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Goldwater-Wahlkampf: Der Körper als politische Waffe

Foto: Art Rickerby / The LIFE Picture Collection / Getty Images

Republikaner-Kandidat Barry Goldwater Fiasko eines Kreuzzüglers

Im US-Wahlkampf 1964 kaperte der Rechtspopulist Barry Goldwater die Republikanische Partei und wurde Präsidentschaftskandidat. Er scheiterte, doch die Parallelen zu Trump sind verblüffend.

Mit strengem Blick und aufgerichtet verkündete US-Senator Barry Goldwater im Juli 1964 auf dem Republikaner-Konvent in Daly City, Vorstadt von San Francisco, den Kernsatz seiner Botschaft: "Extremismus in der Verteidigung der Freiheit ist kein Verbrechen." Die meisten Delegierten brachen begeistert in Beifall aus. Sie bereiteten dem Redner eine stehende Ovation.

Goldwater wollte Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden. Das gelang ihm mit seiner Rede, in der er zu "Enthusiasmus" und "harter Arbeit" aufrief. "Die Straßen" in den USA, forderte er, müssten wieder "sicher" werden vor dem "Mob". Die Amerikaner, so Goldwater, müssten dem "Ansturm des Kommunismus" trotzen. Denn die USA dürften "kein Land des Kollektivismus" werden.

Erstmals setzte sich ein Mann vom rechten Rand der Partei als Präsidentschaftskandidat an die Spitze der Republikaner - fünf Jahrzehnte bevor Donald Trump die Partei kaperte.

Krasse Vereinfachungen

Bei einem Großteil der Republikaner genoss der aus einer jüdischen Familie stammende Goldwater Respekt. Er gehörte seit 1953 dem Senat an, war als Unternehmer erfolgreich und in der Luftwaffe vom Piloten zum Generalmajor der Reserve aufgestiegen.

Goldwater entwarf das dramatische Szenario eines Landes im Endkampf: "Die Zeit läuft gegen die Freiheit". Es gelte, die Menschen für die "Sache der Freiheit" zu mobilisieren, gegen den "kommunistischen Imperialismus".

Fünf Jahre zuvor hatte in Kuba, vor der Haustür der USA, die Revolution mit Fidel Castro gesiegt. Castro hatte sich immer mehr der Sowjetunion angenähert. Zulauf hatten linke Revolutionäre, unterstützt von Moskau, auch in den Dschungeln Vietnams. Dort beschützten US-Soldaten ein korruptes Regime im Süden des Landes, das den Kommunisten die Menschen in Massen zutrieb.

Doch Differenzierung war Goldwaters Sache nicht. Der Rechtsaußen setzte auf krasse Vereinfachungen. Liberale Kräfte in der Partei unterschätzten ihn. Bis zum Konvent im Juli 1964 hofften sie, ihn stoppen zu können.

Amerika wieder groß machen

Goldwater hatte zu den engen Freunden des ultrarechten Senators Joseph McCarthy gehört. Der hatte in der nach ihm benannten McCarthy-Ära in den USA antikommunistische Hysterie geschürt. Die Kampagne begann mit dem Kalten Krieg 1947 und richtete sich gegen linke Intellektuelle im weitesten Sinne.

Doch diese Zeit schien vorbei. McCarthy war 1957 gestorben. Die Zeichen schienen auf Entspannung zu stehen, auch außenpolitisch.

Dennoch unterlag der gemäßigte Gouverneur von Pennsylvania, William Scranton, dem rechten Herausforderer Goldwater auf dem Republikaner-Konvent mit 214 gegen 883 Stimmen. Zum Sieg Goldwaters trug das Bedürfnis vieler Republikaner bei, die Weltkriegs-Siegermacht Amerika wieder groß und stark erscheinen zu lassen.

So wurde Goldwater Präsidentschaftskandidat der Republikaner zu den Wahlen im November 1964. Er wollte dem amtierenden demokratischen Präsidenten Lyndon B. Johnson das Amt streitig machen. Johnson war im Vorjahr nach dem Mord an John F. Kennedy Präsident der Vereinigten Staaten geworden.

Bedürfnis nach einem starken Mann

Dass mit Goldwater erstmals ein Rechtspopulist Spitzenkandidat der Republikaner werden konnte, lag nicht nur an der Schwäche des liberalen Flügels. In der US-Gesellschaft hatten sich rund zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Probleme angehäuft. Es wuchs die Sehnsucht nach einfachen Lösungen und einem starken Mann.

Barry Goldwater als trainierter Schwimmer

Barry Goldwater als trainierter Schwimmer

Foto: Arizona State University

Die staatlichen Ausgaben für Wohlfahrt - nach europäischen Maßstäben eher bescheiden - waren gestiegen, ohne dass die Armut von Millionen verschwand. Das materielle Elend und die gesellschaftliche Diskriminierung von Millionen Afroamerikanern hatte zu einer breiten Protest- und Bürgerrechtsbewegung geführt. Im New Yorker Stadtteil Harlem kam es im Juli 1964 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, nachdem ein weißer Polizist außerhalb des Dienstes einen schwarzen Jugendlichen erschossen hatte.

Vor diesem Hintergrund beschwor der Werbefilm Goldwaters "Choice" im Präsidentenwahlkampf 1964 "zwei Amerika", das eines "Traums, der immer noch in unseren Herzen ist" und das eines "Albtraums" von Straßenkrawallen, "Unmoral, Kriminalität, Gewalt".

Goldwaters Propagandafilm zeigte ausgelassen tanzende Jugendliche und warnte vor "moralischem Niedergang" und dem "Krebs der Pornografie". All das, hieß es im Werbefilm, werde sich ändern, erklänge erst im Weißen Haus die "starke, laute und furchtlose Stimme" von Goldwater.

Der vermied bei allem Radikalismus offen rassistische Töne. Doch er gab den Rassenhassern vor allem im Süden der USA Auftrieb. Denn er behauptete, die Kinder der Schwarzen in den USA hätten auf den Besuch der Schulen der Weißen "keinen bürgerrechtlichen Anspruch, der durch die Bundesverfassung geschützt wäre oder durch die Bundesregierung erzwungen werden könnte".

Gegen den "Triumph des Bösen"

Der republikanische Präsidentschaftskandidat appellierte an die "anständigen Menschen, die entschlossen sind, den Triumph des Bösen zu verhindern".

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Goldwater-Wahlkampf: Der Körper als politische Waffe

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Außenpolitisch forderte Goldwater, Amerika müsse "den Sieg über den Kommunismus zum nationalen Hauptziel erklären". Goldwater plädierte für einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion. Und er wandte sich gegen das 1963 von den Außenministern der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion in Moskau unterzeichnete Abkommen über die Einstellung aller Versuche mit Atomwaffen.

Diese Haltung brachte ihm durch die Demokraten den Vorwurf ein, er riskiere einen Nuklearkrieg. Goldwater rief im Wahlkampf unermüdlich zu einem "Kreuzzug" gegen die Kommunisten auf. Obwohl im April 1961 eine von der CIA unterstützte Invasion auf Kuba in der Schweinebucht gescheitert war, forderte Goldwater eine erneute Intervention auf der Karibikinsel. Kubas Führer Fidel Castro höhnte in einer Rede in Havanna über Goldwater: "Hoffentlich befindet er sich in der ersten Reihe der Eindringlinge."

Goldwater beschwor filmreife Eskalationsszenarien. Dazu passte, dass in seiner Wahlkampagne auch berühmte Filmhelden auftraten. Als Wahlkampfredner für Goldwater engagierte sich Ronald Reagan, dem Wahlvolk auch als Westernheld ("Die Hand am Colt") bekannt.

Reagan wetterte gegen die "Steuerlast" und Wohlfahrtszahlungen. Er versprach, Goldwater werde "den Vormarsch des Sozialismus in den Vereinigten Staaten stoppen". Denn die Demokratische Partei sei auf dem Weg, bald "unter dem Banner von Marx, Lenin und Stalin" zu marschieren.

Solche gnadenlosen Überzeichnungen des Gegners waren typisch für die Goldwater-Kampagne. Mit Barry Goldwater zog ein Hauch von "High Noon" über das Land.

Mit John Wayne in den Wahlkampf

Auch Kino-Star John Wayne ("Bis zum letzten Mann") unterstützte Goldwaters Wahlkampf. Im Propagandafilm "Choice" setzte er mit Cowboyhut den Schlussakkord. John Wayne rief zum letzten Gefecht am Wahltag: "Ihr habt es in der Hand!"

Wayne war Mitglied der rechtsradikalen John Birch Society, benannt nach einem 1945 in China getöteten US-Agenten. Die John Birch Society gehörte zu den ultrarechten Hilfstruppen, die Goldwater für seinen Wahlkampf einspannte. Die John Birch Society pflegte ein paranoides Weltbild von einer allgegenwärtigen kommunistischen Verschwörung. 1961 hatte deren Chef Robert Welch behauptet, fast die gesamte Regierung der USA würde von Kommunisten kontrolliert.

Dass auch er zu absurden Thesen neigte, bewies Goldwater am 30. Juni 1964 in einem SPIEGEL-Gespräch (SPIEGEL 28/1964). Darin urteilte er: "Wenn Deutschland nicht in beiden Kriegen unter dem Oberbefehl von Männern - oder von einem Mann - gestanden hätte, die vom Kriegführen nichts verstanden, dann hätte Deutschland beide Kriege gewonnen."

Goldwater-Begeisterung bei der NPD

Mit diesen Thesen machte sich Goldwater auch bei deutschen Rechtsextremisten beliebt. Zwei seiner Bücher, "Warum nicht Sieg?" und "Das Gewissen eines Konservativen", erschienen in deutscher Übersetzung im ultrarechten Verlag K.W. Schütz. Der gehörte dem früheren SS-Hauptsturmführer der Leibstandarte "Adolf Hitler" Waldemar Schütz, Mitglied im Gründungsvorstand der NPD.

Auch im heimischen Phoenix in Arizona, wo er ein Kaufhaus besaß, lockte Goldwater militante Rassisten an. Im Kellergeschoss dieses Gebäudes ließ Goldwater ultrarechte Vereine wie die "Antikommunistische Bewegung Arizonas" tagen. Auf solchen Versammlungen wetterten rechte Extremisten gegen die "Bastardisierung" der "Rassen".

Unterstützung fand Goldwater auch in Kreisen von Großunternehmern im Westen der USA. Zu ihnen gehörten ein Groß-Rancher, ein Druckerei-Eigner und mehrere Öl-Unternehmer.

Das tragende Bündnis der Goldwater-Kampagne, so damals der liberale amerikanische Journalist Fred J. Cook, bestehe aus einer "verhängnisvollen Koalition aus Honorigkeit und Radikalismus in der modernen amerikanischen Gesellschaft". Cook analysierte in seinem 1965 bei Rowohlt erschienenen Buch "Die rechtsradikalen Mächte in den USA und Goldwater" detailliert dessen Aufstieg zum Präsidentschaftskandidaten.

Goldwater bemühte sich, mit großsprecherischen Reden seine in außenpolitischen Fragen überwiegend naiven Landsleute zu manipulieren. In seiner Kampagne war die Grenze zwischen Helden und Filmhelden so fließend wie die zwischen politischem Programm und hysterischer Inszenierung. Er versuchte, die Denk- und Gefühlswelt der Amerikaner mit Wechselbädern aus Harmonie-Kitsch vom amerikanischen Traum und apokalyptischen Bildern von der roten Gefahr zu beeinflussen. Doch er scheiterte am Wahltag.

Am 4. November 1964 stimmten lediglich 38,5 Prozent der US-Wähler für Goldwater, während 61,1 Prozent für den amtierenden Präsidenten Lyndon B. Johnson votierten. Es war ein Fiasko für den rechten Kreuzzügler. Ihm war es nicht gelungen, die Mitte der Gesellschaft zu gewinnen. Er hatte das liberale Spektrum der Republikaner vergrault und die Wähler der Demokratischen Partei mobilisiert, zum Widerstand gegen den rechten Hardliner.

Populär blieb Goldwater im heimischen Arizona, wo er 1968 erneut in den Senat gewählt wurde, dem er bis 1987 angehörte. Er starb 1998. Sein rhetorisch geschicktester Wahlkampfhelfer Ronald Reagan wurde im November 1980 zum US-Präsidenten gewählt. Zu den aktiven Unterstützern seines Wahlkampfs gehörte auch Senator Goldwater.