jahren sogar mal im Duett sangen.

Hynde: Persönlich kennengelernt habe ich ihn leider nie, damals hat jeder seinen Duett-Part von "Luck Be A Lady" allein im Studio eingesungen. Frank war einer der größten Sänger aller Zeiten, es war mir eine Ehre, mit ihm auf einem Song zu hören zu sein.

einestages: Sie gelten als unangepasste, meinungsstarke Musikerin. Waren Sie als Kind schon rebellisch?

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Musikerin Chrissie Hynde: "Punk war wie ein Loch im Zaun"

Hynde: Nein, bis 17 wusste ich nicht, was Rebellion überhaupt ist. Dann entschied ich mich, Vegetarierin zu werden. Ende der Sixties war das ungewöhnlich, ich gehörte zu einer Minderheit, aber das ging mir am Arsch vorbei. Mir wurde schnell klar, dass ich mit meiner Entscheidung recht hatte und alle anderen nicht. Seit über 40 Jahren engagiere ich mich nun aktiv für die Sache und werde an jeder Ecke darauf angesprochen. Heute sind Vegetarismus und Veganismus medial sehr präsent, und das ist gut so.

einestages: Für einige Protestaktionen wurden Sie sogar verhaftet.

Hynde: Ich landete ein paar Mal im Knast, stimmt. Das war es wert: Es hat sich ein kollektives Bewusstsein in puncto Ernährung, Tierhaltung und Umwelt entwickelt. Da tut sich was. Ihr in Deutschland wart eurer Zeit weit voraus in Sachen Recycling und Umweltschutz. Es hat 30 Jahre gebraucht, bis die Message in der ganzen Welt angekommen ist. 30 Jahre! Und dass ich als Veganerin jetzt auf Flughäfen was zu essen bekomme, ist großartig. Ich habe das Gefühl, wir leben in einem neuen Zeitalter der Aufklärung. Fühlt sich gut an.

einestages: Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Hynde: Durch das Radio, in den frühen Sechzigern. Ich saß stundenlang davor. Es lief großartige Musik, die Beatles, Stones und Kinks, ich habe den Sound aufgesogen. Bald drehte sich mein ganzes Leben um Musik, lange bevor ich selbst welche machte. Besonders die britischen Bands hatten mich schwer beeindruckt. Auch deshalb bin ich mit 22 nach England gegangen, 1973. Drei Jahre später brach dort der Punk aus.

einestages: Den Kinks-Sänger Ray Davies haben Sie 1980 geheiratet. War's die Punkwelle, die Sie ermutigte, selbst eine Band zu gründen?

Hynde: Ja, Punk war sowas wie ein Loch im Zaun, durch das man schlüpfen und im Musikbusiness mitmischen konnte, auch wenn man selbst kein so guter Musiker war. Es gab keinerlei Regeln, alles war plötzlich möglich. Ich war schon Mitte 20, relativ alt, ich meine, die Beatles lösten sich bereits wieder auf, als sie Ende 20 waren. Niemand in der Szene war jedenfalls so alt wie ich, höchstens Joe Strummer von The Clash. Also dachte ich mir: Fuck it, ich versuch' das jetzt einfach mit einer Band.

einestages: So einfach war das aber nicht.

Hynde: Es dauerte ewig, bis ich die richtigen Musiker zusammen hatte. In der florierenden Musikszene von Hereford im Südwesten Englands fand ich zwei Mitstreiter, Gitarrist James Honeyman-Scott und Bassist Pete Farndon, wir legten los als The Pretenders. Leider starben beide viel zu früh.

einestages: Woher kam der Bandname?

Hynde: Vom Song "The Great Pretender", den ich in der Version von Sam Cooke im Ohr hatte. Ich wollte einfach nur singen und Songs schreiben, gar nicht so sehr im Mittelpunkt stehen. Bis heute sehe ich mich nicht als Solokünstlerin, aber es ist normal, dass man auch mal eine Soloplatte aufnimmt und neue Dinge ausprobiert. Als großartige Musikerin würde ich mich niemals bezeichnen, aber es geht ja um Rock'n'Roll, da musst du kein exzellenter Musiker sein.

"Heul nicht rum, dass du ein Mädchen bist..."

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einestages: War es schwierig, sich in der Männerdomäne Rock'n'Roll zu behaupten?

Hynde: Im Gegenteil: Männer tragen meine Gitarren, nerven nicht mit emotionalen Problemen und sind echt easy-going. Ich hatte nie geplant, eine Band nur mit Typen zu gründen. Ich spiele mit jedem, der mit mir Musik machen möchte. Aber es spielen halt wenige Frauen Gitarre. Girls wollen lieber Model sein als Gitarristin. Habe ich nie verstanden. Gitarrespielen macht doch viel mehr Spaß.

einestages: Sie sind auch Malerin. Ist das Artwork Ihres neuen Albums von Ihnen?

Hynde: Ja. Ich versuche jeden Tag ein neues Bild zu malen. Vor ein paar Jahren habe ich damit begonnen, quasi als Hobby. Als Kind war es mein großer Traum, eines Tages Malerin zu werden, aber dann kam der Rock'n'Roll...

einestages: ...und Sie schafften es bis in die Rock & Roll Hall Of Fame.

Hynde: Das bedeutet mir nichts. Ich spiele in einer Rockband, weil ich nicht Teil des Establishments sein will. Und die Leute von der Hall of Fame sind das Establishment. Die ganze Idee dahinter ist in meinen Augen falsch und hat mit Rock'n'Roll nicht das Geringste zu tun. Meine Eltern fanden das klasse, für sie war es wichtig. Sie wären zutiefst enttäuscht gewesen, wenn ich diese Auszeichnung abgelehnt hätte. Also ging ich hin.

einestages: Sehen Sie sich als Künstlerin, die in der Öffentlichkeit gehört wird, in einer besonderen Verantwortung?

Hynde: Wer sich politisch äußern will, hat das Recht dazu und sollte sich im Klaren darüber sein, dass man automatisch zu einem Repräsentanten dieser Sache wird. Generell gilt: Ist man eine Dumpfbacke, sollte man besser den Mund halten. Leider hält sich nicht jeder dran (lacht). Mit Vegetarismus und Tierschutz kenne ich mich aus und kann mich deshalb dazu äußern. Die Reaktionen anderer sind mir egal. Letztlich trägt jeder Mensch Verantwortung. Wir alle müssen Hüter unserer Umwelt sein, dazu gehört auch das Tierreich. Die Leute sollen nicht so viel darüber reden, lieber etwas tun.

einestages: In den Medien gelten Sie als "Role Model" für unabhängige Frauen, als Vorkämpferin für Frauenrechte. Stimmen Sie zu?

Hynde: Die Zeitungen versuchen halt, ihren "Fisch zu verkaufen", wie man hier sagt. Ist deren Job. Ich bin eine ganz normale Frau, ich mag normale Leute, gehe in normale Restaurants und will einfach in Ruhe gelassen werden. Eines weiß ich sicher: Ich bin keine Celebrity und finde diese Celebrity-Kultur grotesk. Ich führe kein Promi-Leben, ich fahre mit dem Bus.

einestages: Wie geht's den Pretenders?

Preisabfragezeitpunkt:
11.10.2019, 12:43 Uhr
Ohne Gewähr

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Chrissie Hynde
Valve Bone Woe

Label:
(Warner)
Preis:
EUR 10,07

Hynde: Sehr gut! Wir gehen nächstes Jahr auf Tour, zunächst sind 60 Konzerte in den Staaten geplant. Ein neues Album ist in der Mache und kommt im Mai. Der Titel steht schon fest: "Hate for Sale".

einestages: Nach all den aufregenden Jahren im Rockbusiness, denken Sie manchmal ans Aufhören?

Hynde: Nein. Ich arbeite nicht in einem Job, in dem man in Rente geht. Ich kann singen, so lange ich will. Und mir geht's gut. Mit 60 habe ich mit dem Rauchen, dem Trinken und den Drogen aufgehört. Jetzt fühle ich mich wieder wie 15 und liebe es. Ich lebe in London allein in meinem Apartment mitten in der City, seit 46 Jahren, und tue all das, wovon ich mit 15 träumte: Musik machen, Bilder malen, einfach mal nur rumhängen. Meine beiden Kids sind erwachsen und längst aus dem Haus - ich habe die beste Zeit meines Lebens.

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Al. Gm., 18.10.2019
1. Ich mag die Pretenders
und Chrissie Hynde ist fast das perfekte Wesen: Weiblich, vegan, umweltaktivistisch und ihrer Zeit voraus. Nur dass sie kein Problem mit Männerdominanz im Rock-Genre hat, das stört mich.
Markus Walther, 18.10.2019
2. Tja, wer...
Zitat von allufewiund Chrissie Hynde ist fast das perfekte Wesen: Weiblich, vegan, umweltaktivistisch und ihrer Zeit voraus. Nur dass sie kein Problem mit Männerdominanz im Rock-Genre hat, das stört mich.
...schon Anfang der 70er Vergetarier war, denkt halt nicht in so eingefahrenen Kategorien - sie ist in meinen Augen ein Mensch, der ganz im Reinen mit sich ist. Mir gefällt an ihr besonders, dass sie findet, dass sie jetzt die beste Zeit ihres Lebens hat... Man muss sich Mrs. Hynde als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Benjamin Froussos , 18.10.2019
3. cool
Das coolste und erfrischendste Interview seit langem. Mit 68 will ich auch noch so gottverdammt lässig sein. Auch wenn das nicht ganz meine Musik ist. Wer so cool ist darf auch salat futtern. ????
Peter Rosenstein, 18.10.2019
4.
Wäre ich kein Pretenders/Hynde, ich wäre es spätestens nach diesem Interview. Ein Schlag in die F... für alle, die nach Frauenquoten jammern.
Ingo Kock, 19.10.2019
5. einfach toll
diese Lady. Hab meine Töchter mit ins Konzert genommen. ( MITTE 30) auch Vegetarier. Sie ist für mich in vielen Dingen ein Vorbild für junge unangepasste Frauen. Und auf der Bühne einfach wie ein Vulkan.
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