Rassismus, Kolonialismus, Diskriminierung Was wir aus einer Geschichte der Hautfarbe lernen können

Vor Jahrhunderten waren Hautfarben unwichtig und die Zuschreibungen verwirrend: Es gab »rote« Franzosen und »schwarze« Deutsche, »Weiße« galten als unmännlich. Hilft eine Geschichte der Hautfarbe, Stereotype zu brechen?
Allegorie auf die Entdeckung Amerikas, Gemälde von etwa 1585

Allegorie auf die Entdeckung Amerikas, Gemälde von etwa 1585

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Heritage Images / Getty Images

Wenn es nur so einfach wäre wie in dieser berühmten Liedzeile, 30 Jahre ist sie nun alt: »It don't matter if you're black or white« – es kommt nicht darauf an, ob du schwarz oder weiß bist.

Das sang Michael Jackson, der sich zahlreichen kosmetischen Eingriffen unterzogen hatte, unter anderem zur Verschlankung seiner Nase. Als Kind war er wegen seiner Hautfarbe diskriminiert worden, als Popstar wurde er immer weißer. Jackson selbst führte seine auffällige Aufhellung auf die Weißfleckenkrankheit Vitiligo zurück, was der Autopsiebericht später bestätigen sollte. Dennoch blieben Zweifel, ob er sich die Haut nicht auch bleichen ließ, damit sie nicht fleckig, sondern einheitlich hell wirkte. Am Ende war Jacksons Haut fast pigmentfrei – und so lichtempfindlich, dass er sie verhüllen musste.

»Michael Jackson besang eine Utopie«, sagt Gesine Krüger, Historikerin an der Universität Zürich, dem SPIEGEL. »Eine Welt, in der die Hautfarbe nichts über gesellschaftliche Hierarchien aussagt.«

Davon sind wir 30 Jahre später weit entfernt. Obwohl es keine »schwarze« oder »weiße« Haut gibt, sondern nur individuell pigmentierte, wechselnd gebräunte Haut, bestimmt der Schwarz-Weiß-Gegensatz bis heute unser Denken. Und obwohl Aktivisten unermüdlich betonen, das Wort »schwarz« verweise nur auf historisch verwurzelte, kollektive Erfahrungen von Diskriminierung, denken viele Menschen stets zuerst an die Hautfarbe.

Wir sind trainiert, in Hautfarben zu denken, so unsinnig das ist: Ein hellhäutiger Afrikaner bleibt ein Schwarzer, ein dunkelhäutiger Europäer ein Weißer. Und das auch, weil »wir eben immer mehr als die Hautfarbe sehen«, sagt Krüger. »Es hängt von Kleidung, Gestik und dem Kontext einer Begegnung ab, welche Zuordnungen wir treffen.« Gibt es daraus kein Entkommen?

Irritieren oder die Hautfarbe ignorieren?

»Da wir lernen, was die Hautfarbe bedeutet, können wir das auch wieder verlernen«, sagt Krüger. Irritation könnte dabei helfen. Wenn einst klassisch »weiße« Filmrollen von schwarzen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt werden. »Warum nicht drei Jahre lang alle wichtigen Hauptrollen in Hollywoodproduktionen konsequent an Schwarze vergeben?« Ein anderer Ansatz übergeht die Hautfarbe nonchalant und will durch »Farbenblindheit« Normalität herstellen.

Die Netflix-Serie »Bridgerton« etwa spielt in der Welt des britischen Adels im frühen 19. Jahrhundert. Ohne dass die Hautfarbe ein Thema wäre, sind zahlreiche Rollen mit schwarzen Schauspielern besetzt, etwa die eines heiß umworbenen britischen Herzogs. Doch wäre »Bridgerton« auch ohne diesen Bruch mit den Erwartungen der Zuschauer – nämlich dass ein britischer Hochadeliger um 1820 eben weiß ist – so erfolgreich? Und wer weiß schon, dass in London damals tatsächlich etwa 20.000 Schwarze lebten?

Manche empfinden die »Farbenblindheit« daher als Selbsttäuschung und möchten das Spiel lieber umdrehen: Wenn Menschen jahrhundertelang als »schwarz« markiert wurden – warum nicht ebenso die Nachfahren der einstigen Kolonialherren und Sklavenbesitzer kollektiv als »weiß« markieren? »Critical Whiteness«  heißt in der Forschung der noch junge Ansatz, gesellschaftliche Privilegien und Machtstrukturen offenzulegen und zu verändern.

Als die Hautfarbe verwirrend anders war

So tobt ein Kampf um Definitionsmacht. »Die Stimmung ist zunehmend aufgeladen«, sagt Krüger. »Weiße fühlen sich gekränkt, weil sie sich selbst nicht als ›Weiße‹ definieren würden.« Krüger hofft, dass man in diesem Streit lerne, »nichts für selbstverständlich« zu nehmen, denn die Wahrnehmung der Hautfarbe sei stets »sehr fluide« gewesen: »Hautfarbe hat eine Geschichte. Und sie ist eine Konstruktion.«

Diese Konstruktion bricht man am besten mit Zeitreisen, die unsere Denkmuster auf den Kopf stellen. Die Welt des 13., 14. und 15. Jahrhunderts ist aus heutiger Sicht sehr verwirrend: Da findet sich in den Quellen ein österreichischer Herzog Albrecht, dessen Gesicht als »schwarz« und »furchteinflößend« beschrieben wird. Frankreichs König Ludwig XI. war nach einem Reisebericht von 1466 ein Mann »von brauner Gestalt«. Asiaten wurden als »Weiße« wahrgenommen.

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2021

Der deutsche Kolonialismus: Die verdrängten Verbrechen in Afrika, China und im Pazifik

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Auch die Engelsburg in Rom, Festung der Päpste, schien zeitweise von einer multiethnischen Söldnertruppe bewacht zu sein. Eine Liste mit Personenbeschreibungen von 1464 erwähnt einen »roten« Franzosen sowie Männer mit »schwarzem Gesicht«: Sie stammten nicht aus Afrika, sondern aus Salamanca, Trier, Mainz.

Der Grund für diese seltsam wirkenden Zuschreibungen war eine völlig unterschiedliche Denkweise, wie der Schweizer Kulturhistoriker Valentin Groebner schon 2003 in seinem Essay »Haben Hautfarben eine Geschichte?« zeigte. Diese Logik wurzelte in der Lehre von den vier Körpersäften. Sie geht auch auf den antiken Arzt Galenos von Pergamon zurück und prägte die europäische Medizin für Jahrhunderte.

Demnach entscheiden vier Flüssigkeiten über Gesundheit und Krankheit: Schleim, Blut, schwarze und gelbe Galle. Diese Leibessäfte konnten warme oder kalte, feuchte oder trockene Eigenschaften haben. Erst die ganz spezielle Mischung der Säfte, die »Komplexion«, bestimmt die Individualität eines Menschen. Die Hautfarbe spiegelte demnach nur den Effekt des Körpersäftemix wider, den die Ärzte verändern konnten.

Idealfarbe im Mittelalter: zwischen »weiß und schwärzlich«

Ein rotes Gesicht deutete in dieser Logik auf ein Übermaß an Blut und Wärme hin. Der französische König konnte als »dunkel« empfunden werden, weil er in Kriegslaune war. Als »weiß« beschriebene Menschen galten als unmännlich, träge oder barbarisch. Den idealen Hautton definierte der Gelehrte Francesco Petrarca  1374 zwischen »weiß und schwärzlich« – und verwies auf die Bewohner der Kanaren.

War diese Wahrnehmung nun diskriminierungsfreier? »Ich finde schon, weil es um Hautfarbe als ein individuelles Merkmal ging und nicht als Merkmal von Gruppen«, sagt Krüger. »Es ist ja nicht per se diskriminierend, wenn man jemand als heißblütig oder von kühlem Charakter beschreibt.«

Einen Schutz allerdings bot selbst die scheinbar ideale Hautfarbe nicht. Die Bewohner der Kanaren wurden bald versklavt. Und mit Kolonialismus und dem atlantischen Sklavenhandel begann die kollektive Zuordnung der Hautfarbe zu Völkern, Ländern und Kontinenten.

Wer friedfertig wirkte, wurde »hell« dargestellt

Dieser Wandel lässt sich an einer berühmten Beschreibung nachvollziehen, die später als Vorlage für Hollywoodfilme diente: Christoph Kolumbus trifft in der Neuen Welt auf die ersten Indigenen. Fasziniert »inspizierten« die dunkelhäutigen Fremden »sorgfältig die weiße Haut« der Christen und berührten deren Bärte. So beschrieb Bartolomé de las Casas den Erstkontakt der Kulturen.

Die Landung von Kolumbus wurde immer wieder neu interpretiert; hier ein Gemälde von Frederick Kemmelmeyer (um 1800)

Die Landung von Kolumbus wurde immer wieder neu interpretiert; hier ein Gemälde von Frederick Kemmelmeyer (um 1800)

Foto: Everett Collection / imago images

Allerdings war der Spanier kein Augenzeuge. Seine Beschreibung entstand Jahrzehnte nach der Ankunft in der Neuen Welt 1492. Kolumbus selbst erinnerte sich an dieselbe Begegnung etwas anders: Bei ihm waren die Einwohner der Insel San Salvador »schön anzusehen, mit wohl gestalteten Körpern und hübschen Gesichtern«. Ihre Hautfarbe bezeichnete er als »in der Mitte zwischen schwarz und weiß« – also dem Idealtypus entsprechend.

Die Hautfarbe sei bei de las Casas also »nachgedunkelt«, schreibt Historiker Groebner. Aus Fremden waren inzwischen rechtlose Sklaven geworden. Minderwertig, offenbar selbst in den Augen von de las Casas, der sich als Geistlicher vehement für die Rechte der Indios einsetzte.

Damit setzte sich ein langlebiges Denkmuster durch: Je nach sozialem Ansehen »dunkelte« die Haut in der Wahrnehmung nach. Das traf auch auf die Bewohner der Kanaren zu. Als Sklaven in Valencia wirkten sie auf einen Reisenden 1495 als »bestialisch« in ihren Sitten und von »brauner« Haut.

»Das Interessante an solchen Beschreibungen aus der Kolonialzeit ist, dass die Helligkeit oder Dunkelheit der Hautfarbe oft damit einherging, für wie friedfertig die Europäer die Fremden hielten«, sagt Gesine Krüger. Wer ein friedliches Verhältnis zu den Kolonialherren pflegte, wie etwa die Xhosa in Südafrika für längere Zeit, wurde als sehr hellhäutig dargestellt. Das galt auch für die Wahrnehmung von Schönheit. »Waren die Nasen schmaler, die Augen mandelförmig, dann tendierten die Beschreibungen dazu, auch die Haut als heller zu bezeichnen.«

Als die Iren als Schwarze galten

Noch im 19. Jahrhundert galten irische Einwanderer in den USA daher zunächst als Schwarze. Als Einwanderer fing man eben in der sozialen Hierarchie ganz unten an und wurde erst langsam »weiß«. Das entsprang einem Grundbedürfnis nach Identität und Abgrenzung: »Wer sind wir? Wer sind die anderen? Wie lässt sich die Menschheit einteilen? Das waren Fragen, die in der gesamten Epoche der europäischen Expansion bis heute immer wieder neu verhandelt wurden«, so Krüger.

Eine neue Komponente verfestigte ab dem 16. Jahrhundert die Wahrnehmung der Hautfarbe: Als wäre es Pferdezucht, wurden Menschen fortan biologisch in Rassen eingeteilt. Eine verheerende Nichtlogik, die in letzter Konsequenz in Apartheid, Völkermord und Holocaust mündete. Und obwohl »Rasse« längst als soziales Konstrukt enttarnt ist, lebt sie als Kategorie bei jeder statistischen Erhebung in den USA und anderswo fort – und somit die Hautfarbe.

Wie abwegig ein solches Denken eigentlich ist, zeigt sich an der oft hitzig diskutierten Frage, ob Kleopatra  weiß oder schwarz war. Ein rein kulturgeschichtlicher Streit, denn für Zeitgenossen spielte die Hautfarbe damals keine Rolle, und die Quellen verraten nichts darüber. Schwarze Intellektuelle warfen die Frage vor einem Jahrhundert auf. So sollte das oft marginalisierte Afrika in die Weltgeschichte eingehen.

Streit über die schwarze oder weiße Kleopatra

Eine neue Kleopatra-Verfilmung mit der israelischen Schauspielerin Gal Gadot in der Hauptrolle sorgt derzeit für eine Renaissance der Debatte. Bisher gab es nur eine schwarze Film-Kleopatra – 1970 in einem Sexstreifen. Wäre die Zeit also nicht längst reif gewesen?

Gesine Krüger hat in einem Essay ausgearbeitet , wie gegensätzlich die Argumente auf beiden Seiten sind. Wer Kleopatra als »schwarz« betrachtet, sieht sie als Vertreterin einer afrikanischen Hochkultur, die von Ägypten aus die westliche Zivilisation beeinflusste; zudem war ihre Mutter vermutlich Ägypterin. Wer Kleopatra für »weiß« hält, zieht ihren Vater heran, der aus dem makedonischen Adel stammte. Ägypten gilt in dieser Lesart als kultureller Außenposten Europas, auch 300 Jahre nach der Eroberung durch Alexander den Großen.

Wie untrennbar Identität und Hautfarbe bis heute verwoben sind, zeigt derzeit auch der Erstlingsroman »Identitti« der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal. Darin fliegt eine antirassistische Starprofessorin von vermeintlich indischer Herkunft als Schwindlerin auf – denn in Wahrheit hat sie deutsche Vorfahren.

»Transracial« und die »gefühlte« Hautfarbe

Die Frau mit der falschen Hautfarbe hat ein reales Vorbild: Rachel Dolezal, vermeintlich schwarze Präsidentin einer Ortsgruppe der US-Bürgerrechtsbewegung NAACP und Dozentin an der Universität Washington. Ihre Eltern, die lange in Südafrika lebten, ließen das Lügengebäude 2015 einstürzen. Dolezals vermeintlich schwarzer Sohn entpuppte sich als ihr Adoptivbruder. Der Rest war Schminke und Haarfarbe.

Der Skandal befeuerte eine Debatte über einen neuen Begriff: »transracial«, eine Analogie zu Transgender. Denn Dolezal behauptete fortan, sie habe sich schon als Kind als Schwarze »gefühlt«. Manche feierten sie dafür.

»Dolezal zementierte eher rassische Kategorien, als sie aufzuheben«, widerspricht Krüger. Denn Dolezal habe in ihrer frei erfundenen Autobiografie mit Stereotypen gespielt: Gewalt in der Familie, Missbrauch durch den Stiefvater, Schläge vom Mann. Als Vorbild für kreativen Antirassismus tauge sie daher nicht.