Ein Bild und seine Geschichte Der rosarote Panzer

An einem Aprilmorgen 1991 erwachte Prag mit dem wohl einzigen pinkfarben lackierten Panzer der Welt – und der zeigte auch noch den Stinkefinger. In der Geschichte dieses Kettenfahrzeugs lief so einiges schief.
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David W Cerny / REUTERS

Die Nachrichtenagentur ADN meldete am 27. März 1991 den Abzug der sowjetischen Truppen aus der Tschechoslowakei. Nach fast 23 Jahren habe der letzte Panzer das Land verlassen.

Das war nicht ganz die Wahrheit. Mindestens einen hatten sie vergessen, im Stadtbezirk Smichow.

Den sahen Anwohner des Prager Kinsky-Platzes auf einem fünf Meter hohen Steinsockel, das Geschützrohr gen Westen gerichtet. Und einen Monat später sollte dieser Panzer durch eine höchst extravagante Farb- und Formgebung für Riesenaufsehen sorgen.

»Panzer Nummer 23« war ein Nationales Kulturdenkmal zur Erinnerung an den Einzug der Roten Armee am 9. Mai 1945 in Prag und an die gefallenen Sowjetsoldaten. Vor allem jüngere Menschen erinnerte er jedoch daran, dass sowjetische Panzer ein zweites Mal einrollten: 1968, zur Niederschlagung der Reformbewegung im »Prager Frühling«. Das lag auch an der mysteriösen Nummer 23. Die offizielle Erklärung: Der sowjetische Panzer Nummer 23 habe Prag als Erster erreicht.

Feierlich enthüllten Prags Bürgermeister Václav Vacek und General Iwan Konew, Marschall der Sowjetunion, das Denkmal am 29. Juli 1945. Doch anstelle des Originalpanzers vom Typ T-34 stand auf dem Sockel ein fabrikneuer IS-2, deutlich größer, schwerer und mit aufgemalter 23. Man würde den Tschechen doch keinen solchen Müll geben, soll der Befehlshaber der eingerückten 4. Panzerarmee geäußert haben – denn Nummer 23 wie auch Nummer 24 hatten bei Straßenkämpfen schwere Schäden erlitten.

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Die wechselvolle Geschichte von Panzer Nummer 23

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Der Denkmalpanzer war zwar nie zum Einsatz gekommen, wirkte aber repräsentativer. Die Typbezeichnung IS stand für Iosif Stalin. Elf Jahre später, kurz nach dem Volksaufstand in Ungarn, sollen die Sowjets sicherheitshalber den Motor ausgebaut haben.

Die symbolträchtige Nummer 23

Im Rückblick sahen die Tschechen im falschen Panzer Nummer 23 ein Symbol: Genau 23 Jahre waren vergangen, bis im Prager Frühling die Sowjets erneut anrückten – und blieben. 1991, wieder 23 Jahre später, war die Debatte über die Beseitigung des fragwürdigen Denkmals voll entbrannt. Die Presse enthüllte weitere Merkwürdigkeiten zum Standort: Die Rote Armee hatte den Stadtteil Smichow nie eingenommen. Vielmehr waren die ersten Befreiungspanzer bereits am 6. Mai im Prager Westen eingetroffen. Sie gehörten zur Armee von General Andrej Wlassow.

Wlassows sogenannte Russische Befreiungsarmee war 1944 aus Kriegsgefangenen in Deutschland rekrutiert worden, um auf der Seite der Wehrmacht zu kämpfen. Kurz vor Kriegsende wechselte sie die Fronten und unterstützte die Prager beim Aufstand gegen die deutschen Besatzer. Danach gingen die Russen in Wehrmachtsuniformen in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Die US-Armee verweigerte ihnen jedoch die erhoffte Hilfe und lieferte sie gemäß einem Abkommen mit Stalin an Moskau aus. Die meisten Soldaten landeten in sibirischen Arbeitslagern, ihre Befehlshaber wurden hingerichtet.

Darüber verlor die sowjetische Geschichtsschreibung kein Wort. Als die ersten Rote-Armee-Einheiten am 9. Mai in Prag eintrafen, hatte der Befehlshaber der Wehrmacht dort bereits die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet, es gab nur noch kleinere Gefechte. Smichow als Standort des Panzerdenkmals sollte die Erinnerung an Wlassows Armee und ihren Beitrag zur Befreiung vergessen machen. Jahrzehntelang galt Denkmalenthüller Marschall Konew als Befreier von Prag.

»Jedes Mal, wenn ich diesen Panzer sah, begann mein Blut zu kochen. Ich hasste ihn seit meiner Kindheit.«

Danach war Panzer Nummer 23 für viele Tschechen nur noch eines: ein Zeugnis manipulierter Geschichtsschreibung.

Ähnlich empfand auch Kunststudent David Černý: »Nach 40 Jahren, in denen das widerliche russische Regime unser Land beraubt und verwüstet hatte, sah ich die Gelegenheit, die Meinung vieler Tschechen zu teilen.«

Als Prag am Morgen des 28. April 1991 erwachte, hatte Panzer Nr. 23 neue Bedeutung gewonnen: Gegen 6.45 Uhr beobachtete die Polizei junge Leute beim Streichen. Sie zeigten ein – gefälschtes – Erlaubnisdokument des Rathauses. Was die Polizisten stutzig machte, zu hektischen Telefonaten und schließlich zur Entlarvung führte, war die ungewöhnliche Farbe, die die Truppe verpinselte: rosa.

Noch zweifelhafter schien das fertige Werk – aus der Panzerkuppel ragte jetzt ein überdimensionaler ausgestreckter rosa Mittelfinger. Die Anstreicher hatte ihr Werk auf dem Boden des Steinsockels signiert: »David Černý und die Neostunner«.

»Dreharbeiten« erlaubte das vermeintliche Dokument der Stadtverwaltung. »Das Lustigste war: Als die Polizei kam, ich die Papiere zeigte und da ein Freund mit einer Kamera war, sagten sie nur, wir sollten saubermachen, wenn wir fertig sind«, erzählt Černý, damals 23, dem SPIEGEL. Mit seinen Freunden hatte er die Aktion tagelang vorbereitet. »Jedes Mal, wenn ich diesen Panzer sah, begann mein Blut zu kochen. Ich hasste diesen Panzer seit meiner Kindheit, weil er ein Symbol der russischen Diktatur war.«

Auf dem Kinsky-Platz konnte man danach weitere Panzer-Metamorphosen beobachten: die Amputation des beleidigenden Körperteils und die hastige Abdeckung mit einer grünen Militärplane.

Flotte Farbwechsel: Erst begrünt, dann wieder rosa

Als der sowjetische Botschafter gegen das »geschändete und entweihte Denkmal« protestierte, erklärte Prags Außenministerium sein Bedauern. Der Verteidigungsminister prangerte die Farbgebung als Vandalismus an, entschuldigte sich eilig bei der Botschaft und schickte Soldaten, die den Panzer umstreichen sollten – militärgrün, knapp vor dem Jahrestag der Befreiung.

Černý selbst war erst einmal verschwunden. Der Vorwurf in einem Untersuchungsverfahren gegen ihn lautete: »öffentliche Unruhestiftung«. Die Klausel im Strafgesetzbuch stammte noch aus kommunistischen Zeiten und war bereits reichlich gegen Dissidentenaktivitäten missbraucht worden. Dass sie noch immer in Kraft war: ein neuerlicher Skandal.

Auf ein rasch eröffnetes Konto konnten Černýs Unterstützer für die zu erwartende Strafe spenden. Es entstand ein Freundeskreis mit dem Ziel, die Wiederbegrünung des Panzers rückgängig zu machen.

Eine Gruppe von 15 Parlamentariern, darunter ehemalige Dissidenten, versammelte sich am Abend des 16. Mai zum erneuten Farbwechsel. Gehüllt in Arbeitsanzüge mit Buchstaben auf den Rücken, die sie als Abgeordnete mit Immunität und damit geschützt vor Strafverfolgung auswiesen, lackierten sie den Panzer wieder rosa.

Entgegen anderslautenden Berichten sei er nie in Haft gewesen, sagt Černý. Er habe sich bei seiner Freundin versteckt, während die Polizei etwa das Auto seines Vaters auf Farbspuren untersuchte. Als er sich wieder auf der Straße sehen ließ, drückte ihm jemand zu seiner Verblüffung eine »Petition für Černý« in die Hand.

Frisch lackiert zurück nach Prag

Außenminister Jiří Dienstbier bezeichnete den Panzer nun offiziell als »Symbol der Unterdrückung«, während Präsident Václav Havel die Aktion der Abgeordneten verurteilte und sich auffallend deutlich davon distanzierte. Dabei war er einst als Regimekritiker gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings aufgetreten und hatte als Staatsoberhaupt den Ausstieg aus der Rüstungsindustrie angekündigt.

Havel beschäftigte zur gleichen Zeit eine weitere Panzerangelegenheit: Im slowakischen Teilstaat lachte man leiser über die Prager Panzer-Posse. Die Slowakei galt bis 1989 weltweit als eine der bedeutendsten Panzerschmieden und versorgte, ganz im Sinne der sowjetischen Interessen, nicht nur den Ostblock. Der geplante Produktionsstopp gefährdete aus Sicht vieler Slowaken Zehntausende Jobs. In dieser wachsenden nationalistischen Stimmung sagte Prag – trotz energischer Proteste Israels und der USA – Panzerlieferungen nach Syrien zu.

Während dieser Deal international Schlagzeilen machte, verlor Panzer Nummer 23 in Prag den Status als Nationales Kulturdenkmal. Am 13. Juni 1991 musste er seinen Sockel verlassen, kam vorübergehend im Prager Luftfahrtmuseum unter und schließlich im Militärmuseum von Lešany außerhalb der Stadt.

SPIEGEL ONLINE

David Černý, damals Kopf der Prager Panzerverschönerer, sorgt seitdem immer wieder international mit provokativen und kuriosen Kunstaktionen für Aufsehen (siehe Fotostrecke oben). So legte er 2005 eine Saddam-Hussein-Figur als »Hai« in Formaldehyd ein und verärgerte 2009 mehrere Regierungen mit einer Europa-Installation. Und vor den Olympischen Spielen in London 2012 brachte er einem Sechs-Tonnen-Doppeldeckerbus Liegestütze bei – mit kräftigen Hydraulikarmen.

Der Panzer, den Černý und seine Freunde so markant verändert hatten, durfte einmal noch zurück nach Prag, am 20. Juni 2011 im Zuge der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Abzugs der sowjetischen Truppen: frisch rosa lackiert und mit neuem Stinkefinger.

Augenblick mal!
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