Französische Marine jagt Greenpeace-Schiff Wildwest in der Biskaya

Auf der "Rainbow Warrior 2" wollte Kapitän Haucke Mack 1994 gegen illegale Fischfangmethoden vorgehen. Plötzlich machte die französische Marine Jagd auf die Umweltschützer - es wurde lebensgefährlich.

Daniel Beltra/ Greenpeace

Protokoll von Stefan Kruecken


Zur Person
  • Ankerherz
    Hauke Mack, Jahrgang 1960, kam in Hamburg zur Welt. Er wollte eigentlich Journalist werden, entschied sich dann aber für die Seefahrt und fuhr auf Schiffen wie Rohöltankern, Massengut- und Stückgutfrachtern. Als er an Land wechselte, war er unter anderem als Ladungsexperte und Sachverständiger tätig, zudem als Seelotse auf dem Nord-Ostsee-Kanal. Mack lebt mit seiner Familie in Glückstadt

Mir war bewusst, dass der Einsatz Ärger einbringen konnte, im schlimmsten Fall die Verhaftung durch die französische Polizei. Dass es dann auf der Biskaya um Leben und Tod gehen sollte, hatte ich nicht geahnt.

Die französischen Behörden befanden sich damals, im Sommer 1994, in einer Art Kriegszustand mit Greenpeace, der Umweltschutzorganisation, für die ich mich engagierte. Neun Jahre zuvor hatte der französische Geheimdienst die "Rainbow Warrior" im Hafen von Auckland versenkt, um zu verhindern, dass das Schiff zu Protesten gegen die französischen Atomtests auf Mururoa auslaufen konnte. Dabei gab es einen Toten. Das Verbrechen sorgte international für Empörung.

Entsprechend angespannt war die Lage, als ich in Pensacola (Florida) an Bord des Nachfolgeschiffs "Rainbow Warrior 2" ging. Die Reise führte über die Häfen von Washington, D.C. und New York über den Atlantik ins nordspanische La Coruña. Unser Zielgebiet war die Biskaya, wo es erbitterte Auseinandersetzungen zwischen spanischen und französischen Fischern gab. Ein Streitpunkt war, dass die Franzosen zu lange Treibnetze mit zu geringer Maschenweite einsetzten.

Auf meinem Weg in die Seefahrt hatte ich auch eine Ausbildung zum Bootsbauer gemacht und fand über einen Freund in Bremen zu Greenpeace; der Schutz der Umwelt und der Meere liegt mir bis heute am Herzen. Während meines ersten Einsatzes als zweiter Steuermann lief eine Greenpeace-Kampagne gegen die Überfischung mit illegalen Fangmethoden.

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Marine-Jagd auf Greenpeace: Wildwest in der Biskaya

Anfang Juli 1994 trafen wir in den Fanggründen ein. Die ersten Tage verliefen unspektakulär. Wir begannen damit, die Länge der Netze mit den Radargeräten zu vermessen und Schlauchboote im Ozean auszusetzen. Die Schleppnetze, die im Wasser trieben, waren mit Reflektoren versehen, deshalb konnten wir sie orten und die Beobachtungen dokumentieren. In diesem Gebiet operierte auch der französische Marineschlepper "Malabar" als Schiff der Fischereiaufsicht.

"Was zum Teufel..."

Als ich eines Nachts Wache hatte, trafen neue Informationen ein. Kurz vor 22 Uhr stieg ich mit dem erfahrenen Schlauchbootpiloten Dave ins Boot. Dave war knapp 40, ein großgewachsener Brite mit rötlichem Dreitagebart. Bald würde die Dämmerung einsetzen. Kaum Wellengang, beinah Windstille. Wir zogen Gummihosen, Gummistiefel und die Rettungswesten an, verstauten die wasserdichten Funkgeräte und brausten los.

Wir fuhren zu einem der Netze, die wir überprüfen wollten, als sich ein Fischtrawler in hohem Tempo näherte. Der Kegel eines Suchscheinwerfers erfasste uns. Das Schiff kam rasch näher und hielt direkt auf uns zu, so schnell, dass wir seine weiße Bugwelle sehen konnten.

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Stefan Kruecken
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"Was zum Teufel...", fluchte Dave.

Nur noch wenige Hundert Meter lagen zwischen uns. Anscheinend wollte uns der Trawler direkt rammen. Dave steuerte das Schlauchboot auf die andere Seite des Netzes, in der Hoffnung, dass uns dies eine Art Schutz geben könnte. Doch wir kippten den Außenborder zu spät hoch. Unsere Schraube verhedderte sich im Netz. Wir hingen fest, der Trawler hielt weiter auf uns zu, ohne die Fahrt zu drosseln.

Flüche und Wurfgeschosse

Dave und ich wechselten schnell ein paar Worte. Wir wollten springen, bevor es zum Aufprall kam. Dann stoppte das Fischerboot abrupt ab, es hatte sich wohl im eigenen Netz verheddert. Ich schätze, dass die Entfernung noch knapp 40 Meter betrug, jedenfalls war es so nah, dass wir im Radius von Wurfgeschossen waren. Die wütende Crew schmiss mit Bleigewichten und schrie Flüche über die See.

Offenbar verdächtigte man uns, das Netz stehlen zu wollen. Damit lagen die Fischer nicht einmal falsch, denn ihr Arbeitswerkzeug wies eindeutig zu enge Maschen auf und war illegal. Liebend gern hätten wir es den Behörden übergeben.

Es gelang uns, die Außenborder-Schraube vom Netz zu befreien. Dave startete den Motor, mit hoher Geschwindigkeit und einem Schrecken in den Gliedern fuhren wir zurück zur "Rainbow Warrior 2". Ich mochte kaum glauben, wie skrupellos die Fischer vorgegangen waren. Wären sie nicht ins Netz geraten, hätten sie uns zweifelsohne gerammt - mitten auf der Biskaya, knapp 200 Seemeilen vor der Küste und in einsetzender Dunkelheit. Ich dachte noch darüber nach, als ich in der Koje lag.

Die Nacht dauerte nicht lange. Es war vielleicht 5 Uhr in der Früh, als ein Mitglied der Crew, ein amerikanischer Freiwilliger namens Burke, in meine Kammer stürmte und die Seeschlagblende des Bullauges verrammelte. Ich fragte erstaunt, was los war. Normalerweise werden die Blenden verschraubt, wenn schweres Wetter zu erwarten ist, wenn das Schiff durch einen Sturm muss und große Wellen einzuschlagen drohen.

"Wir werden angegriffen", zischte Burke.

Mit der Feuerlöschkanone auf die Fenster

Eilig zog ich meine Kleidung über und hastete den Aufgang zur Brücke hinauf. Der neue Tag hatte begonnen, es dämmerte über dem Ozean, aber das war auch das einzig Beschauliche an der Situation. Der Kapitän starrte angespannt nach Steuerbord. Unsere "Rainbow Warrior 2" lief mit Höchstgeschwindigkeit, knapp zwölf Knoten. Und gleich dahinter, leicht nach Steuerbord versetzt, der Schlepper "Malabar" der französischen Fischereiaufsicht, begleitet von einem unserer Schlauchboote.

Die Crew des Schleppers versuchte tatsächlich, mit ihrer Feuerlöschkanone unsere Fenster einzudrücken. Das konnte doch nicht wahr sein!

Was sich hier abspielte, war mit dem Seerecht unvereinbar. Mit dem gesunden Menschenverstand und solider Seemannschaft erst recht nicht. Und das von einem Schiff der französischen Marine. Unser Kapitän versuchte fluchend, dem Schlepper zu entkommen, doch das konnte nicht gelingen. Der Angreifer war schneller. Wir waren nicht panisch, wir waren einfach fassungslos über das, was sich hier abspielte - Wildwest auf dem Atlantik.

Immer wieder versuchte die "Malabar", unsere Fenster zu zerstören. Es klatschte, wenn der Wasserstrahl auf den Stahl und das glücklicherweise massive Glas traf. Die Besatzung unseres Schlauchboots filmte die Ereignisse, was die Franzosen aber nicht zu stören schien. Rufe waren auf der Brücke zu hören, natürlich waren alle aufgekratzt. Die Minuten vergingen, dann tauchte von Backbord eine Korvette auf: die "Jacoubet", ebenfalls unter französischer Flagge.

Das schnelle, kleine Kriegsschiff, versuchte, uns den Weg abzuschneiden, mit allen Mitteln. Es rauschte schnell heran. Ausweichmanöver? Für uns war eine Kursänderung nach Steuerbord nicht möglich, ohne der "Malabar" direkt vor den Bug zu laufen. Auch der "Jacoubet" blieb keine Option mehr, denn es drohte eine Kollision, entweder mit uns oder mit der "Malabar". So wurde es knapp. Ganz knapp.

Es waren nur zehn Meter

Wir sahen, dass der Kommandant der "Jacoubet" "voll zurück" gab. Das Schraubenwasser türmte sich über Deckhöhe, es schäumte und brodelte. Unsere "Rainbow Warrior 2" drehte geringfügig nach Steuerbord. Alle hielten vor Schreck buchstäblich den Atem an. Ich schätze, dass die Korvette höchstens zehn Meter vor unserer Backbordseite zum Stehen kam.

Unser Schiff war ein umgebauter Fischtrawler. Das Kriegsschiff hätte mit seinem Bug exakt den Bereich des früheren Fischraums getroffen. Im Fall einer Kollision wären wir gesunken wie ein Stein.

Momente verstrichen. Die Korvette drehte ab, ebenso unser Verfolger, die "Malabar". Es schien fast so, als seien alle Beteiligten auf den Brücken erschrocken. Wir waren knapp einer Katastrophe entkommen, um zehn Meter. War es Vorsatz? Eine dilettantische Warnung?

Wenigstens ließen sie uns anschließend in Ruhe. Die Besatzung der "Malabar" beäugte uns noch einige Tage lang aus sicherer Entfernung. Die Crew der "Jacoubet" warf in unmittelbarer Nähe ihren Plastikmüll über Bord. Danach wurde sie nicht mehr gesehen.


Der Text ist ein überarbeiteter und gekürzter Auszug eines Kapitels aus dem neuen Buch "Kapitäne!", erschienen im Ankerherz-Verlag. Darin erzählen 20 Seeleute echte Abenteuer vom Meer.

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Hans Müller, 27.10.2019
1. Bis der letzte freie Fisch...
Bis der letzte freie Fisch vertilgt wird. Nachfolgende Generationen werden sich bedanken. Es geht wie meist um Profit. Und Fisch essen, um Jodmangel vorzubeugen!??
David Xanatos, 28.10.2019
2.
Die Franzosen haben seit jeher ein - sagen wir mal entspanntes - Verhältnis zu Recht und Gesetz. Das betrifft inbesondere dortige Politiker, Fischer, Bauern und Gewerkschaftler.
K. Wolf, 28.10.2019
3. Reichlich dünnhäutig
Ein Teil der strengen Verbote in der EU rührt von der Überlegung her, dass sie keiner kontrolliert, manche daher eher kosmetischen Charakter haben. Wenn dann jemand daherkommt und mit dem Finger auf das Problem zeigt, dann sieht man natürlich dumm aus. Allerdings in der damaligen Situation fühlte sich Frankreich in seiner vermeintlichen Substanz angegriffen. und zwar bei den Atomwaffen, die als sehr wichtig empfunden wurden. Man reagierte deswegen reichlich dünnhäutig gegenüber marinen Naturschützern.
Michaela Heiß, 30.10.2019
4. Man merkt
wie sich die Zeiten ändern. Wenn heute sowas passieren täte, reichte eine Live-Übertragung des Geschehens direkt ins Internet, und die Franzosen würden einen Sh*tstorm ernten, der sich gewaschen hat. Und wenn dann noch live Stücke der illegalen Netze gezeigt würden ... beste Werbung für Greenpeace, massiver Gesichtsverlust für die Franzosen.
Franz Nagelstein, 31.10.2019
5. Das hätte Frankreich wohl kaum beeindruckt...
" Wenn heute sowas passieren täte, reichte eine Live-Übertragung des Geschehens direkt ins Internet, und die Franzosen würden einen Sh*tstorm ernten, der sich gewaschen hat." Wir reden hier vom gleichen Frankreich das sich nicht geschämt hat in furchtbarster Kolonialherrenmanier das Mururoa Atoll für Tests französischer Atomwaffen zu verseuchen. Die Medien haben durchaus darüber berichtet damals. Ein Shitstorm in internet hätte die damalige Politikergeneration noch deutlich weniger beeindruckt.
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