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Brian May, Freddie Mercury und Queen: Larger than life

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Kevin Winter / Getty Images

Queen-Gitarrist Brian May »Der öffentliche Freddie Mercury war wie ein Avatar«

»We Will Rock You«, »Who Wants To Live Forever«, »The Show Must Go On« – diese Rock-Klassiker sind von Brian May. Hier spricht er über Astrophysik, finstere Jahre und Queen-Sänger Freddie Mercury, geboren vor genau 75 Jahren.
Ein Interview von Christoph Dallach

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SPIEGEL: Mr May, vor gut einem Jahr hatten Sie eine Herzattacke. Wie geht es Ihnen?

May: Ich schwimme täglich, um wieder fit zu werden. Allerdings war ich vorher schon gut in Form. Ich rauche ja nicht mal, trinke so gut wie keinen Alkohol, lebe auch sonst sehr gesund. Dennoch hat es mich erwischt, das hat selbst meine Ärzte verblüfft.

SPIEGEL: Werden Sie kürzertreten mit Queen-Konzerten?

May: Im Gegenteil, im Mai geht es wieder los. Die Tournee soll genau so, wie wir es vor zwei Jahren geplant haben, über die Bühne gehen. Darauf freue ich mich, denn zuletzt haben meine Frau und ich uns monatelang zu Hause in London eingesperrt. Ich war nicht mal in meinem Studio, in dem ich gerade sitze.

SPIEGEL: Warum haben Sie jetzt beschlossen, Ihr Soloalbum »Back To The Light« von 1992 wiederzuveröffentlichen?

May: Auf Instagram habe ich versucht, alte Songs von mir zu posten – aber das war nicht möglich, sie waren offiziell nicht zu haben. Da ging mir auf, dass meine Soloplatten seit mehr als 20 Jahren vergriffen sind. Nun hatte ich die Zeit, das alles aufzubereiten.

SPIEGEL: Letztlich klingt es wie ein verlorenes Queen-Album mit Ihnen als Sänger, oder?

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May: Kann man so sehen. Es ist in einer Zeit entstanden, als ich fest davon überzeugt war, dass Queen Geschichte ist. Die Produktion des Albums ist so aufwendig, wie es bei Queen üblich war. Die größte Herausforderung war der Gesang, da ich mich bis dahin nicht als Sänger gesehen hatte.

SPIEGEL: Ihr Song »Too Much Love Will Kill You« wurde erst von Queen veröffentlicht und landete später auf Ihrem Album. Warum?

May: Ich hatte meine Version eingespielt, so wie sie auf meinem Album ist. Die anderen mochten sie und wollten sie auch als Queen-Song aufnehmen, besonders Freddie.

SPIEGEL: Für Sie war das in Ordnung?

May: Die Gelegenheit, eine große dramatische Queen-Version zu produzieren, war reizvoll – eine ganz andere Attitude als bei mir. Als Freddie das sang, wusste ich nicht, wie es um ihn gesundheitlich stand. Wie ernst es für ihn werden könnte, muss er geahnt haben, und das verleiht dem Song eine ganz andere Bedeutung als bei mir. Lange wollte ich nicht wahrhaben, dass Freddie da über sein Leben singt, nicht über meine Probleme. So ist das nun mal mit Songs: Ihre Bedeutung kann sich von Interpret zu Interpret völlig verändern. Beim Freddie-Mercury-Tribute-Konzert 1992 nach seinem Tod habe ich den Song dann für ihn gesungen.

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SPIEGEL: Ist der Albumtitel »Back To The Light« wörtlich zu nehmen, weil es Ihnen damals nicht gut ging?

May: Ich war in sehr finsteren Gefilden unterwegs. Während der Arbeit an der Platte verlor ich erst Freddie, dann meinen Vater. Und meine Ehe zerbrach, ich war sicher, dass ich meine Kinder nicht wiedersehen würde. Letztlich verlor ich zweimal meine Familie, weil ich auch dachte, dass es mit Queen vorbei sei. Es war, als hätte jemand den Teppich unter meiner Existenz weggezogen. Das hört man dem Album an.

SPIEGEL: Aber der Titel signalisiert Hoffnung, oder?

May: Das trügt. Als ich mich dafür entschied, war ich mir sicher, dass ich in meinem Leben nie mehr ins Licht zurückfinden würde. Aber letztlich hat mir dieses Album durch die Finsternis geholfen, weil es mich von den anderen Dingen abgelenkt und beschäftigt hat.

SPIEGEL: Was hat Freddie Mercury zu Ihrer Solokarriere gesagt?

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Brian May, Freddie Mercury und Queen: Larger than life

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Kevin Winter / Getty Images

May: Bei den Aufnahmen zu diesem Album wurde klar, dass er nicht mehr lange unter uns weilen würde. Wie viel Zeit ihm bleibt, war allerdings ungewiss. Ich spielte Freddie meinen halbfertigen Song »Driven By You« vor und fragte, ob das was für Queen sein könnte und er Lust hätte, es zu singen. Er lehnte ab: »Nein, Darling, du singst das perfekt, da brauchst du mich gar nicht.« Dann hielt er kurz inne und sagte: »Ich weiß, dass du Bedenken hast, ein Soloalbum einzuspielen, während es mir nicht gut geht und die Zukunft von Queen offen ist. Aber das musst du alles ignorieren, denn es ist an der Zeit, dass du dein Schicksal selbst in die Hand nimmst. Denk nicht so viel, mach es einfach.« Ich war dankbar, dass er mir seinen Segen gegeben hat.

SPIEGEL: Wann trafen Sie Freddy Mercury zum ersten Mal?

May: Das war im »The Kensington Pub«, der neulich abgerissen worden ist. Seltsames Gefühl, ich wohne immer noch in der Nähe. Er war mit seinen Kumpels gekommen und ich mit meinen. Freddie war schon da ein greller Paradiesvogel, eine Art Dandy, und sah aus wie ein Rockstar. Das war er natürlich noch nicht – aber er führte sich bereits auf wie einer! Das war unsere erste Begegnung. Danach kam er regelmäßig zu Konzerten von Smile, meiner Band mit Roger Taylor und dem Sänger Tim Staffell, und sagte immer: »Ihr seid schon ziemlich gut, aber ich glaube, dass ihr mich braucht!«

SPIEGEL: Und Sie glaubten das eher nicht?

May: Ich dachte nur: Wer glaubst du, wer du bist, Fred. Als Smile sich 1970 trennten, wollte ich ganz aufhören. Aber Freddie kam und sagte, lasst es uns ein letztes Mal versuchen – und zwar mit mir! Roger und ich dachten nur, was soll's? Wir haben ja nichts mehr zu verlieren. So startete Queen.

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SPIEGEL: Für die Band brachen Sie 1974 Ihre Dissertation in Astrophysik ab. Haben Sie das einmal bedauert?

May: Nein. Die Wissenschaft blieb auch zu Queen-Zeiten leise und dezent im Hintergrund. Ich habe immer bewusst den Kontakt gehalten, mich aber nie als exzellenten Wissenschaftler gesehen. Dass ich ganz anständig Gitarre spielen kann, war mir dagegen immer klar. Und den PhD habe ich damals einfach nicht auf die Reihe bekommen – was mir total auf die Laune schlug, ja mich fast umbrachte.

SPIEGEL: Viel später haben Sie Ihre Doktorarbeit wieder aufgenommen und 2008 noch den Titel erhalten. Was war anders?

May: Es ging um Radialgeschwindigkeiten im interplanetaren Staub. Ich hatte 30 Jahre Zeit, mir meinen Beitrag zum Thema zu überlegen, und konnte das Projekt dann beenden. Es war auch eine große Erleichterung, diese Hürde doch noch genommen zu haben. Und nun ist es ein tolles Gefühl, die Wissenschaft und den Rock'n'Roll zu haben.

SPIEGEL: Waren Ihre Eltern sehr unglücklich, dass Sie die Wissenschaftskarriere für eine Rockband hingeworfen haben?

May: Mein Vater war fassungslos und hat meine Entscheidung gehasst! Er war überzeugt, dass sie falsch war, und sprach sehr, sehr lange nicht mehr mit mir – bis ich ihn später zu einem Queen-Konzert in New York mit der Concorde eingeflogen habe. Nach der Show reichte er mir die Hand und sagte: Okay, nun verstehe ich es. Mein Gott, bin ich froh, dass wir das hinbekommen haben. So konnte ich ihm noch sagen, dass ich ihn geliebt habe.

SPIEGEL: Gab es in den frühen Tagen von Queen einen Moment, an dem Ihnen klar wurde, dass es nun läuft?

May: Für mich war das unser erstes Konzert im großen Saal des Imperial College in London. Dort war ich Student gewesen und hatte Acts wie Jimi Hendrix  für Auftritte gebucht. Als Queen dort auftrat, war das schon etwas Besonderes. Ich hatte nicht viel erwartet, aber es war sehr schnell ausverkauft und rappelvoll. Die Leute kannten unsere Songs, sangen mit. Eine sagenhafte Nacht, wir bekamen sogar die erste Kritik in unserer Karriere. Zum ersten Mal dachte ich: Das könnte was werden mit uns.

SPIEGEL: Wieso war Queen anfangs bei Journalisten so unbeliebt?

May: Die Medien hassten uns regelrecht. Es hieß, wir seien glamourös, hätten aber keine Substanz. Was uns rettete, war der unglaubliche Zuspruch des Publikums. Diese Leute ließen sich von den Medien nicht beeindrucken. Ihnen verdankten wir unsere Energie und den Glauben an uns.

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SPIEGEL: Sie haben Freddie Mercury mal als den Diplomaten in der Band bezeichnet. Was machte ihn dazu?

May: Er war der ausgleichende Charakter. Wenn es ein Problem gab, hatte er das Talent, eine Lösung anzubieten. Freddie verstand es, zwischen den teils extremen Meinungen der anderen Bandmitglieder zu vermitteln, genauer: zwischen Roger und mir.

SPIEGEL: Bekannt war er auch für seinen herausfordernden Humor. Hätte er in diesen überkorrekten Zeiten ein Problem gehabt?

May: Ja, ich glaube, er fände das anstrengend. Freddie war nun mal ein sehr direkter Typ, sehr impulsiv in seinen Äußerungen. Bestimmt hätte irgendwann jemand versucht, ihm daraus einen Strick zu drehen.

SPIEGEL: Haben Sie je einen Tweet bereut?

May: Ein paarmal schon. Ich war ziemlich geschockt, was auf mich niederging, wenn ich etwas völlig Harmloses gepostet hatte.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

May: Beim Retweet eines Cartoons, auf dem Donald Trump die Leute aufforderte, eine Mauer zu bauen – aber die Mauer entstand um ihn herum. Da brach der Wahnsinn aus: »Was fällt Ihnen ein, den Präsidenten der USA zu beleidigen?«, »Wie können Sie es wagen, sich über den Präsidenten lustig zu machen?« Unfassbar viel Hass! Ich bin eigentlich eine Kämpfernatur, aber das ging mir zu weit. Ich war fassungslos und habe den Tweet dann gelöscht. Es bleibt das Gefühl, dass viele sich davor fürchten, die Wahrheit auszusprechen. Irgendwer will einem dafür garantiert die Kehle durchschneiden.

SPIEGEL: Beeinflusst das Ihr Songwriting?

May: Ja, das tut es vermutlich. Eigentlich schreibe ich ja nur über das menschliche Miteinander. Aber einen Song über Donald Trump zu schreiben, käme mir deshalb wohl nicht in den Sinn. Ich habe einfach keine Lust auf den Stress.

SPIEGEL: Sie kannten Freddie Mercury so gut wie kaum jemand sonst. Was hat der Rest der Welt nie verstanden?

May: Wie schüchtern er in seinem tiefsten Inneren war und immer geblieben ist. Die öffentliche Figur des Freddie Mercury war wie eine Art Avatar, so hat er sie konstruiert. Völlig anders als Farrokh Bulsara, als der er geboren wurde. Es gab also zwei Freddies, wenn man so will.

SPIEGEL: Er starb am 24. November 1991 an Aids. Haben Sie sich je richtig von ihm verabschiedet?

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May: Nein, nie. Es gab nur eine Art indirekten Abschied bei den Aufnahmen zum Song »Mother Love«. Ich spielte Freddie eine Demoaufnahme vor und schrieb ihm den Text auf, er begann zu singen und legte sich total ins Zeug. Es waren Momente totaler Freude. Bis zum vorletzten Vers. Da konnte er nicht mehr und sagte, das werde er dann beim nächsten Mal zu Ende bringen. Ich habe ihn nie wiedergesehen, und den letzten Vers habe schließlich ich gesungen. »Mother Love« ist auf dem finalen Queen-Album »Made in Heaven« erschienen. Für mich ist es unser allerbestes überhaupt, wir klingen da so erwachsen, reif und konzentriert wie nie zuvor.

SPIEGEL: Freddie wäre am 5. September 75 geworden. Wie werden Sie den Tag begehen?

May: Es wird bei mir keine Party zu seinem Gedenken geben, das ist ohnehin nicht mein Stil. Ich werde allein ein Gläschen zu seinen Ehren trinken und an ihn denken. Ich vermisse ihn, es kommt immer noch vor, dass mich der Schmerz überwältigt. Aber letztlich bin ich glücklich, wenn ich an Freddie denke, dankbar für die Zeit, die wir gemeinsam verbringen durften. Und was er uns an Musik hinterlassen hat, ist sehr lebendig.

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