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Massaker von Srebrenica: Blutrausch auf dem Balkan

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einestages-Archiv Wie das Massaker von Srebrenica die Welt erschütterte

Heute fällt in Den Haag das Urteil gegen Radovan Karadzic. Er ist wegen Kriegsverbrechen in Srebrenica angeklagt. Dieser Überblick aus dem einestages-Archiv zeigt, wie ruchlos die Serben damals vorgingen - und wie trotzdem niemand einschritt.
Von Hans Michael Kloth

Der folgende Bericht über das Massaker von Srebrenica erschien im Juli 2008 bei einestages, als Radovan Karadzic festgenommen wurde. Anlässlich des seiner Verurteilung als Kriegsverbrecher vor dem Uno-Tribunal bringen wir den Artikel noch einmal.

Radovan Karadzic - wo immer der Name des nach Jahren der Flucht gefassten Serbenführers fällt, klingt als Echo der Name eines Städtchens in Ostbosnien mit: Srebrenica. Wie man bei Adolf Eichmann automatisch an Auschwitz denkt, ist Karadzics Name für immer mit dem schrecklichsten Kriegsverbrechen verbunden, das seit 1945 in Europa verübt wurde.

Den Horror von Srebrenica illustriert eine einfache Zahl: 7800 Bosniaken wurden dort von einer serbischen Soldateska im Jahr 1995 umgebracht - unter den Augen der Weltöffentlichkeit.

Was sich in Srebrenica in einem fünftägigen Blutrausch abspielte, wurde klar noch während das Gemetzel im Gange war. Ein amerikanisches U2-Aufklärungsflugzeug machte am 13. Juli 1995, zwei Tage nach dem Sturm auf die Stadt, Luftbilder von einem Fußballfeld am Ortsrand von Srebrenica. Das erste zeigt eine Gruppe von etwa 600 jungen Männer auf dem Platz. Auf dem zweiten, wenig später aufgenommen, ist ein leeres Spielfeld zu erkennen - und in der Nähe sieht man frisch umgegrabene Erde.

Illusion Schutzzone

Dass die Serben im Raum Srebrenica eine großangelegte Operation planten, hatte sich lange angedeutet. Bereits im Frühjahr 1995 hatten die Uno-Analysten auf Satellitenaufnahmen Angriffsvorbereitungen bemerkt: Südöstlich der Stadt waren Schneisen in die Wälder geschlagen worden, um Truppenbewegungen zu erleichtern; zudem hatten die Serben Artilleriestellungen und Munitionsbunker angelegt. Vieles wies darauf hin, dass die "ethnische Säuberung" Srebrenicas das nächste Ziel im Feldzug der Serbenführer Karadzic und Mladic sein würde.

Andererseits schien das 75 Kilometer nordöstlich Sarajevos gelegene Srebrenica sicher. Die Bergbaustadt lag in einer von fünf Uno-Schutzzonen, die die Vereinten Nationen 1993 im Kriegsgebiet ausgerufen hatte. Rund 500 Blauhelm-Soldaten aus den Niederlanden waren seit gut einem Jahr bei Srebrenica stationiert, um den "Safe haven" zu schützen und Bürgerkriegsflüchtlinge einen Zufluchtsort zu bieten.

Doch die Serben interessierte das Konzept der Schutzzonen wenig; ihnen kam sogar entgegen, dass sich ihre Opfer dort konzentriert versammelten. Für die Blauhelme hatten sie nur Verachtung übrig; von der Uno wollten sie sich nicht hindern lassen, die verhassten Muslime zu vertreiben - oder gleich umzubringen.

"Blut bis zu den Knien"

Am 6. Juli 1995 begannen die Serben vorzurücken. Die Uno-Schutztruppe verhielt sich passiv. Vier Tage später drangen Mladics Truppen in die Stadt selbst ein, in der sich rund 50.000 muslimische Bosnier drängten. Angesichts der Übermacht von 15.000 Angreifern reagierten die Blauhelme kopflos. Ihr Mandat erlaubte es ihnen eigentlich zurückzuschießen, aber die nur leicht bewaffnete Einheit machte sich vor allem Sorgen um die eigene Haut. Dazu kam Chaos in der Führung. Erst am Abend des 10. Juli forderte das "Dutchbat" Luftunterstützung an - doch obwohl zeitweise 60 Flugzeuge in der Luft kreisten, warf nur eine einzelne niederländische F-16 eine einsame Bombe ab. Am Vormittag des 11. Juli zogen sich die Blauhelme auf ihre Basis zurück. "Haut ab", riefen die Abrückenden der Zivilbevölkerung zu, "die Tschetniks kommen!" Um 16 Uhr am 11. Juli 1995 besetzten serbische Milizionäre das Rathaus.

Dann brach die Hölle über Srebrenica herein. "Es wird ein Fest werden, dann reicht das Blut bis zu den Knien", soll Eroberer Mladic gesagt haben, als er die Stadt betrat. Ob diese Worte so fielen oder nicht - der Gewaltexzess, der folgte, war ungeheuerlich. Zeitzeugen berichteten von Massenvergewaltigen, abgeschnittenen Ohren und einem Mann, der mit Draht an den Hoden aufgehängt wurde. Es kam zu Selbstmorden. Laut Augenzeugen hielt sich ein Bosnier eine Handgranate an den Kopf und sprengte sich in die Luft, um nicht den Serben in die Hände zu fallen.

In einer Zinkfabrik im Vorort Potocari pferchten die serbischen Eroberer gefangene Zivilisten zusammen. Am frühen Morgen des 13. Juli wurden die Internierten zu Bussen und Lkws getrieben, um angeblich nach Tuzla evakuiert zu werden. Doch besteigen durften die wartenden Wagen nur Frauen und Kinder - die Männer wurden separiert. Betroffene berichteten später, wie sich ihre Busse den Weg durch lange Kolonnen von Gefangenen beiderseits der Straße bahnen mussten. Die meisten dieser Männer wurden kurz darauf ermordet.

Wasser statt Sekt

Endlose Trecks Fliehender zogen in den nächsten Tagen durch das unwirtliche Ostbosnien in dem verzweifelten Versuch, den muslimisch kontrollierten Teil Ex-Jugoslawiens bei Tuzla zu erreichen; zumeist Männer, die der Selektion entkommen konnten. Doch Tausende wurden abgefangen und an Ort und Stelle liquidiert, andere aus dem Hinterhalt mit Mörsern, Maschinengewehren und sogar Flugabwehrgeschützen abgeschlachtet. Bis heute werden entlang dieser Routen Schädel, Stiefel oder Kindermützen gefunden.

Die Rolle der Blauhelme in den Tagen nach der Einnahme Srebrenicas wurde zu einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte des Balkankrieges. Ausführliche Untersuchungen belegten später, das die niederländischen Soldaten zwar in Einzelfällen auch halfen, insgesamt aber eine katastrophale Rolle spielten: Schutzsuchende wurden abgewiesen, gegen Gräueltaten wurde nicht eingeschritten. Es kam im Gegenteil zu Verbrüderungen zwischen Serben und "Dutchbat"-Soldaten - und sogar zur Beteiligung von Niederländern bei der Selektion von Bosniern. Zum Symbol des Versagens wurde ein Foto, auf dem sich Uno-Befehlshaber Oberst Ton Karremans und General Mladic zuprosten.

In den Gläsern sei Wasser gewesen, kein Sekt, rechtfertigte sich Karremans später.