Republikflucht "Vater, was sollte das?"

"Ne ambasáda, Ehrenwort!" Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs zwischen Ungarn und Österreich am 27. Juni 1989 nutzen tausende DDR-Bürger die Gelegenheit zur Flucht. Der 19-jährige Karl Siegemund muss den Grenzposten versprechen, nicht zu flüchten.

Massenflucht von DDR-Bürgern nach Österreich: Österreichische Grenzbeamte öffnen ein Grenztor.
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Massenflucht von DDR-Bürgern nach Österreich: Österreichische Grenzbeamte öffnen ein Grenztor.


16.40 Uhr fährt mein Zug vom Hauptbahnhof. 700 ungarische Forint habe ich bei mir, ein paar tschechische Kronen, dazu 96 D-Mark. Der Bahnhof ist nicht mehr so voll wie am Donnerstag, als ich schon einmal hier war. Damals kampierten Hunderte vor der großen Anzeigetafel, bewacht von Schutz- und Transportpolizei. Heute sind nur die Gleise der Züge nach Süden bewacht. Ich zeige dem Polizisten meine Fahrkarte nach Budapest, gültig ab 8. Oktober 1989, inklusive Rückfahrt bis 7. Januar 1990. Ich habe nicht vor, die Rückfahrt anzutreten.

Das Fahrradabteil befindet sich direkt hinter der Lok. Ich wuchte mein Rad in den Wagen. Dann esse ich ein Stück Traubenzucker aus der Tüte. Der Zug fährt an, fast pünktlich. Ich überlege, wo ich aussteigen soll. Bad Schandau? Schöna? Ich beschließe, faul zu sein. Draußen wird es langsam dunkel. Der Zug steht einige Minuten in Schandau. Vielleicht doch hier? Nein, es geht weiter. Drei Uniformierte kommen durch den Wagen. Schutzpolizei, wo ich herkäme? Aus Dresden. Nach Budapest unterwegs. Hier ist meine Reiseanlage. Gültig zur einmaligen Ausreise nach Ungarn über VR Polen, ?SSR, VR Ungarn, VR Rumänien. Die Ausreisebestimmungen für die ?SSR sind geändert, ob ich das wüsste? Ja, aber ich will ja nach Ungarn. ?SSR ist nur Transit. Mit dem Rad? Ja, weitgehend, aber Teilstrecken immer wieder mit dem Zug. Mit dieser Fahrkarte. Der Zug hält in Schöna. Ich muss raus. Die Fähre nach Schmilka ist dort unten! Danke.

Packen Sie mal Ihr Gepäck aus!

Ich überlege, was ich mit den D-Mark machen soll. Luft ablassen und unter die Reifen schieben? Ich stecke die Scheine in meine Traubenzuckertüte. Das wird reichen. Volkspolizei, Fahndung! Direkt von der Fähre soll ich in ein kleines Büro. Ja, Siegemund ist mein Name. Ob ich wüsste, was in Dresden los ist? Die zwei Züge am Dienstag und Donnerstag meinen Sie? War ich auch da am Hauptbahnhof? Ja, am Donnerstagnachmittag nach der Arbeit. Die Fenster über dem Nordeingang teilweise zerschlagen. Warum ich da gewesen sei? Ein Kollege hätte berichtet am Donnerstagmorgen. Kein Reinkommen, alles voller Menschen und viel Polizei. Also wollten wir schauen, wie's aussieht. Ich war da auch im Einsatz. Alles Verrückte! Die haben uns angegriffen! Packen Sie mal Ihr Gepäck aus!

Campingsachen? Ja ich will eine Radtour machen, nach Ungarn zur Weinlese. Ich halte die Traubenzuckertüte in der Hand und nehme ein Stück. Frechheit siegt. Alles wieder einpacken! Sie haben Glück, dass Sie nicht mit dabei waren am Dienstag und Donnerstag.

Die kühle Abendluft trocknet den Schweiß auf Stirn und Rücken. 19.20 Uhr. Ein rundes Schild mit rotem Rand steht an der Straße: Zoll/Clo. Stellen Sie Ihr Rad ab, und kommen Sie mit dem Gepäck hier rein! Was haben Sie mit? Alkohol? Devisen? Die Fahrradtaschen nehmen wir mit zum Röntgen. Leeren Sie Ihre Hosen- und Jackentaschen hier auf den Tisch! Zeigen Sie mal die Bonbontüte!

Vater, was sollte das?

Was ist das? Was wollen Sie mit Valuta? Ich war dieses Jahr schon mal in Ungarn. Ich hatte nicht mehr genug Forint. Und Forum-Schecks? Was wollen Sie denn mit Forum-Schecks? Die hab ich vergessen rauszunehmen. Raus zu Ihrem Fahrrad! Schrauben Sie mal den Sattel und den Lenker ab! Der Zöllner leuchtet mit einer Taschenlampe in die Stahlrohre. Langsam zieht er ein Bindfadenknäuel aus der Sattelstütze. Vater, was sollte das?

Jetzt fischt er zwei 100-D-Mark-Scheine aus dem Rohr. Von denen wusste ich nichts! Die muss mir mein Vater reingetan haben! Wir werden Ihre Eltern anrufen. Wie ist ihre Nummer? Meine Eltern haben kein Telefon. Hier hab ich zwei Nummern aus unserem Haus. Die zweite gehört aber einer alten Frau, die ist 85. Sie gehen da hinein und ziehen sich aus. Leibesvisitation. Ich glaube nicht, dass der Zoll wirklich erwartet hat, in meinem Hintern was zu finden. Aber Vorschrift ist Vorschrift. Und Routine demonstriert der Zöllner mit knappen Anweisungen und schnellem Griff. Jetzt sitze ich allein in dem kahlen Raum auf dem Stuhl, der mich so an ein Klassenzimmer erinnert. Es ist das letzte Mal, dass ich aus Überzeugung bete. Ich will hier raus.

Ich denke an Saskia. Vier Menschen wissen, was ich vorhabe: mein Vater, der alles organisiert hat, Hanno, der in Stuttgart auf mich wartet, Christoph, der nächste Woche fahren will, und die 16-jährige Saskia, von der ich nicht weiß, ob ich sie liebe, ob sie mich gern hat oder ob wir uns einfach treffen, weil sonst niemand da ist. Sie interessiert wohl nicht, was ich über Stanislaw Lem erzähle, über Fraktale und Lagrange-Punkte. Aber meine kleinen Geister, die ich ihr unter meine Briefe gezeichnet habe, mag sie. Dafür klebt sie mir Blumenbilder auf ihre Briefe. Alle, die ich kenne, gehen. Jetzt du auch, war ihre Reaktion, als ich ihr sagte, was ich vorhabe. Ich werde ihr aber weiter schreiben. Ganz sicher.

22.14 Uhr hört die DDR für mich auf zu existieren

Es ist 21.50 Uhr. Der Zöllner kommt herein. Ziehen Sie sich an, wir haben angerufen. Niemand hat angerufen, werden mir später meine Eltern sagen. Als ich meine Sachen auf das Rad packe, frage ich den Zöllner: Wie haben wir gespielt? Warten Sie! Er kommt zurück und händigt mir die Beschlagnahmequittung aus: 290 DM in bar und 15 DM in FORUM-Schecks. Nach Schwarzmarktkurs sind das drei Monatsgehälter meines Vaters. Die Reifen wären doch eine gute Idee gewesen. Vielleicht hätte der Zoll dann auch nicht die Sattelstütze inspiziert. 2:1 gegen die Sowjetunion. Die Chancen auf die WM wieder da? So sieht es aus. Mit den Gedanken scheint er ganz woanders. Ich fahre nach Hrensko. Um 22.11 Uhr erreiche ich den tschechoslowakischen Zoll. Um 22.14 Uhr hört die DDR für mich auf zu existieren.

12.000 Menschen sind vor dem Dresdner Hauptbahnhof. Die Gruppe der Zwanzig bildet sich. Ich weiß davon nichts. Der nächste Zug nach Prag fährt von Decín-hlavní erst um fünf. 34 Kilometer bis Ustí, vielleicht habe ich da mehr Glück. 0.15 Uhr nach Prag! Wusste ich es doch. Wo ist die Gepäckannahme, damit ich das Rad aufgeben kann? Do Prahu! Zwei Polizisten hören mich tschechisch radebrechen. Mitkommen! Hoffentlich bin ich bis 0.15 Uhr zurück.

Auf der Policejní Stanice fragen sie: Praha? Ambasáda? Nein, ich kann nach Ungarn! Was will ich da in der Prager Botschaft? Sie lächeln wissend. Einer schüttelt hilflos den Kopf und zeigt mir einen Brief. - Komando. Die Polizisten telefonieren. Ich verstehe. Komando, Befehl ist Befehl. Ne ambasáda? Ne ambasáda, Ehrenwort! Der nächste Zug geht um 2.15 Uhr. Aber die Nacht könnte kälter sein. Ich rolle meine Isomatte auf einer Bank am Bahnsteig aus und versuche zu schlafen.

Sie schaut mich seltsam an

An den Gepäckschalter im Prager Hauptbahnhof gehe ich erst, nachdem ich mich umgesehen und versichert habe, dass kein Uniformierter in der Nähe ist. Das Restaurace hat noch geschlossen. 5.30 Uhr könnte ich Frühstück essen. Ein Zug nach Bratislava fährt um 7.10 Uhr. Bis dahin sitze ich im Wartesaal und denke an Saskia. Vielleicht hätte ich ihr meinen Hut zum Abschied schenken sollen. Sie sieht sowieso viel hübscher damit aus als ich. Im Abteil mit mir sitzen eine Frau und ihre beiden halbwüchsigen Kinder. Als die Schaffnerin kommt, finde ich meine Fahrkarte nicht mehr. Für meine letzten Kronen kaufe ich eine Nachlösekarte. Jetzt ist mir der Rückweg auch finanziell abgeschnitten. Die Frau schaut mich seltsam an. Sie ahnt sicher, was ich vorhabe.

Frank Neubert fährt gerade nach Leipzig, um beim Friedensgebet in der Nikolai-Kirche vom Treffen der Gruppe der Zwanzig mit Oberbürgermeister Berghofer zu berichten. Später wird er davon erzählen, dass an seinem Auto manipuliert worden war, sicher um einen Unfall zu provozieren, damit er in Leipzig nicht sagen kann, dass die Demonstration vom Vorabend vor dem Dresdner Hauptbahnhof friedlich verlaufen ist. Doch davon weiß ich nichts, genauso wenig davon, dass heute Abend die Montagsdemonstration die offizielle DDR in die Agonie stürzen wird.

Ich radle von Bratislava über die Donau in Richtung Rajka. Zwei Kilometer vor der Grenze ist eine Straßensperre. Meine Reiseanlage wird akzeptiert. Die Grenze passiere ich unbehelligt. Eigentlich will ich nach Mosonmagyaróvár. Doch in Bezenye steht ein Wegweiser: Hegyeshalom - Nickelsdorf (A). Ich kaufe an einem Kiosk etwas zu trinken. Dann biege ich rechts ab.

Wir hätten fernsehen sollen...

Die Grenzanlage ist gewaltig, bestimmt acht Spuren. Ich mache ein Foto. Die ungarischen Grenzbeamten lachen, als sie mich sehen. Die Österreicher winken. Ein Pfeil mit der Aufschrift Malteser weist nach rechts. Eine riesige Scheune aus Wellblech, davor jede Menge Autos mit DDR-Kennzeichen. Drin gibt es einen Strohfußboden und eine große Theke. Fünfzig Leute sitzen herum, essen, lachen, unterhalten sich. Ständig kommen mehr herein. Ich hole mir von der Theke warmen Tee und schaue mich um.

Sag mal, ich kenn dich! Aus der Holbein-Kaufhalle. Ja, ich war da Kassierer. Und woher kennst du mich? Ich bin gegenüber in die EOS gegangen und war oft in der Frühstückspause bei euch. Um 22 Uhr ist der Bus endlich da. 74 Leute steigen ein. Die anderen können mit dem eigenen Auto fahren. Mein Fahrrad verstaue ich im Gepäckraum. Auf geht es nach Wien.

Ich versuche, irgendwas draußen zu erkennen, aber ich sehe nur Autobahnen. In der Botschaft ist niemand mehr da, wir sollen direkt ins Hotel gefahren werden. Im Hotelrestaurant setze ich mich mit einem Mittzwanziger und zwei Frauen im gleichen Alter an einen Tisch. Die eine Frau erzählt von ihrem Exfreund. So dick sei seiner gewesen! Der Mann neben mir zuckt zusammen. Ich finde ihre braunen Augen lustig. Mit dem Mann teile ich mir ein Doppelzimmer. Es ist weit nach Mitternacht. Endlich richtig schlafen nach über 40 Stunden! Vielleicht hätten wir den Fernseher anschalten und Spätnachrichten schauen sollen. Aber wir wissen nichts von Leipzig.



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