Raumfahrt Mit "Mir" ging's abwärts

Verbeulte Sonnensegel, defekter Hauptcomputer, verstopfte Toiletten: Nach 1600 Pannen sollte die abgehalfterte Raumstation "Mir" 2001 kontrolliert zur Erde stürzen. Russland-Nostalgiker weinten, Krisenstäbe tagten - der letzte Flug des Weltall-Oldtimers geriet zur Gefahr für die Menschheit.

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Am Ende schien es, als wehre sie sich mit allen Kräften gegen ihr drohendes Schicksal, den kalkulierten Absturz nach 15 treuen Dienstjahren. Selbst ihr Grab war ja schon gewählt: der Grund des Südpazifiks, irgendwo in dem Gebiet bei Tonga und den Fidschi-Inseln, 5000 Meter unter dem Meeresspiegel. Hier sollte sie ruhen, die russische Raumstation "Mir", der einstige Stolz der Sowjetunion, gleich neben anderen ausgedienten Weltraum-Wracks.

Doch jetzt, am 18. Januar 2001, zeigte sich die "Mir" noch mal von ihrer störrischsten Seite, die sie mindestens so berühmt gemacht hat wie all ihre Triumphe. Die Station reagierte nicht mehr auf Funksignale von der Erde. Daraufhin musste Russland den Start des unbemannten Raumtransporters "Progress M1-5" verschieben. Wer die "Mir" mochte, freute sich diebisch: Denn der Transporter sollte die Raumstation aus ihrer eigentlichen Umlaufbahn schleppen, um so ihren Absturz zur Erde vorzubereiten.

Und so fragten sich die Menschen vor zehn Jahren, wie viel Ärger die notorisch pannenanfällige "Mir" bei ihrer Verschrottung machen würde. Könnte der Sturzflug außer Kontrolle geraten? Regierungen rund um den Globus wurden nervös, in Deutschland wurde ein Krisenstab eingerichtet, Wissenschaftler debattierten über die Gefahren und Russland versicherte sich vorsorglich mit 200 Millionen Dollar gegen mögliche Schäden. Kurz vor ihrem Aus im März 2001 lieferte die "Mir" die bizarrsten Schlagzeilen ihrer 15-jährigen Geschichte.

"Schießt den Russenschrott vom Himmel"

"Die Raumstation "Mir" braucht eure Liebe", rief etwa Ralf Heckel in Diskotheken den verblüfften Jugendlichen auf speziellen "Kosmos-Partys" entgegen. Heckel hatte Ende 2000 den Verein "Helft 'Mir'" gegründet. Der Deutsche sammelte Geld, um den Absturz der "Santa Maria des Weltraums", wie er die Raumstation zärtlich nannte, noch aufzuhalten. Die "Mir", so meinte er, gehöre unter Denkmalschutz - und zwar im Orbit.

Die Boulevardzeitungen zeichneten hingegen ein ganz anderes Bild - und setzen auf den Faktor Angst. "Schießt den Russenschrott vom Himmel", forderte die "Bild" und spekulierte über gefährliche Viren aus den Versuchslaboren der Raumstation.

In den Medien entspann sich eine unterhaltsam hysterische Debatte. Sollte man die "Mir" nicht lieber auf die Sonne abstürzen lassen? Oder mit Raketen zerschießen? Jetzt wurden an spektakuläre Vorfälle aus der Vergangenheit erinnert: An einen großen Treibstofftank, der in Südafrika aus dem All auf die Erde schoss. An vierzehn Kilogramm schwere Titankugeln, vermutlich Relikte einer russischen Mission, die 1972 auf einer Farm in Neuseeland niedergingen. An einen ausgedienten Satelliten, der 1995 in Ghana für helle Aufregung sorgte.

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Absturz der "Mir": Der letzte Flug

Die Wahrscheinlichkeit, dass die "Mir" den Menschen wirklich auf den Kopf fallen würde, war hingegen verschwindend gering. Seit Beginn der Raumfahrt war noch nie ein Mensch von Weltraumschrott verletzt worden, trotz unzähliger Teile, die immer wieder aus dem All auf die Erde fielen. Angeblich soll bisher lediglich einmal eine Kuh tödlich vom Überrest einer Rakete getroffen worden sein.

Traurige Abschiedsparty

Dennoch: Nie zuvor war versucht worden, einen so gigantischen Weltraum-Koloss wie die "Mir" kontrolliert abstürzen zu lassen. Eine technische Herausforderung, schließlich flog die 137 Tonnen schwere Raumstation mit einer Geschwindigkeit von 28.800 Stundenkilometer um die Erde. Für eine sichere Landung im Meer musste sie aus ihrer alten Bahn bugsiert und auf dem Weg zur Erde mehrmals abgebremst werden.

Allein die Berechnungen des idealen Zeitpunkts für den Absturz gestalteten sich äußerst komplex: Der punktgenaue Eintritt in die Erdatmosphäre war entscheidend. Zudem waren die Flugeigenschaften der aus verschiedenen Modulen zusammengebauten Raumstation schwer kalkulierbar. Schließlich mussten zwei wichtige Bremsmanöver automatisch erfolgen, weil sich die "Mir" zeitweilig im Funkschatten der Erde befinden würde.

Mehrmals musste der Absturztermin verschoben werden, doch am 23. März 2001 war es soweit. Im russischen Flugleitzentrum Koroljow 30 Kilometer nördlich von Moskau stieg die Anspannung. Selten hatten sich so viele Menschen gleichzeitig für die "Mir" interessiert wie jetzt, kurz vor ihrem Ende. Rund 1000 Gäste aus 100 Ländern waren in die Zentrale gekommen - Diplomaten, Beamte, Kosmonauten, Journalisten. Und sie beobachten besonders Wladimir Solowjow, der 15 Jahre zuvor der erste Kommandant an Bord der "Mir" gewesen war. Jetzt leitete ausgerechnet er ihre Zerstörung ein.

Ende einer Weltraum-Großmacht

"Weinen", hatte Solowjow tapfer den Journalisten am Vortag gesagt, "können wir morgen." Jetzt gehe es um ein hochkomplexes Manöver. Und der letzte Flug der "Mir" gelang: Um 1 Uhr 32 mitteleuropäischer Zeit zündet sie planmäßig ihre Triebwerke, wurde mit dem ersten Bremsimpuls verlangsamt und verlor weiter an Höhe. Nach insgesamt 86.331 Erdumdrehungen flog sie noch einmal über ihre Heimat Russland und sendete letzte Bilder.

Als die Raumstation kurz nach dem letzten Bremsmanöver über der Sahara in die Erdatmosphäre eintrat, begann ihr schnelles Ende: Zuerst verglühten die Sonnensegel, dann zerbrach der Koloss in tausend Teile. Von den Fidschi-Inseln konnte der glühende Trümmerregen beobachtet werden; die "Mir" sah aus wie ein riesiger Verband von Sternschnuppen. Irgendwie war es bezeichnend, dass das Verglühen des einstigen kommunistischen Statussymbols mit kapitalistischen Methoden ausgenutzt wurde: Ein cleverer Abenteuer-Veranstalter aus den USA hatte betuchte "Mir"-Fans für 6500 Dollar pro Person in die Nähe des Absturzareals geflogen.

Während die Schaulustigen in den Himmel gafften, starrten die russischen Experten im Kontrollzentrum Koroljow auf einen blinkenden Punkt auf einer großen Weltkarte. Als er um 6 Uhr 57 Uhr erlosch, war die Mission erfolgreich beendet. Kein Applaus brandete auf - in dem Moment, in dem die "Mir" im Pazifik versank, lag bleierne Stille im Kontrollraum. Auf der Leinwand erschien eine nüchterne Mitteilung, die einige Mitarbeiter dennoch fast zu Tränen rührte: "Der 15-jährige Flug der 'Mir' ist beendet." Alle wussten: Mit dem leuchtenden Punkt verschwand gleichzeitig Russland von der Karte der Weltraum-Großmächte.

Vergessene Erfolge

Die Wehmut war verständlich: Mehr als 22.000 Experimente waren an Bord der "Mir" gemacht worden, darunter wichtige Untersuchungen für Therapien gegen Knochen- und Muskelschwund. 104 Astronauten hatten in den 15 Jahren auf der Raumstation gearbeitet. Einige von ihnen schrieben Geschichte, wie etwa der russische Arzt Walerie Poljakow, der sagenhafte 439 Tage in der Station blieb - bis heute der längste All-Aufenthalt.

Die "Mir", sie war oft besser als ihr Ruf und lange Zeit eine Erfolgsgeschichte. Ursprünglich konzipiert für nur fünf Jahre, hielt sie am Ende 15 Jahre durch. Sie überlebte sogar den Zusammenbruch des kommunistischen Systems und wurde danach ihrem Namen, der "Frieden" bedeutet, gerecht: 1995 dockte die US-Raumfähre "Atlantis" an - das erste Treffen amerikanischer und russischer Astronauten seit 20 Jahren.

Doch in Erinnerung blieb die "Mir" wegen ganz anderer Fakten: Etwa den horrenden Betriebskosten von jährlich 250 Millionen Euro. Oder den rund 1600 Pannen. Es blieb nicht bei verstopften Toiletten oder kaputten Klimaanlagen und Dichtungen. Mehrmals stand die "Mir" kurz vor einer Katastrophe, so etwa im Pannenjahr 1997: Im Februar brach an Bord Feuer aus. Keine zwei Wochen später wurde die Luft knapp, nachdem ein Sauerstoffgenerator ausgefallen war. Am 25. Juni 1997 kam es sogar zur ersten Kollision im All, als ein Raumtransporter die "Mir" rammte, ein Modul aufriss und die für die Stromversorgung wichtige Sonnensegel beschädigte. Daraufhin versagte der Hauptcomputer, tagelang trieb die Station hilflos durchs All.

Todesopfer trotz Meisterlandung

Zuletzt investierten die Astronauten mehr Zeit in Reparaturen als in ihre Experimente. Die Kosten explodierten, jede Flugsekunde verschlang neun Dollar. Ohne die Millionen vom einstigen Erzfeind USA, der die Station mehrmals buchte, wäre das Aus viel früher gekommen. Zumal selbst patriotische Rettungsaufrufe, nach denen jeder Russe den Gegenwert einer Schachtel Zigaretten für die "Mir" spenden sollte, wirkungslos verpufften. Auch kühne Pläne, die "Mir" zum Hotel für Weltraumtouristen zu machen, scheiterten.

Nach dem verheerenden Brand im Moskauer Fernsehturm und der Havarie des U-Boots "Kursk" wollte sich Russland nicht noch ein mögliches Unglück im All leisten. Ausgerechnet beim Absturz zeigten die "Mir" und die einstige Supermacht aber noch einmal echte Stärke: Präzise versank die Raumstation in genau dem Gebiet, das als ihr Meeresgrab vorgesehen gewesen war.

Trotz dieser Meisterleitung kostete der letzte Flug der "Mir" ein Menschenleben: Überzeugt, die Welt stehe vor einer Katastrophe, verbrannte sich ein Taiwanese kurz vor dem Absturz auf dem Grab seiner Vorfahren.



insgesamt 5 Beiträge
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Jens Ziegenbalg, 23.03.2011
1.
Notorisch pannenanfällig, Russischer Weltraumschrott, Ende einer Raumfahrt-Supermacht... war denn die MIR gar kein bißchen erfolgreich? Gab es bis dahin einer vergleichbare Raumstation die 15 Jahre um die Erde geflogen ist und modular erweitert wurde? Wie gut war die Konkurrenz und wer ist denn heute eine Raumfahrt-Supermacht? Ein bißchen Objektivität wäre auch bei SPON angebracht.
Michael Ullrich, 23.03.2011
2.
Es hätte ja eigentlich auch ein ein interessanter Beitrag sein können. Nur passen Überschrift und Einführungsabschnitt perfekt zu der Berichterstattung in den letzten Wochen. Ohne eine Gefahr für die Menschheit geht es wahrscheinlich nicht mehr. Sehr ärgerlich. Aber Herr Gunkel hat natürlich Recht. Wissenschaft und Technik sind in erster Linie eine völlig sinnlose Verschwendung von Geld. Und in zweiter Linie eine völlig sinnlose Gefährdung der Menschheit. Es ist gut, daß der SIEGEL da endlich meine Augen geöffnet hat. M. Ullrich
Rudolf Probst, 23.03.2011
3.
Zu den "horrenden Betriebskosten" der Mir von ca. 250 Mio Euro im Jahr vieleicht mal ein kleiner Vergleich: Eine einzige Shuttle-Mission kostet meines Wissens alles in allem 500 Mio Dollar. Und länger als 14 Tage kann es nicht im All bleiben. Da sind 250 Mio für ein Jahr Mir vergleichsweise wenig Geld. Und eh ich's vergesse: Die sowjetischen/russischen Raumfahrer heißen Kosmonauten.
Siegfried Wittenburg, 23.03.2011
4.
Das Ende der ?Mir? - Frieden - als ein Symbol vom Wettbewerb der Weltmächte war auch ein Neuanfang nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Schon oft habe ich am Nachthimmel die ISS gesehen, das ein internationales, ja, ein friedliches Weltprojekt darstellt. Daran sind viele Länder beteiligt, die sich zu Beginn des ?Mir-Zeitalters? feindlich gegenüber standen: Russen, Amerikaner, Europäer, Japaner? Insofern ist die Botschaft Realität geworden, auch wenn der kontrollierte Absturz bei den Betreibern traurige Gefühle hervorgerufen hat. Die Weltraumfahrt musste eben neu organisiert werden und das staatliche Geld stand für die beteiligten Russen nicht mehr so üppig zur Verfügung wie vorher. Bei den anderen ?Weltraumstaaten? ist es ähnlich. Aber ein gemeinsamer ?Topf? macht wiederum einen Fortschritt möglich. Für die ISS wurden Pläne und Erfahrungen auch aus dem Mir-Programm verwendet und die russische Raketentechnik ist Teil des Programms. Mir wäre es lieb, wenn die USA ihr Veto zurückziehen würde und China sich ebenfalls an der ISS beteiligen könnte. ?Wandel durch Annäherung? war ein schlüssiges Konzept von Willy Brandt, weltanschauliche Gräben durch Menschlichkeit zu überwinden. Im Weltraum gilt dieses ganz besonders. Übrigens: Am 12. April 2011 ist der 50. Jahrestag des Weltraumflugs von Juri Gagarin, des ersten Menschen im All. Im Historisch-Technischen Museum Peenemünde auf der Insel Usedom wird eine Sonderausstellung eröffnet, die bis zum 10. Juli 2011 andauert. Peenemünde gilt als ?Wiege der Raumfahrt?, auch wenn die ersten Versuche waffentechnischen Charakter trugen und der Weg vieler Menschen von der Wiege zum Sarg sehr kurz war. Jedenfalls erreichte von Peenemünde aus ein Flugkörper erstmals den Weltraum und die gewonnenen Erfahrungen wurden jeweils in die USA und in die Sowjetunion geleitet. Die Dimension der Wandlung von 1936 bis 2011 in einem Zeitraum von 75 Jahren ist bemerkenswert und hat, bei allen Verirrungen, letztendlich auch einen friedlichen Zweck.
Peter Mayer, 24.03.2011
5.
>Zu den "horrenden Betriebskosten" der Mir von ca. 250 Mio Euro im Jahr vieleicht mal ein kleiner Vergleich: Vor allem in Anbetracht dessen, was wir gerade an Milliarden in den bodenlosen Löchern namens PIIGS-Staaten versenken, sind solche Summen doch sprichwörtliche "Peanuts" und ich persönlich halte das auch für eine deutlich sinnvolle Investition...
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