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19. April 2008, 23:46 Uhr

Riefenstahl-Filme

Die Frau, die den perfekten Nazi-Körper schuf

Von Wiebke Brauer

Stählerne Muskeln, makellose Leiber: Leni Riefenstahls Olympia-Filme, 1938 uraufgeführt, feierten das seelenlose Schönheitsideal der Nazis. Der Erfolg von Hitlers Lieblingsregisseurin war nicht von Dauer - doch die moderne Werbe-Ästhetik wäre ohne sie undenkbar.

Nebel wabert um die griechischen Säulen, wallt an Statuen empor, an Göttern und Athleten. Raffinierte Schatten ziehen durch das Bild. Die Skulptur eines Diskuswerfers wird von der Kamera umrundet, überblendet und zum Leben erweckt - Stein wird zu Fleisch. Stählerne Körper recken sich gen Himmel und wachsen über sich hinaus, ein Speer wird geworfen, Muskeln glänzen im Licht. Die olympische Flamme flackert auf, wird durch Europa nach Berlin in das voll besetzte Stadion getragen. Ein blonder Läufer sprintet Stufen hoch - hält einen Moment inne und entzündet dann das Feuer mit seiner Fackel. Mannschaften aus aller Welt ziehen in das Stadion ein, aus Österreich und Großbritannien, aus Frankreich, der Schweiz oder aus Österreich. Manche erbieten den Hitlergruß, manche nicht. Dazwischen der Schnitt auf den "Führer", huldvoll ins rechte Licht gerückt. Dann ist es soweit: "Ich verkünde die Spiele von Berlin zur Feier der 11. Olympiade neuer Zeitrechnung als eröffnet." Adolf Hitler tritt einen Schritt zurück, die Masse jubelt.

Der Prolog zum "Fest der Völker" flimmert am 20. April 1938 durch den Berliner Ufa-Palast. Es ist Hitlers 49. Geburtstag, und die Olympia-Filme seiner Lieblingsregisseurin Leni Riefenstahl feiern ihm zu Ehren Premiere. Die Fassade des Kinos ist mit zwei Türmen verkleidet und mit den olympischen Ringen geschmückt, die gesamte Elite aus Kunst, Wirtschaft und Politik ist anwesend.

Bilder, die man nie zuvor gesehen hatte

Mehr als vier Stunden dauern die Dokumentationen "Fest der Völker" und der zweite Teil "Fest der Schönheit" zusammen. Bis heute variieren die Angaben darüber, wie hoch die Produktionskosten waren, wie groß die Zahl der Kameramänner, wie umfangreich das Filmmaterial und welches die Quellen der Finanzierung. Sicher ist nur eins: Riefenstahl setzt filmische Maßstäbe für Aufnahme und Schnitt, erfindet neue Kameratechniken. Sie bugsiert die Kamera auf Schienen, in Aufzüge und Gräben.

Solche Bilder hat man zuvor noch nicht gesehen: Die Anstrengung in den Gesichtern der Sportler, Schweißperlen und Tränen, Entschlossenheit, Jubel bei Kämpfern und Publikum. Riefenstahl filmt die Ornamentik der Menge, schneidet den perfekten Körper dagegen, montiert Masse gegen Muskel. Schon beim Drehen der Olympischen Sommerspiele vom 1. bis 16. August 1936 in Berlin äußert Riefenstahl ihre Freude an den durchtrainierten Körpern: "Das werden Bilder."

Auf den Prolog folgen Leichtathletik-Wettkämpfe mit den legendären Siegen des schwarzen Leichtathleten Jesse Owens und der bei Cineasten bis heute berühmte Marathonlauf mit dem Sieg des Japaners Kitei Son. Riefenstahl beschreibt den Lauf später so: "Die Dramatik dieses Laufes, den die Kameraleute mit einem Auto begleiteten, habe ich erst am Schneidetisch erlebt. Das Material war so hervorragend gelungen, dass der Marathonlauf einer der Höhepunkte des Olympiafilms wurde."

Die Marathonläufer sind zu Tode erschöpft, manche brechen auf der Strecke zusammen, der Zuschauer leidet mit. Die Kamera lässt ihn mitlaufen, leiden - und siegen. Die Botschaft ist klar, hier zählt das Leistungsprinzip. Genauso gut hätten die Filme auch "'Sieg des Willens' oder 'Sieg des Glaubens'" heißen können, schreibt Autor Daniel Wildmann später. Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm "Triumph des Willens" hatte erst drei Jahre zuvor Premiere gefeiert - auch im Berliner Ufa-Palast.

Verblendete Künstlerin?

Der zweite Teil von Leni Riefenstahls Dokumentation "Fest der Schönheit" beginnt mit dem Morgentraining der Athleten im olympischen Dorf. Es folgen verschiedene Disziplinen: Turnen der Männer, Segeln, Säbelfechten, Boxen, moderner Fünfkampf mit Reiten, Schießen und Geländelauf. Dann der Zehnkampf mit dem Amerikaner Glenn Morris als Sieger, Hockey- und Fußballendspiel, Radrennen, Military und Rudern. Der absolute Höhepunkt: Das Turmspringen. Schwerelos schweben die Sportler durch den Himmel, keine physikalischen Gesetze gelten mehr, die Erdanziehungskraft ist dahin. Riefenstahl lässt das Filmmaterial zwischendurch rückwärts laufen, verändert Geschwindigkeiten, komponiert eine Hymne an den Körper - und setzt damit den Maßstab für moderne Werbeästhetik.

Keine Parfumwerbung kommt mehr ohne ihren Stil aus, kein Dokumentarfilm mehr ohne ihre Technik, keine Sportfotografie ohne ihren Einfluss. Bis heute wird Leni Riefenstahl in der Presse behandelt, als habe sie den Körperkult erfunden, wird in den neunziger Jahren im Tagesspiegel als "Mutter aller Sportschuhtester" und als "Schönheitsfanatikerin" bezeichnet. Sie bildet nationalsozialistische Körper ab - in Idealform. "Schlank und rank, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl," beschreibt ihn Hitler in einer Rede vor der HJ.

Laufen am 20. April also die rassistischen Machwerke einer verblendeten Künstlerin? Nicht ganz. In Fragen der Schönheit ist Riefenstahl keine Rassistin - Muskeln haben keinen Stammbaum, Ästhetik kennt keine Grenzen. Was ihr jedoch an Rassismus für eine totale nationalsozialistische Gesinnung 'mangelt', gleicht sie durch den vollkommenen Leistungsgedanken aus. Der schöne Körper ist überhöht, effizient, völlig losgelöst von Vergänglichkeit und Verfall. Für Riefenstahl stellt Olympia einen ästhetischen Glücksfall dar: Während der Spiele treffen Realität und fiktive Vollkommenheit perfekt aufeinander.

Von der Realität eingeholt

So sieht zumindest die Realität im Stadion aus. Außerhalb der Tribünen weht ein anderer Wind. In der ganzen Stadt flattern Girlanden und Wimpel, das Stadtbild wurde "gereinigt". Schilder mit der Aufschrift "Für Juden verboten" wurden für die Zeit der Spiele entfernt, und das Hetzblatt "Der Stürmer" darf nicht verkauft werden. Innenminister Wilhelm Frick hatte alle Sinti und Roma in ein Lager im Berliner Außenbezirk Marzahn internieren lassen, und vor den Toren der Stadt wird das Konzentrationslager Sachsenhausen errichtet. Im Juni 1936 hält Heinrich Mann auf der Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee in Paris eine Rede: "Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt."

Aufrufe zum Boykott der Olympischen Spiele in Berlin verhallen 1936 ergebnislos, die Wettkämpfe werden abgehalten, die Filme gedreht - und gefeiert. Joseph Goebbels ist begeistert vom "einzigartigen Eindruck", er ist "hingerissen von der Wucht, der Tiefe und Schönheit". Leni Riefenstahl unternimmt eine große Europa-Tournee, reist nach Österreich, in die Schweiz, nach Belgien und Frankreich. In Paris wird sie begeistert gefeiert. Schon der Werkfilm über die Arbeit zu den Olympia-Filmen hatte 1937 bei der Pariser Weltausstellung eine Goldmedaille erhalten. Für die Olympia-Filme heimst sie den Deutschen Filmpreis 1937/38 ein, den schwedischen Polar-Preis 1938 und den Coppa Mussolini für den besten ausländischen Film bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig.

Einen Monat später, im November 1938, bricht Riefenstahl auf, um in den USA für ihre Olympia-Filme zu werben. Drei Tage nach ihrer Ankunft in New York wird sie mit der Nachricht von den Judenpogromen am 9. November konfrontiert. Die Reise wird zum Misserfolg. Kein Studio lädt sie ein, kein Vertrag wird unterzeichnet. Die Realität hat die Kunst eingeholt.

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