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25. Oktober 2007, 19:16 Uhr

Propaganda

Klassenkampf per Kartoffelkäfer

Erinnern Sie sich auch an all die kleinen und großen Absurditäten, die leicht und schwer erkennbaren Unwahrheiten, Dummheiten und bewusst falschen Nachrichten, die zu DDR-Zeiten in der Schule, im Betrieb, in der Presse verbreitet wurden? Zeitzeuge Rainer Schinzel hat sich einige skurrile bis abstruse Beispiele notiert - kennen Sie noch mehr?

Karl-Eduard von Schnitzler war der bekannteste "Märchenerzähler" der DDR, aber auch außer dem "Schwarzen Kanal" gab es unzählige Möglichkeiten, aus Weiß Schwarz zu machen. In der Grundschule, gegen Ende der fünfziger Jahre, verkündete uns etwa ein Lehrer:

"Wenn wir den Kommunismus erreicht haben, wird das Geld abgeschafft werden. Alles gibt es dann im Überfluss, jeder nimmt sich aber nur, was er braucht, seinen Bedürfnissen entsprechend. Anfang der sechziger Jahre wird es soweit sein."

Als ich davon zu Hause berichtete, sagte mein Vater nur lakonisch: "Kein Geld habe ich jetzt schon, da brauche ich nicht erst auf die Abschaffung durch den Kommunismus zu warten."

Die Mär vom klassenkämpfenden Kartoffelkäfer

Vielen bekannt sein dürfte die Kartoffelkäferlegende. Nach dem Krieg gab es Kartoffelkäferplagen, als Schüler wurden wir deshalb zum Einsammeln der ekligen Viecher, Käfer wie Larven, auf die Felder entsandt. Die Amerikaner hätten die Kartoffelkäfer aus Flugzeugen abgeworfen, um die sozialistische Landwirtschaft zu schädigen, erzählten uns die Lehrer.

Ob sie dies selbst glaubten, erzählten sie uns nicht. Amerikanische Flugzeuge hatten wir nie wahrgenommen.

Revanche per Schlager

Als noch unbekannter Journalist und Agitator tourte Karl-Eduard von Schnitzler in den frühen Jahren der DDR durch Bildungseinrichtungen, ausgestattet mit Tonbandgerät. Ich erinnere einen Vortrag von "Sudel-Ede" - den Namen erhielt er erst später - an unserer Oberschule in Thüringen zu Anfang der sechziger Jahre. Dort spielte Schnitzler uns Schülern Westschlager vor und interpretierte deren Texte. Die Veranstaltung war sehr beliebt und hatte allein schon deswegen viel Zulauf, weil das Hören westlicher Rundfunksender ansonsten verboten war. Bei Karl-Eduard durfte man sozusagen "offiziell" zuhören, musste sich aber anschließend belehren lassen, dass ein zu jener Zeit äußerst beliebter Schlager von einem Sänger namens Ivo Robic mit dem Titel "Morgen" zutiefst revanchistisch sei. Wer zu erkennen gab, dass ihm die Schlager bekannt waren, hatte sich selbst ein Problem bereitet.

Der Text ging so:

"Morgen, morgen

Morgen, morgen, lacht uns wieder das Glück.

Gestern, gestern, liegt schon so weit zurück,

war es auch eine schöne, schöne Zeit.

Morgen, morgen, sind wir wieder dabei,

gestern, gestern, ist uns heut' einerlei,

war es auch eine schöne, schöne Zeit.

sind wir heut' auch arm und klein,

sind wir heut' auch ohne Sonnenschein,

sind wir heut' auch noch allein,

aber morgen, morgen, morgen, morgen, morgen.

Morgen, morgen, lacht uns wieder das Glück,

morgen, morgen, kommt die schöne Zeit zu uns zurück.

sind wir heut' auch arm und klein,

sind wir heut' auch ohne Sonnenschein,

sind wir heut' auch noch allein,

aber morgen, morgen, morgen, morgen, morgen.

Morgen, morgen, wird das alles vergeh'n,

morgen, morgen, wird das Leben endlich wieder schön"

So enthüllten laut Karl-Eduard die "Bonner Ultras" ihre wahren Absichten. Dieses mit Schlagern und Textbeispielen untermalte Referat des Karl-Eduard hat uns Jugendlichen viel Freude bereitet, nebst Staunen, was man in Schlagertexte hineininterpretieren oder herauslesen konnte...

Zum Thema Volksverdummung gehörten auch von der DDR betriebene Rundfunksender wie der "Deutsche Freiheitssender 904", der angeblich "einzige Sender der Bundesrepublik, der nicht unter Regierungskontrolle steht", oder der "Deutsche Soldatensender", der die Bundeswehrsoldaten beeinflussen sollte. Der Standort dieser beiden Sender war bei Magdeburg, das war uns Schülern damals bekannt. Der Empfang war uns trotzdem verboten und unsere Lehrer mussten erhebliche ideologische Verrenkungen vollziehen, um uns zu erklären, warum man denn den "Deutsche Freiheitssender" nicht hören dürfe, da dieser doch "fortschrittlich" sei und auf der "richtigen" Seite" stünde.

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