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Retro-Rennräder: Ungebremstes Glück

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Retro-Rennräder Ungebremstes Glück

Ultraleichte Carbonrahmen und 20 Gänge: So treten die Rennrad-Gladiatoren bei der Tour de France an. Auf der Straße erleben derweil alte Stahlrahmen-Renner ein furioses Comeback - am liebsten ohne Gangschaltung und Bremse.

Jetzt geht sie wieder los, die Quälerei: An diesem Wochenende beginnt die Tour de France. Auf ultraleichten Carbon-Rennmaschinen mit 20 Gängen, die aussehen wie Zweiräder für einen Weltraumausflug, werden Männer mit verkniffenem Gesichtsausdruck im Wiegetritt steile Bergstraßen der ersten Kategorie hochknechten. Der Anblick wird keine Freude sein.

Jedenfalls nicht für echte Rennradfans. Und nicht wegen der leidenden Fahrer. Nein, vor allem wegen der 10.000 Euro teuren, im Windkanal designten Rennmaschinen, diesen übertechnisierten Gefährten. Viele von ihnen wirken so modern, so Hightech - und sind doch sowas von gestrig wie die gesamte, im Dopingsumpf versackte Tour.

Der Rennradfan von heute meidet atmungsaktive Leggings und Pulsmessgeräte unterm Hemd, und er schindet sich auch nicht. Er fährt lieber in Jeans und T-Shirt auf wunderschönen, klassischen Rennrädern mit schlanken Stahlrahmen, wie sie in den siebziger und achtziger Jahren gebaut wurden - Rennräder wie sie die wunderbare Jennifer Beals eins in "Flashdance" fuhr.

Rund um Retro-Rennräder mit ihren klassischen Schlappohrlenkern ist inzwischen eine eigene Kultur entstanden, die die Titanseligkeit der Tour-Radler völlig kalt lässt. "Das Faszinierende an alten Rennrädern ist das Handwerk, die Liebe zum Detail, mit der damals die Rahmen in Handarbeit zusammengesetzt wurden", schwärmt Gary Graham. Der 41-Jährige ist einer der beiden Besitzer von Keirin Berlin , einem Fahrradladen, der sich auf Klassikrenner spezialisiert hat. Als der Engländer 1988 von London nach Berlin zog, verdiente er seinen Lebensunterhalt als Fahrradkurier. Dann beschlossen er und sein Kompagnon Mortimer aus ihrer Liebe zu den Stahlrennern ein Geschäft zu machen. Heute gehören Fahrradboten ebenso zu ihren Stammkunden wie Rennradsammler aus ganz Deutschland.

Retro-Renner als Kunstwerke

In ihrem kleinen Laden in Kreuzberg reihen sich die Retro-Räder und Klassikerrahmen aneinander, ein Teil schöner als das andere. Darauf prangen Namen wie "Raleigh" oder "Colnago", "Gazelle" oder "Pinarello" - Radmarken, bei denen jedem Kenner das Herz aufgeht. Manche der Schmuckstücke sind auf Podesten ausgestellt wie Kunstwerke. So betrachtet man sie Detail für Detail, wie Skulpturen in einer Galerie.

Und plötzlich versteht man Grahams Begeisterung für das Handwerk der früheren Radhersteller. Auf einmal hat man nicht mehr nur ein simples Fahrrad vor sich, sondern eine perfekt aufeinander abgestimmte Einheit von ineinandergreifenden Einzelteilen: einen Rahmen mit handgefeilten Muffen, filigrane Felgen, Naben, Umwerfer und Pedale - sogar die Bremsgriffe sind mit ihren eingeprägten Logos und dem sanften Schwung des Hebels richtige, kleine Schätze.

Ein Name, eingeprägt in das glänzende Metall, begegnet einem beim Betrachten der Komponenten, immer wieder: Campagnolo. Der italienische Hersteller von Rennradteilen ist eine Legende. Tullio Campagnolo, der die Firma 1928 gründete, war selbst Rennradfahrer, doch die entscheidenden Impulse für den Sport gab er als Erfinder. Es war bei einem Rennen am 11. November 1927, als Campagnolo der Kragen platzte. Rennräder hatten zu dieser Zeit nur zwei Gänge. Um von einem in den anderen zu wechseln, mussten die Fahrer das Hinterrad ausbauen, umdrehen und wieder einbauen. Doch an diesem Tag war das so gut wie unmöglich. Mit eiskalten Fingern versuchte Campagnolo im Schneetreiben an einem Dolomiten-Pass die Flügelschrauben am Hinterrad loszudrehen - es dauerte eine kleine Ewigkeit. Kostbare Zeit in einem Rennen.


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"Skidden" und "Trackstand": Tricks auf dem Fixed-Gear-Bike


Ungebremstes Glück

Diesen Reinfall ließ der findige Radsportler nicht auf sich sitzen. Nur Monate später hatte er den Schnellspanner erfunden; seither lässt sich das Hinterrad durch einfaches Umlegen eines Hebels lösen. Doch Campagnolo wollte Gangwechsel noch leichter machen - und erfand 1930 die erste Kettenschaltung. Bis heute funktioniert diese Erfindung noch im Wesentlichen, wie Campagnolo sie damals ersann.

Wenn der 1983 verstorbene Rennradpionier wüsste, was die Hobby-Rennfahrer der jüngsten Generation mit ihren neuen alten Mühlen anstellen, würde er sich wohl im Grab umdrehen. Die nämlich verzichten immer öfter auf seine bahnbrechende Innovation: Wen heute das Rennradfieber packt, der fährt wieder ganz ohne Gangschaltung. "Singlespeed" nennt das der Experte, also eingängig. Nichts mehr mit schalten am Berg, bei Singlespeed wird immer mit derselben Übersetzung geradelt.

Manche treiben es mit der Askese sogar noch extremer: die "Fixed gear"-Fahrer. Bei dieser, vom Bahnradfahren inspirierten Variante wird außer auf die Gangschaltung auch noch auf den Freilauf verzichtet; im Zentrum des Hinterrades dreht sich dann nur eine starre Nabe. So laufen die Pedale immer mit, wenn sich das Hinterrad dreht - und wenn Fixed-Fahrer bremsen wollen, müssen sie sich mit der Kraft ihrer Beine gegen die Laufrichtung der Pedale stemmen. Das klappt nicht immer, weshalb viele von ihnen eine Notbremse an Bord haben: eine einsame kleine Handbremse, die auf das Vorderrad wirkt.

Weitrutsch-Wettbewerb für Rennradler

Auch der Trend zum Fixed-Fahren ging von Fahrradkurieren aus. Von dort hat es sich schnell verbreitet, denn es bietet einige Vorteile, wie Gary Graham findet: "Die Räder sind wenig attraktiv für Fahrraddiebe", erklärt er, "außerdem ist die Technik sehr übersichtlich." Es gibt schließlich keine Schaltkomponenten, keine Züge und Schalthebel, die gepflegt und geölt werden müssen. "Man muss nur manchmal die Kette fetten - das war's."

Aber warum sollte man sich ohne zwei ordentliche Bremsen und Freilauf in den Verkehr wagen? Ist das nicht wahnsinnig? "Es klingt schon fast wie ein Klischee", meint Graham, "aber man ist wirklich eins mit dem Fahrrad." Eine Menschmaschine, die sich bewegt, wenn das Fahrrad sich bewegt und die ständig durch Treten oder Dagegenhalten die Geschwindigkeit reguliert.

Ähnlich wie beim Skateboarden hat sich um diese spezielle Art des Radfahrens schnell eine Subszene gebildet, die mit den Rädern erstaunliche Tricks vollbringt. Auf Fahrradkurier-Meisterschaften haben Fixed-Fahrer mittlerweile ihre eigenen Disziplinen wie den "Track-Stand", wobei die Fahrer mit ihren Rädern auf der Stelle balancieren müssen, ohne den Boden zu berühren. Oder das "Skidden", bei dem man mit blockiertem Hinterrad über den Asphalt schliddert. Wenn man sein Gewicht nach vorne auf den Lenker verlagert, kann man erstaunliche Distanzen schaffen: Der Rekord im Weitskidden liegt derzeit bei rund 180 Metern.

"Fixed fahren ist wie Schachspielen"

Die Polizei ist den Fixed-Fahrern natürlich ständig auf den Fersen. Für sie ist ein Fahrrad ohne Bremse eine Gefahr für den Verkehr. Wer mit einem solchen Rad erwischt wird, muss mit bis zu 50 Euro Strafe und einem Punkt in Flensburg rechnen. Ein Fixed-Fahrer in einem Internet-Forum schätzt, die Gefahr, die von diesen Rädern ausgeht, allerdings ganz anders ein: "Man fährt viel vorsichtiger als mit einem Rad mit Bremsen. Es ist ein bisschen wie Schachspielen. Man überlegt sich seinen nächsten Zug immer eine Straßenecke im Voraus."

Auch Gary Graham steht dem Fixed-Trend eher gelassen gegenüber: "Die vielen schlecht gepflegten, vermeintlich verkehrssicheren Räder, die auf der Straße unterwegs sind, stellen sicherlich eine größere Gefahr dar." Trotzdem überredet er viele seiner Kunden, die ein solches Fahrrad einfach nur wegen der reduzierten Optik haben möchten, zu der Singlespeed-Variante mit Freilauf und Bremsen.

Doch ob nun Fixed, Singlespeed oder mit Gangschaltung - eines ist sicher: Auch diesen Sommer werden wieder weniger Leute vor dem Fernseher sitzen und sich die Rennradprofis auf ihren hochgezüchteten Carbonkrücken bei der Tour de France ansehen. Stattdessen werden viele neue Fahrradfans lieber auf ihr 30 Jahre altes Team Raleigh mit den wundervollen Hochflansch-Naben von Campagnolo steigen und selbst eine kleine Tour machen.

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