Fotostrecke

Ostdeutsche Urlaubs-Tristesse: Real existierendes Reiseland

Foto: Siegfried Wittenburg

Ostdeutsche Urlaubs-Tristesse "Über der DDR ein Deckel aus Beton"

Geschlossene Restaurants, marode Schlösser, kranke Wälder: Mit seinem Trabant 601 de luxe reiste der Fotograf Siegfried Wittenburg im September 1987 durch Ostdeutschland. Er lichtete einen sterbenden Staat ab.

"Guten Tag. Haben Sie im kommenden Jahr vom 1. zum 2. September noch ein freies Doppelzimmer?" Es war das dritte Hotel in Cottbus, das ich anrief. Mehr Hotels gab es dort laut Telefonbuch nicht. "Ein Zimmer wäre noch frei", sagte eine ferne männliche Stimme. Es kostete 25 Mark - ich buchte sofort.

Es war Oktober 1986 und ich begann, fast ein Jahr im Voraus, eine zweiwöchige Urlaubsreise durch die DDR zu organisieren, die meine Frau und ich mit dem neuen PKW Trabant 601 de Luxe unternehmen wollten. Im sogenannten Ostblock gab es für uns noch einen weißen Fleck: die DDR.

Ich telefonierte die geplanten Stationen nach Hotels ab, die ich mir auf dem Postamt aus den Telefonbüchern abgeschrieben hatte. Auch in Zittau hatte ich Glück und bestellte für drei Nächte ein Doppelzimmer mit Waschbecken, fließend warmem und kaltem Wasser sowie Toilette auf dem Flur. Eine Dusche gebe es nicht, hörte ich, doch im Warmbad der Stadt könne man sich eine Badewanne mieten.

In Dresden war ich weniger erfolgreich: Alle Hotels und privaten Unterkünfte waren ausgebucht. Das Gleiche galt für Karl-Marx-Stadt, Weimar und Leipzig. Ich schrieb Bekannte und Verwandte an und wir erhielten die Zusage, auf der Gästematratze zu schlafen. Bei Problemen, so planten wir, war die DDR klein genug, um innerhalb eines Tages wieder zu Hause in Rostock zu sein.

Überall lauernde Volkspolizisten

Erste Station unserer Reise im September 1987: die Hauptstadt der DDR. Der Trabi brachte auf der Autobahn mit Rückenwind 115 Stundenkilometer zustande und wir überholten die westlichen Markenautos, die sich streng an die Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h hielten. Die Insassen sahen etwas verstört zu uns herüber - bis uns ein Sportwagen in die rechte Spur hupte und beim Vorbeifahren seinen Motor aufheulen ließ.

Nach wenigen Kilometern sahen wir, wie der Fahrer in Gegenwart der Volkspolizei sein Portemonnaie zückte, um uns wenig später erneut zu überholen. Unsere Geschwindigkeitsüberschreitung indes interessierte die überall lauernden Volkspolizisten nicht im Geringsten.

Im Ostteil der Stadt erlebten wir in der Zionskirche ein Konzert mit dem regimekritischen Liedermacher Stephan Krawczyk. Die Texte seiner Songs weckten bei mir Gedanken, die ich mir nie zuvor gemacht hatte. Und mir stockte der Atem, als ich die Fotoausstellung meines Berufskollegen Harald Hauswald sah: Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass solche Bilder jemals in der DDR veröffentlicht würden. In einer Kirche jedoch war das möglich. Wir nahmen an Gesprächsrunden teil, die sich mit den Themen Politik, Kernkraft und Umwelt beschäftigten. Die Frage, die uns umtrieb, lautete: Wie geht es nach dem Ende der DDR weiter?

Fotostrecke

Ostdeutsche Urlaubs-Tristesse: Real existierendes Reiseland

Foto: Siegfried Wittenburg

An jenem Wochenende, von der oppositionellen "Kirche von Unten" in einer Zeit organisiert, als von Moskau ein frischer Wind namens Glasnost und Perestroika wehte und über der DDR ein Deckel aus Beton befestigt schien, erlebte ich den Anfang vom Ende des SED-Staates.

Wegen Ruhetag geschlossen

War es in Berlin noch möglich, relativ unkompliziert in einem Restaurant zu speisen, so entwickelte sich in Cottbus die Nahrungsaufnahme zum Problem: Es war Montag und die Restaurants hatten geschlossen. Ruhetag. In der Mitropa-Gaststätte am Bahnhof gab es kalte Schnitzel mit Weißkraut und Kartoffelsalat. Die Betten im kleinen, schmalen Hotelzimmer standen hintereinander an einer Wand mit vergilbter Blümchentapete. Die Matratzen waren vermutlich älter als die DDR.

Das nächste Ziel war der von Fürst Pückler angelegte Park in Bad Muskau. Durch die Anlage führten zwar hübsche Wege, doch das 1945 zerstörte Schloss war eine Ruine. An der Neiße war der Spaziergang zu Ende. Wir standen unmittelbar an der östlichen Grenze der DDR zur Volksrepublik Polen. Seit Dezember 1981 war sie für DDR-Bürger geschlossen. Wir dachten an unsere Freunde im Land auf der anderen Seite des Flusses.

Am Abend erreichten wir Zittau im Dreiländereck, eine einst blühende Stadt in der Oberlausitz mit über 40.000 Einwohnern. Die ehemals prächtigen Gebäude waren heruntergekommen, die Restaurants geschlossen. Auch der Dienstag war Ruhetag. Wiederum am Bahnhof erstanden wir Kartoffelsalat mit Bockwurst. Um uns zu waschen, mussten wir ins städtische Warmbad, das unverändert der Weimarer Republik zu entstammen schien. Ein Wannenbad hinter einem Vorhang aus Plastik kostete zwei Mark, die Fliesen waren teilweise von den Wänden gefallen.

Da eine Besichtigung der maroden Stadt mit ihren leeren Geschäften keinen Spaß machte, wanderten wir ins Zittauer Gebirge. Doch auch dort empfing uns pure Tristesse: Das Freibad, das Bergrestaurant und die Souvenirläden waren geschlossen - mitten im September. Auf einer Wanderung durch den Wald stießen wir auf Zonen mit abgestorbenen Nadelbäumen, woran die Industrie der CSSR auch ihren Anteil hatte. Deprimiert flüchteten wir nach Dresden.

150 West-Mark

"Elbflorenz" empfing uns mit dem drögen Charme einer DDR-Bezirksstadt. Wir fragten in der zentralen Zimmervermittlung nach einer Bleibe und erhielten eine abschlägige Antwort. Auch das Interhotel am Bahnhof war komplett ausgebucht. Mit Gedanken an die Heimreise verließen wir das Büro - und trafen vor der Tür ein älteres Ehepaar, das auf ratlose Gäste der Stadt zu warten schien. Sie boten uns ein Zimmer an, für 50 Mark die Nacht. Begeistert buchte ich für drei Nächte. Sie überließen uns in ihrer Privatwohnung ihr bürgerlich eingerichtetes Schlafzimmer: Wir waren glücklich, bis zum Tag der Abreise.

Als ich unseren Gastgebern am Ende des Urlaubs wie vereinbart drei Scheine à 50 Mark überreichte, sahen sie mich verständnislos an und wiesen das Geld zurück. Die Gastgeberin sagte: "Ihre Übernachtung kostet 150 D-Mark!" Ich fragte: "Wie bitte? Westmark?" Ihre bisher sehr freundliche Stimme wurde eisig: "Ja, 150 D-Mark!" Ich sagte, dass ich weder D-Mark verdienen würde, noch D-Mark hätte, noch D-Mark das offizielle Zahlungsmittel in der DDR wäre. Fassungslos legte ich die roten Scheine mit dem Friedrich-Engels-Porträt auf den Tisch, nahm das Gepäck und verließ mit meiner Frau die Wohnung.

Der Trabi holperte über die verschlissenen Autobahnen durch den Süden der DDR. Erstmals sah ich den Staat, wie ich ihn bisher nie wahrnehmen konnte: Wir erlebten Menschen, die sich wenig Gedanken machten, in ihren Neubauwohnungen mit ihren Kindern und einem Kleingarten glücklich waren.

Dann gab es jene, die sich um den Zustand des Staates und ihr Leben Sorgen machten und aktiv wurden. Und schließlich jene, die in einer verblendeten Art und Weise optimistisch an eine Zukunft im Sozialismus glaubten. Sie sagten, es gebe doch so viele Orte in der DDR, die wunderschön seien und an denen es betriebliche Ferienplätze gebe. Ich fragte, ob sie jemals eine Reise durch diese DDR gemacht hätten. Die aufrechten Sozialisten verneinten. Die Gegend von Magdeburg, Bitterfeld, Halle und Erfurt wollten wir später bereisen.

Doch bevor wir diese Tour unternehmen konnten, war der Staat kollabiert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.