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"Project Blue Book": "Ich will die Antwort auf diese Untertassen-Frage!"

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"Project Blue Book" "Ich will die Antwort auf diese Untertassen-Frage!"

Sie jagten Marsmännchen nach wissenschaftlichen Standards: 1951 gründete die US-Armee einen Forscherstab, der alle weltweiten Ufo-Sichtungen untersuchen sollte. Die Verschwörungstheoretiker konnte das "Project Blue Book" nicht bekehren - denn ausgerechnet einer der Professoren wurde zum Überläufer.

Wenige Dinge dürften auf absehbare Zeit so unwahrscheinlich sein wie eine Invasion der Erde durch außerirdische Mächte. Wieso sollte uns angreifen, wer über eine so fortschrittliche Technologie verfügte, dass er intergalaktische Distanzen mühelos überwinden könnte? Das wäre, als würde die komplette US-Armee mobilisiert, nur um einen Tante-Emma-Laden zu überfallen. Andererseits fliegen manche Wissenschaftler auch zu Forschungszwecken um die Welt und paddeln irgendwelche Dschungel kilometerlang flussaufwärts, nur um unter einem feuchten Stein eine neue Schneckenart zu entdecken.

Die US-Armee jedenfalls wollte in dieser Hinsicht nichts dem Zufall überlassen – und gründete unter der Leitung des Luftwaffenoffiziers Edward J. Ruppelt 1951 das "Project Blue Book" zur Untersuchung von Ufo-Sichtungen weltweit, vor allem aber in den USA. Dabei ging es nicht nur darum, die Bevölkerung nach dem sogenannten Roswell-Zwischenfall aufzuklären und zu beruhigen. Die ersten unbekannten Flugobjekte sollen 1947 über dem Atomlabor von Oak Ridge gesichtet worden sein, wobei sich Luftwaffe, Armee und Marine der USA zunächst gegenseitig der Spionage verdächtigten – und dann fürchteten, die Sowjets könnten über eine überlegene Technologie verfügen.

"Project Blue Book" war die Fortsetzung von "Project Sign", das 1949 zu dem Ergebnis kam, bei Ufos müsse es sich um außerirdische Flugkörper handeln. Das Team wurde daraufhin entlassen, und auch das Folgeprojekt "Grudge" musste vorzeitig beendet werden – weil sich die befragten Piloten dagegen wehrten, als inkompetent oder irre abgestempelt zu werden.

Um dem öffentlichen Eindruck entgegenzutreten, die US-Luftwaffe wolle ihre wahren Befunde unter den Teppich kehren, sollte nun Ruppelt mit "Blue Book" und einem Stab aus zunächst zehn Mitarbeitern erstmals wissenschaftliche

Maßstäbe bei der Befragung des Personals anwenden. Vom damaligen Luftwaffengeneral und späteren CIA-Direktor Charles P. Cabell ist der Satz überliefert: "Ich will, dass wir unvoreingenommen sind. Mehr noch: Ich befehle, dass wir unvoreingenommen sind. Jeder kann sehen, dass wir keine

befriedigende Antwort auf diese Untertassen-Frage haben. Ich will die Antwort auf diese Untertassen, und ich will eine gute Antwort."

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"Project Blue Book": "Ich will die Antwort auf diese Untertassen-Frage!"

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Ruppelt bemühte sich so aufrichtig um eine gute Antwort, dass seine Dienstzeit beim "Project Blue Book" heute als "goldenes Zeitalter" der Ufo-Forschung gilt. Nie zuvor und niemals danach sind vermeintliche Ufo-Sichtungen so penibel erfasst, aufgezeichnet und untersucht worden. Ruppelt führte nicht nur standardisierte Fragebögen ein, sondern auch den Begriff Ufo selbst. Bei der Vielfalt der angeblich beobachteten Flugkörper unbekannter Herkunft sei es unseriös, so Ruppelt, von "fliegenden Untertassen" zu sprechen. Vielmehr handele es sich um Sichtungen "unidentifizierbarer Flugobjekte", deren konkrete Identifizierung ebenfalls Aufgabe von "Project Blue Book" war. Tatsächlich handelte es sich meistens um meteorologische Phänomene, Wetterballons oder geheime Testgeräte wie Nurflügelflugzeuge, deren Form und Funktion einem zufälligen Beobachter durchaus spanisch, wenn nicht gar extraterrestrisch vorkommen konnte.

Auf jeder US-Luftwaffenbasis gab es einen Offizier, der "Blue Book" zuarbeiten und Vorkommnisse untersuchen sollte. Auf diese Weise kamen bis 1969 genau 12.618 offiziell gemeldete Vorfälle zusammen, die vom "Project Blue Book" in Berichten zusammengefasst und klassifiziert wurden. Alle Berichte wurden überprüft, wobei durchaus ein Unterschied gemacht wurde, ob es ein Tankwart oder eine Hausfrau oder aber ein Pilot oder Astronom war, der ein Ufo gesichtet haben wollte. Die einen galten als dürftig, die anderen als exzellent dokumentiert, unter anderem auch dann, wenn mehrere verlässliche Zeugen ein Objekt gesehen haben wollten.

Dennoch konnten die meisten Beobachtungen am Ende auf vier Ursachen zurückgeführt werden: 1. eine milde Form von Massenhysterie; 2. Einzelpersonen, die sich einen Bericht aus Geltungssucht ausgedacht hatten; 3. pychopathologisch gestörte Personen; 4. Fehlinterpretationen verschiedener konventioneller Objekte.

Kronzeuge für Mauscheleien

Und doch gibt es ungeklärte Fälle, bei denen der Ursprung eines

beobachteten Objekts trotz intensivster Nachforschung als unbekannt klassifiziert worden ist. Nach offizieller Lesart waren das 701 der insgesamt mehr als 12.000 Fälle. Dass sich die Air Force in ihrem Wunsch, das "Problem" herunterzuspielen und das "Project Blue Book" endlich abzuschließen, in Widersprüche verwickelte, spielt bis heute Verschwörungstheoretikern in die Hände. So war im Vorwort zum bisher umfangreichsten Bericht, dem legendären "Blue Book Special Report No. 14" von 1954, von nur zwei Prozent ungeklärter Fälle die Rede – während die Statistiken weiter hinten in dem umfangreichen Konvolut von 22 Prozent sprachen.

Als Kronzeuge für interne Mauscheleien und Vertuschungsversuche gilt der 1986 verstorbene Astronom J. Allen Hynek, der bis 1956 als wissenschaftlicher Berater für das Projekt tätig war – und später einräumte, anfangs bewusst die Öffentlichkeit getäuscht zu haben. Später besann er sich auf seinen wissenschaftlichen Ethos – und der forderte, das Unerklärliche solange als unerklärlich zu bezeichnen, bis es eine Erklärung gibt.

Weil er allerdings in manchen Fällen einfach keine Lösung für die Phänomene wusste, wechselte Hynek zuletzt ins Lager der Ufologen. 1977 diente er Steven Spielberg als wissenschaftlicher Berater für einen Film, dessen Titel Hyneks offizieller Klassifizierung für Ufo-Sichtungen entlehnt war: "Unheimliche Begegnung der dritten Art". Nach Hynek ist eine "Nahbegegnung der dritten Art" dann der Fall, wenn neben dem fraglichen Objekt auch dessen Passagiere gesichtet werden. Kurz vor seinem Tod nahm Hynek wieder Abstand von der These eines extraterrestrischen Ursprungs für die rätselhaften Phänomene. Die Ufos, so Hynek, kämen womöglich gar nicht aus dem Weltall – sondern aus einer anderen Dimension.