Propagandaschlacht um "Lili Marleen" Der Feind singt mit

Erst trällerten nur Wehrmachtssoldaten "Lili Marleen", dann pfiffen auch Briten und GIs bei ihrem Vormarsch in Europa den Landsersong. Die NS-Propagandisten schäumten, denn die Alliierten hatten die Schnulze kurzerhand zur Kriegsbeute erklärt. Die ungewöhnliche Historie eines Welthits

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Als die Amerikaner 1944 in Richtung Rom marschierten, um Italien von den Nationalsozialisten zu befreien, trauten die Einheimischen ihren Ohren nicht: Die Retter aus Übersee trällerten beim Vormarsch auf die Ewige Stadt die deutsche Landserschnulze "Lili Marleen" - bislang Erkennungsmelodie des Feindes! "Was soll das? Wir haben monatelang die Deutschen das Lied singen hören, und nun kommt ihr auch damit?" - so sollen die Italiener den Befehlshaber der 5. Armee, General Mark W. Clark, bestürmt haben.

Was war passiert? Mitten im Krieg hatte ein deutscher Schlager über Liebe, Einsamkeit und Todesangst die Frontlinie gesprengt, um Freund wie Feind gleichermaßen in Ekstase zu versetzen. Das "Laternenlied", wie "Lili Marleen" wegen seiner ersten Zeilen oft auch genannt wurde, hatte den Nerv der Zeit so empfindlich getroffen, dass ab 1941 Millionen von Soldaten rund um den Globus die Schnulze summten - und darauf pfiffen, dass "Lili" vom teutonischen Aggressor in die Welt gesetzt worden war.

Jetzt erscheint ein Audiobuch, das die ebenso seltsame wie unglaubliche Geschichte des Schlagers "Lili Marleen" erzählt. Fundiert und gleichzeitig unterhaltsam beschreibt Autorin Rosa Sala Rose darin, wie die Nationalsozialisten unbeabsichtigt einen internationalen Megahit landeten, der die Alliierten so sehr wurmte, dass sie all ihre Propaganda-Geschosse in Stellung brachten, um den Deutschen ihre "Lili" abzuluchsen.

Ladenhüter Lili

Dabei war der Song zu Beginn vor allem eins: ein Flop. Vergeblich bemühte sich der Schöpfer, Norbert Schultze, einen Interpreten für seine Komposition zu finden. Ein Soldat aus dem Ersten Weltkrieg namens Hans Leip hatte die Schnulze kurz vor seinem Abzug an die Karpatenfront getextet und in seiner Not gleich zwei Liebchen auf einmal angeschmachtet: die Gemüsehändlerin Lili und die Krankenschwester Marleen. Von den deutschen Sängerinnen jener Zeit konnte sich jedoch niemand für diese Liebeserklärung begeistern.

Vielleicht lag es daran, dass Schultze für "Lili Marleen" die gleiche Melodie benutzte, mit der er zuvor eine Zahnpasta-Werbung vertont hatte? Wie auch immer, der Musiker, der im NS-Deutschland mit Titeln wie "Bomben auf England" und "Vorwärts nach Osten" Karriere machen sollte, war so verzweifelt, dass er die Partitur an alle Sänger schickte, die er kannte - auch an seine Kurzzeitaffäre Lieselotte Helene Berta Bunnenberg.

Und das, obwohl er eigentlich gar nichts hielt von der rauen, brüchigen Stimme der Seemannstochter, die als "Lale Andersen" mit mäßigem Erfolg durch die Berliner Etablissements tingelte. Mit ihrem "Gedöhle" würde sie es "nie schaffen", prophezeite der Komponist der Diseuse aus der norddeutschen Provinz. Trotzdem nahm er 1939 "Lili Marleen" zusammen mit Andersen auf - und schuf einen Ladenhüter.

Säckeweise Fanpost von der Front

Gerade mal 700 Lili-Platten verkaufte die Electrola in den ersten zwei Jahren. Doch dann änderte ein leerer Plattenschrank in Belgrad alles - und gab den Startschuss für eine beispiellose Erfolgsstory. Nach der Besetzung der damaligen jugoslawischen Hauptstadt Mitte April 1941 oblag es Leutnant Karl-Heinz-Reintgen, den Militärsender Belgrad aufzubauen. Es war ein Knochenjob: Regenwasser sickerte durch die Studiodecke, es gab nicht einmal Musik für das beabsichtigte Rund-um-die-Uhr-Programm. Mit gerade mal 54 serbischen Volksmusikplatten, die die Deutschen in Belgrad beschlagnahmt hatten, war kein Staat zu machen. Also orderte Reintgen deutschsprachige Aufnahmen aus Wien. Darunter: eine eingestaubte Platte von Lale Andersen - mit "Lili Marleen" auf Seite B.

Der Heimweh-Song mit dem preußischen Zapfenstreich zum Abschluss gefiel Reintgen so gut, dass er beschloss, ihn zur Erkennungsmelodie des Senders zu machen - und "Lili" damit unbeabsichtigt ganz groß rausbrachte. Denn der Militärsender besaß eine gigantische Reichweite, die den Verantwortlichen erst dann bewusst wurde, als sie plötzlich bis zu 12.000 Lale-Fanbriefe von Wehrmachtssoldaten aus der ganzen Welt erhielten - täglich.

Doch nicht nur die Deutschen liebten das Lili-Lied, auch der Feind hörte mit. In Nordafrika, dort, wo sich Generalfeldmarschall Erwin Rommels Afrika-Korps und die britische 8. Armee unter Bernard Montgomery gegenüberstanden, sprang der Funke über die Frontlinie. Die Briten waren derart vernarrt in "Lili", dass sie gar das Kämpfen vergaßen, um in stiller Eintracht mit dem deutschen Feind dem allabendlich um 21.57 Uhr von Radio Belgrad gesendeten Hit zu lauschen.

"Schnulze mit Leichengeruch"

Mit dem Ruf "Comrades, louder please" forderten die "Tommies" ihre Gegner von der anderen Seite der Front auf, den Ton lauter zu stellen, wie der ehemalige Afrika-Korps-Soldat Werner Hoffmeister erinnert. So habe man "Abend für Abend eine echte Kampfpause" gehabt.

Die britischen Soldaten schätzten an "Lili Marleen" vor allem die Sentimentalität, die ihnen die nüchtern-nachrichtenlastige BBC vorenthielt. Die Nazi-Elite daheim freute der propagandistische Punktsieg, obwohl der düster-pessimistische, ganz ohne braune Protektion zu Weltberühmtheit gelangte Schlager nicht gerade zur Hebung der Kampfmoral taugte. Propagandaminister Josef Goebbels etwa fand das Lied "wehrkraftzersetzend" und schalt es "eine Schnulze mit Leichengeruch". Doch selbst er musste Hitler zustimmen, als dieser 1942 jubilierte: "Der Schlager wird nicht nur den deutschen Landser begeistern, sondern möglicherweise uns alle überdauern."

Die britische Führung hingegen verzweifelte an dem musikalischen Überläufertum ihrer Soldaten. Um die demütigende Situation zu ihrem Vorteil zu verwandeln, erklärten die englischen Machthaber "Lili Marleen" kurzerhand zur Kriegstrophäe.

In dem Moment, in dem sie zu Siegern des Afrika-Feldzugs wurden, tauften sie "Lili" um in "The Song the Eighth Army captured". Als Kampfesbeute deklariert, wurde von dem "Laternenlied" mit Anne Shelton eine offizielle englische Version aufgenommen, und die Schmach war vergessen.

Ein Schlager als Kriegstrophäe

Nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad Anfang 1943 verbreiteten die Engländer gar die Nachricht, dass Lale Andersen im Konzentrationslager gelandet sei: ein Schock für die Wehrmachtssoldaten und eingefleischten "Lili Marleen"-Fans. Zwar war nichts dran an der Propagandameldung - von der Bildfläche verschwunden war Lale Andersen aber trotzdem.

Die Nationalsozialisten hatten sie wegen "Landesverrats" für neun Monate unter Hausarrest gestellt und ihr Lied im Radio verboten. Denn Lale Andersen war nicht nur mit dem in der Schweiz lebenden Juden Rolf Liebermann liiert, sondern korrespondierte auch eifrig mit jüdischen Emigranten.

Eine Widerstandskämpferin, zu der sich Lale später selbst stilisierte, war sie deshalb nicht. Vielmehr bediente sie im Dritten Reich das Klischee der Blonden von der Waterkant und sang bei Veranstaltungen der Nazi-Organisation "Kraft durch Freude" sowie bei den "Fronttourneen".

Trotzdem entschieden sich die Nazis dazu, Lale mundtot zu machen und schossen sich damit ein gewaltiges Eigentor. Denn so raubten sie nicht nur den eigenen Soldaten eine zentrale erotische Projektionsfigur, sondern spielten auch der Feindpropaganda in die Hände.

Von Lale zu Marlene: Ein Lied wechselt die Fronten

Da nutzte es wenig, dass die Reichskulturkammer ihren Fehler einsah und die stark selbstmordgefährdete Sängerin im Mai 1943 begnadigte: Das Laternenlied blieb fest in gegnerischem Besitz.

Nicht nur die Briten hatten ihre eigene Lili, auch die Amerikaner bekamen nun eine offizielle US-Version - dank Marlene Dietrich. Ausgerechnet die in die USA ausgewanderte Deutsche knöpfte sich die "Lili" vor.

Anstatt sich von Hitler heim ins Reich locken zu lassen, heizte die Dietrich ab 1943 den US-Soldaten mit dem Laternenlied ein - wahlweise in deutscher und englischer Sprache. Wie Marlene Dietrich hatte "Lili Marleen" die Fronten gewechselt, was die braunen Eliten zur Weißglut getrieben haben dürfte.

Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Der Krieg ging zu Ende, der Erfolg von "Lili Marleen" weiter. In mehr als 50 Sprachen übersetzt, geisterte der Hit bis in die achtziger Jahre hinein durch die internationalen Schlagerparaden; mit jedem neuen Krieg, ob in Indochina, Korea, Israe oder Vietnam feierte das Laternenlied ein neues Revival und flossen die Tantiemen.

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Selbst im 21. Jahrhundert hat die Weltkriegsschnulze noch Konjunktur: Metal-Bands besingen Lili, japanische Karaoke-Bars führen es in ihrem Repertoire, und nahezu allabendlich beglückt der Soldatensender Radio Andernach die im Ausland stationierten Bundeswehrsoldaten mit dem populärsten Kriegslied der Geschichte.

Warum? Auf Tausenden von Seiten wurde versucht, die magische Wirkung des Sehnsuchts-Songs in Worte zu fassen. Am besten ist dies der Sängerin geglückt, die "Lili Marleen" vor rund 70 Jahren erstmals aufnahm: Auf die Frage, warum das Laternenlied denn so erfolgreich sei, beschränkte sich Lale Andersen stets auf die grandiose Antwort: "Kann man denn erklären, warum der Wind zum Sturm wird?"

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Detlev Vreisleben, 24.10.2013
1.
Bei dem Wehrmachtssender Lili Marleen in Belgrad handelte es sich um einen auf mehrere LKW montierten 20 kW Telefunken-Sender. Er wurde auf dem Rückzug von den Allierten requiriert und nach Kriegsende dem RIAS in Berlin überlassen, wo er noch bis in die 80er Jahre als Reservesender in einer Halle stand. Heute befindet er sich wohl im Magazin des Deutschen Museums.
U R, 04.07.2016
2. Norbert Schultze
den sehr sehenswerten Dokumentarfilm "Den Teufel am Hintern geküsst" über den hier auf Werbe- und Propangadalieder reduzierten Norbert Schultze ist zu finden unter https://www.youtube.com/watch?v=LTpwBl8Doe0 Das anlässlich des Feldzuges gegen die Sowjetunion für Joseph Goebbels komponierte Propagandalied heisst übrigens nicht "Vorwärts nach Osten", sondern schlicht "Russlandlied", soviel zur Recherche!
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