Rassenunruhen von 1964 Harlem in Flammen

Es war der Sommer der Gewalt in New York. Im Juli 1964 lieferten sich Tausende Schwarze tagelang Straßenschlachten mit der Polizei. Auslöser war der Tode des Teenagers James Powell.

AP

Von , New York


Wie so viele New Yorker Jungen verbrachte James Powell den Sommer auf der Straße. Gerade diesen Rekordsommer von 1964, so heiß, dass der Asphalt schmolz. An diesem Morgen, einem Donnerstag, saß der 15-jährige Schwarze mit zwei Freunden vor einem Haus auf der Upper East Side, unweit seiner Schule. Sie wohnten in der Bronx, gingen aber in die neunte Klasse einer Highschool in Manhattan. Trotz Sommerferien mussten sie zum Unterricht: Nachhilfe, Lesen.

Auf der anderen Straßenseite goss der Hausmeister Patrick Lynch gerade Blumen. Der Weiße war auf die Schüler nicht gut zu sprechen. Er hielt den Schlauch direkt auf sie: "Dreckige Nigger, ich wasch euch sauber!"

Schließlich sprang Powell auf und jagte Lynch in einen Hauseingang, folgte ihm aber nicht weiter. Als er kehrtmachte, stand ihm plötzlich Thomas Gilligan im Weg, ein Polizist in Zivil und einen Kopf größer als Powell.

Alles ging sehr schnell. Schüsse fielen. Zwei, erinnerten sich Augenzeugen, drei zählte der Gerichtsmediziner. Powell sank auf die Knie, auf die Hände, zu Boden. Blut quoll ihm aus dem Mund. Dann, vor seinen entsetzten Freunden, starb er.

Aufstand der Entrechteten

Der gewaltsame Tod des Teenagers James Powell am 16. Juli 1964 löste die schwersten Rassenunruhen aus, die New York City seit Kriegsende erlebt hatte. Sechs Tage und sechs Nächte lang lieferten sich Abertausend aufgebrachte Schwarze Straßenschlachten mit der Polizei.

Begleitet von Vandalismus und Plünderungen pflanzten sich die Auseinandersetzungen schnell fort. Von der afroamerikanischen Enklave Harlem, wo sie anfingen, bis nach Bedford-Stuyvesant in Brooklyn, dem zweiten schwarzen Ghetto. Am Ende gab es einen Toten, fast 500 Verletzte und 465 Festnahmen.

Es war ein Aufstand der Entrechteten. Jahrzehntelange Frustration entzündete sich in New York - und bald erschütterte eine nationale Protestbewegung das ganze Land. Im selben Sommer folgten Philadelphia, Chicago, Jersey City. 1965 eskalierte die Gewalt im Armenviertel Watts in Los Angeles, 34 Menschen kamen um.

Dabei war der Sommer 1964 eigentlich der "Freedom Summer". Märsche, Demos, dann der größte Erfolg der Bürgerrechtsbewegung: Am 2. Juli 1964, nicht mal ein Jahr nach Martin Luther Kings "Marsch auf Washington", unterzeichnete US-Präsident Lyndon Johnson den Civil Rights Act, der Diskriminierung verbot.

Doch in Wahrheit lebte der blutige Rassismus natürlich fort. Schwarze und die, die sich für sie einsetzten, wurden weiterhin verprügelt, ermordet und gelyncht, während ihre Wohnviertel immer tiefer in Armut versanken.

Heiße Temperaturen, heiße Gemüter

So auch in Harlem. Das "schwarze Mekka", wo sich Geschichte, Intellekt und Elend der Afroamerikaner ballten, hatte bessere Tage gesehen. Die Jazz-Ära war längst vorbei, die andauernde Segregation offenbarte sich in Armut, Angst und Kriminalität. Radikale Stimmen wie der kontroverse Militantenführer Malcolm X fanden dabei zusehends Zuspruch.

"Unmögliche gesellschaftliche Zustände", sagte der sozialistische Publizist Michael Harrington der "Village Voice" damals, "verleiten die Menschen zu Verzweiflungstaten."

Der genaue Hergang der Konfrontation zwischen Gilligan - ein Veteran des New York Police Department - und Powell ist bis heute unklar. Hatte Powell den Cop, wie dieser behauptete, mit einem Messer bedroht? Oder hatte Gilligan ihn kaltblütig exekutiert?

Für die aufgebrachte Menge spielte es keine Rolle. Als Powell am Samstag beerdigt wurde, stiegen die Temperaturen in New York auf über 33 Grad. Abends geriet in Harlem ein Protestmarsch außer Kontrolle. Demonstranten verschanzten sich auf den Dächern, bewarfen die Polizisten mit Flaschen, Ziegeln, Steinen. "Geht nach Hause!", riefen die Cops. "Wir sind zu Hause!", schallte es zurück.

Molotowcocktails flogen, Scheiben barsten, Feuer brachen aus. Die ersten Schüsse hallten durch die schwüle Nacht.

Harlem brannte.

Am Dienstag griffen die Ausschreitungen auf Brooklyn über. Erst in der Nacht zum Donnerstag, nach einem letzten Aufbäumen der Massen, kühlte sich die Lage ab. Schätzungsweise 8000 New Yorker hatten sich an dem Volksaufruhr beteiligt.

Nicht mal zwei Wochen später sprach ein Geschworenengericht Gilligan von jeder Schuld am Tod Powells frei. Um erneuten Unruhen vorzubeugen, beschloss die US-Regierung für 1965 ein umfangreiches Beschäftigungs- und Sozialprogramm für junge Schwarze in Harlem.

Wegen miserabler Planung währte es nur den einen Sommer.



insgesamt 10 Beiträge
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Christian Seybt, 17.07.2014
1. nicht viel geändert
auch heute noch werden die Mörder von schwarzen Jugendlichen regelmäßig in Amerika freigesprochen. Selbst wenn Amerika einen schwarzen Präsidenten hat.
Hans Schiessl, 17.07.2014
2. 1964 Rasse Unruhen
Diese Darstellung stimmt nicht!!!!! Ich habe damals in Manhattan nur einen Block von der Schule gearbeitet und kannte einen Mann der eine kleine Reparatur Werkstaette direkt gegenueber der Schule betrieb. Er sagte dass der Hausmeister den Beton Spielplatz wie immer mit Wasser abspritzte. Powell hat ihn dabei immer wieder den Schlauch abgeknickt, darauf hin richtete der Hausmeister den Schlauch auf Powell. Powell zog ein Messer und bedrohte den Hausmeister. Der Block Polizist war zufaellig in der Naehe und als er Powell konfrontierte bedrohte er auch ihn mit dem Messer. Der Rest ist History. Am Tag darauf Mussten wir zusehen wie unser Truck in Harlem abgefackelt wurde als wir dort von einem Eisengeschaeft Material abholen wollten. A little more Objectivity would help. Thank You
Makhilou Mendy, 17.07.2014
3. das ist ein witz oder?
wobei soll mehr Objektivität helfen?? Diskriminierung, Unterdrückung, versklavung hinnehmen? selbst wenn er den dann schießenden polizisten mit einem messer bedroht hat hätte er sicher nicht bei einem weissen jungendlichen angedrückt.. das aufbäumen der schwarzen Gesellschaft war längst überfällig
Holter di Polter, 17.07.2014
4. Same shit, different century
Bezeichnend, dass auch heute noch von _Rassen_unruhen geredet wird. Spätestens Journalist_innen sollten doch (spätestens) nach den Debatten der letzten Jahre in der Lage sein, Begrifflichkeiten zu reflektieren und der Gegenwart anzupassen.
peter karssten, 17.07.2014
5.
Mr. Schiessl, let me guess...u are white?
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