Flugzeug-Entführer Raphael Keppel Wie ein Luftpirat bei den Grünen Karriere machte

Mit einer Spielzeugpistole kaperte Raphael Keppel 1979 eine Lufthansa-Maschine - er wollte Kanzler Helmut Schmidt sprechen. Danach stritt er bei den Grünen mit Joschka Fischer und verschwand auf die Fidschi-Inseln.

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Gerade hat Kapitän Rainer Misar die Lufthansa-Maschine "Münster" auf ihrem Weg von Frankfurt nach Köln/Bonn auf Reisehöhe gebracht, als jemand die Tür zum Cockpit aufreißt. Ein schwarz gekleideter, 31-jähriger Mann mit langem dunkelblondem Haar, in der einen Hand eine Plastiktüte, mit der anderen richtet er eine Pistole auf den Co-Piloten.

"Guten Morgen", sagt der Mann, "machen Sie, was ich fordere, dann passiert nichts!" Der Pilot solle wie geplant nach Köln/Bonn fliegen. Er werde kooperieren, versichert Kapitän Misar. Heimlich funkt er das Signal hijacked, entführt, wie der "Stern" später rekonstruieren wird.

Der Notruf aus der "Münster" mit 120 Passagieren und acht Besatzungsmitgliedern trifft auf eine nervöse Bundesrepublik, durchgeschüttelt von den Jahren des RAF-Terrors und vom "Deutschen Herbst". Zwei Jahre zuvor hatten palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine "Landshut" gekapert, um RAF-Häftlinge freizupressen. Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewksi führte damals die Verhandlungen, die GSG 9 stürmte in Mogadischu das Flugzeug und konnte alle Geiseln befreien.

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Raphael Keppel: Die seltsamste Flugzeugentführung der deutschen Geschichte

Kanzler Helmut Schmidt alarmiert daher sofort "Ben Wisch" und die Spezialeinheit. So beginnt an diesem Mittwoch, dem 12. September 1979, um 10.10 Uhr die seltsamste Flugzeugentführung in der deutschen Geschichte - und eine wohl einmalige Politikerkarriere.

Der Luftpirat ist alles andere als ein wild entschlossener Terrorist. Eher ein Sonderling und fehlgeleiteter Weltverbesserer. Seine Pistole ist aus Plastik, in der Tüte trägt er ein 93-seitiges Manifest mit dem Titel "Entführung zur Menschlichkeit". Sein Name: Raphael Keppel.

Ballermann aus Bakelit

Geboren wird Keppel 1948 und wächst als drittes von neun Kindern in einem Dorf bei Cloppenburg auf. Seine Mutter verprügelt ihn und seine Geschwister oft "nicht mit der Hand, sondern mit Holzlöffel und Handfeger", schreibt er später in seinem Manifest.

Nach der sechsten Klasse verlässt er die Schule und arbeitet im Bergbau. Dann lernt er Elektroschweißer und verdient bald so gut, dass er Geld für ein kleines Eigenheim ansparen kann. Er heiratet, seine Frau Brigitte bekommt zwei Söhne.

In seiner Freizeit spielt er Fußball bei der TSG Cloppenburg und liest: den Psychotherapeuten Josef Rattner, den Philosophen Arno Plack, den Soziologen Georg Simmel, Romane von Fjodor Dostojewski sowie Fußballbücher. Nachbarn berichten, dass er sich liebevoll um die Kinder kümmert.

Doch Keppel ist ständig unzufrieden und nervös. "Ihn haben die Ungerechtigkeiten dieser Erde persönlich betroffen gemacht", sagt ein Freund später dem "Stern". Freiwillig begibt er sich in psychologische Behandlung, die Ärzte stellen keine Krankheiten fest und bescheinigen ihm "hohe Intelligenz". Als Elektroschweißer arbeiten kann oder will er nicht mehr.

Keppel verkauft das Haus mit 50.000 Mark Gewinn und zieht in eine Dreizimmerwohnung im hessischen Rotenburg an der Fulda, Heimatstadt seiner Frau. Dort verfasst er auf seiner Schreibmaschine Manuskripte mit Titeln wie "Elvira - Psychoanalyse einer Gescheiterten" oder "Erinnerungen an eine Hoffnung" und schickt sie an Verlage, die sich jedoch nicht dafür interessieren.

Im Spätsommer 1979 beschließt Keppel, seine Gedanken einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Als Luftpirat. Er kauft für 10,75 Mark eine Plastikpistole, eine echt wirkende Attrappe aus Bakelit, und ein Flugticket (107 Mark). Seiner Frau schickt er über einen Blumenversand neun rote Rosen und einen Brief, in dem er sich erklärt. Das Manuskript "Erinnerungen an eine Hoffnung" benennt er um in "Entführung zur Menschlichkeit".

Abschied mit Handschlag

Am Morgen des 12. September passiert Keppel problemlos die Sicherheitsschleuse am Frankfurter Flughafen. "Ich muss brechen", sagt er kurz nach dem Start und hastet nach vorn zur Bordtoilette. Dort kramt er die Pistole aus der Tüte und stürmt um 10.10 Uhr das Cockpit.

Nach Köln/Bonn soll der Kapitän fliegen - das ist ja ohnehin das Ziel. Sogleich lässt Keppel ihn seine Forderungen durchgeben: Der Bundeskanzler und Fernsehteams von ARD und ZDF sollen zum Flughafen kommen. Statt Helmut Schmidt meldet sich nach der Landung der gewiefte Krisen-Verhandler Wischnewski aus dem Tower, Keppel gibt sich damit zufrieden.

Der Entführer reicht dem Piloten sein Manuskript und befielt ihm, die Seiten 83 bis 87 vorzulesen. Dort steht unter anderem, der Mutterschutz solle verlängert, die Wehrpflicht abgeschafft und das Schulfach "Umweltschutz" eingeführt werden. Der Katalog endet mit: "Alles, was ich möchte, ist eine humane Welt, in der und für die es lohnt, zu leben." Der Rundfunk verbreitet das Manifest, Keppel lässt die 120 Passagiere frei, aber noch nicht die Crew.

Stundenlang diskutieren Keppel und Wischnewski per Funk über seinen Forderungskatalog und Fragen der Gerechtigkeit, über Atomenergie, Jugendarbeitslosigkeit und Akkordarbeit, über Justizanstalten, Renten und die Wehrpflicht. "Bei einer ganzen Reihe von Fragen sehe ich überhaupt auch gar keine Differenzen, dass man überlegt, wie man sie mit mehr und größerer Intensität betreiben kann", sagt der Staatsminister. Fünf Tage später veröffentlicht der SPIEGEL ein Protokoll der Gespräche.

"Ben Wisch" quatscht den Luftpiraten weich - gegen 22 Uhr, nach fast zwölf Stunden, gibt Keppel auf. "Ich habe von vornherein einkalkuliert, dass das ein paar Jahre Gefängnis gibt", sagt er. Und: "Es ist im Übrigen eine Spielzeugpistole, ich würde niemals jemandem etwas antun." Als er die acht Crew-Mitglieder gehen lässt, reicht er dem Piloten Misar die Hand und entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten. Für die Untersuchungshaft hat er vier Packungen Camel-Zigaretten und eine Zahnbürste eingepackt.

"Verrückt ist er nicht"

Bei einer Pressekonferenz noch in derselben Nacht bezeichnet ein Journalist Keppel als "Verrückten", doch Wischnewski unterbricht ihn: "Von einem Verrückten wollen wir hier nicht reden, verrückt ist er nicht." Die Boulevardpresse indes hat ihr Urteil schon gefällt. "Irrer ganz in Schwarz entführt Lufthansa-Jet", titelt ein Blatt. Richter stufen Keppel 1980 als vermindert schuldfähig ein und verurteilen ihn zu dreieinhalb Jahren Gefängnis, gut zwei davon sitzt er ab. Der Verlag Droemer und Knaur will sein Manifest drucken, entscheidet sich aber dagegen. Veröffentlicht wird es schließlich vom Volksverlag aus Linden.

Kurz nach der Flugzeugentführung gründet sich in Hessen der Landesverband einer Partei, die Keppel in vielem ähnelt. Ihre Mitglieder engagieren sich für die Umwelt, lehnen Autoritäten ab und greifen zu radikalen Mitteln wie Protestcamps im Wald gegen den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen: die Grünen.

"Keppel ist bei einem Treffen von uns aufgetaucht, hat seinen Fall vorgestellt und viel Beifall bekommen", erinnert sich Jan Kuhnert, damals eine der zentralen Figuren im Landesverband. "In seinem Manifest standen viele sinnvolle Sachen - nur das Instrument war ein bisschen schief."

Die Grünen nominieren Keppel als Landtagskandidaten, auch als Protest gegen seine Verurteilung. "Wegen einer Wasserpistole ins Gefängnis zu kommen, ist ja eine völlig unangemessene Proportion", sagt Kuhnert. Der hessische Landeswahlleiter streicht jedoch Keppel von der Liste, weil er für fünf Jahre sein passives Wahlrecht verloren hat.

Nach der Wahl 1982 nehmen die Grünen Keppel in ihre Landtagsgruppe auf. Sie besteht aus den neun Abgeordneten, neun Nachrückern und ihm. Alle zusammen entscheiden gleichberechtigt, wie sich die Fraktion verhält. Einer der Abgeordneten bespritzt wenig später einen US-General mit selbstgezapftem Blut.

Keppel tourt jetzt als Experte für Strafvollzug durch die hessischen Haftanstalten und trifft die englische Rocksängerin Geraldine Blecker, von Polizisten mit Kokain erwischt. Die beiden nehmen eine Platte mit den Titeln "Helmut" und "Oh Cherie" auf, die allerdings floppt. Das, sagt Keppel, sei erst der Anfang. Manche Grüne spotten über ihn.

Der Entführer wird entführt - angeblich

Mit einem "Manifest der Fundamentalisten" schreiben Keppel und Kuhnert 1985 gegen eine Koalition mit der Hessen-SPD an, die grüne Realpolitiker um Joschka Fischer damals anstreben. Doch sie unterliegen im Machtkampf: Keppel tritt aus der Landesgruppe aus, die Partei in die Landesregierung unter Holger Börner ein. Der SPD-Ministerpräsident hatte noch 1982 über militante Startbahn-Demonstranten gesagt: "Ich bedauere, dass es mir mein hohes Staatsamt verbietet, den Kerlen selbst eins auf die Fresse zu hauen. Früher auf dem Bau hat man solche Dinge mit der Dachlatte erledigt."

Anfang 1986 droht Keppel, brisante Informationen über die Realos zu veröffentlichen. Der SPIEGEL sieht die Papiere ein und stößt nur auf kleines Karo: wie einzelne Politiker über Aufwandsentschädigungen streiten und ins Fernsehen kommen wollen.

Kurz darauf verschwindet Keppel. Aus Paraguay schreibt er einen Brief an Kuhnert, rechtsradikale Geheimdienstler hätten ihn entführt. Sein Weggefährte geht dem Verdacht zunächst nach, doch die angeblichen Beweise fallen in sich zusammen. Nach dieser Aktion sei der Kontakt zwischen ihnen abgebrochen, sagt Kuhnert.

Danach verlieren sich die Spuren allmählich. 1989 wandert Keppel mit seinen beiden Söhnen in den südpazifischen Inselstaat Fidschi aus und sitzt neun Jahre später vorübergehend in Haft, weil er seine Vorstrafe aus Deutschland verschwiegen hat. Er verfasst Bücher über die ersten Jahre der Fußball-Oberliga oder die Karrieren der Weltmeister von 1954, 1974, 1990. Wie die Website des Deutschen Sportclubs für Fußballstatistiken und die "Fiji Times" vermelden, stirbt der ehemalige Luftpirat und Grünenpolitiker Raphael Keppel im November 2010 in der fidschianischen Stadt Nasouri.



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M. Menschundrecht, 12.09.2019
1. Klarname Christian Klar
'Der Entführer reicht dem Piloten sein Manuskript und befielt ihm, die Seiten 83 bis 87 vorzulesen. Dort steht unter anderem, der Mutterschutz solle verlängert, die Wehrpflicht abgeschafft und das Schulfach "Umweltschutz" eingeführt werden ...' ... und die Schulpflicht soll vor Allem in Hinsicht auf den Grundschulbesuch gelten. 'Befiehlt' schreibt man mit 'h', verdammt nochmal. Das ist ein Befehl.
Ralf Reske, 12.09.2019
2. Köstlich
In den Anfängen der GRÜNEN, da waren schon einige besonders schräge Vögel im Umlauf. Macht immer wieder Vergnügen davon zu lesen.
Tobias Stolte, 12.09.2019
3. Immer wieder staune ich...
...was die Grünen für Leute in ihren Reihen hatten und haben. Terroristen, Pädophile, ehemalige SA-Männer, RAF-Sympatiesanten....Was sagt eigentlich der Verfassungsschutz dazu?
Thomas Jenny, 12.09.2019
4.
Warum sollte diese Karriere einmalig oder ungewöhnlich sein? Bei den Grünen hat ein rechtskräftig verurteilter RAF-Unterstützer jahrzehntelang die Bundespolitik beeinflusst und ein anderer ist Außenminister geworden.
Georg Milliband, 12.09.2019
5.
"Anfang 1986 droht Keppel, brisante Informationen über die Realos zu veröffentlichen. Der SPIEGEL sieht die Papiere ein und stößt nur auf kleines Karo: wie einzelne Politiker über Aufwandsentschädigungen streiten und ins Fernsehen kommen wollen." Hmm, das kommt mir irgendwie aus neuerer Zeit bekannt vor, siehe Habeck-Leaks. Beruhigend, dass sich durch die Jahre bei den Grünen nichts geändert zu haben scheint.
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