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Stolze "Confederados" in Brasilien

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Ausgewanderte US-Südstaatler in Brasilien "Ich bin ein Monarch auf meiner Insel"

Nach dem Ende der Sklaverei in den USA wanderten Tausende Südstaatler nach Brasilien aus, um den Traum vom reichen Plantagenbesitzer weiterzuleben - doch sie verzweifelten am Klima und dem Mangel an Dienern.

Müde schrieb Julia Keyes im Oktober 1866 in ihr Tagebuch: "Heute hatten wir einen sehr unangenehmen Tag, in unserer Küche. Die Schindeln auf unserem Dach sind nicht wasserdicht. Der Regen schüttete auf das Tablett, auf dem Mutter gerade Brot machte. Sie musste vom Tisch zum Fenster wechseln. Da schüttete es noch schlimmer hinein. Es hört einfach nicht auf zu regnen. Gestern Abend floss das Wasser in unser Mehlfass im Vorratsraum."

Der Vorratsraum war ein Zelt, mit dem die Familie haltbare Lebensmittel gegen das Wetter schützte. Doch die Zeltplanen hielten die Wassermassen in der brasilianischen Regenzeit nicht auf. Daher hatte die Familie ihre Vorräte in die Hütte gebracht und unters Dach gehängt. "Wegen der Luftfeuchtigkeit tropft Salzwasser vom getrockneten Rind mitten auf den Fußboden - man kann sich vorstellen, wie reizend das in einem Schlafzimmer ist!"

Die 14-jährige Keyes war mit ihren Eltern und Geschwistern nach Brasilien ausgewandert. Ihre Familie zählte zu einer Gruppe amerikanischer Siedler, die sich nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs ab 1865 in Brasilien ein neues Leben aufbauen wollten. Eines nach Südstaatenvorbild: mit wohlhabenden weißen Familien auf weitläufigen Plantagen, mit schwarzen Sklaven als Farmarbeiter und Dienstpersonal. Zwischen 10.000 und 20.000 Amerikaner suchten Schätzungen zufolge ihr Glück in Brasilien.

Auf nach Brasilien!

"Du und Troy, ihr habt Hoffnung für unser Land. Ich habe sie nicht", schrieb Julias Vater 1868 aus dem Exil an seinen Bruder in Amerika. Er war mit diesem Gefühl nicht allein. Die Niederlage im Bürgerkrieg hatte 1865 zum Ende der Sklaverei geführt. Der Krieg kostete viele Südstaatler ihr Vermögen und hatte ihre Heimat wirtschaftlich schwer mitgenommen. Den befreiten Sklaven wurden neue Rechte zugestanden, sie durften wählen und öffentliche Ämter bekleiden - für viele einstige Sklavenhalter ein Graus.

Also auf nach Brasilien: "Rassismus im Gewand des Widerstands gegen die Gleichberechtigung der Schwarzen war der entscheidende Faktor. Die Co-Existenz mit einer freien und wahlberechtigten Bevölkerung früherer Sklaven schien ihnen verwerflich", schreibt Historiker Charles Willis Simmons über die Motive der Auswanderer aus den Südstaaten.

Die Suche nach einer neuen Heimat dauerte nicht lange. Politiker und Geschäftsleute in den Südstaaten schielten bereits zu Hochzeiten des Baumwollhandels auf Lateinamerika und die Karibik. Sie hofften, den lukrativen Anbau dorthin erweitern und teilweise auslagern zu können. Der Marineoffizier und Hydrograf Matthew Fontaine Maury vertrat die Ansicht, man solle Sklaven aus den USA in die Amazonas-Region deportieren und auf den dort zu errichtenden amerikanischen Plantagen arbeiten lassen.

Der Traum von Gold und fruchtbaren Böden

Brasilien hatte zwar Mitte der 1850er-Jahre den Import neuer Sklaven verboten, doch die Sklavenhaltung war noch immer erlaubt. Nachdem das Land 1822 die Unabhängigkeit von Portugal errungen hatte, suchte Kaiser Dom Pedro II. nach Wegen, sein Land zu modernisieren und den Baumwoll- und Zuckerhandel zu stärken. Deshalb hieß er Siedler aus den Südstaaten ausdrücklich willkommen.

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Forschungsreisende hatten die Amazonasregion als Gegend beschrieben, die reich an Gold und Diamanten sei und dessen fruchtbare Böden sich besonders für die Landwirtschaft eigneten. Dort könne man Baumwolle, Kaffee, Zucker und Tabak - all jene Güter, die einen lukrativen Handel versprachen - problemlos anbauen.

Am 6. April 1867 verließ daher auch Familie Keyes ihre Heimat Montgomery im US-Bundesstaat Alabama. Nach kurzem Zwischenstopp in New Orleans ging sie an Bord des Dampfschiffes "Marmion", das Brasiliens Regierung für amerikanische Auswanderer gechartert hatte. Der Preis für die Überfahrt pro Siedler: 60 Dollar, zahlbar in Gold. Am 16. April stach die "Marmion" gen Brasilien in See. Vier Tage später waren die meisten Passagiere seekrank.

Mit Schaukelstuhl - im Kanu

Die Überfahrt dauerte einen Monat. Jeden Abend gab es Kartoffeln, Bohnensuppe und eingelegtes Rindfleisch, dazu Tee oder Getreidekaffee. Gegen Aufpreis schickte der Kapitän den Damen Delikatessen aus der Offiziersmesse.

In Brasilien rasteten die Siedler einige Tage im Haus eines ehemaligen Offiziers der Südstaatenarmee, bevor sie in Siedlungsgebiete weiterreisten. Manche Gruppen ließen sich bei São Paulo nieder. Familie Keyes und ihre Gruppe versuchten ihr Glück 700 Kilometer nordöstlich von Rio de Janeiro am Fluss Doce.

Per Dampfschiff ging es in die Kleinstadt Linhares, dann mit Kanus tiefer ins Landesinnere, so gut es ging im Südstaatenstil: "Man stelle sich eine Person in einem Schaukelstuhl vor - in einem Kanu - mit einem Baby in den Armen, einem Schirm in der Hand, die Füße eingezwängt in eine unbewegliche Position", notierte Julia Keyes.

In ihrer Kolonie hausten die Siedler in ärmlichen Hütten, gerade groß genug zum Schlafen. Der Boden war nichts weiter als festgestampfte Erde. Ein mit Palmblättern überdachter Bereich am Haus diente der Familie als Kochstelle.

Dürre, Regen, Fieber

Mit den brasilianischen Nachbarn verstanden sich die Neuankömmlinge gut, auch wenn sie ihre Sprache nicht sprachen. Die Brasilianer waren freundlich und neugierig. Nur: Diener zu finden, gestaltete sich ungemein kompliziert. "Es war einfach, uns unsere Wäsche machen zu lassen, denn es gab viele Wäscherinnen. Aber es war unmöglich, einen Diener für den Monat oder nur für einen Tag anzustellen", schrieb Julia Keyes im Tagebuch.

Und obwohl Sklaverei geduldet war, war die brasilianische Gesellschaft nicht so rassistisch gespalten wie die amerikanische. Entsetzt notierte Andrew McCollam, ein wohlhabender Zuckerfarmer aus Louisiana, auf einer Erkundungstour: "Zwei Drittel der Brasilianer setzen sich mit Negern - ob frei oder Sklaven - an den gleichen Tisch. Es gibt keine Unterscheidung zwischen Weißen, Negern und Indianern abgesehen von Reichtum. Wenn ein Neger reich ist, kann er sich an jedem öffentlichen Ort ans Kopfende des Tisches setzen." Enttäuscht verwarf er sein Vorhaben einer Plantage in Südamerika.

Für die Siedler am Doce-Fluss war das Leben schwer. Sie kämpften mit Ameisen in ihren Saatkörnern, wilde Tiere rissen nachts ihre Hühner. Eine Dürre zerstörte die erste Ernte. Der Hitze folgen Monate voller Regen, bald war beinah die gesamte Kolonie fieberkrank. Ausgelaugt gab die Gruppe ihre Siedlung nach kaum einem Jahr auf.

"Ein Land, nicht gut genug für einen Hund"

Julia Keyes' Familie zog in der Bucht von Rio de Janeiro in ein Haus auf einer kleinen Insel, die ihr Vater von einem amerikanischen General gepachtet hatte. Sie tauften ihr neues Heim "Dixie Island". Julias Vater plante den Aufbau einer Kaffeeplantage, eines Obstgartens und den Anbau von Zuckerrohr. "Wenn ich mit meinen Projekten erfolgreich bin, werde ich in weniger als einem Jahr eine Fazenda [Plantage] mit Negern und unzähligen Waren haben... Ich bin ein Monarch auf meiner Insel", schrieb er einem Freund in Amerika.

Doch auch dort wollte sich kein Erfolg einstellen. Nach einem weiteren Umzug kehrte Julias Familie 1870 in die USA zurück. Sie hatten es länger ausgehalten als die meisten anderen Siedler. Schon 1867 traf der Kapitän und Autor John Codman auf Reisen in Brasilien desillusionierte Exilanten, die nur noch nach Hause wollten. Brasilien sei "ein Land, nicht einmal gut genug für einen Hund", schimpften sie.

Einzig den Siedlern im Bundesstaat São Paulo war mehr Glück beschieden. Unter Leitung des früheren Senators von Alabama, William Hutchinson Norris, siedelten sich 1865 die ersten 30 Exilamerikaner nördlich der Stadt São Paulo an und begannen, Baumwolle anzubauen. Mit modernen Landwirtschaftsmethoden etablierten sie eine erfolgreiche Siedlung.

Ihr Traum einer Südstaaten-Idylle in Südamerika erfüllte sich dennoch nicht - Brasilien schaffte 1888 die Sklaverei ab. Nachkommen der Siedler leben jedoch bis heute in der Gemeinde. Ihr hochtrabender Name: Americana.

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