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Jetzt bloß nicht ausrasten!

Foto:

Eve Arnold/ Magnum Photos/ Agentur Focus

Rassismus in den USA Die Wutprobe

Schwarze werden in den USA schikaniert und beleidigt - von Weißen. Fotos von Eve Arnold zeigen Demütigungen von Schwarzen durch Schwarze. Oder doch nicht? Eine Bilderserie von 1960 und ihre Geschichte.

Die Bilder sind verstörend. Eine junge Frau sitzt vor einem Buch, ein Kerl drängt sich zwischen sie und den jungen Mann an ihrer Seite. Er pustet ihr den Rauch seiner Zigarette direkt ins Gesicht. Die Frau dahinter zerrt ihr an den Haaren. In einer weiteren Szene ascht sie ihr mit der Zigarette auf die Schulter. Schließlich hält der Kerl seine glimmende Zigarette so nah an ihre Wange, als wollte er sie ihr ins Gesicht brennen. Das Mädchen und der junge Mann schauen stur nach unten; beide sitzen wie versteinert da.

Bild für Bild entfaltet die Fotoserie eine schockierende Wirkung, Bild für Bild Schikane und Quälerei. Warum gehen die Menschen so miteinander um?

Die Fotografin Eve Arnold (1912-2012) schrieb einmal, es gebe Motive, die seien wie gemacht für Dokumentaristen - harte Nachrichtenfotos von Krieg, Armut, Katastrophen und Rassismus. Aber als Fotograf müsse man sich viel mehr anstrengen, um über das Offensichtliche hinauszugehen.

Das Offensichtliche führt den Betrachter in diesem Fall in die Irre. Erniedrigungen unter Schwarzen sind hier nicht das Thema. Arnold machte keine Nachrichtenfotos, ihre Bilder aus den USA im Jahr 1960 kommen daher nicht ohne Erklärung aus.

Eve Arnold recherchierte hinter den Kulissen der Bürgerrechtsbewegung.

Vom Sit-in bis zum Piss-in

Über viele Jahrzehnte stritten Schwarze in den USA für ihre Gleichberechtigung und gegen Alltagsrassismus, sie tun es bis heute. Bis weit in die Fünfziger- und Sechzigerjahre prägte die Rassentrennung in den Südstaaten ihr Leben. Als Rosa Parks sich 1955 weigerte, ihren Platz im Bus für einen Weißen zu räumen, wurde sie zu einer der Mütter einer starken Bürgerrechtsbewegung.

Mit Parks an seiner Seite organisierte Martin Luther King Busboykotte in Alabama. Friedliche Proteste und passiver Widerstand nach dem Vorbild Mahatma Gandhis folgten; einige Jahre später formierten sich aber auch die Black Panthers, militante Aktivisten etwa um Malcolm X bis hin zur ″Nation of Islam″ und ihrem Ruf nach "Separation or Death".

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Eve Arnold/ Magnum Photos/ Agentur Focus

Ende der Fünfzigerjahre wurden vor allem Schulen zum Schauplatz des Kampfes gegen Diskriminierung. Der Job führte Eve Arnold, Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum, 1960 nach Virginia, wo sich die Situation gerade zuspitzte. Sechs Jahre waren vergangen, seit der Oberste Gerichtshof in einer wegweisenden Entscheidung die Rassentrennung an öffentlichen Schulen für verfassungswidrig erklärt hatte. Drei Jahre war es her, dass in Little Rock in Arkansas die Armee anrücken musste, nachdem sich schwarze Teenager an einer nur von Weißen besuchten Schule angemeldet hatten.

Es war die Zeit der Sit-ins. Besonders populär, seit im Februar 1960 vier schwarze Studenten in das Woolworth-Kaufhaus von Greensboro (North Carolina) marschiert waren und sich an die Mittagstheke setzten, um Kaffee zu bestellen - da sie nicht bedient wurden, blieben sie bis in die Nacht sitzen. Die Aktion fand viele Nachahmer.

Bald gab es sogenannte Pray-ins und Kneel-ins in Kirchen, Read-ins in Bibliotheken und Walk-ins in Theatern und Vergnügungsparks. Sogar von einem Piss-in hatte Eve Arnold gehört: Einem Paar, den einzigen schwarzen Mietern eines ansonsten von Weißen bewohnten Hauses, hatte der Vermieter Strom und Wasser abgestellt. Sie behalfen sich mit Kerzen und Eimern.

Etappenziel: Demütigungen stoisch aushalten

Wer an solchen Aktionen teilnahm, musste mit verbalen und körperlichen Angriffen rechnen. Der Kongress für Rassengleichheit (CORE) richtete daher Schulungszentren ein, um Widerstandstechniken zu lehren. Eve Arnold war beauftragt, eine Trainingsgruppe in Petersburg (Virginia) zu begleiten.

So lernte sie Priscilla Washington kennen. Die 20-Jährige studierte Biologie am Virginia State College und wirkt auf den Fotos jünger. Das Training in einer Kirche sollte ihr vermitteln, wie man an einer Mittagstheke sitzt, an der bislang nur Weiße aßen.

In der Theorie bekam Priscilla unter anderem erklärt: "Versichern Sie sich, dass Ihre Haare richtig gekämmt und Ihre Schnürsenkel gebunden sind. Denn wenn Sie dort stehen und eine Hand heben, um Ihr Haar glattzustreichen oder sich bücken, um die Schuhe zu binden, und stoßen dabei versehentlich einen Weißen an, kommt die Polizei."

Durch praktische Übungen sollte die Studentin erfahren, was ihr passieren könnte, wenn sie an der Theke saß. Dazu übernahmen andere Kursteilnehmer die Rolle von Weißen. Sie beschimpften Priscilla als "Biggity Nigger" ("dreiste, hochnäsige Negerin") und "Black Bastard", rissen an ihren Haaren, bliesen ihr Rauch ins Gesicht. Zwei Stunden lang hielt sie stoisch aus und versuchte, sich auf die Bibel vor ihr zu konzentrieren.

Am nächsten Tag musste Priscilla eine Mutprobe bestehen: Mit einem Schild "Kauft nicht bei Woolworth" sollte sie vor den Augen der Polizei die Straße auf- und abgehen. Sie bestand den Test. Der Fotografin verriet sie später, wie sie ihre Angst überwand - indem sie Gedichte und chemische Formeln aufsagte.

"Von Geburt an indoktriniert"

Die Protestaktionen waren erfolgreich. Im Juli 1960 hob die Warenhauskette die Rassentrennung auf, andere Geschäfte und Restaurants folgten. "Die Bilder von gewaltfreien Demonstranten beeinflussten die öffentliche Meinung zugunsten der Bewegung", urteilte die Historikerin Sascha Cohen 2015 im "Time"-Magazin. Diese Strategien hätten den Weg geebnet für den Civil Rights Act von 1964, der unter Präsident Lyndon B. Johnson Diskriminierung verbot; ein Meilenstein für die rechtliche Gleichstellung Schwarzer. Und sie seien auch Vorläufer der "Black Lives Matter"-Bewegung gegen Polizeigewalt, so Cohen.

60 Jahre nach Eve Arnolds Aufnahmen postete ihr Enkel Michael Arnold eines der Bilder auf Facebook , versehen mit dem Hashtag "George Floyd". Dazu erklärte er, er habe in letzter Zeit viel über seine Großmutter nachgedacht. Er sei tief beeindruckt von ihrer Arbeit über die Bürgerrechtsbewegung und die Ungerechtigkeiten, mit denen sie ihn in seiner Jugend vertraut gemacht habe.

In den Tagen nach Floyds Tod habe er viel Selbstbeobachtung betrieben, erzählt Arnold. "Früher habe ich bei 'weißer Herrschaft' immer an den KKK oder weiße Rassisten gedacht. Jetzt erkenne ich zum ersten Mal, dass es das System ist, das uns von Geburt an indoktriniert wurde." Damals wie heute hätten die Proteste das Thema des institutionalisierten Rassismus in die Haushalte von Millionen von Menschen in den USA gebracht.

Damals wie heute ging es um mehr als nur das Offensichtliche.

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