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Albtraum in Three Mile Island: Das Schlüsselereignis der Anti-Atomkraft-Bewegung

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Reaktorunglück Harrisburg Das amerikanische Tschernobyl

Knapp an der Katastrophe vorbei: Der Beinahe-GAU im Atomkraftwerk Three Mile Island am 28. März 1979 schockte die Welt. Sieben Jahre vor Tschernobyl drangen radioaktiv verseuchte Gase in die Luft und kontaminierte Kühlflüssigkeit in den Fluss des US-Ortes Harrisburg. Nur Glück verhinderte Schlimmeres.
Von Insa van den Berg

Die Lichter an der Schalttafel blinken wie verrückt. Überall leuchtet es rot. Alarm! Schichtleiter William Zewe und Fred Scheimann aber können die Vielzahl der Signale nicht deuten - die Informationsflut verwirrt sie. Nichts in ihrer Ausbildung zum Reaktortechniker hat sie auf diese Situation vorbereitet.

Es ist Mittwochmorgen, der 28. März 1979 und in dem Atomkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania passiert gerade das Undenkbare, das Unfassbare, das, was auf keinen Fall passieren darf: eine teilweise Kernschmelze im Reaktorblock.

Um vier Uhr früh bemerken die Männer in der Schaltzentrale die ersten Probleme. Eine Pumpe im Kühlkreislauf des Reaktors ist ausgefallen. Das Wasser soll die Brennstäbe kühlen, die sich bei der Kernspaltung auf etwa 1100 Grad Celsius erhitzen. Routinemäßig schaltet sich der Reaktor ab - aber die Nachzerfallswärme treibt den Druck im Kühlkreislauf in die Höhe, denn die Wärme kann nicht mehr abgeführt werden.

Die Kernschmelze beginnt

Ein Sicherheitsventil öffnet sich. Der Druck entweicht; das heiße Wasser schießt heraus. Doch als sich Druck und Wasserstand wieder auf das normale Maß einpendeln, schließt sich das Ventil nicht wieder. Pro Minute rauscht nun eine Tonne Kühlwasser aus dem geöffneten Ventil, ohne das die Schichtleiter es bemerken - die Anzeige auf der Schalttafel gibt fälschlicherweise an, dass das System übervoll mit Kühlungsmittel sei.

Der Auffangtank für das ablaufende Wasser aus dem Kühlkreislauf fließt schon bald über. Um 4.38 Uhr treten erstmals radioaktives Wasser und Dampf durch einen Abluftschacht aus dem Reaktor nach außen. Gegen sechs Uhr ist der obere Teil des Reaktorkerns statt von Kühlwasser nur noch von Dampf umgeben. Die gigantische Hitze kann nicht entweichen. Die Brennstäbe beginnen, sich zu zersetzen. Bei der Reaktion entsteht Wasserstoff, der sich mit dem Sauerstoff zu einem hochexplosiven Gas vermischt.

Um 6.18 Uhr beginnt der Albtraum der Atomphysik: Die Kernschmelze, bei der das Reaktorgebäude nicht mehr standhält, radioaktive Stoffe austreten und die zulässigen Strahlengrenzwerte weit überschritten werden. Fachleute nennen dieses Szenario "Größter Anzunehmender Unfall", kurz GAU. Er bringt Tod und Krankheit in unvorstellbarem Ausmaß. Endlich bemerkt ein Techniker das offene Sicherheitsventil im Kühlkreislauf. Gerade noch rechtzeitig schließt er ein Notventil und verhindert so die Katastrophe.

Evakuierung erst nach zwei Tagen

Doch die Situation ist nach wie vor kritisch. Um 7.24 Uhr löst Schichtleiter Zewe die höchste Alarmstufe aus. Der Gouverneur von Pennsylvania, Richard Lewis Thornburgh, erfährt von dem Störfall. Eine halbe Stunde später informiert die zuständige US-Atombehörde den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Jimmy Carter.

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Die Öffentlichkeit tappt da noch vollkommen im Dunkeln. Ein Sprecher der Betreiberfirma Metropolitan Edison behauptet um 9.30 Uhr, es sei keine Radioaktivität freigesetzt worden und dies sei auch nicht zu erwarten. Er lügt - es ist hochradioaktives Gas in die Atmosphäre entwichen und verseuchtes Wasser in den Fluss Susquehanna geflossen. Die Techniker versuchen unterdessen alles, um die Lage zu stabilisieren. Doch als sie am folgenden Tag das hochexplosive Gasgemisch aus dem Reaktorkern in einen Tank ableiten wollen, entweicht nochmals Radioaktivität: Weil das Explosionsrisiko einfach zu groß ist, müssen sie das hochgiftige Gas am Freitagmorgen um 7 Uhr in die Atmosphäre strömen lassen - eine radioaktive Wolke schwebt über der amerikanischen Stadt Harrisburg.

Am Freitagmittag werden auf Anweisung von Gouverneur Thornburgh hin Schwangere und kleine Kinder aus einem Umkreis von acht Kilometern um das Atomkraftwerk evakuiert. Tausende andere fliehen ebenfalls. Die Filmaufnahmen von Menschen, die panisch ihre Häuser verlassen, gehen um die Welt.

Giftige Gase, metallischer Geschmack im Mund

Clair und Ruth Hoover aus Bainbridge nahe dem Katastrophen-Reaktor erinnern sich, dass sie am Samstag nach dem Störfall einen metallischen Geschmack im Mund verspürten. "Die Spitze unserer Zungen brannte." Marie Holowka, Farmerin aus Zions View, stürzte, als sie am Tag der Katastrophe ihr Haus verließ. "Das war das giftige Gas", ist sie sich sicher. "Ich weiß, dass ich nicht gestolpert bin. Ich bin einfach kollabiert." Später wurde bei ihr Schilddrüsenkrebs diagnostiziert.

Wieviel radioaktiver Strahlung die Menschen in Harrisburg und Umgebung tatsächlich ausgesetzt wurden, ist bis heute nicht bekannt. Ungesichert ist auch das Ausmaß der gesundheitlichen Folgeschäden. Die Zahl der Blutkrebspatienten im Umkreis von Three Mile Island ist aber nach einer Studie der Columbia Universität von 1991 deutlich erhöht. Forscher der Universität Iowa fanden 2005 heraus, dass die Gebiete um den Unfallreaktor die höchste Konzentration des radioaktiven Elements Radon in den gesamten Vereinigten Staaten aufweisen.

Der Beinahe-GAU von Harrisburg bedeutete das abrupte Ende der Begeisterung für die atomare Energiegewinnung. Was bis dahin oft als moderne und saubere Methode bejubelt wurde, zeigte auf einmal sein anderes Gesicht. Die Katastrophe wurde zum Schlüsselereignis für die Anti-Atomkraft-Bewegung.

Atomkraft - Nein danke!

Und das auch in Deutschland: Hunderttausend Menschen demonstrierten 1979 in Hannover gegen das geplante Atommüll-Endlager im niedersächsischen Gorleben. Im Oktober protestierten in Bonn sogar 150.000 gegen den Ausbau der Atomkraft. Im Januar 1980 wurde die Partei "Die Grünen" gegründet, ein Resultat der Ökologiebewegung. Das Engagement der Massenbewegung gipfelt im Jahr 2000 mit dem Beschluss einer rot-grünen Koalition zum Ausstieg aus der Atomkraft binnen 30 Jahren.

Der gerät angesichts des Klimawandels bereits wieder unter Beschuss - erst recht, nachdem Vorreiter Schweden jüngst seinen Rückzieher von der nuklearfreien Energiepolitik erklärte. In dem skandinavischen Land hatte sich die Bevölkerung ein Jahr nach Harrisburg bei einer Volksabstimmung am 23. März 1980 als erstes Land der Welt für den Atomausstieg entschieden. Auch in den USA, wo seit 1979 kein neuer Meiler mehr ans Netz ging, wird über den Bau neuer Atomkraftwerke nachgedacht.

Viele Befürworter des Atomstroms argumentieren, dass ein solcher GAU wie in Tschernobyl niemals in einem westlichen Atomkraftwerk hätte passieren können. Diese seien ungleich sicherer als die sowjetische Technik. Möglicherweise war aber Harrisburg nur knapp davon entfernt, das Tschernobyl vor Tschernobyl zu werden: Laut eidesstattlichen Aussagen wurden aus dem offiziellen Abschlussbericht der US-Regierung die alarmierendsten Passagen gestrichen, "weil der Unfall auf Three Mile Island unendlich viel gefährlicher war, als jemals öffentlich zugegeben wurde".

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