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In die KZ-Hölle und zurück - Rettung kurz vor Kriegsende

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Cajus Petersen/ Sammlung Nationalmuseum Dänemark

Aus dem KZ gerettet Mit Weißen Bussen in die Freiheit

Kurz vor Kriegsende gelang eine der größten Rettungen von Gefangenen aus Konzentrationslagern: Rund 20.000 Menschen kamen frei. In einem der Weißen Busse Richtung Schweden saß der dänische Widerstandskämpfer Knud Christensen, heute 95.
Von Bernd Hauser

Am 24. April sind es 65 Jahre. So lange ist Knud Christensen, 95, dann schon mit seiner Karen verheiratet. Wegen Corona will das Paar die Eiserne Hochzeit im dänischen Hirtshals ganz allein verbringen und nur einen Spaziergang machen, wie jeden Tag: vom Eigenheim zum Leuchtturm, weiter durch die Dünenlandschaft, vorbei an deutschen Bunkern.

Er war 18, als zwei Soldaten ihn spätabends kontrollierten, erzählt Knud Christensen am Telefon. "In meinem schönsten Schuldeutsch sagte ich: Ich komme von einem Tanz mit schönen Mädchen." Lächelnd ließen die Deutschen ihn weiterfahren auf seinem Rad. "Meine Schultasche kontrollierten sie nicht. Darin lag Lehrmaterial zum Gebrauch von Sprengstoff."

Bereits vor dem Hochzeitstag wird Knud Christensen den 75. Jahrestag seiner Rettung aus dem KZ feiern: Am 21. April 1945 überquerte er die deutsch-dänische Grenze in einem weiß gestrichenen Bus. Jubelnde Menschen warteten an den Straßen, Kinder schwenkten Dannebrog-Fähnchen, trotz der deutschen Wächter reichten Frauen Teller mit Eintopf durch die Türen, jeder bekam ein Pilsner. "Das war genug, um beschwipst zu werden", erzählt Knud Christensen. "Wir hatten lange nichts getrunken."

"Die wenigsten Jugendlichen wissen heute noch, was die Weißen Busse sind", schreibt das Kopenhagener Nationalmuseum in Unterrichtsmaterialien für dänische Lehrer. Dahinter verberge sich "eine der größten und spektakulärsten Rettungsaktionen auf europäischem Boden" - etwa 20.000 Häftlinge, ganz präzise weiß das niemand, kamen so aus deutschen Konzentrationslagern frei.

Gestapelte Leichen im KZ Dachau

Die Vorgeschichte der Weißen Busse geht zurück auf die Besetzung Dänemarks und Norwegens, den Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 9. April 1940. Die dänischen Institutionen bleiben zunächst intakt, bis die Politik der Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten Ende August 1943 endet. Danach beginnt die Hetzjagd. Allein aus Dänemark werden rund 2700 Widerstandskämpfer, 2000 Polizisten, 500 jüdische Bürger, 475 sogenannte Asoziale und Gewohnheitsverbrecher und 150 Kommunisten in Konzentrationslager verschleppt; aus Norwegen sind es rund 10.000 Deportierte.

Als das Kriegsende naht, beginnen Verhandlungen über ihre Rettung. Rund 5000 Dänen und 4200 Norweger kommen mit den Weißen Bussen nach Hause. Aber später bringen die Busse auch viele Tausend Gefangene aus dem Frauen-KZ Ravensbrück in Sicherheit. Die größte Gruppe mit fast 7000 Geretteten machen Polinnen aus. Die schwedische Auflistung umfasst auch 277 Männer und 856 Frauen mit deutscher Staatsbürgerschaft.

Knut Christensen wird 1942 von einem Lehrer in den Widerstand geholt. Der 17-Jährige produziert eine illegale Zeitung, dann nimmt er an Sabotageaktionen teil und plant auch die Tötung von Denunzianten mit. Die Gestapo verhaftet ihn im Oktober 1944. Nach Verhören und Folter im Gestapokeller von Aalborg kommt er ins Internierungslager im dänischen Frøslev, danach ins KZ Dachau und ist dort Sanitäter. "Für Hunderte von Ruhr-Kranken bekamen wir nichts als eine Päckchen Aspirin", berichtet er. Die Toten wurden zum Transport ins Krematorium "wie Flaschen" gestapelt: "Eine Lage auf dem Karren mit dem Kopf in die eine Richtung, die nächste Lage in die andere."

Ende März 1945 taucht plötzlich eine Kolonne weißer Busse mit aufgemalten Schwedenfahnen auf, um Norweger und Dänen abzuholen. "Ich weiß nicht mehr, wie lange wir unterwegs waren, sicher drei Tage und Nächte." Nachts stoppt der Konvoi, aus Angst vor Fliegerangriffen der Alliierten. Dann erreichen die Gefangenen das KZ Neuengamme nördlich von Hamburg. Dort sollen die skandinavischen Gefangenen gesammelt werden - so hat es Graf Folke Bernadotte, Vizepräsident des schwedischen Roten Kreuzes, mit SS-Chef Heinrich Himmler vereinbart.

Himmlers Kalkül

Dänische Regierungsstellen haben die Rettungsaktion angeschoben; Fahrt nimmt sie auf, als der Schwede sich einschaltet. Zum Treffen Mitte Februar 1945 im brandenburgischen Lychen bringt der Graf dem Wikinger-Fan Himmler ein Buch aus dem 17. Jahrhundert über schwedische Runenschriften mit. Der mächtigste Mann hinter Hitler lehnt ab, dass die skandinavischen Gefangenen nach Schweden überführt werden - aber das Rote Kreuz darf sie aus zahlreichen Lagern nach Neuengamme bringen und versorgen.

Über Bernadotte strebt Himmler offenbar Verhandlungen mit den Westalliierten über einen Separatfrieden an. Vielleicht will der Massenmörder, als der Zusammenbruch sich abzeichnet, vor allem seinen eigenen Hals retten und hofft durch eine humanitäre Geste auf die Gnade der Sieger.

Die Aktion mit den Weißen Busse gefährdet indes andere Häftlinge. Denn in Neuengamme weigert sich der Lagerkommandant, weitere Gefangene aufzunehmen. Seine Bedingung: Der sogenannte Schonblock, wo nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge auf ihren Tod warten, müsse für die Dänen und Norweger geräumt werden. Rund 2000 besonders geschwächte Gefangene wanken hinaus - sie werden mit den Weißen Bussen in Außenlager gebracht. "Wir fanden auch Leichen", sagt Christensen. "Mitgefangene hatten sie versteckt, um die Suppenrationen der Toten zu bekommen."

Ist es eine Art von Rassismus, nur Angehörige bestimmter Nationen zu retten? Haben die Helfer Schuld auf sich geladen, indem sie nichtskandinavische Gefangene in Außenlager transportierten und damit wohl in den sicheren Tod? "Es war furchtbar", sagt Knud Christensen. "Die armen Menschen! Aber so war die Lage." Die Dänen und Norweger bekamen Hosen und Pullover aus Marinebeständen und reichlich zu essen dank der Rot-Kreuz-Pakete: "Wir wussten jetzt, wir würden überleben. Was wir zu viel hatten, gaben wir den anderen Gefangenen."

Folke Bernadotte und dänische Stellen verhandeln weiter mit SS und Gestapo. Am Abend des 19. April gibt Himmler die Erlaubnis: Die skandinavischen KZ-Häftlinge dürfen nach Dänemark ins Internierungslager Frøslev - aber sie müssen binnen 24 Stunden in Neuengamme abgeholt werden. Weil die schwedischen Busse nicht reichen, streichen die Dänen über Nacht Holzvergaser-Überlandbusse weiß, bemalen sie mit Dänenflaggen und roten Kreuzen. Auf lange vorbereiteten Einkaufslisten steht, was sie mitführen sollen, neben Verpflegung etwa auch Klopapier und Not-Toiletten für darmkranke Gefangene.

"Ich sehe todähnlich Schlafende"

Am Morgen des 20. April '45 schleichen 200 Busse mit 30 Kilometern pro Stunde von Padborg aus Richtung Neuengamme und holen dort an diesem Tag rund 4000 Gefangene ab. Knud Christensen bekommt einen Platz in einem der letzten Busse, auf dänischem Boden schreibt er sofort ein Lebenszeichen an seine Eltern in Hirtshals.

Am 21. April trifft sich Bernadotte in Lychen erneut mit Himmler, der tags zuvor Hitler im Berliner Bunker zum Geburtstag gratuliert hat. Himmler wirkt rastlos und klagt über Schlaflosigkeit. Er lehnt die Ausreise der Gefangenen nach Schweden ab, gestattet aber nun den Rettern, Frauen aus dem KZ Ravensbrück abzuholen.

Im dänischen Padborg kommen Gefangene aus Polen und Frankreich, den Niederlanden und Belgien an. In einer Filmaufnahme steigt eine Frau gestützt von Sanitätern aus einem Bus und sinkt ohnmächtig zusammen. "Ich sehe gepeinigte Gesichter, todähnlich Schlafende, ein Gefühl von Zartheit für sie wächst in mir", schreibt Pressefotograf Tage Christensen.

Dänische Gefangene auf dem Weg nach Schweden: Endlich frei!

Dänische Gefangene auf dem Weg nach Schweden: Endlich frei!

Foto: Nordisk Pressefoto/ Sammlung Nationalmuseum Dänemark

Am 26. April erreichen Busse mit 600 Passagieren Padborg. 48 sind Säuglinge, drei Babys wurden auf der Fahrt geboren. Insgesamt passieren 15.000 Menschen die Quarantänestation. Pfadfinder, Krankenhauspersonal, viele freiwillige Frauen sind zur Stelle. "Egal, wann wir kamen, es waren immer Menschen da, um uns mit großer Herzlichkeit zu versorgen", schreibt eine schwedische Krankenschwester.

Trotz der weißen Bemalung schießen Tiefflieger auf einige Konvois, es gibt Verletzte und Tote unter den Passagieren. "Ich komme nicht mehr nach Hause", sagt eine niederländische Gefangene nach einem Bauchschuss, bevor sie auf der Straße verblutet.

"Wir wollten nicht Hitlers Kanarienvögel sein und nur im Käfig sitzen"

Kurz vor Kriegsende bringen deutsche Soldaten Knud Christensen und Mitgefangene im Zug nach Helsingør. Sie dürfen mit der Fähre über den Øresund nach Schweden übersetzen und bekommen Gutscheine für Zivilkleidung: Endlich in Freiheit! "Als Erstes besorgte ich mir einen Pyjama aus roter Seide", erzählt Knud Christensen, "das war wohl für mich der größte denkbare Kontrast zum KZ."

Am Abend des 4. Mai sendet die BBC die Nachricht, dass sich die Wehrmacht in Dänemark ergibt. Christensens Kameraden stürmen jubelnd auf die Straße, er bleibt allein im Schlafsaal. Der dänische Widerstand, sagt Knud Christensen heute, sei nicht nur ein Kampf gegen die Deutschen gewesen, sondern auch "ein Aufruhr der Jungen gegen die Kollaborationspolitik der Alten". Die Seeleute in alliierten Diensten und die Widerständler hätten die Ehre Dänemarks gerettet: "Wir wollten nicht Hitlers Kanarienvögel sein und nur im Käfig sitzen."

Nun ist das Ziel erreicht, und Christensen fühlt sich "plötzlich überflüssig, wie ein Veteran mit 20 Jahren". Doch er wird noch gebraucht. Im heimischen Hirtshals kontrolliert er im Sommer 1945 deutsche Soldaten beim Räumen der Minen am Strand. Er wird Offizier der britischen Armee, kehrt dann nach Hirtshals zurück und gründet seine Familie mit zwei Kindern, wird Reeder von Fischkuttern: "Anders als vielen Kameraden ist mir ein langes und gutes Leben vergönnt."

Als die Skandinavier mit den Weißen Bussen Richtung Heimat fuhren, begann die SS die ersten Häftlinge aus Neuengamme nach Lübeck zu transportieren. Dort wurden sie in die Lasträume der "Cap Arcona" und anderer Schiffe gesperrt - schwimmende Konzentrationslager, nicht als Gefangenenlager gekennzeichnet. "In Neuengamme hatte ich mich mit Tino angefreundet, einem niederländischen Medizinstudenten", sagt Knud Christensen. "Wir vereinbarten, dass er mich nach dem Krieg in Dänemark besuchen sollte." Doch britische Bomber versenkten die Schiffe: "Tausende Häftlinge kamen ums Leben. Tino war einer von ihnen."