Puhdys-Frontmann Birr Der Mensch hinter der Maschine

Hochzeitbilder mit Hunderten Schaulustigen, Intimes aus der Badewanne und eine DDR-Zulassung als "Sänger und Instrumentalist": Für einestages öffnet Puhdys-Sänger Dieter "Maschine" Birr sein Fotoarchiv und verrät, warum er sich wahnsinnig über sein West-Auto ärgerte.
Musiker Dieter Birr aufgenommen am 26.02.2014 in Berlin.

Musiker Dieter Birr aufgenommen am 26.02.2014 in Berlin.

Foto: XAMAX

Als der "Musikexpress" noch in München residierte, hingen in den Büros der Redakteure immer die aktuellsten Tickets, Pressefotos und Poster der gerade angesagten Künstler. Nur das Zimmer der Sekretärin war eine von jeglicher Hipness befreite Zone. Dort hingen Bilder und Autogrammkarten von zotteligen Herrn im besten Alter, mit Oberlippenbärten und ergrauenden Haaren, vorne kurz, hinten lang. Die Sekretärin war ein Ost-Kind. Und das Objekt ihrer Verehrung waren die Puhdys.

Eine Ost-Band sind sie geblieben. Auch wenn sie nach der Wende im Westen bekannt wurden. Vor 45 Jahren gegründet, gehörten die Puhdys immer zu den Top 5 des DDR-Rock, mehr noch: Wenn "DDR" und "Rock" heute zwei Begriffe sind, die einander nicht ausschließen, dann ist das den Puhdys und ihrem Sänger, Texter und Gitarristen Dieter "Maschine" Birr zu verdanken. Sie schrieben Soundtracks, ihr Song "Geh zu ihr" erinnerte stark an die Musik von Slade - und erregte auch im Westen höchste Aufmerksamkeit.

Bis 1989 verkaufte die Band weltweit rund 20 Millionen Tonträger und galt daher als veritabler Devisenbringer. Die Puhdys durften - ohne ihre Frauen - im westlichen Ausland auftreten und erhielten den "Nationalpreis der DDR" (für Kunst und Kultur). Hin und wieder aber gerieten sie mit dem Staat ins Gehege: Auch wenn die Gruppe weitgehend unbehelligt blieb und einigen als zu angepasst und unkritisch galt, interessierte sich die Stasi bald für die Stars. Ihr Song "Ich will nicht vergessen" von 1984 durfte nicht im Radio oder Fernsehen gespielt werden - weil das Wort "Deutschland" darin vorkam und auf die Teilung anspielte.

1989, kurz vor dem Ende der DDR, lösten sich die Puhdys zwischenzeitlich auf. Nur drei Jahre später aber ging die Erfolgsgeschichte weiter, mit der Eishockey-Hymne "Wir woll'n die Eisbären seh'n!" gelang ihnen ein großer Comeback-Hit.

Doch der Countdown zum Abschied läuft. Die Mitglieder der Gruppe sind alle um die 70. Ende 2015 wollen sie in Rockerrente gehen. Dieter "Maschine" Birr, einst wegen seines Appetits zu diesem Spitznamen gekommen, will unterdessen allein weitermachen. Unlängst erschienen im Eulenspiegel-Verlag seine Autobiografie "Maschine" und ein Soloalbum gleichen Namens. Darauf sind alte wie neue Mitstreiter zu hören, ein gesamtdeutsches Rock-Testament mit anständigen - manche würden sagen: amtlichen - Kompositionen.

Es ist schwierig, Birr für ein Interview persönlich zu treffen. Er ist zu viel unterwegs. Die Bilder schickt er per Mail, Auskunft erteilt er am Telefon - mit angenehmem Berliner Dialekt erklärt er geduldig auch die Dinge, die einem Westdeutschen nicht unbedingt vertraut sind. Was ihm beim Blick auf die alten Fotos einfiel, berichtet Dieter "Maschine" Birr hier:

Gekreuzte Gitarren

Foto: Bert Kubik

Das war eine Band der Anfangszeit, "The Lunics", 1965. Siehst du die gekreuzten Gitarren? Show musste schon damals sein! Der Mann mit dem Bass ist mein Freund Fritz Puppel, der heute bekanntlich bei City spielt. Damals spielten wir im "Twistkeller" in Treptow, Puschkinallee, das war ein ganz angesagter Club. Wir sind dann leider zur Armee gekommen, damit hatte sich unsere Zusammenarbeit erledigt. Freunde blieben wir aber bis heute und gehen jede Woche mit unseren Frauen gemeinsam essen. Hier waren wir noch sehr jung, so Anfang 20. Ich habe damals noch als Universalschleifer gearbeitet. Und da kam der Fritz Puppel einmal an mit seinem Mädel, das heute seine Frau ist, ganz entspannt um die Mittagszeit und sagte: "Ich habe aufgehört zu arbeiten! Ich bin jetzt nur noch Musiker." Das fand ich natürlich so verschärft, dass ich auch die Kündigung eingereicht habe und auch nur noch Musiker war. Da habe ich noch bei meinen Eltern gewohnt, Geld war nicht so wichtig, wir haben ja wenig verdient. Die Zeit haben wir erst einmal genutzt, um die Kneipen unsicher zu machen, weil wir morgens ausschlafen konnten. Die Freiheit war das Ziel, auch die Zeit zum Proben.

Berufsausweis eines Musikers

Die Zulassung für die Tätigkeit als Sänger und Instrumentalist. Während meiner Armeezeit kam in der DDR ein Gesetz raus, dass, wer beruflich Musiker sein wollte, eine Ausbildung haben musste. Daher dieser Berufsausweis. War natürlich Quatsch, aber man musste das durchziehen. Ich bin dann zu dieser Musikschule gegangen, das nannte sich "Spezialklasse für Tanzmusik". Da haben eigentlich alle bekannten Musiker gelernt, von Karat bis City. Ich war ja schon ganz gut, was auch eine Voraussetzung war, in diese Spezialklasse in Friedrichshain reinzukommen. Das Gute an der Schule war, dass es kein Studium war mit Politunterricht und Russisch, sondern nur Fächer wie Musikgeschichte, Musiktheorie, Gitarrenunterricht gegeben wurden, obwohl ich das schon konnte. Ich fehlte einige Male, weil ich Mugge oder keine Lust hatte, und bin dann auch einmal rausgeflogen. Meiner Mutter verdanke ich, dass die mich wieder aufgenommen haben. Sie ist hingegangen und hat den Direktor überredet, dass sie mich wieder nehmen. Und dann habe ich es auch fleißig durchgezogen. Vorzeigen musste ich diese Pappe nie. Kontrolliert wurde nicht, ob wir spielen konnten. Sondern nur, was wir da eigentlich spielten. Bei den Puhdys gab's am Anfang nur Cover. Led Zeppelin, Uriah Heep, Deep Purple, Jethro Tull. Man durfte zu 40 Prozent Lieder aus dem westlichen Ausland spielen, 60 Prozent hatten aus DDR-Produktion zu sein. Die Leute wollten aber keine Ost´-Musik hören, da gab es nur Schlager, was sollte man da spielen? Also haben wir 100 Prozent West gespielt, mit den Puhdys dann später unsere eigenen Stücke komponiert und sind dann bei 100 Prozent Ost-Musik gelandet.

Töne einsparen, um Kosten zu senken

Foto: Bert Kubik

Zu dieser Zeit hatten wir keine Platten von unseren Idolen. Erst viel später gab es mal eine Platte von den Beatles, von Pink Floyd die "Dark Side Of The Moon", Chicago und so weiter, was halt lizenziert war. Wir haben alles nur mitgeschnitten, zum Beispiel beim SFB die Sendung "S-F-Beat". Da hatte ich auch die Songs von Jethro Tull her, "For A Thousand Mothers", "Bourée", "Living In The Past" und so was, die wir auch später bei den Puhdys spielten. Ich bin heute noch ein großer Fan und habe alles von Jethro Tull auf dem iPhone. Überhaupt ist meine Musiksammlung inzwischen auf vier verschiedene Datenträger verteilt. Damals haben wir nur Englisch gesungen, das gar kein richtiges Englisch war, wir bildeten uns das nur ein, das war alles phonetisch abgehört. Ein Kauderwelsch war das. Dieses Bild hier ist nicht im "Twistkeller" entstanden. Weiß nicht mehr, wo das war. Siehst du den Spruch an der Wand? So was hing damals überall herum, in allen Kulturhäusern. Heute würde da Coca-Cola oder so was stehen.

Cover-Shooting

Das war ein Heft oder besser eine Broschüre, die einmal im Jahr erschien. Da kam einer in den "Twistkeller" und meinte, er hätte gerne einen jungen und dynamischen Musiker für ein Foto. Ich sollte ein paar Posen machen und das war's. In diesem Heft ist nicht einmal ein Interview drinne. Ein paar Jahre später, als wir mit den Puhdys "Türen öffnen sich zur Stadt" geschrieben hatten, waren wir noch einmal in dem Heft. Da wurde der Text abgedruckt, und bei der Musik wurde ein Schlagerkomponist angegeben, obwohl ich das geschrieben hatte. War ziemlich enttäuscht und hatte denen das auch mitgeteilt, aber was wollte man machen? Heute hätte man die Auflage sperren lassen oder eine Gegendarstellung erwirken können.

Hochzeitsfoto

Da kann ich genau sagen, wann das Bild entstanden ist. Das war am 1. August 1979 in Neubrandenburg, bei meiner Hochzeit. Wir hatten das geheim gehalten. Sollte keiner wissen, nicht einmal meine Kollegen. In der Stadt wussten aber viele Bescheid, dass ich da sozusagen 'ne Neubrandenburgerin abgeschraubt hatte. Das Aufgebot hing ja im Schaukasten des Standesamtes. Wir kommen mit dem Auto um die Ecke und sehen diese Menschenmassen dort stehen. Meine Zukünftige nahm an, dass es auf dem Wochenmarkt gegenüber vom Standesamt vielleicht Bananen und Apfelsinen zu kaufen gibt. Aber wir mussten dann feststellen, dass sie unseretwegen gekommen waren. Der Mann rechts am Rand ist übrigens mein Schwiegervater, rechts unten ist meine Mutter.

Zweites Hochzeitsfoto - mit Auto!

Das Foto ist von der anderen Seite aufgenommen. Da sieht man, wie alle im Kreis um uns herumstanden. Im Hintergrund mein Auto - auch so eine Geschichte. An ein neues Auto ranzukommen war in der DDR ja ein Problem, da hast du zehn Jahre gewartet. Meine spätere Frau und ich besuchten uns immer an den Wochenenden. Sie kam mit der Bahn nach Berlin, oder ich bin mit dem Auto nach Neubrandenburg gefahren. Einmal waren wir verabredet, da ist mein Auto kaputtgegangen. Bekannte von mir haben über Genex (die Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH - d. Red.) immer West-Autos gehabt. Ich wusste, dass sie einen Mirafiori da stehen hatten und verkaufen wollten. Da fragte ich, ob sie mir den mal borgen könnten. Wollten sie nicht: "Nee, nee, den wollen wir doch verkoofen!" Da habe ich ihn für Ost-Geld innerhalb einer Stunde gekauft und bin damit nach Neubrandenburg gefahren. Völlig sinnlos. Der Preis war ordentlich, aber die Scheiße kam später. Für Genex-Autos brauchtest du auch Ersatzteile aus dem Westen, die man allerdings für West-Geld im Intershop kaufen und selbst in die Werkstatt bringen musste. Deshalb war es ein Problem, das Ding wieder zu verkaufen. Genommen hat ihn dann Dietmar Ränker, der Schlagzeuger von Berluc. Ein Geschäft habe ich nicht gemacht.

Intimes Albumcover

Das war das Cover meiner ersten Solo-LP, "Intim", die kam 1986. Ich wollte auch eine Solo-Tour machen. Den ersten Titel hätte ich in einer Badewanne auf der Bühne gesungen. Es kam aber eine Lungenentzündung dazwischen, da hatte sich das erledigt. Die Beine gehören meiner Frau. Die Rückseite ist auch schön. Da ist die Badewanne leer, und man sieht meine Beine. Ich gehe sozusagen hinterher und schaue, was los ist. Die Fotos entstanden nicht zu Hause, sondern in einem Zimmer vom Palasthotel. Was macht man nicht alles für die Promotion!

Maßgefertigte Gitarren

Foto: Bert Kubik

Hier sind wieder "The Lunics" in den sechziger Jahren. Das Bild mag ich wegen der Gitarren, die wurden uns nach unseren eigenen Vorstellungen angefertigt. Deshalb sehen sie so übertrieben aus, wir haben uns da an den Shadows orientiert. Zu dieser Zeit arbeitete Fritz Puppel noch im EAW (Elektro-Apparate-Werk - d. Red.). Als Jugendliche aus dem Werk nach Prag eingeladen wurden, durften wir als Band mitfahren. Das nannte man damals Jugendaustausch. Dort habe ich die ersten Autogramme meines Lebens gegeben. Wir waren als Ausländer natürlich heiß begehrte Typen! Weil wir keine Bühnenkleidung hatten, sind wir in den Friedrichstadtpalast gefahren und haben dort im Fundus gebettelt, dass sie uns diese Seidenhemden verkaufen. Die waren blau. Dazu kamen diese weißen Lederschlipse, die gab's damals überall. Wir wollten uns für unsere erste "große" Auslandstour richtig einkleiden. Fritz Puppel hat sein Hemd heute noch.

Stolzer Opa

Foto: Bert Kubik

Das ist meine Enkelin Annabell. Das Foto entstand auf der Weihnachtstour mit den Puhdys. Unser gemeinsames Lied heißt "Wirst du für mich da sein?", es ist von meinem Soloalbum. Sie singt für ihr Alter sehr gut. Im Text fragt sie mich was, und ich antworte ihr. Das kam gut an. Üben mussten wir nicht sonderlich. Unser letztes Album, "Es war schön", singt sie von vorne bis hinten mit. Im Auto muss ich immer die CD einlegen. Sie begleitet mich manchmal zu Konzerten. So wie früher mein Sohn, der heute auch Musiker ist - er spielt bei Bell, Book & Candle. Annabell will Sängerin oder Tierärztin werden. Ihr erster Auftritt war eine öffentliche Generalprobe im Hotel Seerose auf Usedom vor 600 Zuschauern. Sie war ein wenig aufgeregt, ist klar, aber die Leute sind regelrecht ausgerastet. Eigenartigerweise kamen danach viele Männer und meinten, das hätte sie zu Tränen gerührt. Das hatte ich vorher nie erlebt. Bei einer Karriere als Sängerin würde ich sie unterstützen, aber von 100.000 Träumen wird einer wahr. Wenn man sich diese Casting-Shows heute anschaut, da würden wir alle durchfallen. Ich könnte auch nicht den Dieter Bohlen spielen. Ich würde zu allen Kandidaten zu nett sein.

Unter Kollegen

Foto: XAMAX

Hier sehen wir von links Christian Liebig von Karat, Toni Krahl von City, mich und Uwe Hassbecker von Silly, ein Supergitarrist. Erst dieses Jahr im März ist dieser Schnappschuss im berühmten Rundfunkgebäude in Berlin in der Nalepastraße entstanden. Dort wurden eine TV-Dokumentation und ein Video zur Solo-LP gedreht. Alle Mitwirkenden, die auf meinem Soloalbum zu hören sind, waren beim Dreh dabei. Schön, dass wir da mal alle beisammen sind.

Birr und Niedecken

Foto: XAMAX

Mit Wolfgang Niedecken verbindet mich eine alte Geschichte, die nicht ganz unkompliziert ist. BAP waren 1984 in der DDR zur Veranstaltung "Rock für den Frieden" eingeladen, durften dann aber ihren Song "Deshalv spill mer he" nicht spielen und reisten daraufhin ab. Das war ein Festival im Palast der Republik, das jährlich stattfand und bei dem viele DDR-Bands auftraten. Da hatte man überlegt: "Wie retten wir den Abend?" Also sollten die Puhdys spielen, und wir haben uns darauf eingelassen. Erst gab's Gepfeife, aber nach dem dritten Titel hatten wir das Publikum. Jahre später merkte ich, wie viele Parallelen es zwischen uns gab. Er hatte ein Buch geschrieben, ich auch, also: schreiben lassen. Er hat alte BAP-Titel aufgenommen, ich alte Puhdys-Lieder. Er hatte einen Schlaganfall, ich eine Borreliose - was nicht vergleichbar ist, aber trotzdem. Ich freue mich, dass wir nach so vielen Jahren gemeinsam zwei Titel auf meinem Soloalbum singen, wovon er einen sogar getextet hat. "Was wussten wir denn schon" beschreibt unsere gemeinsame Vergangenheit. Für mich war diese Zusammenarbeit ein ganz besonderes Erlebnis.

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