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Tüll und Stahl: Wenn Mode zum Gefängnis wird

Foto: Howarth-Loomes Collection/National Museums Scotland

Reifrock-Mode Zum Sterben schön

Im 19. Jahrhundert erlebte der Reifrock als modische Norm eine Renaissance. Dabei kosteten die riesigen Gestelle viele Frauen nicht nur den letzten Nerv, sondern manchmal sogar das Leben.

Das Publikum ist irritiert. Gerade eben hat der erste Akt von Shakespeares "Der Sturm" geendet, noch steht Prospero auf der Bühne. Aber plötzlich laufen die Bühnenarbeiter des Continental Theaters in der Walnut Street von Philadelphia aufgeregt in Richtung Vorhang. Dann die ersten Schreie. Den Zuschauern in den ersten Reihen bietet sich ein grauenhafter Anblick: Eine der Tänzerinnen, Cecilia Gale, steht in Flammen.

In der Ausgabe vom 16. September 1861 beschreibt ein Artikel des "Daily Dispatch" die Ereignisse des schrecklichen Unfalls. Während der Vorstellung hatte sich Cecilia Gale hinter der Bühne, auf einem Sofa stehend, in ihr voluminöses Kleid gezwängt und war dabei in die Flamme einer Gaslampe geraten.

Schockiert mussten Zuschauer und Kollegen mit ansehen, wie Cecilia Gale innerhalb von Sekunden lichterloh brannte. Alle Versuche, ihr den sperrigen Rock vom Körper zu reißen, waren vergebens. Ihre Mittänzerinnen, die ihr zu Hilfe eilen wollten, entzündeten sich ebenfalls. Einige sprangen in Panik hinaus auf die Straße, andere, so der Bericht, stürzten sich die Treppe des Theaters hinab. Neun junge Frauen starben, Dutzende wurden verletzt - und all das nur, weil ihre Kleider brennenden Käfigen glichen, aus denen sie sich nicht befreien konnten.

Crinolinemania

Dieses tödliche Gestell war eine der populärsten Modeerscheinungen des 19, Jahrhunderts: die Krinoline - ein Reifrock, der zuerst aus Rosshaar und Leinen, später aus Federstahlbändern bestand. Das sperrige Kleidungsstück löste die vielen Schichten aus Unterröcken ab, die zuvor lange Zeit in Mode gewesen waren. Zusammen mit einem Korsett formte die Krinoline eine weibliche Silhouette, die jahrzehntelang in allen gesellschaftlichen Schichten Verbreitung fand. Von der einfachen Arbeiterin bis zu Kaiserin Elisabeth von Österreich.

Die Popularität in den Fünfzigern und Sechzigern des 19. Jahrhunderts führte schließlich zu dem Begriff "Crinolinemania". Das unpraktische Kleidungsstück, das einen enormen Aufwand beim Ankleiden erforderte, führte zu reichlich Gespött in satirischen Artikeln und Zeichnungen. Es erschwerte den Alltag vieler Frauen, da jede Treppe oder auch der Einstieg in eine Kutsche zu scheinbar unüberwindlichen Hindernissen mutierten.

Neben den Unannehmlichkeiten stellte die Krinoline aber auch eine ernste Gefahr für Frauen dar. Schätzungen gehen davon aus, dass allein in England in den ersten beiden Jahrzehnten der Mode 3000 Frauen starben, weil gewaltige Kleider in Brand geraten waren. Auch Unfälle, bei denen sich Frauen mit den Säumen ihrer Krinolinen in Antriebsrädern von Kutschen und Maschinen verfingen, gehörten bald zur Tagesordnung.

Trotz all seiner schlechten Eigenschaften tauchte die Krinoline auch im 20. Jahrhundert immer wieder in der Mode auf - besonders in Großbritannien. Das National Museum Of Scotland präsentiert in seiner Ausstellung "Photography: A Victorian Sensation" bis zum November 2015 Bilder aus den Entstehungstagen des tödlich-nervigen Kleidungsstücks. einestages zeigt die besten Aufnahmen.

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