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Das Ende der DDR: Nie wieder Absolutismus

Foto: Siegfried Wittenburg

Das Ende der DDR "Unser Leben war ausgefüllt, erfüllte sich aber nicht"

Billige Wohnung, eigenes Auto, Garten mit Laube: Warum eigentlich gingen DDR-Bürger im Herbst 1989 auf die Straße? Siegfried Wittenburg fotografierte die Revolution in seiner Heimatstadt Rostock und schildert, warum er dabei war.

In meinem Bildarchiv entdeckte ich private Fotos aus der Zeit, als die DDR ihrem Ende entgegenging. Meine Frau und ich waren gut gekleidet, wir hungerten nicht, gingen wochentags zur Arbeit und das Gehalt kam pünktlich. Die Warmmiete unserer Zweizimmerneubauwohnung betrug 96 Mark. Ein Trabant stand auf dem Parkplatz und über irgendwelche Beziehungen hatte meine Frau sogar ein Stück volkseigenen Grund und Boden ergattert, einen kleinen Garten mit Laube. Zudem besaßen wir - wie selbst die geheimen grauen Männer bei einer konspirativen Wohnungsdurchsuchung feststellten - ein erkleckliches Privatvermögen bei der staatlichen Sparkasse und einige "blaue Fliesen", wie man die D-Mark nannte, für den Notfall im Schrank. So ging alles seinen sozialistischen Gang, und es ging uns materiell besser als vielen anderen Menschen dieser Welt. Doch was trieb uns - also meine Familie und den Freundeskreis - im Herbst 1989 auf die Straße?

Schon vor 1989 spürten wir einen ungeheuren gesellschaftlichen Stau, vergleichbar mit einem Betonsarkophag, der alles Leben unterdrückte. Meine Frau und ich hatten 10, 15 Berufsjahre hinter uns und noch 30 Jahre vor uns. In der Schule, in der beruflichen Ausbildung, im Studium und als Angehörige von sozialistischen Kollektiven wurde uns permanent die Utopie von einer neuen Gesellschaftsordnung mit "besseren Menschen" eingehämmert. Doch das Ideal einer klassenlosen Gesellschaft war längst in einer sozialistischen Klassengesellschaft erstickt.

Die Rangfolge bestimmten weder das Kapital noch eine positive Auslese einer Elite, sondern eine Parteinomenklatur. Die angestrebte Realität der "Diktatur des Proletariats" war für diese Klasse somit erreicht. Der erste Staatschef der DDR war Möbeltischler, sein Nachfolger brach in der Jugend eine Lehre zum Dachdecker ab und sein Mann für das Grobe war Speditionskaufmann. Der dritte Staatschef war ein Wahlfälscher, der eine Lehre zum Schlosser abgebrochen hatte und ein Diplom als Grundschullehrer erwarb. Den Schliff für die politische Laufbahn erhielten die "Diktatoren des Proletariats" nach den Vorgaben Stalins. Sie erklärten dem Volk, selbst zur Arbeiterklasse zu zählen und in ihrem Sinne zu handeln. In Wirklichkeit bildeten sie eine unfähige Regierung, die vom Volk unter Androhung von Strafen uneingeschränkte Huldigung und Loyalität erwartete.

Das Problem war: Niemand konnte sie abwählen. Und auch der von ihr versprochene Kommunismus kam nicht, auch nicht, als sie das Volk hinter eine Mauer sperrte. Ende der Achtzigerjahre war das utopische Arbeiter- und Bauernparadies längst überfällig und entpuppte sich als Luftschloss.

Am schlimmsten war, nicht reden zu dürfen

Es wäre eine lange Geschichte zu erzählen, wie sich die Widersprüche im Staat zuspitzten. Es waren in der Schule die systemtreuen Lehrer, die mit dem Finger auf die Kinder zeigten, die sonntags in die Kirche gingen und nicht zur Jugendweihe. Es waren die Schikanen in der NVA, als wir als junge Erwachsene "auf Friedenswacht" standen. Es waren die befohlenen Reservistenübungen für die "Stärkung des Sozialismus", als wir wochenlang unsere Lebenszeit mit Kartenspiel und geschmuggeltem "Blauen Würger", also Schnaps, totschlugen.

Es war die lange Wartezeit auf eine staatlich vergebene Wohnung. Es waren die primitive Agitation und Propaganda, die Schizophrenie des auf der Arbeitsstelle verbotenen Empfangs von Westsendern, obwohl sich alle Kollektivmitglieder beim Frühstück über die Sendungen aus dem Westen und die Bundesliga unterhielten. Es waren die Bücher, die nicht verbrannt wurden, sondern gar nicht erst gedruckt werden durften. Es waren die im Kollektiv verordneten Arbeitseinsätze unter dem Motto "Schöner unsere Städte und Gemeinden", obwohl längst offensichtlich war, dass mit den vorhandenen Mitteln jegliche Mühen sinnlos waren. Es waren die umgekippten Seen und die von der überalterten Industrie als Kloake genutzten Flüsse, in die wir uns im Sommer nicht mehr zum Baden getrauten.

Es war der mysteriöse Tod eines nahen Verwandten, der ein international angesehener Literaturkritiker war und kein Mitglied der SED werden wollte. Es war das Schicksal einer jungen Verwandten, die trotz Bestleistungen in der Schule nicht studieren durfte, weil statt eines "A" für Arbeiter die soziale Herkunft im Klassenbuch mit "I" wie Intelligenz gekennzeichnet war. Es war die alljährliche Frage nach der Urlaubsgestaltung bei kaum vorhandenen Reisemöglichkeiten. Es war das Gefühl der Minderwertigkeit, im sozialistischen Ausland als Mensch einer unteren Klasse angesehen zu werden, weil wir kein entsprechendes Geld zum Tauschen hatten. Es war die Angst um die Gesundheit, als der GAU in Tschernobyl heruntergespielt wurde. Es war die Unmöglichkeit, Verwandte und Freunde im Westen Deutschlands, in anderen Teilen der Welt oder gar in Polen besuchen zu können. Es war das Verbleiben einer nahen Verwandten im Westen während einer Besuchsreise, eine schmerzhafte Trennung wohl auf Ewigkeit. Es war die Scham, sich für Geschenke aus dem Westen nicht revanchieren zu können, sondern als bemitleidenswerte Bedürftige zu erscheinen.

Es war die Art und Weise, wie manche staatliche Vorgesetzte mit uns umgingen. Es war nicht nur die Stasi, die in jedem Winkel des Privatlebens herumschnüffelte. Es waren auch Nachbarn, Kollegen und vermeintliche Freunde, die sie dabei tatkräftig unterstützten, aus welchen Gründen auch immer. Es war das Fehlen einer Redefreiheit, einer Pressefreiheit, einer Reisefreiheit und freier Wahlen. Und es waren nicht allein Mauer und Stacheldraht, die ein Ausbrechen aus dieser erstarrten und vergifteten Gesellschaft so gut wie unmöglich machten. Es war die Frage nach dem Leben, unserem einzigen, persönlichen und dem der heranwachsenden Kinder. Unser Leben war ausgefüllt, erfüllte sich aber nicht. Und wir durften nicht einmal erwachsen sein und darüber reden.

Ein Gefühl von Frühling nach einem langen Winter

Im Frühjahr 1989 meldeten sich Studenten aus meinem Bekanntenkreis in der bundesdeutschen Botschaft in Budapest, um eine Ausreise in den Westen zu erreichen. Es waren lebenslustige und kreative junge Leute und es tat weh, sie auf Nimmerwiedersehen zu verlieren. Bei den Kommunalwahlen im Mai zählte ein Teilnehmer der Wahlkommission laut und erstaunt die Wähler, die eine Kabine aufsuchten: "Der Elfte! Die Zwölfte!" Vermutlich wusste er gar nicht, welche Wirkung seine spontane Äußerung auslöste. Als Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking für mehr Demokratie eintraten, wurden sie von Panzern niedergewalzt, was uns Angst machte.

Im Sommer zensierte die Partei eine Fotoausstellung unseres "Ausgezeichneten Volkskunstkollektivs", eine Auftragsarbeit zum 40. Jahrestag der "Republik". Das Ergebnis missfiel einer mächtigen SED-Genossin. Es kam zu einer Auseinandersetzung. Mein Freund flüchtete in die Prager Botschaft. Ende September unternahm ich eine Reise mit dem Trabi nach Berlin, Halle und Leipzig. Dabei nahm ich einen Tramper mit, der ebenfalls nach Prag wollte. Die Genossen, mit denen ich darüber sprach, verhöhnten den Willen der Menschen zum Leben in Freiheit und meinten, außerhalb der DDR gäbe es keine Existenzmöglichkeiten. Die Diskussionen nahmen absurde Formen an und ich erlebte, dass sich die Gesellschaft bereits im Ausnahmezustand befand. Der Graben zwischen Ideologie und Realität war nicht mehr zu überbrücken und endete in Prügelorgien der Staatsmacht in Dresden und in Berlin. Die "neuen Menschen" waren nur noch alte und senile Männer.

Als in diesen Tagen die Empörung über das Verhalten der SED-Führung gegenüber ihrem Volk wuchs und am 9. Oktober 1989 die Bilder aus Leipzig über das Westfernsehen in unser Wohnzimmer flimmerten, waren meine Frau und ich wie elektrisiert. Aus Rostock waren mir noch keine Aktivitäten bekannt. In der Stadt traf ich einen Bekannten, der mir einen Tipp gab: "Am Donnerstag findet in der Petrikirche eine Veranstaltung mit Oppositionellen statt. Du bist doch für so etwas." Mich irritierte, warum mir ausgerechnet dieser Mann, den ich nie einer oppositionellen Gesellschaft zugeordnet habe, so etwas mitteilte. Ich vermutete eine Falle und ging nicht hin.

Doch es fand eine Veranstaltung statt - organisiert von Studenten der Gruppe "Umwelt". 50 Besucher wurden erwartet. Es kamen 500. So setzte es sich fort. Am 26. Oktober fand in Rostock die erste große Fürbittandacht in mehreren Kirchen statt. Vor dem Hauptportal St. Mariens drängelte sich eine riesige Menschenmenge. Mit einer Bekannten schlüpfte ich in einen Seiteneingang und fand einen Platz auf der Orgelempore. Die gewaltige Kirche war voller Menschen. Die Ansprache hielt Joachim Gauck. Er redete unterhaltsam, geistreich und witzig. Die Menschen lachten und verloren ihre Angst. Zum Ende des Gottesdienstes lud die Kirche zu einem Spaziergang ein - denn das Demonstrieren ohne staatliche Genehmigung war verboten. So "spazierten" am späten Abend 25.000 Menschen durch Rostock, waren erst ängstlich, dann fröhlich und klatschten in die Hände. "Schließt euch an! Schließt euch an!", riefen sie. Ihnen voran trug ein junger Mann einen bunten Schmetterling mit der Aufschrift: "Gewaltfrei für Demokratie". Es war ein Gefühl von Frühling nach einem langen Winter.