Fotostrecke

Reise mit der Transsib: Ehe auf Russisch

Foto: Detlev Crusius

Reise mit der Transsib Ehe auf Russisch

Bahnfahren, Bahnfahren, Bahnfahren! Seit Detlev Crusius mit seiner Frau durch Russland zur Verwandschaft reist, ist ihm klar: "In der Nähe" heißt in Russland etwas ganz anderes als in Deutschland.

Russen geben Entfernungen in Zeitzonen oder in Eisenbahnstunden an. Von Moskau bis Perm fährt man 25 Stunden oder zwei Zeitzonen, bis Wladiwostok ist man mehr als eine Woche unterwegs, das sind acht Zeitzonen. Von Perm nach Jekaterinburg sind es nur acht Stunden, und es ist die gleiche Zeitzone. Für russische Verhältnisse also ganz in der Nähe. Meine Frau stammt aus Perm, eine Cousine lebt am Baikal, eine andere in Wladiwostok, ein gerade verstorbener Onkel lebte in Hamburg und eine Cousine wohnt am Schwarzen Meer. Das sind die Eckpunkte eines Vielecks, in dem noch Tanten, Onkel, weitere Cousinen, Neffen und Nichten in Moskau, St. Petersburg, in Chita, Irkutzk und Wladiwostok leben. Die Familie ist über ganz Russland verstreut und entsprechend oft sitzen alle Familienmitglieder im Zug. Das Telefonbuch meiner Frau ist eine Sehenswürdigkeit.

Russen sind Familienmenschen. Wenn sich Russen zu einem Familienfest treffen, dann sind sie oft eine Woche mit dem Zug unterwegs, und das für eine Feier, die gerade mal einen Tag dauert. Man trifft sich oft, mindestens einmal im Jahr zum Gedenken an die Verstorbenen, zum Besuch der Friedhöfe. Von Essen bis nach Berlin fahre ich so lange wie von einem Ende Moskaus bis zum anderen. Nicht mit der Metro, die schafft das in zwei Stunden. Aber mit dem Auto ist man viele Stunden unterwegs. Man sollte sicherheitshalber eine längere Verschnaufpause auf dem Roten Platz einplanen.

Auf längeren Reisen sollte man den Kontakt zu den russischen Mitreisenden suchen. Das ist sehr einfach, Russen sind sehr kontaktfreudig. Vor der Sprache braucht man keine Angst zu haben, viele Russen sprechen etwas Englisch, und die Älteren sprechen häufig auch etwas Deutsch. Also zehn bis zwanzig Wörter Russisch, die hat man schnell gelernt, und Zeit genug hat man auch. Oder man sucht sich einen Schachspieler, da kommt man sogar ganz ohne Sprachkenntnisse aus. Die Züge haben auf längeren Strecken nur Schlafwagenabteile. Auf kurzen Strecken, ein oder zwei Stunden, sitzt man, auf langen Strecken schläft man. Wenn man nicht schläft, isst man, oder man trinkt. Eisenbahnfahrten in Russland sind extrem langweilig. Von Moskau bis Wladiwostok? Das geht nicht ohne Wodka.

Meine neuen russischen Freunde

Vor vielen Jahren, Gorbatschow war gerade drei Jahre Generalsekretär der KPdSU, fuhr ich von Moskau nach St. Petersburg. Den Eisernen Vorhang gab es nicht nur zwischen den Staaten, es gab ihn in den Köpfen, er war auch in meinem Kopf vorhanden. Die mitreisenden Russen beachteten mich anfangs wenig, als sie merkten, dass sich mein Russisch auf wenige Wörter beschränkte. Bis ein kleines Mädchen auf meinen Schoß kletterte. Die Großmutter des Mädchens, die Babuschka, fing an, erst das Mädchen und dann mich zu füttern. Wenn Russen reisen, schleppen sie Unmengen Lebensmittel mit. Das sind nicht nur belegte Brote, das sind gebratene Hühner, große Gläser mit mariniertem Gemüse, Pirogen, gekochte Kartoffeln und natürlich Wodka. Als der Zug nach sechs Stunden in St. Petersburg einlief, war ich reichlich satt, ziemlich angetrunken, und meine neuen Freunde hatten mir ihre Telefonnummern gegeben - ich sollte mich doch unbedingt mal melden. Dass ich kaum Russisch sprach, war allen und auch mir inzwischen entfallen.

Die Transsib fährt aus Moskau kommend über Perm weiter Richtung Osten und hält eine Stunde hinter Perm in einem kleinen Dorf namens Chornaija. Ich habe nie ergründen können, weshalb der Zug dort hält, es ist aber praktisch, weil mein Schwager, der Bruder meiner Frau, dort wohnt. Auf einer Fahrt zu meinem Schwager blieb der Zug auf offener Strecke stehen. Wir Deutsche werden in solchen Momenten nervös - Russen ignorieren so etwas. Mitreisende Kleinkinder bekamen zur Beruhigung von ihren Müttern die Brust, Lebensmittel aus großen Taschen wurden ausgepackt und freigiebig an die Sitznachbarn verteilt, Wodka-Flaschen kreisten, Reiseschachbretter wurden hervorgeholt. Es ist völlig unmöglich, sich der Beköstigung, der Wodka-Flasche, der Teilnahme an einem Schachturnier, kurz gesagt, sich der Herzlichkeit zu erwehren. Russen scheinen nicht nur gastfreundlich, sie sind es.

Im vergangenen Jahr reiste ich mit meiner Frau von Perm nach Jekaterinburg, nach russischen Vorstellungen ein Katzensprung. Wir saßen in der riesigen Wartehalle des Bahnhofs, warteten auf unseren Zug nach Jekaterinburg. Der Bahnhof ist so richtig schön sowjetisch nostalgisch. Er wurde in den dreißiger Jahren erbaut und ist wunderbar mit Kronleuchtern und bunten folkloristischen Malereien an den Stuckdecken ausgestattet, ähnlich den Metrostationen in Moskau. An einer Wand der Wartehalle hängen zwei überdimensionale Anzeigetafeln, die jedem europäischen Großflughafen zur Ehre gereichen würden. Die rechte Tafel zeigt die Zeiten für die Bahnsteige rechts, die linke Anzeigetafel die der linken. Das sollte man nicht zu wörtlich nehmen, denn es kommt oft vor, dass ein rechts angezeigter Zug links abfährt und umgekehrt. Der Russe weiß so etwas, ich hatte anfangs Probleme damit. Beeindruckend sind die angezeigten Endziele der Anzeigetafeln. Da liest man Namen wie Wladiwostok, Peking, Seoul, Astana in Kasachstan, Moskau und Warschau. Zu vielen der angezeigten Ziele ist man nicht Tage, sondern Wochen unterwegs. Die angegebenen Zeiten entsprechen der Zeitzone Moskaus.

Birken, Birken, Birken!

23 Uhr, unser Zug ist eingefahren. Wir gehen zu unserem Waggon. Beim Einstieg werden unsere Fahrkarten und Pässe kontrolliert. Die Angst vor dem Terrorismus hat Russland nicht ausgespart, die Kontrollen sind sehr gründlich. Wir steigen ein und werden zu unserem Abteil geleitet. Wirklich geleitet, die Mühe macht man sich gern bei der russischen Eisenbahn. Der ganze Zug hat das Flair der dreißiger Jahre und ist blitzsauber. In unserem Zug sind die Sitze und Betten der Coupes mit grünem Samt bezogen, Mahagoniholz an den Wänden, unter dem Fenster haben wir einen kleinen Mahagonitisch, kunstvoll geschnörkelte Messinghaken an den Wänden. Ein paar antik gestaltete Leselampen runden das Bild ab. Auch ein Vierer-Coupé ist so ausgestattet, das ist russischer Standard. Die Züge sind sehr komfortabel. Dafür sind sie im Vergleich zum Flugzeug auch relativ teuer.

Wir richten uns ein, beziehen die Betten mit weißen Laken. Tee wird serviert. Tee kann man 24 Stunden über bestellen. Von Perm bis Jekaterinburg sind es rund 500 Kilometer. Der Zug fährt sehr langsam, und am nächsten Morgen gegen 8 Uhr erreichen wir Jekaterinburg. Eine Nachtfahrt, ich habe nicht viel von der Landschaft gesehen. Der Bahnhof von Jekaterinburg ist noch bombastischer als der von Perm. Er stammt auch aus den dreißiger Jahren, ist aber in noch besserem Zustand. Das gilt für ganz Jekaterinburg, für die Straßen und den öffentlichen Nahverkehr. Ein Grund ist wohl, dass der frühere Präsident Jelzin aus Jekaterinburg, damals Sverdlovsk stammt. Er hat gut für seine Heimatstadt gesorgt.

Wir fahren am gleichen Nachmittag zurück nach Perm, und ich bewundere die Landschaft. Viel ist nicht zu sehen, weite endlose Wälder, Birken - Birken - Birken, zur Abwechselung mal Tannen, einzelne kleine Dörfer.

An einigen Dörfern hält der Zug, ich sehe Fördertürme der Bergwerke. Wir durchqueren die riesigen Rohstoffreserven Russlands. Minenarbeiter steigen zu. Ab und zu sehe ich Überbleibsel aus sowjetischen Zeiten, Hammer und Sichel aus Beton, ein großes Leninstandbild. So ganz sind die politischen Veränderungen in den Regionen weiter weg von Moskau noch nicht angekommen. Die Russen sind Pragmatiker, sagen sich: Warten wir mal ab, was noch so alles kommt. Man weiß ja nie, vielleicht brauchen wir den Lenin und sein Standbild noch einmal. Oder Hammer und Sichel.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.