70. Thronjubiläum von Elizabeth II. »Sie wurde Königin auf dem Hochsitz eines Baumes, als sie Nashörnern beim Trinken zusah«

Am 6. Februar 1952 stirbt Englands König George VI., automatisch tritt Tochter Elizabeth die Nachfolge an. Die jedoch weilt in Afrika – und erfährt mit als letzte von ihrem Los. Rekonstruktion eines Schicksalsmoments.
25 Jahre, trauernd, Königin: Elizabeth II. am 11. Februar 1952

25 Jahre, trauernd, Königin: Elizabeth II. am 11. Februar 1952

Foto: United Archives International / IMAGO

Eine Girlande aus zerfetztem weißen Klopapier hängt hoch oben in den Zweigen des 300 Jahre alten Feigenbaumes: Die Paviane erweisen der illustren Reisegruppe aus England auf Affenart die Ehre. Kurz vor Ankunft der Kronprinzessin Elizabeth und ihrer Entourage im kenianischen Hochland haben die Tiere mehrere Rollen Toilettenpapier gemopst und um die Äste gewickelt.

Ob die künftige Queen die tierische Dekoration überhaupt erspäht hat? Pamela Hicks, Freundin, Brautjungfer und Hofdame von Elizabeth, beschreibt die weißen Wimpelchen in ihren 2012 erschienenen Memoiren »Daughter of Empire«. Lady Pamela, eine Cousine von Prinz Philip, war 1952 mit nach Afrika gereist, obwohl sie überhaupt keine Lust dazu hatte.

»Ach komm, wir werden jede Menge Spaß haben«: Mit diesen Worten habe Elizabeth ihre Vertraute überredet, die Prinzessin auf die große, laut Plan sechs Monate dauernde Reise durch das Commonwealth  zu begleiten.

Der Spaß währte nur kurz: Sieben Tage nach ihrem Aufbruch starb König George VI. – und die Delegation musste überstürzt nach Hause fliegen. Über Nacht endeten Unbeschwertheit und Jugend der Elizabeth Alexandra Mary Windsor.

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Der schicksalhafte Tag – aus Lilibeth wird Elizabeth II.

Foto: Royalty / United Archives International / IMAGO

Mit nur 25 Jahren musste die Mutter von Charles, 3, und Anne, 18 Monate alt, eine Aufgabe übernehmen, die sie sich nie ausgesucht hatte – die der Elizabeth II. »von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreiches und ihrer anderen Reiche und Länder, Haupt des Commonwealth und Verteidigerin des Glaubens«.

Seit der Abdankung ihres Onkels Edward VIII. im Jahr 1936 und der Inthronisation ihres Vaters George VI. wusste Elizabeth, damals zehn: Eines Tages würde auch sie den Thron besteigen. Dann aber lief alles anders als erwartet.

»Es kam sehr plötzlich«, erinnerte sich die Queen Jahrzehnte nach dem Tod ihres Vaters laut Biografin Sally Bedell Smith. »Doch das war mein Schicksal: die Sache in die Hand nehmen und den bestmöglichen Job machen.« Lächeln, winken, Würde ausstrahlen. Auch, wenn alles schiefgeht, wenn Schmerz, Trauer und Wut im Innern aufwallen.

»Er war fröhlich, sogar übermütig«

Die Reise, auf der sie schließlich Königin wird, beginnt am 31. Januar 1952: Schüchtern eilt Kronprinzessin Elizabeth, Pelz, Pumps, dunkelroter Lippenstift, am Flughafen Heathrow die Gangway hinauf. Sie grüßt kurz und verschwindet in der königlichen BOAC-Argonaut-Maschine; Kameraleute haben ihre Abreise im Film festgehalten.

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König George VI. höchstpersönlich ist gekommen, um seine Tochter und Prinz Philip zu verabschieden – gegen den Rat seiner Ärzte: Erst im Oktober wurde dem Kettenraucher wegen eines Tumors ein Lungenflügel entfernt, nur mit Mühe kann er sprechen.

Blass, mit eingefallenen Wangen, winkt der krebskranke König dem Flugzeug hinterher. Niedergeschlagen ist er laut Winston Churchill nicht: »Er war fröhlich, sogar übermütig«, erinnerte sich der damalige Premier – der Politiker steht am Abflugtag neben dem König in Heathrow. »Ich glaube, er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte.«

Im Gänsemarsch zum Baumhaus

Erster Zwischenstopp der royalen Repräsentations-Tournee, bei der Elizabeth ihren kranken Vater vertritt, ist Kenia, seit 1920 britische Kronkolonie. Nach ein paar Tagen in Nairobi bricht das Reisegrüppchen um die Königstochter in den Aberdare-Nationalpark im Hochland auf.

Blümchen für die Kronprinzessin: Elizabeth nach ihrer Ankunft in Nairobi

Blümchen für die Kronprinzessin: Elizabeth nach ihrer Ankunft in Nairobi

Foto: IMAGO

Während Philip  und sein Privatsekretär Mike Parker sich auf der Sagana Lodge, einem Hochzeitsgeschenk der kenianischen Regierung, mit Angeln die Zeit vertreiben, erkunden Lilibet, so der Spitzname Elizabeths, und ihre Freundin Pamela die Natur auf geliehenen Polizeipferden.

Am 5. Februar geht es weiter zur Treetops Lodge: Das winzige Baumhaushotel befindet sich in nächster Nähe eines Wasserlochs und ist nur zu Fuß erreichbar. Im Gänsemarsch, so lautlos wie möglich, schleicht das Grüppchen auf einem kleinen Trampelpfad durch die Wildnis – für den Fall eines Angriffs von Wildtieren sind Leitern an den Bäumen angebracht, erinnerte sich Hicks.

Zudem wacht der berühmte Jäger Jim Corbett mit geladener Flinte im Busch. Offiziell soll er die Besucher vor Raubtieren bewahren. Tatsächlich hat Corbett vor allem die Aufgabe, die Kronprinzessin nebst Begleitung vor der sogenannten Mau-Mau–Guerilla zu schützen: einer einheimischen Widerstandsbewegung, die gewaltsam gegen die britische Kolonialmacht  aufbegehrt.

Baumhaus im Dschungel: Die Treetops Lodge im Aberdare-Nationalpark, 1952

Baumhaus im Dschungel: Die Treetops Lodge im Aberdare-Nationalpark, 1952

Foto: TopFoto / ullstein bild

Nur wenige Meter von einer Elefantenkuh entfernt, steigen Elizabeth, Philip und ihre beiden Begleiter die Treppe zum Baumhaus hoch. Sie verbringen spektakuläre Stunden auf der Aussichtsplattform am Wasserloch. Elefanten, die Affen mit Wasser nass spritzen und sich ein Scheingefecht liefern, Warzenschweine, Leoparden und Giraffen: Elizabeth filmt begeistert; selbst zur Teatime verlässt sie die Terrasse nicht.

So faszinierend ist die Szenerie, dass Elizabeth in der Nacht kaum schläft, um möglichst wenig zu verpassen. Es ist die Nacht, in der ihr Vater 6.500 Kilometer weiter nordwestlich auf Schloss Sandringham, der königlichen Residenz in Norfolk, sein Leben aushaucht. Am Vortag ist König George VI. noch auf Hasenjagd gewesen; nach einem Abendessen mit seiner Ehefrau und Tochter Margaret hat er sich gegen 22.30 Uhr ins Schlafzimmer zurückgezogen.

»Ich kenne sie doch gar nicht. Sie ist doch nur ein Kind.«

Premier Winston Churchill nach dem Tod von König George VI. über dessen Thronfolgerin Elizabeth

In den frühen Morgenstunden des 6. Februar erliegt der 56-Jährige einer Herzthrombose, während Elizabeth nichts ahnend Wildtiere beobachtet. »Sie wurde Königin auf dem Hochsitz eines Baumes, als sie Nashörnern beim Trinken zusah«, notierte der Politiker und Essayist Harold Nicolson in seinem Tagebuch.

Aufgekratzt und übermüdet, so Pamela Hicks, machen sich Prinzessin Elizabeth und ihre Begleiter auf den Rückweg zur Sagana Lodge – derweil laufen in England die Telefone heiß. »Hyde Park Corner« lautet das Codewort für den Tod des lungenkranken Königs.

Schon um 9.15 Uhr informiert ein Palastmitarbeiter Premier Churchill  vom Ableben des Monarchen und der Nachfolge Elizabeths. Der massige, alte Mann, noch im Bett, Papiere studierend, bricht in Tränen aus. Und murmelt, so sein Berater Jock Colville: »Ich kenne sie doch gar nicht. Sie ist doch nur ein Kind.«

Um 10.45 Uhr veröffentlichen die britischen Nachrichtenagenturen die Meldung vom Tod des Königs. Buckingham Palace hat die Nachricht längst nach Nairobi gekabelt, doch die verschlüsselte Botschaft kann vor Ort niemand dechiffrieren, wie Hicks in ihren Memoiren berichtet – der Gouverneur ist verreist.

»Wir waren mit die letzten Menschen auf der Welt, die davon erfuhren«

Pamela Hicks, geborene Mountbatten, Freundin und Hofdame von Elizabeth

Erst von einem Reporter erfährt Martin Charteris, Privatsekretär der Prinzessin, vom Tod des Königs. »Wir waren mit die letzten Menschen auf der Welt, die davon erfuhren«, so Hicks. Um die Nachricht zu überprüfen, macht sie sich mit Philips Privatsekretär Mike Parker in der Sagana Lodge auf die Suche nach einem Radiogerät.

Parker schleicht in den Aufenthaltsraum, wo Elizabeth sitzt und gerade einen Brief an ihren Vater schreibt. Unauffällig bugsiert er das Gerät aus dem Zimmer und stellte BBC ein. »Wir hörten Trauermusik, dann das Glockenläuten des Big Ben und die Todesnachricht«, so Hicks.

Parker benachrichtigt Prinz Philip, der nach dem Lunch auf der Couch liegt und in einem Journal blättert. Auf die Hiobsbotschaft hin schlägt Philip die Zeitung vors Gesicht und macht ein Gesicht, »als habe man die ganze Welt auf seine Schultern fallen lassen«, so Parker später.

»Welche Formalitäten muss ich in dieser Stunde erfüllen?«

Gegen 14.45 Uhr kenianischer Zeit geht Philip mit seiner Frau in den Garten und bringt ihr die Nachricht bei einem Spaziergang bei. Mit dem Ableben ihres Vaters ist sie ab sofort automatisch die Queen – so sehen es die Regeln der britischen Monarchie vor.

»Als Elizabeth wieder hereinkam, umarmte ich sie, realisierte aber schnell, dass sie jetzt die Queen ist und machte einen tiefen Knicks«, so Hicks. »Sie war völlig ruhig und sagte einfach: ›Es tut mir so leid. Das heißt, dass wir jetzt alle nach Hause fliegen müssen.‹«

Auch ihrem Privatsekretär gegenüber bewahrt Elizabeth II. Haltung. Die ersten Worte, die sie nach dem Schock an ihn richtete, lauteten: »Welche Formalitäten muss ich in dieser Stunde erfüllen?«, so Charteris in seinen Erinnerungen. Nur eine, antwortet der Privatsekretär: Die Queen muss ihren Namen festlegen. Wie will sie künftig heißen? »Elizabeth natürlich«, sagt die junge Frau ohne zu zögern.

In größter Eile verlässt das Reisegrüppchen um die Königin und Prinz Philip das Land. Auch für ihn bedeutet der Tod von George VI. einen tiefen Einschnitt: Philip wird seine Karriere in der britischen Marine aufgeben müssen, bis an sein Lebensende zwei Schritte hinter der Queen gehen.

Wider Willen wird er in den zugigen Buckingham Palace einziehen müssen; nicht einmal seinen Nachnamen kann er den Kindern geben. »Ich bin nur eine verdammte Amöbe«, zitiert Queen-Biograf Thomas Kielinger den wutschnaubenden Prinzen.

»Oh je, sie haben die Leichenwagen geschickt!«

Über Uganda und Libyen fliegt das Grüppchen zurück nach London, in letzter Minute kann die Garderobiere der Queen noch ein schwarzes Kleid sowie Schuhe und Tasche organisieren. Kurz nach Start der Maschine zieht sich Elizabeth mit Philip in ihre Kabine zurück. »Ich hoffte damals, dass sie nun endlich in seinen Armen weinen kann«, erinnerte sich Hicks.

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In Trauerkleidung, zügig und gefasst, steigt Elizabeth II. am späten Nachmittag des 7. Februar 1952 in Heathrow aus der königlichen Maschine. Wieder filmen TV-Reporter den Moment. Auch Churchill ist erneut nach Heathrow gekommen – statt dem König stehen nun Oppositionsführer Clement Attlee sowie Kabinettsmitglieder an seiner Seite.

Sobald das blasse Antlitz der Königin an der Ausstiegsluke des Flugzeugs erscheint, nehmen die Männer ihre schwarzen Hüte ab und verneigen sich tief. Routiniert schüttelt die neue britische Herrscherin einem nach dem anderen die Hand.

»Oh je, sie haben die Leichenwagen geschickt!«, raunt Elizabeth ihrer Freundin Pamela zu, als sie die schwarzen Staatskarossen entdeckt. »Als sie mir das sagte, so matt und langsam, wurde mir plötzlich klar, dass das Privatleben dieser 25-jährigen Frau, ihres Mannes und ihrer zwei kleinen Kinder ein abruptes Ende gefunden hatte«, so Hicks.

Aus Lilibet wird Elizabeth II. – eine Monarchin, mit der die allerhöchsten Erwartungen verbunden sind.

»Sie kommt auf den Thron in einem Moment, da eine gemarterte Menschheit unsicher zwischen Weltkatastrophen und einem goldenen Zeitalter balanciert«, betont Churchill am 7. Februar 1952 bei einer Rede im Unterhaus. »Lasst uns hoffen und dafür beten, dass das Nachrücken Königin Elizabeths II. auf unseren alten Thron ein Signal sein wird, das wie ein glückhaftes Licht die menschliche Szene erhellt.«