Wenn Gewalt die Demokratie bedroht »Die Weimarer Republik hätte gerettet werden können«

Mit Millionen Mitgliedern wollte das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold die Weimarer Demokratie gegen ihre radikalen Feinde schützen. Warum das am Ende fehlschlug, erklärt der Forscher Sebastian Elsbach hier.
Ein Interview von Arne Cypionka
Das Reichbanner Schwarz-Rot-Gold zeigte Flagge für die Weimarer Demokratie

Das Reichbanner Schwarz-Rot-Gold zeigte Flagge für die Weimarer Demokratie

Foto: Rolf Vennenbernd / picture-alliance/ dpa

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

SPIEGEL: Den meisten Deutschen ist das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold kein Begriff mehr. Welcher Aufgaben nahm sich der Verband an?

Elsbach: Die Gründung in Magdeburg am 22. Februar 1924 war ein einschneidendes Ereignis in der Weimarer Republik. Zuvor waren Politiker wie Matthias Erzberger (Zentrum) und Walter Rathenau (DDP) ermordet worden, zu Opfern rechtsextremistischer Gewalt wurden Tausende Menschen, die nicht in das völkische Weltbild der Täter passten. Die Sicherheitsbehörden bekämpften sehr effektiv die kommunistische Bedrohung – aber kaum den Rechtsterrorismus. Aus ideologischen Gründen deckten Teile des Polizei- und Justizapparats sogar aktiv rechte Gewalttäter .

SPIEGEL: Gegen diese Bedrohung wollte das Reichsbanner sich wehren?

Elsbach: Das setzten die Gründer um Otto Hörsing (SPD) sich selbst zur Aufgabe, bauten Saalschutzverbände auf und wurden ihrem Anspruch mindestens für den Rest der Zwanzigerjahre gerecht. Es gelang, weil nicht nur Sozialdemokraten, sondern prinzipiell alle Unterstützer der Republik zur Mitarbeit aufgerufen wurden. Frauen waren aber von der Mitgliedschaft ausgeschlossen, wie es dem damaligen Rollenverständnis entsprach.

SPIEGEL: Das Reichsbanner war eine Massenorganisation, mit mindestens 1,5 Millionen belegbaren Mitgliedern deutlich größer als rechtsradikale Verbände der Weimarer Zeit wie Stahlhelm und SA...

Elsbach: ...und dennoch wurde seine Bedeutung lange unterschätzt. Dem Verband kam eine zentrale Rolle beim Schutz der Weimarer Zivilgesellschaft zu. Ohne das Reichsbanner wäre der Aufstieg rechtsradikaler Parteien wohl schon Mitte der 1920er-Jahre nicht zu stoppen gewesen, und das hätte die erste deutsche Republik kaum überlebt.

SPIEGEL: Mit den Farben Schwarz-Rot-Gold bekannte sich das Reichsbanner zur Revolution von 1848. Wie verbreitet war diese Traditionslinie in der Weimarer Republik?

Fahnenweihe des Reichsbanners in Potsdam Oktober 1924

Fahnenweihe des Reichsbanners in Potsdam Oktober 1924

Foto: ullstein bild

Elsbach: Um eine breite Koalition zum Schutz der Republik auf die Beine zu stellen, musste das Reichsbanner ein auch außerhalb des SPD-Milieus anschlussfähiges Symbol und Geschichtsbild finden. Die Farben Schwarz-Rot-Gold nebst der Erinnerung an die demokratisch-bürgerliche Revolution von 1848 lösten besonders bei den Linksliberalen der DDP warme Gefühle aus, aber auch bei den katholischen Christdemokraten der Zentrumspartei. So hielt Altkanzler Joseph Wirth (Zentrum) auf Reichsbanner-Veranstaltungen mitreißende Reden. Solche prodemokratischen Feste, Demonstrationen und Gedenktage gab es überall in Deutschland, über die Jahre mit Millionen Teilnehmern.

SPIEGEL: Stimmt also das verbreitete Bild der »Republik ohne Republikaner« nicht, dass nämlich die Weimarer Demokratie auch maßgeblich an einem Mangel an Befürwortern scheiterte?

»Rechtsautoritäre Politiker wollten die parlamentarische Demokratie beseitigen und schafften es schon 1930.«

Elsbach: Die Weimarer Republik war ein vielversprechendes demokratisches Experiment, das rechtsautoritäre Politiker wie Hindenburg, Papen und Brüning bewusst zerstörten. Sie wollten die parlamentarische Demokratie beseitigen und schafften es schon 1930, wobei sie ihr Handeln erfolgreich mit pseudolegalen Argumenten decken konnten. Dies konnte das Reichsbanner als größte politische Massenorganisation nicht verhindern. Es hatte durchaus großen Rückhalt – aber eben nur im republikanisch gesinnten Teil der Bevölkerung. Und nur wenig Einfluss auf die Hinterzimmerpolitik der Parteien.

SPIEGEL: Welche Rolle spielte der Verband bei großen Streitthemen wie der Fürstenenteignung, dem Volksbegehren von 1926?

Elsbach: Ohne Unterstützung des adelskritischen Reichsbanners hätten sich kaum 14,5 Millionen Jastimmen zusammentrommeln lassen, auch wenn das nicht für einen Abstimmungserfolg reichte. Die Kommunisten etwa hatten nur einen Bruchteil der Ressourcen. Zudem trug das Reichsbanner massiv zur öffentlichen Sichtbarkeit von Schwarz-Rot-Gold als Gegensatz zu den alten Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot bei. Die neuen Reichsfarben waren ja ein Hassobjekt der Rechten – und auch der Kommunisten. Indem das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bei Veranstaltungen untrennbar mit Demokratie, Frieden und Bekämpfung des Antisemitismus verknüpfte, wurde gewissermaßen auch das symbolische Kapital der Republik vergrößert und der Grundstein dafür gelegt, dass nach 1945 das nicht mehr nazistische Deutschland wieder diese Farben tragen konnte.

SPIEGEL: Um zivile Ziele zu erreichen, setzte das Reichsbanner auch auf gewalttätige Mittel. War das in diesem politischen Klima legitim?

»Politische Gewalt bedeutet die größte Bedrohung für Demokratien.«

Elsbach: In der Weimarer Republik gab es ein spezifisches Zeitphänomen, eine Konstellation, die sehr gefährlich ist für das Überleben einer jeden Demokratie: Heute ist unvorstellbar, dass alle großen Parteien über eigene uniformierte Verbände verfügen, die anstelle der Polizei den Schutz von politischen Versammlungen übernehmen. Das Reichsbanner musste sich dieser Situation anpassen und versuchte, durch die eigene Größe eine abschreckende Wirkung zu erzielen, sodass es gar nicht erst zu Gewalt oder gar Toten kam. Diese defensive Strategie, wonach Gewalt nur in Notwehr eingesetzt werden durfte, funktionierte gegen den Stahlhelm oder die Kommunisten sehr gut. Das änderte sich allerdings mit dem Aufstieg der SA, da die NS-Schergen ohne jegliche Rücksicht auf menschliches Leben vorgingen. Hier hätte der Staat eingreifen müssen und auch können – aber das war politisch nicht gewollt.

Reichsbanner-Kundgebung Berlin 1932

Reichsbanner-Kundgebung Berlin 1932

Foto: akg-images / picture-alliance

SPIEGEL: Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten scheiterte das Reichsbanner letztlich und leistete 1933 keinen nennenswerten Widerstand. Warum?

Elsbach: Die sogenannten Wehrverbände der Weimarer Zeit waren keine »Privatarmeen« im technischen Sinne – sie waren privat, jedoch keine Armeen. Gegen die hochgerüsteten Polizeikräfte oder die Reichswehr konnten sie nichts ausrichten, weil es ihnen zwar nicht an Männern mangelte, aber an Ausrüstung, Waffen und innerem Zusammenhalt. Keiner der Wehrverbände – auch nicht das Reichsbanner als größter Verband – hatte daher die Macht, sich einer entschlossenen staatlichen Verfolgung zu widersetzen.

SPIEGEL: In Ihrer Doktorarbeit schreiben Sie auch, dass die Weimarer Republik weniger an ihrer Schwäche als an der Stärke ihrer Gegner scheiterte. Dagegen habe es in der oft als wehrhaft gelobten BRD nie Umsturzversuche ähnlicher Größenordnung gegeben. Lässt sich die damalige überhaupt mit der heutigen Republik vergleichen?

Elsbach: Als Politikwissenschaftler bin ich sehr für Vergleiche – sofern sie wohl informiert und ausgewogen sind. Die Bundesrepublik ist eine wehrhafte Demokratie, hat aber bislang keine Aufstände oder Putschversuche erlebt, insofern ist ein Weimar-Vergleich unpassend. Politische Gewalt war und ist jedoch immer ein Problem. Sie bedeutet, das lehrt die Weimarer Republik, die größte Bedrohung für demokratisch konstituierte Gesellschaften, da sie zu einer vollständigen Lähmung des politischen Prozesses führen kann. Eine solche Entwicklung ist in den USA zu beobachten, wo große Teile der Gesellschaft einer extremistischen Ideologie anhängen und es im Januar 2021 sogar zu einem – wenn auch schlecht vorbereiteten – Putschversuch kam: zum Sturm auf das Kapitol. Trump hat es bei seinen Anhängern geschafft, den Einsatz politischer Gewalt zu enttabuisieren, und das wird langfristige, negative Konsequenzen haben.

SPIEGEL: Was ist die historische Lektion aus den Weimarer Erfahrungen?

Elsbach: Politische Gewalt, egal von welcher Seite sie kommt, muss entschlossen bekämpft werden, damit die Demokratie daran nicht zerbricht. Das Reichsbanner wollte nicht nur selbst einschreiten, sondern immer auch darauf drängen, dass der Staat aktiv wird und die Zusammenarbeit mit der demokratischen Zivilgesellschaft sucht. Die Weimarer Republik hätte gerettet werden können, und auch heutige bedrohte Demokratien können gerettet werden. Dazu braucht es als Ergänzung des staatlichen Republikschutzes einen zivilgesellschaftlichen Demokratieschutz, der Demokratie für alle Bürgerinnen und Bürger erlebbar machen kann.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.