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BDJ und Technischer Dienst: Partisanen im Odenwald

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Rechte Geheimorganisation in der Ära Adenauer Finstere Pläne für den Tag X

Nur sechs Jahre nach Hitlers Untergang schlichen Nazis durch den Odenwald, übten Nahkampf und Schießen, führten Todeslisten mit SPD-Politikern. Den »Technischen Dienst«, eine tiefbraune Partisanenarmee, finanzierten die USA.

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Es fielen Schüsse in Wald-Michelbach, doch niemand in dem beschaulichen Ort im südhessischen Odenwald wollte sie gehört haben. Sie kamen vom Wagner-Haus, oben am Berg. Da wohnte erst ein in sich gekehrter Amerikaner, der sich der Malerei verschrieben hatte. Dann wurde das Anwesen, das der nach München verzogene Kammersänger Wagner vermietet hatte, zum Erholungsheim für die Mitarbeiter einer Sperrholzfabrik.

Das jedenfalls glaubten die 3000 Wald-Michelbacher und saßen damit einer Legende auf, gestrickt von der CIA und von westdeutschen »Partisanen« – oder solchen, die es werden wollten.

Es waren die frühen Fünfzigerjahre. Kaum war der Zweite Weltkrieg vorüber, schien schon der dritte zu drohen. Die UdSSR machte sich überall in Osteuropa breit, die Frontlinie lief mitten durch das geteilte Deutschland. In Korea sprachen schon wieder die Waffen, und die Amerikaner waren eher an einem Abzug ihrer Truppen aus Europa interessiert als an deren Verstärkung.

Die Regierung Adenauer arbeitete an der Wiederbewaffnung und Eingliederung der jungen Bundesrepublik in das Bündnissystem der Westmächte. Aber noch waren die Deutschen nicht so weit, ihre gerade erst aufgelösten Divisionen wieder aufzustellen. So schlug die Stunde der geheimen Dienste und Untergrundorganisationen.

Bereits 1950 entstand der Bund Deutscher Jugend (BDJ), finanziert durch amerikanische Gelder, Bundesmittel und hohe Spenden aus der westdeutschen Industrie. Die offen agierende Jugendorganisation mit antikommunistischer Zielrichtung (»Wehrt euch gegen die rote Pest!«) war ein Sammelbecken alter Nazis, Jugendliche kamen eher am Rande vor. Zu den Rekrutierern des BDJ gehörte der NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie, ein für besonderen Sadismus berüchtigter Gestapo-Mann.

»Dann sind wir da, die Füchse«

Im April 1951 erfolgte der nächste Schritt: Als BDJ-Teilorganisation wurde, diesmal klammheimlich, der Technische Dienst (TD) gegründet. Die von Holzhändler Emil Peters angemietete zweigeschossige Villa am Wald-Michelbacher Berghang wurde renoviert und umgebaut, ohne dass der neue Mieter jemals vor Ort erschien.

Federführend war sein Sohn Erhard Peters, zweiter Vorsitzender des BDJ. Zunächst bezog der US-Bürger Sterling Garwood, der gern auch Alias-Namen benutzte, mit Frau und Kindern das Haus, nach außen ein harmloser Maler, in Wahrheit ein CIA-Verbindungsmann.

Nachdem Garwood in den Nachbarort Steinbach umgezogen war, brachten Busse im wöchentlichen Wechsel angeblich von der Sperrholzproduktion erschöpfte Mitarbeiter der Johann Saxer GmbH aus Neu-Isenburg, einer CIA-Tarnfirma. Tatsächlich wurden jedoch frühere Angehörige von Wehrmacht und SS als Partisanen geschult.

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Zur Ausbildung gehörten Einzelkampf und Schießtraining mit schallgedämpften Pistolen in einem Schießstand, der beim Umbau der Villa entstanden war – damit der Speisesaal auch von unten belüftet wurde, so die offizielle Version des Maurermeisters.

Aus der Waldvilla des Herrn Kammersängers war eine Partisanenschule geworden, wie der SPIEGEL schon 1952 berichtete, Tarnname: Wamiba (nach den Anfangsbuchstaben des Ortes). Im Gästebuch hinterließen die angehenden Untergrundkämpfer Kostproben ihrer Selbsteinschätzung:

»Wenn's Staatsschiff abgesoffen ist
dann sind wir da, die Füchse,
gebrauchen Wirkungskreis und List
wenn's Not tut auch 'ne Büchse.«

Schon vor der Wamiba-Inbetriebnahme waren Partisanenschüler für die Ausbildung an schweren Waffen per Zug nach Nürnberg gebracht und in amerikanische Drillichanzüge gesteckt worden. Man verfrachtete sie auf Lastwagen zum US-Truppenübungsplatz im bayerischen Grafenwöhr. Von dort zog ein paar Jahre später auch ein junger GI namens Elvis Presley ins Manöver.

Todeslisten – ein früherer SS-Mann packte aus

Die Partisanen sollten im Fall eines sowjetischen Angriffs auf die Bundesrepublik hinter den feindlichen Linien Sabotageakte verüben. Dazu wurden über das ganze Land verteilt geheime Lager mit Waffen, Munition, Funkgeräten und Verbandsmaterial angelegt. Die Westmächte rechneten nicht ernsthaft damit, den feindlichen Vormarsch auf deutschem Boden so zu stoppen. Man konnte ihn allenfalls stören und verlangsamen – und das sollten die Männer vom Technischen Dienst erledigen.

Der Kalte Krieg wurde nie ein heißer, der Ernstfall blieb aus. Und auch mit den Umtrieben des TD war bald Schluss. TD-Stabschef Hans Otto, früherer SS-Hauptsturmführer, bekam kalte Füße: Er offenbarte am 9. September 1952 der Frankfurter Kriminalpolizei sein Wissen über die illegale Organisation, wie einem ausführlichen Bericht des hessischen Innenministers zu entnehmen ist.

Die hatte noch ganz andere Ambitionen jenseits des militärischen Untergrundgetümmels. Ein eigener Abwehrdienst, das Referat I f (»Gegner«), sammelte fleißig Material über kommunistische Sympathisanten, die in einem von der UdSSR besetzten Westdeutschland behilflich sein mochten, neue zivile Strukturen aufzubauen. Besonders SPD-Mitglieder wurden genauer unter die Lupe genommen. Die kommunistische Gesinnung der KPD-Leute kannte man ja schon aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit.

Penibel angefertigte Karteikarten und schwarze Listen entstanden. Darauf standen unter anderem SPD-Parteichef Erich Ollenhauer, der Bundestagsabgeordnete Herbert Wehner, Hessens Innenminister Heinrich Zinnkann, Walter Apel, Hessens Bevollmächtigter bei der Bundesregierung, Hamburgs Bürgermeister Max Brauer und Bremens Bürgermeister Wilhelm Kaisen. Sie sollten am Tag X aus dem Verkehr gezogen werden.

»Beseitigen, notfalls mit der Waffe«

Der Tag X bezeichnete den Ernstfall, einen Angriff der Sowjets. Aber was bedeutete die Formulierung »aus dem Verkehr ziehen«? »Beseitigen, notfalls mit der Waffe«, erklärte Hans Otto aus der TD-Führungsriege. Der hessische SPD-Abgeordnete Hans Nitsche bemerkte in der Landtagssitzung vom 8. Oktober 1952 schlicht: »Abgemurkst werden!« Ob Internierung oder Ermordung, gerichtlich wurde das nie geklärt.

Schon einmal waren Ermittlungen über die Partisanenschule ins Leere gelaufen. Ein ehemaliger Offizier, dessen Gesinnung den Kameraden nicht als die rechte erschien, soll auf dem TD-Grundstück in Wald-Michelbach den unfreiwilligen Tod gefunden haben, aber die Amerikaner hatten Anweisung gegeben, das Ganze nicht weiterzuverfolgen. Diesmal jedoch führte die Polizei Razzien durch, in Wald-Michelbach sowie in den Geschäfts- und Privaträumen von TD-Mitgliedern. Beschlagnahmt wurden Waffen, Munition und belastende Unterlagen.

Die beiden führenden BDJ-/TD-Funktionäre Paul Lüth und Erhard Peters konnten sich der Festnahme entziehen. Vier weitere Funktionäre wurden festgenommen, mussten aber auf Weisung des Ministeriums für gesamtdeutsche Fragen wieder freigelassen werden.

Die USA bestätigten zwar, sie hätten den BDJ unterstützt, doch das sei schon seit einem halben Jahr vorbei, und vom TD habe man nie etwas gehört. Zu diesem Ergebnis gelangte auch ein deutsch-amerikanischer Untersuchungsausschuss. Die deutsche Justiz musste die beschlagnahmten Unterlagen an den amerikanischen Militärgeheimdienst CIC (Counter Intelligence Corps) übergeben.

Nach zwei Jahren endete der Spuk

Dass die Affäre trotz aller Vertuschung weltweites Aufsehen erregte, lag am Sozialdemokraten Georg-August Zinn. Hessens Ministerpräsident informierte am 8. Oktober 1952 den Landtag über den Ermittlungsstand. Otto John, erster Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, nannte es in seinen Memoiren »eine Rebellion der Landesregierung gegen die Bundesregierung und die amerikanische Besatzungsmacht«.

Die Aufdeckung der Affäre fiel in die Amtszeit von Walter J. Donnelly. Der US-Hochkommissar für Deutschland versah seinen Dienst nur für vier kurze Monate, vom 1. August bis zum 11. Dezember 1952. Der Fall TD warf kein gutes Licht auf das amerikanische Gebaren in Deutschland – wohl deshalb kam es zu Donnellys rascher Abberufung.

Anfang 1953 wurden BDJ und TD als verfassungsfeindliche rechtsextreme Organisationen erst in Hessen verboten, dann in vier weiteren SPD-geführten Bundesländern. Die Mutterorganisation BDJ stand 1953 in der Selbstauflösung. Bundeskanzler Konrad Adenauer zeigte sich über den Sachverhalt betroffen, an einer Aufklärung jedoch wenig interessiert. Auf dem Spiel stand das gute Verhältnis zu den Amerikanern, zentral für seine Politik.

Der TD war ein konkreter Vorläufer für sogenannte Stay-behind-Organisationen wie das »Gladio«-Netzwerk: paramilitärische Gruppen, die sich im Fall einer feindlichen Invasion überrollen lassen und Sabotageakte verüben sollten. Der Geist, der aus den Schwarzen Listen der TD spricht, fand eine späte Bestätigung in dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019.

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