Fotostrecke

Reggae-Legende Bob Marley: Seine letzten Monate am Tegernsee

Foto: Guido Krzikowski / SZ Photo

Bob Marleys letzte Lebensmonate »Man, Rottach-Egern! Der kälteste Ort, an dem ich je war«

Hoffnung auf Heilung führte Bob Marley von Jamaika an den Tegernsee. Dort schippte er Schnee, kickte in der Sporthalle, plauderte mit Nachbarn am Gartenzaun. Heute vor 40 Jahren starb der Reggaestar an Krebs.
Aus Rottach-Egern berichtet Stephan Kroener

Was könnten Rottach-Egern und Nine Mile schon gemeinsam haben? Die voralpenländische Gemeinde streckt sich vom Tegernsee in die schneebedeckten Berge, das Reggae-Mekka in die grünen Hügel Jamaikas. Ein Name führt Blasmusik und Reggae-Fanfaren, blau-weiße Gemütlichkeit und rot-gold-grüne Rastafaris zusammen: Robert »Bob« Nesta Marley.

Als der Weltstar im November 1980 durch Bayern fuhr, soll Rottach-Egern ihn an seinen Geburtsort Nine Mile erinnert haben. Verbürgt ist die Geschichte nicht, aber vielleicht war es der suchende Blick eines todkranken Mannes, der nicht sterben wollte. Kurz zuvor war bei Bob Marley Krebs im Endstadium diagnostiziert worden. Am Tegernsee sollte ihm ein umstrittener »Komplementärmediziner« neue Hoffnung schenken.

Anfangs wohnte Marley mit einigen Gefolgsleuten im Luxushotel Bachmair am See, direkt am Südufer. »Da haben sie sich aber nicht wohlgefühlt«, sagt Christian von Schweinitz, »die anderen Gäste haben halt alle so geguckt, wegen dieser Mützen mit den Rastalocken drunter.«

Der heute 60-Jährige sitzt mit seiner Schwester Christina Brandl auf der Terrasse vor dem Haus, in das Marley dann umzog. Der fast 250 Jahre alte Bauernhof wirkt wie aus einem bayerischen Tourismusprospekt, die Zimmer sind klein und niedrig, das Holz knarzt unter den Füßen auf dem Weg zur Küche.

»Ein Kühlschrank, in dem man die Menschen am Leben erhielt«

Neville Garrick, Grafiker aus Jamaika, über Rottach-Egern

»Die haben furchtbar viel gekocht«, erzählt Schweinitz, »es war eigentlich wie über so einem Vulkan.« Damals ohne Dunstabzugshauben verwandelte sich die altbayerische Stube in eine karibische Rauchküche. »Wie Nebelschwaden«, erinnert er sich, »wir konnten durch das Fenster praktisch nichts sehen.« – »Wir haben auch nicht reingeschaut«, berichtigt ihn seine Schwester, »wir hatten die Anweisung von unseren Eltern, dass wir uns so wenig wie möglich einmischen.«

Bob Marley war ein echter globaler Popstar, der erste aus der sogenannten Dritten Welt. »Er schleudert seine Verse mit biblischer Wucht und höchster Intensität ins Publikum«, schrieb der SPIEGEL 1975. »Die Stimme der Unterdrückten«, den »Mick Jagger des Reggae« nannten ihn die Biografen. Marleys Tourneen durch die ganze Welt waren umjubelt und ausverkauft – in Rottach-Egern aber spielte Reggae keine Rolle.

»Mir sagte der Name als Kind erst mal gar nichts«, sagt Christina Brandl, damals 14. Ein Autogramm wollte sie aber schon, als einer der Manager sie fragte. In der urigen Bauernstube schrieb ihr Marley »One Love« auf das »Uprising«-Cover.

Marleys letztes Studioalbum zeigt einen »Rastaman«, der die Arme vor hohen Bergen ausstreckt. Das Cover entwarf Neville Garrick. Der Jamaikaner bibbert noch heute: »Man, Rottach-Egern! Der kälteste Ort, an dem ich je war.« In der großartigen Marley-Dokumentation  von Oscar-Preisträger Kevin McDonald ergänzte Garrick: »Das war ein Kühlschrank, in dem man die Menschen am Leben erhielt.«

B wie Bob, M wie Marley, W wie Wailers

Der Winter 1980/81 war nicht strenger als üblich, aber schneereich. Christian von Schweinitz erinnert sich noch gut, wie ihm Bob Marley morgens oft beim Schneeschippen half, bevor er zu Fuß in die nahe Ringbergklinik ging. Marley habe keinen gebrechlichen Eindruck gemacht, »aber dadurch, dass die immer in diese dicken Jacken eingehüllt waren, haben wir eigentlich nur das Gesicht gesehen«. Seine langen Dreadlocks hatte man ihm schon Monate zuvor in New York abgeschnitten, sie waren ihm aufgrund der Chemotherapie zu schwer geworden.

»Er hatte nur noch ein paar letzte Rastas, doch ihm wuchs neues Haar«, erklärt Garrick, der ihn mit einigen anderen im Februar 1981 in Rottach besuchte. Sie organisierten eine Feier zu Marleys 36. Geburtstag. Seinem letzten. Als Geschenk bekam er einen nagelneuen Mercedes SL500 – obwohl er sich in Jamaika für einen gebrauchten BMW E3 entschieden hatte: Für ihn stand das Kürzel für »Bob Marley and the Wailers«.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die wenigen Fotos von der Geburtstagsfeier zeigen Marley auf einer Bank im Haus von Schweinitz, über ihm ein dickes Ölgemälde, »die kleinen Nackten mit den Seerosen«, sagt Christina Brandl lachend. »Jemand hatte einen Kuchen in Form einer Gitarre gebacken«, erinnert sich Garrick, der heute als Grafiker in Los Angeles lebt. Marley selbst konnte schon nicht mehr spielen, ein Schlaganfall hatte seine linke Körperhälfte teilweise gelähmt.

Das frustrierte ihn, und doch »hatte er einfach eine positive Ausstrahlung«, wie Schweinitz erzählt und alle bezeugen, die ihn in diesen letzten Monaten trafen. Marley grüßte Schweinitz immer auf Deutsch mit einem »Guten Morgen, wie geht's«. Das hätte Marleys Urgroßmutter sicher gefallen, die ihn, da sein Vater ein Weißer war, in Nine Mile »German boy« gerufen hatte.

Kicken vorm Konzert: Sie nannten es »Money Ball«

Marley soll noch weiter Songs geschrieben haben. »Slogan« war einer der letzten, laut Garrick nahm er ihn noch auf einer Kassette in Rottach auf: »Ich kann eure Parolen nicht mehr ertragen« und »no more sweet talks« singt Marley mit seiner markanten Stimme. Danach verstummte er. Es soll noch mehr spontan aufgenommene Kassetten geben. Allerdings scheint Marley am Tegernsee kaum mehr gesungen zu haben. Keiner seiner Nachbarn erinnert sich, jemals Musik gehört zu haben.

Fußball war seine zweite Liebe. In Hotelzimmern und vor Konzerten spielten sich Marley und seine Band ein: »Wir nannten es Money Ball«, sagt Garrick, der auf vielen Tourneen dabei war, »weil: Wer etwas kaputt machte, der musste es bezahlen.« In Rottach gingen sie zum Kicken in die Schulsporthalle; auch beim FC Rottach zeigte sich Marley dann und wann. »Wir haben damals Bezirksliga gespielt, da war beim Spiel schon mal so Gefolgschaft oder auch der Bob Marley selber«, erzählt Gerhard Hofmann, dessen Vater im Vereinsvorstand war.

Fußball hängt auch mit Bob Marleys Krebserkrankung zusammen, Grund für seinen Aufenthalt in Rottach. Im Mai 1977 hatte er sich bei einem Spiel mit französischen Journalisten in Paris am rechten großen Zeh verletzt. Bei der Behandlung wurde ein Melanom festgestellt: Hautkrebs. Die Ärzte in Europa rieten zur Amputation, Marley lehnte ab. »Als Rastas wollen wir keine Körperteile verlieren«, erklärt sein Freund Garrick; zudem »wollten sie ihn schnell wieder auf Tour schicken, weil er so verdammt erfolgreich war«.

In den USA wurde Marley dann nur der Zehnagel und die Haut darunter entfernt. Er tourte weiter, brach aber Ende September 1980 beim Joggen im New Yorker Central Park zusammen. Der Krebs hatte Metastasen gebildet. Die Ärzte gaben ihm nur noch wenige Wochen. Der deutsche Musikjournalist Teja Schwaner, der Bob Marley auf Tour in Deutschland begleitet hatte, meint, dass sich Marley »tot missioniert hat, der ist krank geworden, weil er alles gegeben hat«. Die Musik war für Marley auch Ausdruck seiner Rastafari-Religion, mit der Mission, sie in die Welt hinauszutragen.

Fotostrecke

Reggae-Legende Bob Marley: Seine letzten Monate am Tegernsee

Foto: Guido Krzikowski / SZ Photo

Marleys Leibarzt Carlton »Pee-Wee« Fraser und sein bester Freund Alan »Skill« Cole, beide ebenfalls Rastafari-Anhänger, hatten auf einer Konferenz in New York 1980 den deutschen Arzt Josef Issels kennengelernt, der in Rottach-Egern eine Spezialklinik für von der Schulmedizin aufgegebene Krebspatienten leitete und auf eine immunologisch ausgerichtete Therapie setzte, die viele andere Mediziner für höchst fragwürdig hielten.

»Hört ihr, Bob spricht mit euch. Habt keine Zweifel.«

Bob Marley in einer Audio-Pressemitteilung

Marleys Reise nach Bayern wurde streng geheim gehalten. Der Presse teilte man mit, er habe sich wegen »Erschöpfungszuständen« nach Äthiopien zurückgezogen, ins heilige Land der Rastafari-Bewegung. In seinem letzten Telefoninterview Anfang November 1980 versprach Marley seinen Fans, er werde ab April wieder für eine neue Platte im Studio sein: »Ich habe noch eine Menge Ideen«, sie sollten nicht vergessen: »Bob will see you soon.«

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Außerdem verlas er im Zuge der Single-Veröffentlichung von »Redemption Song« eine Audiopressemitteilung: »Ich verstehe, dass Journalisten und die Presse sehr besorgt um meine Gesundheit sind. Ich möchte mich für Ihr Interesse bedanken und Ihnen sagen, dass es mir gut geht und ich 1981 wieder unterwegs sein werde, um mit den Fans, die wir lieben, Platten aufzunehmen, aufzutreten. Schön. Hört ihr, Bob spricht mit euch. Habt keine Zweifel.«

Rasch kursierten Gerüchte um Marleys Erkrankung und seine Reise. Auch am Tegernsee blieb er nicht lange unbemerkt: »Es war das große Rätselraten: Bob Marley, hieß es, ist in Deutschland! Und ich habe durch Zufall erfahren, dass Bob Marley in der Issels-Klinik gelandet ist«, so erklärte es Anton Altrichter, Ehemann einer Assistentin Issels, vor einigen Jahren freiheraus dem Bayerischen Rundfunk. »Daraufhin habe ich die ›Bild‹-Zeitung angerufen, denn ›Bild‹ war interessiert, was Marley macht, wo er sich aufhält, wie's ihm geht, hab Herrn Dr. Issels in Kenntnis gesetzt, und damit ist ein Teil der Popularität Marleys in Bayern erst entstanden.«

Verfolgt von Paparazzi

»Bild« titelte kurz darauf: »Kann neues Blut todkranken Bob Marley retten?« Die »schreibenden Vampire« hätten Marley sehr zugesetzt, schrieb sein US-Presseagent Howard Bloom in einer Biografie: »Die Paparazzi jagten Marley wie ein seltenes Tier.« Die Zeitschrift »Musik-Express« forderte im Januar 1981 »Ruhe und Abgeschiedenheit«: Damit er den Krebs besiegen könne, sollten »auch seine hingebungsvollsten Verehrer davon Abstand nehmen, zu ihm zu pilgern«.

Trotzdem postierten sich im Februar 1981 zwei Reporter der Münchner »Abendzeitung« im tiefen Schnee des parkähnlichen Klinikgeländes der Ringbergklinik. Ihre Schwarz-Weiß-Aufnahmen zählen zu den letzten Fotos von Marley. Man sieht ihn, mit Sonnenbrille und dick eingepackt, mit »Skill« Cole und Dr. Frazer aus dem Hauptgebäude der Klinik treten.

»Ich hab ihn natürlich sofort erkannt und draufgehalten«, erzählt Fotoreporter Guido Krzikowski. Marley habe das »nicht so gut gefallen«, er habe »nicht sehr freundlich geklungen« und »mit dem Fuß Schnee« in seine Richtung getreten, so Krzikowski.

Lange Spaziergänge im Bergidyll

»Das war mein drittes Jahr bei der AZ«, sagt Marie Waldburg, »da hat man öfter so welche Überfallgeschichten gemacht.« Heute ist sie eine bekannte Gesellschaftskolumnistin, damals harrte sie mit Krzikowski für die »AZ« stundenlang aus. Waldburg konnte Marley kurz sprechen und hat wohl das letzte Interview mit ihm geführt. »Er hat gesagt, dass er hofft, dass das hier ihm hilft. Er war eigentlich hoffnungsvoll.« Auch auf sie wirkte Marley nicht sehr krank, »er sah ganz fit aus, aber ein bisschen verloren in dem Schnee, das hat mich doch sehr bewegt«.

Ende März wechselte Marley noch einmal seine Wohnung und wurde Nachbar des Rottacher Urgesteins Otto Lederer, der sich mit heute 91 Jahren an Gespräche am Gartenzaun erinnert: »Er war ein sehr angenehmer Nachbar, der ist dann hier spazieren gegangen und sogar mal in die Weißachau.«

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

In der Nähe verläuft bis heute der Panoramaweg um den 1722 Meter hohen Wallberg ins Naturschutzgebiet der Weißachau. Rottach-Egern ist ein Naturidyll, umspült von glasklarem Gebirgswasser. Auf manchen Straßen des »heilklimatischen Kurorts« riecht es nach Stall, gedämpft hört man Kuhglocken und Vogelgezwitscher. An den Hauswänden hängen schwere, verzierte Holzbalkone mit Jagdtrophäen oder Szenen bayerischen Handwerks und alpenländischer Traditionen.

Diese Landschaft hatte es Marley in seinen letzten Wochen angetan. Das wohl letzte veröffentlichte Bild zeigt ihn an einem der rustikalen Bretterzäune, die jeden zweiten Garten hier begrenzen; neben ihm geht seine Anwältin und Vertraute Diane Jobsen. Per Telefon aus Jamaika erklärt sie, dass ein englischer Paparazzo das Foto schoss, als sie auf dem Rückweg aus der Klinik waren. Auch sie erinnert sich, dass »Bob es liebte, täglich den Wanderpfad in die Natur zu gehen«.

»Don't you know, when one door is closed, when one door is closed, many more is open?«

Aus Bob Marleys Song »Coming in from the Cold«

Ein touristischer Bob-Marley-Gedächtniswanderweg wurde daraus nicht – kein Graffiti mit Bobs Konterfei, kein Rasta in Rottach. Doch die Erinnerung an diesen so freundlichen und höflichen Besucher ist vielen am Tegernsee noch präsent. Ähnlich wie in Nine Mile ließ man Marley hier in Ruhe und sich frei bewegen. Diskretion ist Teil des Geschäfts im noblen Urlaubsort Rottach-Egern.

Eine Zeit lang blieb die Hoffnung auf eine Wunderheilung, doch Ende April 1981 verschlechterte sich Marleys Gesundheitszustand dramatisch. Nachdem ihm Klinikleiter Issels gesagt hatte, dass er nichts mehr für ihn tun könne, versuchte er noch in sein geliebtes Jamaika zurückzureisen. Die deutsche Krankenschwester Waltraud Ullrich hatte eine starke Verbindung zu ihrem »jamaikanischen Patienten«, sie begleitete ihn sogar noch auf dem Rückflug.

Doch Marley schaffte es nicht mehr in die Karibik. Schon auf dem Münchner Flughafen war sein Zustand kritisch. Nur 40 Stunden, nachdem er Deutschland verlassen hatte, starb er bei einer Zwischenlandung am Morgen des 11. Mai 1981 in einem Krankenhaus in Miami.

Bob Marleys Beerdigung in Nine Mile verfolgte ganz Jamaika und feierte ihn wie einen Heiligen. Seine Mutter sang bei der Trauerfeier den ersten Song seines letzten Albums: »Coming in from the Cold« .

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.