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Radio in den Achtzigern: Meine Jahre als Wellenjäger

Foto: Matthias Streitz

Radio in den Achtzigern Meine Jahre als Wellenjäger

Radio Eriwan in echt: Wer in den analogen Achtzigern den Rundfunk fremder Länder hören wollte, brauchte noch einen Weltempfänger. Matthias Streitz besaß einen - und lernte das Kurzwellen-Surfen lieben. Auf dem Programm: Gorbis Glasnost, Saddam-Jubelfunk aus Bagdad und Tanzmusik auf Togolesisch.

Meine erste große Jugendliebe begann an einem Osterferienmorgen 1986 zwischen dem Gerümpel auf dem Dachboden meines Elternhauses. Da staubte es ein: das Röhrenradio Marke Telefunken, ausrangiert von meiner Großmutter. Eigentlich besaß die Apparatur nicht mal Wiederverkaufswert auf dem Flohmarkt. Sie hatte früher zu einem dieser wuchtigen Radioschränke gehört, das Drumherum samt Gehäuse war aber irgendwo verschollen, die Röhren ragten nackt aus der Platine heraus. Eine Anlage wie eine Warnung: "Nicht anfassen, Stromschlaggefahr!"

Das Allerwichtigste und Überraschende war: Das Radio funktionierte noch.

Irgendwie wuppte ich die klobige Gerätschaft die Dachbodenleiter hinunter und inthronisierte sie auf dem Sofa meines Teenager-Zimmers. RIAS, AFN, Hilversum: Die Stationskürzel auf der Radiofront wirkten wie Vokabeln einer fremdartigen Sprache. Mit dem großen Schraubknopf rollte ich durchs 49-Meter-Band, einmal von 5950 Kilohertz aufwärts und retour, vorbei an außerirdischen Pfeifgeräuschen, knatternd-empfangsgestörter Klassik und Männerstimmen, die irgendwie kaltkriegerisch-wütend klangen.

"Sie hören Radio Polonia, die Nachrichten."

Der Rundfunk aus Warschau sendete auf Deutsch? Es war das erste Aha-Erlebnis in meinen Jahren als Wellenjäger, viele weitere sollten folgen. Ich war gefangen, gepackt, schon auf dem Weg, süchtig zu werden. Kurzwellenradio hören, das war wie Verreisen für Leute ohne Geld und mit viel zu kurzen Ferien. Oft genug gab's die muttersprachliche Reiseführung gleich mit dazu.

Jetzt hören, was Radio Budapest meldet

In den nächsten Stunden, Wochen, Jahren rückte ich aus für unzählige Horch-Expeditionen in entlegene Winkel der Welt. Ich jubelte, als Radio Australia zum ersten Mal durch meine Lautsprecher krächzte. Ich erfuhr von Radio Peking, wie schief, seltsam, faszinierend die traditionelle Musik Chinas klingen kann. Ich staunte, wenn die Stimme der Islamischen Revolution aus Teheran Erfolge im Feldzug gegen den Irak ausrief. Hatte Saddam Husseins Radio Bagdad nicht eben das Gegenteil gemeldet?

Meine Eltern nervte ich beharrlich, bis sie mir einen richtigen, portablen Weltempfänger schenkten, einen Satellit Professional 400 von Grundig - kein ganz preiswertes Weihnachtspräsent für einen 13-Jährigen. Im Konfirmandenunterricht fiel ich rasch als Nerd der analogen Achtziger auf - im Zeitschriftenladen unweit der Kirche erstand ich stets die neue "Radiowelt" und durchstöberte sie nach Empfangstipps für noch unbelauschte Sender. Irgendwo da draußen gab es mehr Verrückte wie mich! Leute, die das Pausenfüll-Lied von Radio Moskau mitsummen konnten. Wellensüchtige, die sogar die Sendefrequenz des liberianischen Missionsradios "Eternal Love Winning Africa" runterbeten konnten. (Es war - genau! - 4760 Kilohertz, ganz unten im 60-Meter-Tropenband.)

Das Wellensurfen - von uns Sektenmitgliedern im Abkürz-Jargon auch DX'ing genannt - geriet mir zur Schule neben der Schule. Wie klingt das Englisch aus Indien? Warum kann man nachts auf Langwelle Radio Algier hören und tagsüber nur Deutschlandfunk? Oberstudienrat Grundig brachte es mir bei. Wie heißt die Hauptstadt von Gabun, wo liegt dieses Land überhaupt? Ich lernte es dank Radio Africa Number One.

Nordkorea, Südkorea, Israel, Argentinien: Jedes Land mit Anspruch unterhielt damals seine eigene internationale Rundfunkstation, nicht wenige sendeten auf Deutsch. In seiner sozialistischen Glanz-und-Gloria-Zeit beschallte allein Radio Moskau die Welt in 70 Sprachen, darunter Hausa und Kiswahili. Ich musste nicht "Tagesschau" gucken, ich war näher dran an Konflikten, Katastrophen, Umbrüchen meiner Pennälerzeit. Als Mitte August 1989 die ersten DDR-Bürger über Ungarn gen Westen strömten, war mein Impuls: Jetzt hören, was Radio Budapest meldet!

Hurra, Post aus Togo!

Omas Röhrenradio habe ich heute nicht mehr, mein Grundig-Satellit ist nach jahrelangem Bis-zu-Acht-Stunden-am-Tag-Betrieb ausrangiert - geblieben ist mir ein Schuhkarton mit Karten, Briefen, Zettelchen aus Ecuador und Albanien, Taschkent und Manila. Denn natürlich frönte ich auch dem vielleicht skurrilsten Neben-Hobby der Wellenjägergemeinde: dem Sammeln von QSL-Karten. 373 dieser Karten habe ich angehäuft, aus 81 Ländern der Welt.

QSL was, bitte? Die Morseabkürzung steht für "Ich sende Ihnen eine Empfangsbestätigung" - und ein System, das beiden Seiten diente, Sendern wie Radiofans. Im ersten Schritt schickte ich, der Hörer, den Stationen am Rand der Welt kurze schriftliche Berichte. Wann ich wo auf welcher Frequenz welches Programm empfangen hatte, stand darin - und in welcher Tonqualität es angekommen war in Stade-Campe, Niedersachsen, Deutschland, Europa. Für die Stationsplaner eine wichtige Information: "Unser neuer Sender fürs 21-Meter-Band funktioniert ganz ausgezeichnet", konnten sie folgern. Oder: "Wir brauchen dringend noch 50 Kilowatt mehr." Als Dankeschön bekam ich Aufkleber der Sender nach Stade geschickt, Wimpel - und eben die QSL-Postkarten, die stets eine Wendung enthielten wie:

"Herr Streitz, Ihr Bericht stimmt mit unseren Aufzeichnungen überein. Wir bestätigen, dass Sie unser Programm empfangen haben."

Endlich! Wenn nach der Schule eine solche Karte aus Lomé, Togo, in meiner Post wartete, dann war die Ablativ-Qual in der Lateinstunde erstmal vergessen. In meinem Schuhkartonarchiv sammelte ich erstaunliche Artefakte an. Mein Stolz damals: Ein QSL-Zettelchen von Radio Eriwan, Armenien - das gab und gibt es tatsächlich. Heute fasziniert mich die Karte von Radio Muslim Mujahideen, einer illegalen Station der Islamisten aus Afghanistan. Die Rebellen funkten mit einem geheimen Sender auf Pashtu und Dari, die Bestätigungskarte kam per Postfachadresse in 2000 Hamburg 60.

Danke für den Empfangsbericht, "Allah ist groß".

Immer schneller, immer komplizierter, immer absurder wurde meine Jagd nach ungehörten Sendern. Am Ende stellte ich mir den Wecker, stand nachts um vier Uhr auf - und mühte mich, brasilianische Tanzmusikprogramme auf Mittelwelle zu erlauschen, wenn die Empfangsbedingungen theoretisch am besten waren. Ich suchte Sender auf Serbokroatisch, Arabisch, Chinesisch, hörte das Tack-Tack-Tack-Tuuuut von Zeitzeichen-Stationen, alles egal, Hauptsache endlich wieder eine neue Station! Eine Zeit lang dachte ich darüber nach, Morsen zu lernen. Nach drei, vier Jahren aber hatte ich mein Hobby abgenutzt. In der Zeit vor dem Abi schallten aus meinem Grundig nur noch Pop und kreuznormale Nachrichten.

Vor ein paar Monaten habe ich ein Internet-Radio gekauft - kein schönes Gerät, eine ganz schmucklose Box aus ramschigen Plastik. Aber das Allerwichtigste: Es funktioniert. Im Büro schwärmte ich, dass ich mit ein paar Fernbedienklicks und ganz ohne Computer hin- und herzappen kann zwischen Nachrichten aus New York, Polittalk aus Moskau und J-Pop aus Osaka.

Eine Kollegin blickte mich an, verblüfft und halb amüsiert über diese Art, seine Zeit totzuschlagen.

"Du, das passt total zu Dir."

Sie konnte gar nicht wissen, wie Recht sie damit hat.

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