Schlagerproduzent Ralph Siegel "Bringen Sie mal Musikern tanzen bei!"

2000 Lieder, 150 Hits, 20 Grand-Prix-Teilnahmen - seit Jahrzehnten prägt Ralph Siegel die deutsche Musiklandschaft. Jetzt wird er 70. Hier verrät er, warum er beim Triumph von Nicoles "Ein bisschen Frieden" fast nicht dabei gewesen wäre.

DPA

Ein Interview von


einestages: Herr Siegel, am 24. April 1982 schafften Sie mit Nicole und "Ein bisschen Frieden" die Sensation - Sie gewannen als erste Deutsche den Grand Prix Eurovision. Stimmt es, dass Sie an jenem Abend im englischen Harrogate eigentlich gar nicht dabei sein durften?

Siegel: Drei Tage vor dem Finale hatte ich einen Hörsturz, stressbedingt. Ein Arzt hatte mir daraufhin strengstens geraten, mich ins Krankenhaus zu begeben. Er meinte, ich müsse sofort an den Tropf: "Wenn Sie das nicht tun, wird der Hörsturz eventuell für immer bleiben" - und leider ist das bis heute auch so. Damals war ich gerade mal 37.

einestages: Die Warnung scheint Sie nicht beeindruckt zu haben.

Siegel: Leider nein - denn auf diesen Tag hatte ich mein Leben lang gewartet. Da musste die Gesundheit eben zurückstehen. Die Ärzte haben mich für verrückt erklärt. Es war mehr als schwer, aber im Taumel des Sieges war der Hörsturz zu ertragen. Erst anschließend hing ich fünf Wochen in der Klinik am Tropf, aber es half nichts.

einestages: Ihr Vater war der Komponist und Musikverleger Ralph Maria Siegel, Ihre Mutter die Operettensängerin Ingeborg Döderlein. War es da vorprogrammiert, dass Sie auch Musiker werden?

Siegel: Natürlich haben mich meine Eltern positiv in Richtung Musik beeinflusst. Ich bin zwischen Künstlern aufgewachsen, die bei uns ein- und ausgingen, und habe schon als Kind Akkordeon, Klavier, Schlagzeug und Gitarre gelernt. Eigentlich hatte ich aber ganz andere Berufe im Sinn: Mit vier Jahren war ich bereits "Zirkusdirektor", habe im Garten Hasen domptiert und zehn Pfennige Eintritt verlangt. Dann wollte ich Fußballer werden. Etwa mit 14 gründete ich meine erste Band, das "Peter Elversen Septett" und begann, mich mit George Gershwin musikalisch auseinanderzusetzen. Da war klar, dass ich weiter komponieren werde.

einestages: Warum traten Sie unter dem Namen Peter Elversen auf?

Siegel: Da mein Vater ein bekannter Komponist war, hätten sonst wohl alle geglaubt, dass ich beim Songschreiben von Papa Schützenhilfe bekomme. Außerdem hieß mein Vater ja auch Ralph Maria Siegel, das hätte für Verwirrung gesorgt - wie bei uns zu Hause, wenn meine Mutter "Ralph" rief und immer der kam, der nicht gemeint war.

einestages: Sie sind schon als junger Mann viel rumgekommen. Mit 19 jobbten Sie in Nashville als Volontär beim Musikverlag Acuff-Rose...

Siegel: ...im Epizentrum der Country-Musik! Mein Job war es, Labelsticker auf Platten zu kleben - aber auch, Songs zu schreiben und Promotion zu machen. Dabei lernte ich Stars wie Roy Orbison kennen. Eine lehrreiche Zeit.

einestages: Und eine erfolgreiche - als Komponist landeten Sie einen Top-Ten-Hit in den US-Charts.

Siegel: "It's a long long way to Georgia" war einer von 30, 40 Songs, die ich in Nashville geschrieben habe. Chet Atkins, neben Les Paul der Top-Gitarrist der Szene, hörte das Demo und war begeistert. Er produzierte den Song mit dem Top-Star Don Gibson, der die Nummer dann zu meinem ersten großen Hit machte. Ich verdiente dadurch plötzlich auch mein erstes Geld.

einestages: Als Sänger waren Sie Ende der Sechzigerjahre nur kurz aktiv. Dann wechselten Sie ins Komponisten- und Produzentenfach. Was hat Sie dazu bewogen?

Siegel: Als Sänger müssen Sie immer unterwegs sein, immer fit sein, immer gut aussehen. Das war mir zu stressig und füllte mich nicht aus. Der Zeitfaktor kam hinzu: Ich war mal in Chris Howlands Sendung "Musik aus Studio B". Da wartete ich ewig in der Garderobe auf meinen Drei-Minuten-Auftritt. Das war nichts für mich.

einestages: Dafür waren Sie als Songschreiber und Produzent dann äußerst erfolgreich, unter anderem für Udo Jürgens, Katja Ebstein - oder mit der bunten Truppe Dschinghis Khan. Wie sind Sie damals auf das Konzept gekommen?

Siegel: 1978 hatten Bernd Meinunger und ich diese Songidee. Ich durchforstete seine Zeilen-Sammlung mit rund tausend Zeilen für mögliche Songtitel. Da stand unter vielen anderen Textideen "Dschinghis Khan". Ich fing an, auf dem Flügel zu spielen und zu singen: "Dsching! Dsching! Dschinghis Khaaan - huh hah huh hah!!" Bernd textete dann einfach lustig und genial. Durch den Choreografen des Gärtnerplatz-Theaters in München lernte ich den Tänzer Louis Potgieter kennen. Er wurde Frontmann von Dschinghis Khan. Nur Singen konnte er leider nicht. Die restlichen Musiker fand ich in meinem "Krabbelkasten". Darin sammle ich Demos und Fotos von Talenten. Darunter waren der Sänger Wolfgang Heichel, seine Frau Henriette und die Ungarin Edina Pop. Außerdem Gitarrist und Soulsänger Steve Bender sowie Schlagzeuger Leslie Mandoki aus Ungarn. Spielen sollten sie nicht, weil mir eine reine Gesangs- und Tanztruppe vorschwebte. Für die beiden war das fast die Höchststrafe - für den Choreografen übrigens auch. Ich sage nur: Bringen Sie mal Musikern tanzen bei!

einestages: Ging es von Anfang an darum, damit beim Grand Prix anzutreten?

Siegel: Klar - und die Uhr tickte! Jetzt brauchten wir eine Choreografie, Kostüme, und wir mussten den Song fertigproduzieren. Bis zum Vorentscheid am 17. März 1979 in München blieben uns nicht mal zwei Monate. Vor dem Auftritt schwor ich die Gruppe ein: "Singt, lacht und tanzt um euer Leben!". Wir gewannen und fuhren nach Jerusalem, wo wir immerhin Vierter wurden, anschließend landeten wir mit "Dschinghis Khan" und "Moskau" Welthits.

einestages: Auch mit Udo Jürgens feierten Sie in den Siebzigerjahren große Erfolge. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Siegel: Ich kannte Udo schon, als ich noch ein kleiner Junge war, weil ihn ja mein Vater als Sänger entdeckt hatte. Udo lebte damals in Schwabing in einer WG mit dem Sänger Frank Forster, den mein Vater produzierte. Hans R. Beierlein, sein späterer Manager und Förderer, brachte uns dann musikalisch zusammen.

einestages: Der von Ihnen produzierte Song "Griechischer Wein" wurde 1974 zum Nummer-eins-Hit. Wie kam es zu der Idee des Gastarbeiter-Lieds?

Siegel: In einer ersten Demoversion hieß der Titel zunächst "Sonja wach auf". Udo hatte die Musik im Urlaub in Griechenland geschrieben. Wir saßen dann in der Studiokantine zusammen und mir wurde klar, dass man für diese Melodie einen anderen, griechischer klingenden Text brauchte. Mein Textdichter und Freund Michael Kunze hatte die geniale Idee, den Song im Ausland und Deutschland spielen zu lassen und von Gastarbeitern in einem fremden Land zu erzählen. Der Song ist heute so aktuell wie damals.

einestages: Hand aufs Herz - hat es Sie geschmerzt, in den letzten Jahren nicht mehr für Deutschland beim Eurovision Song Contest antreten zu dürfen, sondern nach Malta oder San Marino ausweichen zu müssen? Stefan Raab, der 1998 als "Produzent Alf Igel" mit Guildo Horn ins Rennen ging, sprach damals gar von "Inzucht", weil Sie jedes Jahr dabei waren.

Siegel: Alf Igel - schon das Pseudonym war natürlich eine Provokation, und ein Igel hat bekanntlich Stacheln. Ich schätze Stefan Raab. Er ist ein talentierter Musiker und Showmaster. Aber schön war das nicht. Eine Journalistin sprach gar von "Siegel-Bashing". Aber ich bin keinem böse, auch nicht Raab. Damals wurden die Lieder anonym eingereicht, es gab keinen Grund für einen Vorwurf mir gegenüber. Danach hat sich das geändert, man hat alles von mir abgelehnt, weil alles offengelegt war, bevor die Lieder ausgesucht wurden. Mir taten in erster Linie meine Künstler leid, denen die Chance genommen wurde, sich beim ESC zu präsentieren. Ich bin jedoch weiterhin auch abseits des Wettbewerbs musikalisch sehr aktiv - etwa mit meinem Musical "Johnny Blue", das Anfang 2015 in Brünn startete.

einestages: Sie sind jetzt 70 und haben viele Ihrer Weggefährten überlebt - Peter Alexander, Rex Gildo, Roy Black. In Ihrer Biografie befassen Sie sich eingehend mit dem Tod...

Siegel: Zwangsweise. Mein Vater starb mit nur 61 Jahren an Krebs, meine Mutter ist mit 88 ein Jahr lang auf schreckliche Weise ebenfalls an Krebs gestorben. Und ich selbst bin dem Tod ja auch dreimal von der Schippe gesprungen, zuletzt vor sieben Jahren mit Prostatakrebs im schwersten Stadium, der aber Gott sei Dank vollständig geheilt werden konnte. Wie wohl jeder Mensch wünsche ich mir einen sanften Tod. Udo Jürgens hatte es in dieser Beziehung wirklich gut. Diese Art, von der Welt zu gehen: Mit 80 Jahren in einer glücklichen Phase, geliebt und verehrt, beim Spaziergang im Sonnenschein tot umzufallen - das kann sich jeder nur wünschen.

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insgesamt 7 Beiträge
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David Braben, 30.09.2015
1. Kader Fußball-Nationalmannschaft 1982 (Bild 20)
Will mir jemand helfen, die 1982er Nationalmannschaft zusammenzukriegen? Dann bitte nicht weiterlesen, sondern eigene Liste zusammenstellen und hier veröffentlichen! Nur wenn man sich zunächst nicht gegenseitig beeinflusst, lassen sich strittige Fälle optimal klären. Also los: Klaus Allofs, Klaus Fischer, Wilfried Hannes, Hans-Peter Briegel, Jupp Derwall; Erich Ribbeck, Wolfgang Dremmler, Roland Borchers, Felix Magath, Manfred Kaltz, Horst Hrubesch, Bernd Franke, Paul Breitner; Karlheinz Förster, Bernd Förster, Hansi Müller, (Michael Schanze,) Karl-Heinz Rummenigge, Harald (Toni) Schumacher Probleme hatte ich bei: Hannes (für den ich Stielike im Verdacht hatte), Dremmler und Franke. Bei Klaus Fischer bin ich mir auch nur 99% sicher. (Franke ist aber eindeutig.)
David Braben, 30.09.2015
2. Ronald Borchers, nicht Roland
Frankfurt, vergib mir!
Reinhard Luge, 30.09.2015
3. Der Schnulzenkönig
Ja, Siegel ist der unumstrittene deutsche Schnulzenkönig - quantitativ betrachtet. Qualitativ gibt's einige die ihm den Titel "Unterirdisch" streitig machen könnten (Bohlen, Meine, Fischer - ach, fast alle Schlagerf...).
David Braben, 30.09.2015
4. Der Autor bleibt hartnäckig beim
Sowohl im Text als auch in der Bildunterschrift. Und doch geht es hier nicht um Fortbewegungen auf allen Vieren (oder mehr), sondern um wühlendes Tasten.
Justus Laupheimer, 30.09.2015
5. Siegel?
Er nölt immer noch rum, weil er nicht jeden Songcontest gewonnen hat. Er war ja, quantitativ sehr erfolgreich. Qualitativ hat er z.B. mit der epochalen Erfindung des Schlachtrufes 'Hossa Hossa' in Fiesta Mexicana, das er für Rex Gildo komponiert hat, ein Meisterstück geliefert, das aber dann zu Rex Gildos Markenzeichen wurde. Ich glaube nach Richard Wagner ist er ein Komponist, der in die Geschichte eingehen wird.
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